sierra : 22.01 — Knisternde Kälte. Dompfaffen, Rotkehlchen, Grünfinken hängen, zwitschernde Trauben, an Futterbällen im Garten über Schnee. Ich hatte, in dem ich sie beobachtete, die Idee, dass mir selbst bald einmal reflektierende Zellschichten in den Augenhöhlen wachsen könnten, tapetum cellulosum lucidum, hinter den Glaskörpern hinter den Pupillen, Katzenaugenhäute, nicht von der Beobachtung der Natur da draußen im Garten, sondern vom Lesen der Wikileaks – Irak — Protokolle : IED EXPLOSION IN BAGHDAD (ZONE X) 2004-01-14 18:40:00 — IP X REPORTED THAT A GREY X EXPLODED IN A RESIDENTIAL AREA. IPS AND X ELEMENTS WENT TO THE SITE AND FOUND THE EXPLODED CAR. X BROTHERS AND THEIR X CLAIMED THAT SOMEONE ELSE MUST HAVE PUT THE EXPLOSIVES IN THEIR CAR. IZ EOD BELIEVES AN IED WENT OFF PREMATURELY. — UPDATE: DETAINED THE X BROTHERS AND HAVE COORDINATED TO HAVE THE BOMB DOGS GO TO THE HOUSE LATER TODAY. IED TRACKING NUMBER IS X. stop. stop. 390136 Dokumente. stop. Nehmen wir einmal an, ich versuchte Tag für Tag 100 dieser Texte zu lesen und nachzufühlen, was sie bedeuten könnten, Particles, die von Bombenanschlägen, Scharfschützen, Enthauptungen, Feuergefechten, Entführungen berichten, dann würde ich längere als zehn Jahre Zeit in dieser Arbeit verbringen. Inwiefern würde sich bald die Gestalt meines Gehirnes verändert haben, meine Sprache, welcherart wären die Geschichten, die ich noch erzählte? — stop
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Aus der Wörtersammlung: art
manhattan : eine frau verschwindet und kehrt wieder
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nordpol : 7.05 — Gestern Abend folgte ich mittels der Google-Earthmaschine einer besonderen Route durch das südliche Manhattan. Ich kannte diese Strecke, war dort im Spätsommer des vergangenen Jahres auf eigenen Füßen spaziert, war Malcolm Lowry auf der Spur gewesen, seinen enger und enger werdenden Kreisen, die den Schriftsteller ein halbes Jahrhundert zuvor in das Bellevue Hospital führten, wo er sich, in höchster Not befindlich, vom Schmerzmantel des Alkohols zu befreien suchte. Immer wieder hatte ich damals jene Gegend nahe des East River aufgesucht, sodass ich eine beinahe vertraute Umgebung in digitaler Weise berührte. Gegen Mitternacht dann, ich hatte die Third Avenue gekreuzt, bog ich nach Norden ab, erreichte 30 Minuten später die 70th Straße. Da war an einer Ecke ein kleiner Laden, an den ich mich erinnerte. Versuchte ihm näherzukommen, zoomte heran, aber dann überquerte ich im Sprung die Straße mittels einer zarten Bewegung der Mouse, bewegte mich im Kreis und bemerkte in diesem Augenblick, dass eine Frau mit Hund, die gerade noch die Straße in nächster Nähe überquert hatte, verschwunden war, indem ich die Kreuzung von Osten her betrachtete. Auch war die Straße dunkler geworden, als wäre kurz zuvor Regen gefallen oder die Dämmerung des Abends eingetroffen. Um ein paar weitere Meter gedreht, war die Frau dann wieder da gewesen und ihr Hund, den Schwanz erhoben, und die Straße trocken. Eine Kreuzung, so mein Eindruck, gefalteter Zeit. Ich muss das beobachten. — stop
man on wire
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nordpol : 2.28 — Man on wire. Wie der Artist Philippe Petit sich auf einem Seil, das in der Nacht vor einem windigen Tag heimlich zwischen den Türmen des Worldtrade Centers gespannt worden war, mit Balancierstange in Händen auf den Rücken legt. Keine Filmaufnahmen existieren von jenem Moment aus nächster Nähe, aber Fotografien, die im Wissen des Windes und der Tiefe einen dehnenden, einen zerrenden Schmerz in meinem Körper erzeugen. Der Seiltänzer wurde festgenommen und einem Psychiater vorgeführt. stop. Schnee in Zeitlupe. stop. Ruhe. stop. Der Luftraum, in dem sich Philippe Petit bewegte, existiert weiter fort. — stop

