lima : 22.12 UTC — Die Bilder des letzten Films, den mein Vater mit seinem Fotoapparat aufgenommen hatte, zeigen seine Hose, seine Schuhe, Treppenstufen, eine Taube. Als ich die digitalen Fotografien für meinen Vater auf seinem Computer öffnete, hockte der alte Mann in der Betrachtung seines letzten Films vor dem Bildschirm und klickte immer schneller werdend von Bild zu Bild. Er sagte, dass er sich an das, was er fotografiert hatte, genau erinnere. Da war eine Landschaft nahe Prag durch das Zugfenster aufgenommen, da war eine weitere Landschaft, kurz nachdem der Zug den Prager Bahnhof verlassen hatte, da war ein tanzendes Paar auf einem Donaureiseschiff nahe Budapest. Und da war Mutter, die neben einem Rettungsboot desselben Schiffes stand und lächelte. Vater hatte ungefähr 50 Aufnahmen gefertigt, jede der Aufnahmen zeigte nun seine Schuhe, seine Hose oder eben eine Taube, die zu seinen Füßen Brotkrumen pickte. Er war verzweifelt. Da stand ich leise auf und suchte nach seiner Kamera. Ich bin doch nicht verrückt geworden, sagte Vater. Nein, antwortete ich, schau her, Du bist nicht verrückt geworden! Vater nahm seine Kamera in die Hand. Er schüttelte den kleinen, flachen Apparat und sagte: Na, das ist mein vielleicht seltsamster Film geworden. Diese Taube hier, da waren wir schon auf dem Schiff gewesen. Es war Nachmittag. Ich muss etwas an der Kamera verstellt haben. Dieses Rädchen hier könnte es gewesen sein. Immer Sekunden zu spät. Na, so was, sagte Vater. — stop
Aus der Wörtersammlung: aufnahme
eine fotografie und ihre geschichten
![]()
tango : 15.08 UTC — Vater sitzt auf einer Bank nahe der Brooklyn Bridge. Es ist später Nachmittag. Vater lacht. Die Sonne steht tief, warmes Licht fällt auf hölzerne Blanken. Über den Schatten, den Mutter wirft, stolziert eine Möwe. Mutter fotografiert ihren Mann mit seinem persönlichen Fotoapparat, weshalb er plötzlich auf einer Dia-Fotografie zu sehen ist, unerwartet. Vater, im karierten Sakko, scheint überrascht zu sein, als habe er nicht bemerkt, dass Mutter seinen Fotoapparat entwendete. Es ist ein Augenblick, von dem beide immer wieder erzählten. Gleich wird Vater aufstehen und sie werden von Brooklyn aus über die Brücke nach Manhattan spazieren. Als ich Jahre später selbst auf Reisen den Ort dieser Fotografie entdeckte, machte ich eine Aufnahme. Ich ging dann gleichwohl über die Brücke nach Manhattan zurück. Es war ein schöner Abend, wie damals zur Elternzeit. Es war Mai, ich war zufrieden, weil ich jene Straßenkreuzung entdeckt hatte, die Auggie Wren in dem Film Smoke Tag für Tag um acht Uhr in der früh fotografierte. Wochen später erzählte ich meinem Vater von diesem Nachmittag und wir setzen uns vor seinen Computer. Es war wie im Kino. — stop

skizze
foxtrott : 21.08 UTC — Eine Person, aus großer Höhe betrachtet, überquert die Piazza San Marco. Etwas südlich davon verlässt ein Wassertaxi Palanca. Es ist in dem Moment der Filmaufnahme das einzige Schiff, das weithin zu sehen ist. Die Drohnenkamera verliert an Höhe, nähert sich hellgrünem Wasser. In einem Kanal östlich der Vaporetto – Station Zattere bewegt sich eine Lungenqualle langsam pumpend vorwärts, als würde sie die Stadt, deren Wasserwege lange Zeit für zerbrechliche Meereswesen nicht beschwimmbar gewesen sind, besichtigen wie ein Museum oder einen Raum, der in Kürze dauerhaft besiedelt werden könnte, eine Vorhut, das ist denkbar. Der Schatten einer Drohne an der Backsteinwand eines uralten Hauses. Das alles in einem Zimmer unter einem Dach in großer Höhe auf TV — Bildschirmen. Es ist bereits dunkel draußen vor dem Fenster. In den knisternden Bäumen sitzen Eichhörnchen dicht an dicht. — stop
![]()
ein film


