Aus der Wörtersammlung: augen

///

schneekamille

2

nord­pol : 0.02 — Dei­ne schnee­wei­ße Hand, die an einem Som­mer­nach­mit­tag auf mei­nem Unter­arm liegt. Wir wan­dern durch einen Wald. Klein bist Du gewor­den und leicht, und ich gehe, Du führst mich, mit geschlos­se­nen Augen neben Dir her. Und plötz­lich bist Du nicht mehr da. Ich sehe Dich, unsi­cher Dei­ne Schrit­te über das Moos. Und wie Du kniest vor den lich­ten Blu­men unse­rer Wie­se. Dei­ne wei­nen­de Stim­me. Dein Kla­gen ohne Wor­te. Dein Schrei­en gegen den Him­mel. Dein Beben in mei­nen Armen. Und wie Du flüs­terst: Ich will nicht ster­ben. - Dann ist Nacht wie an vie­len Tagen Nacht gewor­den. Ich ste­he im hal­ben Dun­kel Dei­nes Zim­mers, so still, so still, und lau­sche nach Dei­nem Atem, sit­ze und lese und schau Dich an. Dei­ne lächeln­den Augen im Schlaf, der süße Him­beer­duft des Mor­phi­ums, das Schnur­ren der Sau­er­stoff­ma­schi­ne, Dein Seuf­zen, und wie Du wach gewor­den bist, Dein Blick für mich, wie Du mit Dei­nen tie­fen Augen vom Wun­der des Lebens erzählst. Nie wie­der, erin­nerst Du Dich, haben wir vom Tod gesprochen.

für marik­ki im himmel

ping

///

februarbrief

2

romeo : 0.15 — Noch war Febru­ar gewe­sen, da ver­fass­te ich einen Brief an ein Mäd­chen, das ich bereits kann­te, als sie noch nicht lau­fen konn­te. Sie heißt Rosa­rio, was eigent­lich nicht ganz rich­tig ist, weil das natür­lich an die­ser Stel­le nicht ihr wirk­li­cher Name sein darf. Aber dass ich ihr Paten­on­kel bin, ist eine Tat­sa­che, dafür lege ich mei­ne Hand ins Feu­er. Rosa­rio, ein zau­ber­haf­tes Wesen, wohnt jetzt in Brook­lyn, New York, und zwar in der Hicks­street nahe einem Haus, in dem Arthur Mil­ler sein Dra­ma Tod eines Hand­lungs­rei­sen­den notier­te. Genau dort­hin nun schick­te ich mei­nen Brief, einen papie­re­nen Brief in einem Luft­post­um­schlag, den ich in ein Päck­chen zu einer Bücher­sen­dung steck­te. Ich schrieb, – ich darf das zitie­ren, weil ich die Erlaub­nis dazu erhal­ten habe -, fol­gen­de Zei­len: „Lie­be Rosa­rio, hier­mit sen­de ich Dir ein spek­ta­ku­lä­res Buch, einen Kata­log Lean­ne Shapton’s, der mich Tage lang begeis­ter­te. Von einer Lie­be wird berich­tet, Du soll­test sie unbe­dingt lesen, eine wun­der­vol­le, in selt­sa­mer Wei­se erzähl­te Geschich­te. Was das Buch wohl bei sich den­ken mag, jetzt, da es nach einer Schiffs­rei­se über den Atlan­tik her, im Flug­zeug wie­der zurück nach Ame­ri­ka hin getra­gen wer­den wird? Gut, wir wer­den das viel­leicht nie­mals her­aus­fin­den, oder, sag, hast Du gelernt, mit den Büchern selbst zu spre­chen? Erin­nerst Du Dich noch an Aben­de, da ich Dir vor­ge­le­sen habe? Du lagst auf mei­nem Bauch, eine klei­ne Kat­ze, und ein­mal leg­test Du Dein Ohr an mei­ne Stirn, und woll­test mei­ne Gedan­ken hören. Und als Du nichts ver­neh­men konn­test, sag­test Du zu mir mit gro­ßen Augen: Du musst lau­ter den­ken, Lou­is, ich kann Dich nicht hören! Viel Ver­gnü­gen beim Lesen und Schau­en wünscht Dir Dein Louis.“