salamander
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echo : 16.22 — Das erfindende Schreiben scheint ein Vorgang des Wartens zu sein. Immer wieder fällt etwas zu mir herein, ohne dass ich sagen könnte, warum gerade dieses und warum gerade jetzt. Merkwürdige Verschiebungen der Sprache in der Nähe anatomischer Arbeit, indem ich, beispielsweise, von innerer Schönheit spreche. stop. Nachmittag. stop. Leichter Schneefall. — stop

herr auf bahnsteig
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echo : 6.28 — Ein älterer Herr abends spät auf dem Bahnsteig einer Metrostation. Der Mann ist offensichtlich glücklich. Gerade noch, vor wenigen Minuten, passierte er mit einem Koffer in der linken Hand eine Bildschirmwand, las im langsamen Gehen einen Text, der eine halbe Minute zuvor dort erschien. Dieser Text, eine Meldung, berichtet von Forschungsergebnissen eines nordamerikanischen Institutes, man habe nämlich herausgefunden, dass die Intensität der Gefühle mit dem wachsenden Alter eines Menschen steigen würde, man könne sich mit 60 Jahren am besten in eine andere Person hineinversetzen, gleichwohl schwierigen Zeiten etwas Gutes abgewinnen. Wie er diesen Text nun liest, wird der alte Mann langsamer, hält schließlich an, wendet sich dem Licht des Bildschirmes zu, setzt den Koffer neben sich auf den Boden ab. Leicht nach vorne gebeugt steht er da, ein Schatten, eine Silhouette, die sich auch dann nicht bewegt, als die Nachricht, die von der Natur, vom elektrischen Wesen des alten Mannes persönlich erzählt, verschwindet und stattdessen ein Wetterbericht (Eis und Schnee), eine Reiseempfehlung (Ägypten), sowie aktuelle Devisenkurse (Dollar steigend) erscheinen. Der alte Mann wartet, er wartet zwei oder drei Minuten, bis der Text, den er studierte, wiederkehrt. Weitere Minuten vergehen, dann nimmt der alte Mann seinen Koffer vom Boden, dreht sich auf dem Absatz herum, sieht mich an, er lächelt und geht weiter. Eine Frau nähert sich in diesem Moment, da ich notiere, dem Luftraum vor dem Bildschirm. Sie trägt einen länglichen Pappkarton, in dem sich, einer Zeichnung folgend, ein Weihnachtsbaum (Tanne) befinden soll. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte. Guten Morgen! — stop
karusellfahrt
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zoulou : 6.12 — Seit Jahren bereits wünsch ich mir ein besonderes Buch, eines, das meine Gedanken verzeichnen würde, sobald ich spazieren gehe. Handlich müsst es sein und leicht und geräuschlos schreiben. Vielleicht wäre es möglich, diese kleine Gedankenschreibmaschine so zu programmieren, dass sie jene Gedanken, die neue Gedanken sind, zu unterscheiden vermag von allen weiteren Gedanken, von Gedanken, die sich wieder und wieder denken wollen, von kreisenden Gedanken, von Karussellfahrtgedanken. Derart ausgestattet, würde die Notizmaschine ein Verzeichnis anlegen einerseits für die Versammlung neuester, sagen wir, ursprünglicher Gedanken, und bald ein zweites Verzeichnis, in dem Gedanken und ihre Wiederholung archiviert sein würden. Eine höchst interessante Affäre, zu beobachten, wie sich das Wachstum, das Größenverhältnis der Verzeichnisse zu einander benehmen würde in der vergehenden Zeit. — stop

