Aus der Wörtersammlung: art

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trommeln

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papa : 22.58 — In dem Moment, da Sie die­se Zei­len lesen, sehen Sie mich ver­wun­dert, stau­nend, ja, sagen wir’s ruhig, glück­lich. Das ist so dar­um, ich habe gera­de bemerkt, wie kleins­te Din­ge, Lebe­we­sen, die eigent­lich nicht sicht­bar sind, sicht­bar wer­den, sobald ich sie mit Gedan­ken berüh­re. Auch Geräu­sche, die so lei­se und zart, dem­zu­fol­ge klein sind, dass ein mensch­li­ches Ohr sie nie­mals ver­neh­men könn­te, wer­den hör­bar durch ein ein­zel­nes Wort, das sie behaup­tet. Systo­li­sche Fre­quen­zen, hel­les Trom­meln, 250 Pul­se, kein Wort exis­tiert für jene Musik heim­li­cher Her­zen, als die Sum­me der Pfa­de, die sich um Annä­he­rung bemü­hen. Und ihre Augen, ihre Augen, jawohl, sie haben Augen, wo wer­den ihre Augen sein? — stop
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schirme

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : SCHIRME

Rasend, lie­ber Jona­than, ver­geht die Zeit! Ein Jahr ist es nun her, seit ich das ers­te Mal von Ihnen hör­te. Vie­le Stun­den, gan­ze Tage, Wochen habe ich an Sie gedacht, und doch kei­ne durch belich­te­te Vor­stel­lung gewon­nen. Ihre Augen, hell oder dun­kel? Wie wer­den Sie mir begeg­nen, mit wel­cher Stim­me spre­chen? An die­sem schö­nen Mor­gen darf ich berich­ten, dass ich mich gut erho­len konn­te. Füh­le mich wohl in mei­ner Haut. Sie­ben Uhr. Sie wer­den sicher noch schla­fen, da drü­ben in Ame­ri­ka, und sofort, wenn Sie in Kür­ze erwa­chen, einen ers­ten tie­fen Zug küh­ler Wald­luft zu sich neh­men. Ihre Ver­wun­de­rung, wie immer, dass Sie nicht län­ger unter Was­ser leben, dass Sie frei sich zu bewe­gen in der Lage sind. Wie oft schon habe ich den Ver­such unter­nom­men, mich ein­zu­füh­len in ihre Lage, unvoll­kom­men, sagen wir, aber nicht ver­geb­lich, wie ich hof­fe, weil Sie bemerkt haben wer­den, dass ich mich um Sie küm­me­re, dass ich Fra­gen stel­le, dass ich Sie nicht gedan­ken­los der Welt über­ant­wor­tet habe. Noch zwei­und­zwan­zig Tage, mein lie­ber Kek­ko­la, hören Sie zu! Ich habe Wet­ter­kar­ten stu­diert, fürch­te, wir wer­den unter Regen­schir­men sit­zen. Ihren Eltern im Übri­gen geht es gut! Ahoi! Ihr Louis

gesen­det am
10.04.2010
6.01 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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bleistiftschreibmaschine

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sier­ra : 0.08 — Lau­re Wyss. Sie bemerkt um 22.38 MESZ, man wür­de ihre Gesell­schaft ver­mut­lich des­halb mei­den, weil sie ger­ne gan­ze Bücher erzäh­le. Ihr fei­nes, von der Zeit gewirk­tes Gesicht. Ja, fährt sie lachend fort, das Älter­wer­den, das ist ein Pro­zess, viel­leicht der Schwie­rigs­te, weil es der letz­te ist. Aber er hat auch sein Gutes. Es wird immer kla­rer, was wich­tig ist im Leben. Es ist eine Art Ver­ein­fa­chung. Es ist auch eine Zeit des Abschieds. Aber merk­wür­di­ger­wei­se berei­chernd, nicht nur trau­rig. – Lau­re Wyss besaß drei Schreib­ma­schi­nen. Mit der weichs­ten die­ser Maschi­nen, ihrer Blei­stift­schreib­ma­schi­ne, notier­te sie Gedichte.
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herzgeschichte

