Aus der Wörtersammlung: augen

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copernic

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echo : 8.27 — Ich stel­le mir vor, an die­sem wun­der­schö­nen Mor­gen unterm Regen­licht, ein­mal die Spu­ren eines Men­schen zu erfin­den, von dem nichts geblie­ben ist, als der Schat­ten sei­ner Fra­gen an die Meta-Such­ma­schi­ne COPERNIC auf einem Note­book, das ihn von Geburt an beglei­te­te. Kön­nen Kro­ko­di­le hören? Eine Spur feins­ter Boh­run­gen der Luft. – Wäh­rend ich die­se Zei­len notier­te, ist mir auf­ge­fal­len, dass bis vor Kur­zem noch Men­schen exis­tier­ten, die in der Elek­tro­sphä­re nie eine Spur zeich­ne­ten. Mei­ne Lieb­lings­tan­te zum Bei­spiel, ein wun­der­ba­res Geschöpf, das an Sonn­ta­gen immer oder an Mon­ta­gen zu Besuch gekom­men war. Wir nann­ten sie Wal­ly. Sie hat­te sehr wei­che, rosi­ge Haut und immer­zu küh­le Hän­de und war von einem Bal­lon Laven­del­duft umhüllt. Da war Moos, ein moos­grü­nes Kleid, und da war ein spin­nen sei­di­ges Haar­netz (War­um?), und eine rußi­ge Stirn zur Win­ter­zeit, und das Rascheln der Papier­tü­ten, das Lauch­ge­mü­se, das dort her­aus­rag­te, und klei­ne Geschen­ke, die sie uns Kin­dern mit­brach­te, – Match­box­au­tos, Füll­fe­der­hal­ter, Mal­bü­cher -, und ihre Schen­kel, auf denen ich turn­te, der nas­se, bit­te­re Kuss, der nie­mals abge­wen­det wer­den konn­te. Eine Bril­le, nicht wahr, saß locker auf ihrer Nase, ein Gestell von Holz, dar­in run­de Glä­ser, die ich gern mit mei­nen Fin­gern berühr­te. Irgend­wann ein­mal erzähl­te mir jemand, die Wal­ly sei 1919, als Räte ihre Hei­mat­stadt ver­tei­dig­ten, im Kugel­ha­gel über die Mün­che­ner Gol­lier­stra­ße gerobbt. Des­halb die Pis­to­le in ihrer Tasche, des­halb das Feu­er in ihren Augen. So alt ist sie jetzt gewor­den, die Wal­ly, dass sie auf­ge­hört hat zu leben.

walli

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hydra

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sier­ra : 20.34 — Eine Film­da­tei exis­tiert seit Jah­ren im Gedächt­nis mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Ich habe die­se Datei noch nie geöff­net. Sie soll Bil­der ent­hal­ten, die den gewalt­sa­men Tod des Jour­na­lis­ten Dani­el Pearl vor lau­fen­der Kame­ra zei­gen. Immer wie­der der Gedan­ke, die Fra­ge, was ich unter­neh­men, was ich füh­len, wie ich leben wür­de, wenn ich wüss­te, dass Bil­der des Todes eines von mir gelieb­ten Men­schen, sei­ne Ernied­ri­gung, sei­ne Ver­zweif­lung betrach­tet wer­den oder betrach­tet wer­den könn­ten von Aber­tau­sen­den wil­der und frem­der Augen­paa­re. — Kann man mit einer Hydra ver­han­deln? — stop

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tian’anmen

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oli­mam­bo : 23.32 — Das Gespräch am spä­ten Abend mit Din. Ihre lei­se, sin­gen­de Stim­me. Sie sei, als die Pan­zer kamen, in eine Sei­ten­stra­ße geflüch­tet. Wie sie ihre Augen schließt, wie sie sagt, sie habe kei­ne Men­schen mehr gese­hen nach kur­zer Zeit, eini­ge Freun­de nur, die sich an die Wän­de der Häu­ser drück­ten. Die Hand ihrer gro­ßen Schwes­ter. Die Luft, die auf ihrem klei­nen Kör­per beb­te. Aber Men­schen­stil­le. Wie sie nach Wör­tern sucht, nach Wör­tern in deut­scher Spra­che, die geeig­net wären, zu beschrei­ben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fort­set­zung ihrer Erzäh­lung war­te, hört in ihrem Kopf. Das fei­ne, das selt­sa­me Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Aus­druck mei­ner Augen bemerkt, dass ich wahr­ge­nom­men haben könn­te, dass die Bil­der, die ich wuss­te, tat­säch­lich gesche­hen waren, das Mas­sa­ker auf dem gro­ßen Platz, stol­pern­de Men­schen, Men­schen auf Bah­ren, zer­malm­te Fahr­rä­der, der Mann mit Ein­kaufs­tü­ten in sei­nen Hän­den auf der Para­de­stra­ße vor einem Pan­zer ste­hend. Dann die Flucht ins häus­li­che Leben zurück wie in ein Ver­steck, das stum­me Ver­schwin­den jun­ger Leben für immer. Staub. Du soll­test mit Stäb­chen essen, sagt Din, das machst Du so, schau! — stop