![]()
nordpol : 22.07 UTC — Wie ein Gespenst in einem Nachthemd kletterte eine Frau in der Stadt Wuhan von Balkon zu Balkon. Es ist irgendwann in der Nacht. Es ist vielleicht der 15. Stock. Über der kletternden Frau weitere Stockwerke. Kaum Licht, etwas Mondlicht. Da und dort Lampen in den Fenstern. Irgendjemand in einem Haus jenseits der Tiefe filmt die kletternde Frau, ein Bild von Verzweiflung. Ich habe diesen Film auf einem Handybildschirm aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen. Menschen, die im Zug neben mir saßen, betrachteten die Aufnahme. Sie waren vermutlich auf dem Weg zum Flughafen. Atem blähte ihren Mundschutz wie ein Segel. — stop

hongkong : nacht
16 uhr 18
![]()
lima : 16.18 UTC — Hörte Friedrike Mayröcker von Steinen sprechen: Ist das Schreiben etwa wie das Ansetzen von Dominosteinen? — stop

am telefon
![]()
echo : 16.12 UTC — In Traum erzählte mir eine sehr alte Frau am Telefon, ich dürfe, sollte ich einmal zu Besuch kommen, ihr weder Fotografien noch Filmaufnahmen zeigen, die ich vielleicht entdeckt und aufbewahrt haben könnte. Sie sagte, dass sie sich vor Fotografien fürchte, sie habe immer sofort alles im Blick, sie könne nicht einfach nur eine kleine Portion betrachten, einen Ausschnitt eines Ortes, vor dem sie sich fürchte, es wäre immer alles sofort gegenwärtig, die Absicht des Bildes oder ein Zufall. Ich erinnere mich in diesem nächtlichen Gespräch versichert zu haben, ihr niemals eine Fotografie von dort zu zeigen. Aber ich gab nicht sofort auf. Ich bemerkte, dass es immerhin möglich wäre, Fotografien in kleinere Teile zu zerlegen, ich könnte diese Teile nummerieren und mit ihr gemeinsam auf einem Tisch Teilbild für Teilbild sehr langsam ergänzen, sie könnte sich in diesem Falle also an ein langsam entstehendes Bild zunächst gewöhnen, indessen ich ihr erzählen würde, was auf den Teilbildern bereits von der Absicht oder einem Zufall zu sehen ist. Als ich meine Rede unterbrach, blieb es still da drüben jenseits meines Telefonhörers, der selbst als ein vollständiges Telefon bezeichnet werden könnte. Dann wachte ich auf, es war Sonntag. — stop

erste fotografie
tango : 15.00 UTC — Ich habe sie heute wiederentdeckt in einer Schachtel, die ich unter meinem Sofa versteckte, eine Fotografie, die zeigt, wie ich kurz nach meiner Geburt ausgesehen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zerfurcht vom langen Warten unter Wasser. Vor vielen Jahren, als ich mich an diese erste Fotografie meines Lebens erinnert hatte, war mir bewusst geworden, dass eines Tages einmal eine weitere Fotografie existieren wird, eine Fotografie, die die letzte Aufnahme gewesen sein wird, meiner Person als einer lebenden Person. Auch war mir bewusst geworden, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Entfaltung zu tun haben könnte. Mein erster Schatten. Ich wäre im Jahr meiner Geburt in Farbe bereits möglich gewesen. — stop