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oli­mam­bo : 0.02 — Das wei­ße Papier ist nie­mals leer. Die­sen Satz habe ich ges­tern Nach­mit­tag gegen 15 Uhr genau so notiert, wie er hier ver­zeich­net ist. Ich saß am klei­nen See im Pal­men­gar­ten und dach­te an Her­zen und sol­che Din­ge, und als ich den Satz eine Stun­de spä­ter noch ein­mal gele­sen habe, konn­te ich nicht sagen, war­um ich den Satz eigent­lich auf­ge­schrie­ben hat­te. Das war ein merk­wür­di­ger Moment gewe­sen, die­se Sekun­de, da ich bemer­ke, dass ich einen Satz, den ich selbst aus­ge­dacht, nicht erken­nen konn­te. Trotz­dem gefiel mir der Satz. Ich hat­te den Ein­druck, dass es sich um einen wah­ren Satz han­deln könn­te, und dass ich nur abwar­ten müs­se, bis sich sein fei­nes Wesen zei­gen wird. Und so lau­sche ich nun also. Irgend­et­was brummt in mei­ner nächs­ten Nähe. Däm­me­rung. Und ich stel­le mir vor, wie gut es doch wäre, wenn Men­schen für eine gewis­se Zeit ihre Her­zen tei­len könn­ten. Man mel­det sich zum Bei­spiel in einem Hos­pi­tal. Guten Abend, sagt man, guten Abend, wir haben heu­te Nacht etwas Zeit, mein Herz und ich. Und dann fährt man unver­züg­lich los, man fährt durch die Stadt und ihre Lich­ter und Düf­te und legt sich sehr bald zu einem Men­schen, des­sen Herz schwach gewor­den ist, ver­bun­den liegt man Stun­den still.

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hydra

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sier­ra : 6.30 — Haben Sie schon ein­mal mit dem Gedan­ken gespielt, in einem Kolo­ni­al­wa­ren­la­den für zwei Stan­gen Zimt den fünf­fa­chen des gefor­der­ten Prei­ses in auf­rich­ti­ger Erwar­tung zu bezah­len, man möge das zuge­setz­te Geld an Plan­ta­gen­ar­bei­ter und ihre Fami­li­en nach Sri Lan­ka trans­fe­rie­ren? – Sie schmei­chel­ten dem char­man­tes­ten Kopf einer Hydra! — stop
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windstille

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : WINDSTILLE

Es war Mitt­woch, lie­ber Jona­than, trau­ri­ger Tag, mein letz­ter Fisch ist von mir gegan­gen. Als ich ihn besu­chen woll­te, ruh­te er seit­wärts auf san­di­gem Boden, eine schein­bar schla­fen­de Gestalt. Das Gewicht sei­nes Kör­pers kurz dar­auf in mei­ner Hand, nicht erwar­te­te Küh­le und die Rau­heit sei­nes Kop­fes, den ich nie zuvor berührt hat­te, ein selt­sa­mer, ein bewe­gen­der Moment. Sie wer­den, lie­ber Kek­ko­la, mei­ne lei­se Trau­er nach Jah­ren gemein­sa­men Lebens ver­ste­hen, Sie ganz gewiss! — Sagen Sie, wie geht es Ihren Lun­gen, haben Ihre Atem­flü­gel den Win­ter gut über­stan­den, ist alles so wie gewünscht, oder sind Sie viel­leicht Stun­den oder Tage ins Was­ser zurück­ge­kehrt, um Luft zu holen in ver­trau­ter Art und Wei­se? Eine kurio­se Vor­stel­lung, wie mir scheint, Mr. Kek­ko­la tau­chend unter der Eis­haut eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Sees. Ich darf Ihnen sagen, dass ich mich ein wenig vor Ihnen fürch­te! Trotz­dem hof­fe ich, Sie haben sich bereits auf süd­öst­li­chen Kurs bege­ben. Ein wol­ken­lo­ser Him­mel soll­te Sie erwar­ten, Wind­stil­le bei 17° Cel­si­us, dort, wo ich Sie lebend ver­mu­te. – Ihr Lou­is, ahoi!

gesen­det am
18.03.2010
4.38 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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standardminute