ping

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iriden

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sier­ra : 22.00 — Eine Frau betrat an der Sta­ti­on Charles Michels den Metro­wa­gon, setz­te sich und begann in einem Buch japa­ni­scher Zei­chen zu lesen. Ich beob­ach­te­te ihre Augen, wie sie von der obe­ren Kan­te des Buches senk­recht nach unten wan­der­ten, wie sie sofort wie­der nach oben hüpf­ten und ein wenig zur Sei­te, um dann erneut nach unten zu glei­ten. — Eine ver­ti­ka­le Welt. — Als sie mich aber mus­ter­te, mich oder mei­nen Blick, eine hori­zon­ta­le Bewe­gung: Auge um Auge, von dem einen zum ande­ren und wie­der zurück. — Ein selt­sa­mer Moment. — Der Ein­druck, dass die Frau mei­ne Augen betrach­te­te, als wären sie Schrift­zei­chen, dass sie sich zunächst für die eine, dann für die ande­re Iris inter­es­sier­te. Dar­auf­hin die Ein­sicht, dass ich, wenn ich ein Auge, sagen wir, das lin­ke Auge eines Men­schen für sich betrach­te, den Men­schen hin­ter dem Auge weder sehen noch erken­nen kann. — stop

loop

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am viktoriasee

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hima­la­ya : 0.01 — Bil­der. Bild­schirm­bil­der, die ich wahr­neh­me, die mich berüh­ren, weil mei­ne Augen, mein Gehirn sie wahr­neh­men, flüch­tig, im Vor­über­ge­hen, im Neben­bei­se­hen. Ein Fischer­boot auf dem Vic­to­ria­see. Wie leben­de dun­kel­häu­ti­ge Män­ner in Shorts (sie ste­hen balan­cie­rend in ihrer höl­zer­nen Scha­le) dun­kel­häu­ti­ge leb­lo­se Kör­per ohne Shorts in ihren Net­zen aus dem Was­ser zie­hen. Das leuch­ten­de, hell­blaue Fleisch der Toten, die in Ruan­da gewalt­sam ihr Leben ver­lo­ren, Nil­barsch­spei­se­fi­sche haben von ihren Kör­pern gefres­sen. Zwei Tage lang ein Loop (CNN) vom Lei­chen­fang, dann ver­schwan­den die Bil­der aus der Über­tra­gungs­wirk­lich­keit.- stop

ping

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kofferzimmer

pic

echo : 2.18 — Ich stell­te mir eine Minu­te vor, dann eine Stun­de, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer, aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­tisch, stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Ich erhob mich, sah nach der Uhr­zeit, dann aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te und kam zurück, setz­te mich aufs Sofa. Eine harm­lo­se Geschich­te. Sogleich wei­ter gedacht. Selt­sa­me Ker­ne lei­se in mei­nem Kopf hin und her bewegt, jene von den Schlaf­wa­ben zum Bei­spiel, von Kof­f­er­zim­mern, in wel­chen erwerbs­lo­se Men­schen däm­mernd lagern. Wie ihnen schmerz­los die Zeit ver­geht, wie sie, von bes­se­ren Zei­ten träu­mend, Blut­kon­ser­ven aus ihren Kno­chen destil­lie­ren. Kaum hat­te ich auf­ge­schrie­ben und mich gewun­dert über das, was ich dach­te, stand ich wie­der in der Küche, aß eine wei­te­re Bana­ne und einen Pfir­sich zum Nach­tisch. Dann, end­lich, bemerk­te ich Geral­di­nes Som­mer­hut, sein Schau­keln auf atlan­ti­schen Wel­len. Unge­heu­re Stil­le. Abso­lu­te Stil­le. In die­ser namen­lo­sen Stil­le, ein Hut allein auf dem Meer. Kein Schiff. Kein Land. Aber ein­hun­dert See­mei­len­k­rei­se von Stil­le in einem Bild, das ich nie­mals mit Augen sehen, son­dern immer wie­der nur den­ken wer­de. stop. Guten Morgen!

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augenzeit

pic

sier­ra : 2.28 — Ich könn­te viel­leicht sagen, dass sich mein Gehirn mit­tels fei­ner Mus­keln, die mei­ne Augen umrin­gen, selbst zu berüh­ren ver­mag. Ich könn­te wei­ter­hin sagen, dass ich, sobald ich eine Foto­gra­fie betrach­te, mit mei­nen Augen mein Gehirn bewe­ge und in mei­nem Gehirn eine Welt: Das sind mei­ne Augen vor lan­ger Zeit, mei­ne Augen als Kind. Noch immer kann ich sie sehen. — stop

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