ein fahrrad
whiskey : 5.16 UTC – Einmal, vor fünf Jahren sprach ich mit Martha, die kürzlich gestorben ist, über das Vergessen oder Vergesslichkeit. Sie sagte, dass man, wenn man wirklich vergesslich wird, diese Vergesslichkeit nur dann bemerkt, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Wohnung aufhalte, könne sie vergessen, soviel sie wolle, es würde ihr selbst nicht und niemand anderem auffallen, dass sie eigentlich einen Film betrachten wollte, aber auf dem Weg zum Fernsehgerät plötzlich ein Buch auf dem Tisch entdeckte, weshalb ihr Filmwunsch verloren ging. – Liebe Martha, notierte ich, Du hast versäumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzählte. Ich sende diesen Text noch einmal und rufe Dich gleich an, damit Du ihn für mich vorlesen wirst. Hier ist der Text, den Martha damals vermutlich noch wahrgenommen hatte. Er geht so: Eines der letzten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erinnerung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeitszimmer am Computer arbeitet. Auf dem Bildschirm sind dutzende Programmfenster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewegungslos in seinem Sessel. Manchmal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsicher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bildschirm fahren. Ein weiteres Programmfenster öffnet sich. Ein kleines Mädchen fährt in diesem Fenster auf einem Fahrrad über einen sandigen Weg. Sie bewegt sich in Schlangenlinien dahin, lacht hoch zur Kamera, die rückwärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heiterer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorn ab. Aber dann öffnet sich wie von Geisterhand noch ein Fenster, das den heiteren Film verdeckt. Eine Fotografie, Mutter nahe Lissabon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Computer sitzt, im Sand. Er trägt Turnschuhe. Auch meine Mutter trägt Turnschuhe. Ich fragte mich, wer diese Aufnahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schatten ist zu erkennen, der Schatten eines Fotografen vielleicht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Fotografie zu sehen ist, von unten, vom Wohnzimmer her, dass das Mittagessen bald fertig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fenster, die er im Laufe des Vormittages geöffnet hatte, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufgeräumt werden. Mein Vater steht nicht einfach auf, um sich sofort unsicheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bildschirm den Rahmen der Programmfenster nähert. Er scheint das Symbol für das Schließen der Fenster zu suchen, aber das Symbol ist nicht zu entdecken, nicht zu erkennen. Der Zeiger irrt auf dem Bildschirm herum, Fenster drängen sich in den Vordergrund und verschwinden wieder. Dann kommt Mutter herbei, sie ruft zärtlich: Komm, komm, das Essen ist fertig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwitschern der Vögel vom Garten her. Im Zimmer auf dem Schreibtisch ist der Computer längst eingeschlafen. – stop

ferrovia
alpha : 18.02 UTC — Ich kam mit dem Zug nach Venedig, trat auf den Vorplatz des Bahnhofsgebäudes, hörte, vertraut, das Brummen der Vaporettomotoren, bemerkte das dunkelblaugraue Wasser, und einen Geruch, auch er vertraut, der von Wörtern noch gefunden werden muss. Und da war die Kuppel der Chiesa di san Simeone Piccolo im Abendlicht, und es regnete leicht, kaum Tauben, aber Koffermenschen, hunderte Koffermenschen hin und her vor Ticketschaltern, hinter welchen geduldige städtische Personen oder Furien warteten, die das ein oder andere Drama bereits erlebt hatten an diesem Tag wie an jedem anderen ihrer Arbeitstage. Und da war mein Blick hin zur Ponte degli Scalzi, einem geschmeidigen Bauwerk linker Hand, das den Canal Grande überquert. Ich will das schnell erzählen, kurz hinter Verona war ich auf den Hinweis gestoßen, es habe sich dort nahe der Brücke, vor den Augen hunderter Beobachter aus aller Welt, ein junger Mann, 22 Jahre alt, der Gambier Pateh Sabally, mittels Ertrinkens das Leben genommen. Ein Mensch war das gewesen, der auf gefährlicher Route das Mittelmeer bezwang. Niemand sei ihm zu Hilfe gekommen, ein Vaporetto habe angehalten, man habe einige Rettungsringe nach ihm geworfen, aber er habe nicht nach ihnen gegriffen, weshalb man eine oder mehrere Filmaufnahmen machte, indessen man den jungen Mann ermutigte: Weiter so, geh nach Hause! Das war im Januar gewesen, das Wasser der Kanäle kalt wie die Betrachterseelen. In diesem Augenblick, als ich aus dem Bahnhof in meinen venezianischen Zeitraum trat, war keine Spur der Tragödie dort unter dem Himmel ohne Tauben zu entdecken, außer der Spur in meinem Kopf. — stop
![]()