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del­ta : 6.05 — Wie ich abends im Waren­haus eine moder­ne Stan­dard­mi­nu­te erleb­te, das will ich rasch noch berich­ten, eh mir die Augen zufal­len, müde vom Wun­dern. Eine gan­ze Minu­te also. In die­ser Minu­te, an ihrem Anfang genau­er, befin­det sich eine Kas­sie­re­rin mitt­le­ren Alters, unru­hig sind Augen und Mund, und ihre flat­tern­den Hän­de, Werk­zeu­ge, die Waren über Licht­tas­ter zie­hen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr lang­sam bewegt, ein wah­res Rep­til, wür­de­voll, bedäch­tig. Ein wenig zer­streut scheint sie zu sein, hebt immer wie­der den Blick, beob­ach­tet scheu die Bewe­gung des Ban­des, die Rei­se ihrer per­sön­li­chen Ware: eine Schach­tel Pra­li­nen, ein Fläsch­chen Jäger­meis­ter, Salz­stan­gen, drei Dosen Kat­zen­fut­ter, ein duzend Scho­ko­la­den­os­ter­ei­er in Grün, in Gelb, in Rot, und ein wei­te­res Fläsch­chen noch hin­ter­her. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Apri­ko­sen­saft­tü­ten schie­ben sich, einem Eis­bre­cher ähn­lich, in den war­ten­den Bezirk der alten Frau hin­ein, fal­ten Eier, Salz­stan­gen und ande­re Waren­tei­le steil zur Sei­te. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höf­lich um Geduld bit­tet, um Nach­sicht, eine freund­li­che, eine herz­er­wär­men­de Stim­me, und das Geräusch einer Fla­sche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun auf­rich­tet, wie ihre hel­len Augen mei­ne Hän­de beob­ach­ten, die ver­su­chen, wei­te­res Unglück abzu­wen­den. Ungläu­big schaut sie mich an, dann das För­der­band ent­lang, das wei­te­re Waren vor­an trans­por­tiert. Ja, bald ste­hen wir und stau­nen zu zweit, und auch die Ver­käu­fe­rin ist zur mit­füh­len­den Beob­ach­te­rin gewor­den. Sie lurt zum Waren­strom hin, der über die Kan­te der Roll­band­the­ke in die Tie­fe stürzt. Ihre Hän­de, die­se selt­sa­men Hän­de, sie arbei­ten wei­ter und wei­ter, schie­ben und schie­ben, als führ­ten sie ein eige­nes Leben oder gehör­ten schon der Maschi­ne mit ihrem Rot­licht­au­gen­ge­hirn. stop. Minu­te zu Ende. stop. Guten Mor­gen. — stop

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vancouver

picping

MELDUNG. Ein Frosch­weib­chen zunächst, dann ein Männ­chen der Gat­tung dendro­ba­tes figa­rous [ letz­te Exem­pla­re ihrer Art ] wer­den am Mitt­woch, 17. März, sowie am Don­ners­tag, 18. März, je kurz nach Mit­ter­nacht in die Luft gesprengt. Ort: Van­cou­ver / Opern­haus. Bei­de Vor­stel­lun­gen sind aus­ver­kauft. — stop

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luftlaufen

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pupil­le : 0.02 — Ges­tern Nach­mit­tag im Regen durch den Pal­men­gar­ten spa­ziert. Saß bald unter dem Schirm gut ver­packt auf einer Bank am See und las in einer Samm­lung fei­ner Tex­te, die Anton Tschechow in sei­ner per­sön­li­chen Aus­ga­be der Selbst­be­trach­tun­gen Marc Aurels vor lan­ger Zeit ein­mal mar­kiert hat­te. Dort fol­gen­de Bemer­kung: Du musst Dich dar­an gewöh­nen zu den­ken und zu han­deln, als sei das Ende Dei­nes Lebens schon da. Und ich dach­te, es ist genau so, dass zwi­schen dem vor­ge­stell­ten Ende des eige­nen Lebens und dem tat­säch­li­chen Ende, des­sen Zeit­ort unbe­kannt, des­sen Nahen von Tag zu Tag wahr­schein­li­cher wird, schma­le oder noch brei­te Ste­ge von Hoff­nung, von Unkennt­nis sich befin­den, auf wel­chen ich mich bewe­gen kann, lang­sam, nach­denk­lich, oder in Tanz­schrit­ten, glück­lich, über­mü­tig und ver­we­gen. – Wie­der der Ver­such, die Tropf­ge­räu­sche des Regens zu zäh­len. Nichts könn­te beru­hi­gen­der sein. — stop
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handkuss

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oli­mam­bo : 0.02 — Wie­der ein­mal wahr­ge­nom­men, dass ich mei­ne Gegen­wart nicht in moder­nen Signal­wör­tern erzäh­len kann. Wenn ich Gegen­wart erzäh­le, ver­wen­de ich Wör­ter einer Zeit, die mir eine alte Zeit zu sein scheint: Auto­mo­bil stop Hos­pi­tal stop Gram­mo­phon stop Schreib­ma­schi­ne stop Traum­me­cha­nik stop Sprech­ap­pa­rat stop Schall­plat­te stop Hand­kuss stop. – Da ist noch etwas Wei­te­res an die­sem Abend, ein Gerücht, das mich fröh­lich stimmt, sobald ich dar­über nach­zu­den­ken begin­ne. Man erzählt, Autoren des New Jour­na­lism sol­len lan­ge, sol­len vie­le Jah­re dau­ern­de Zeit unter ihren Figu­ren gelebt haben: Gay Tale­se stop Tru­man Capo­te stop Tom Wol­fe stop. Man ist dem­zu­fol­ge nicht ver­rückt. Oder man ist ver­rückt, aber nicht allein ver­rückt. — War­um nur duf­tet die­ser Abend nach Zimt und Frö­schen? — stop
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