hydra
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nordpol : 17.58 — Hörte im Radio vor wenigen Minuten eine merkwürdige Geschichte. Man erzählte, durch New Jersey sollen seit Wochen Vorortzüge mit Abteilen von Stille in Richtung Manhattan fahren: Telefone und Spieldosen jeder Art verboten. Das könnte Gerücht, Erfindung, von Wünschen geträumt gewesen sein. Mit eigenen Augen dagegen habe ich beobachtet, wie im Supermarkt gleich um die Ecke, Zwergkakteen Mützen von rotem Stoff aufgesetzt worden sind. Bärte rauschen, weiße Bärte, mittels Nadeln sind sie an den Leib der Pflanzen genagelt. Auch dass es regnet, hier in meiner nächsten Nähe, das ist ganz sicher der Fall, so sicher der Fall wie das Wachstum einer weiteren elektrischen Hydra im Prozess der Selbstbehauptung. Gestern Abend, mitteleuropäische Zeit, verfügte sie über 208, kurz nach Mitternacht über 355 und weitere 12 Stunden später über 507 einander gleichende Köpfe. — Da war noch dieser alte Mann auf einem Basar zu Marrakesch. Wie er vor einer 40 Jahre alten Schreibmaschine sitzt und Liebesbriefe notiert gegen eine kleine Gebühr für Menschen, die nie gelernt haben, zu schreiben, zu lesen. — stop
tuttle
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echo : 20.08 — Besuch von Mr. Tuttle zur unmöglichsten Zeit gegen 10 Uhr vormittags. Saß, müde Augen, vor dem Bildschirm und hörte, wie der Monteur mit Pumpenmaschinen, Schraubenschlüsseln, Rohrzangen an meinen Wasserleitungen in der Küche hantierte. Das waren Geräusche eines Kampfes, nicht Geräusche einer Rekonstruktion, Bohrungen wurden ins Erdinnere vorangetrieben, Wände zu benachbarten Wohnungen eingerissen, hartes Wasser strahlte Bilderrahmen in alle Winde. Einmal kam Mr. Tuttle in das Zimmer, in dem ich das Ende seines Besuches erwartete. Zaghaftes Klopfen, seine erstaunlich helle Stimme, ob er mich sprechen könne, stand bald neben meinen Papieren, mit erhitztem Gesicht, staubig, ein Hüne, er müsse jetzt an die Heizung. Dann wieder Hiebe von sonorem Klang, überlegte, was in meiner nächsten Nähe geschah, welche Arbeit präzise die Erschütterung meiner Schreibmaschine, meiner ganzen Person bewirken könnte. Ein Löschzug passierte die Straße vor dem Fenster. Vom Dach des Hauses gegenüber stürzte ein Schneebrett in die Tiefe. Irgendetwas flatterte pfeifend um meinen Kopf herum. Ein Punkt verharrte über der Bodenlinie. — stop

panther
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lima : 1.42 – Etwas Merkwürdiges muss geschehen sein, während ich schlief. Als ich erwachte, konnte ich nicht sagen, ob ich eine Frau bin oder ein Mann. Ich öffnete die Augen und bemerkte einen Panther, der vor meinem Bett auf und ab spazierte. Das war ein merkwürdiger Panther gewesen, der vor meinem Bett spazierte. Der Panther war schwarz wie alle Panther, wenn sie wirkliche Panther sind. Dieser wirkliche Panther nun aber trug Menschenhaut und hatte grüne, anstatt gelbe Augen. Wenn ich mich bewegte, fauchte der Panther und machte einen Satz auf mich zu, sodass ich mich entschloss abzuwarten, vielleicht weil ich hoffte, er würde bald schlafen oder ganz aus meinen Zimmern verschwinden. — Es ist jetzt wieder Nacht geworden. Noch immer habe ich mein Bett nicht verlassen. Der Panther ruht vor mir auf dem Boden. Weiterhin genieße ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicholas Bakers Buch der Streichhölzer, das ich in der Nähe auf dem Boden gefunden hatte und gerade noch unter meiner Decke verstecken konnte, ist kreuz und quer zu Ende gelesen. Ich spüre ein leises Hungergefühl in mir aufsteigen, der quälende Durst der Wüstenwanderer klebt schon seit Stunden an meinem Gaumen. Sollte, sobald in fünf Stunden die Dämmerung einsetzen wird, zum Angriff übergehen. Ich muss, kein Ausweg, die Küche, das heißt, die nächste Wasserstelle erreichen. Vielleicht sind diese Zeilen, die ich in wenigen Minuten über mein Funknetz absetzen werde, die letzten Zeilen, die ich als lebender Mensch notierte. — stop

feuergarten
sierra : 22.05 — Träumte glimmende Feuerblumengärten warum?