ping

///

kopfaffen

2

hima­la­ya : 0.58 — Wann das mit den Affen genau ange­fan­gen haben könn­te, dass sie mich beglei­ten, sobald ich die Tür zur Wild­nis öff­ne und jagen gehe ins Waren­haus um die Ecke, ver­mag ich nicht zu sagen. Ein Anfang jeden­falls könn­te sein, zu wis­sen, wel­chen Ursprungs sie sind. Ich sage Ihnen das Fol­gen­de im Ver­trau­en lei­se, sie hüp­fen aus der Repro­duk­ti­on einer Male­rei her­aus, die ich vor zwei Jah­ren im Som­mer auf Höhe mei­ner Augen an den Rah­men der Woh­nungs­tü­re nagel­te, kawumm. Irgend­wann war es zur Gewohn­heit gewor­den, das klei­ne Bild zu betrach­ten, in dem ich die Schleu­se zur Außen­welt pas­sie­re. Ich schlen­de­re dann eine Stra­ße unter schnei­en­den Aka­zi­en ent­lang und beob­ach­te Wesen, wie sie in den Kro­nen der Bäu­me toben. Wenn ich mich selbst ver­ges­sen habe und war­um ich eigent­lich auf die Stra­ße getre­ten bin, sind sie gut gelun­gen. Jetzt nur noch Affen­mensch sein, atmen und in die Blät­ter schau­en. - Don­ners­tag. Das Erfin­den ist ganz sicher ein Vor­gang geschmei­di­ger Acht­sam­keit. — stop

///

vom verschwinden

2

del­ta : 0.15 — Ein­mal, an einem Spät­som­mer­nach­mit­tag, erzähl­te mir eine älte­re Frau von einer selt­sa­men Erfah­rung, die sie gemacht hat­te, nach­dem ihre Schwes­ter uner­war­tet gestor­ben war. Zwei Jah­re lag die­ser schwe­re Ver­lust damals zurück. Die Schwes­ter hat­te sich kurz nach ihrem Tod, auf eige­nen Wunsch hin, in ein ana­to­mi­sches Prä­pa­rat ver­wan­delt. Ich erin­ne­re mich an den wil­den Blick der Frau, an ihre zier­li­che Gestalt, wie sie vor mir steht und vom Trau­ern und vom War­ten berich­tet, das heißt, genau­er, davon berich­tet, dass sie um ihre Schwes­ter bis­her nicht trau­ern konn­te, so wie sie sich das Trau­ern gewünscht hat­te, weil der Kör­per ihrer Schwes­ter gegen­wär­tig, noch in die­ser Welt gewe­sen sei. Manch­mal habe sie dar­an gedacht, ihre gelieb­te Schwes­ter zu besu­chen, sie noch ein­mal zu berüh­ren. Wir stan­den vor einer Kir­che. Um uns her­um fröh­li­che, von Last und Anfor­de­rung befrei­te Stu­den­ten. Sie hat­ten ihren ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­kurs an die­sem Tag abge­schlos­sen, und den Men­schen, die ihre Kör­per spen­de­ten, betend gedankt. Auch die alte Frau schien nun leich­ter gewor­den zu sein, ent­schlos­sen. — Wie sie sagt, sie kön­ne ihre Schwes­ter jetzt end­lich beer­di­gen. — Und wie sie kurz dar­auf durch die Men­ge jun­ger Men­schen ver­schwin­det, ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res. — stop

///

auf dem viktualienmarkt

2

oli­mam­bo : 2.10 — Ein Eich­hörn­chen am Nach­mit­tag, wie es durch den war­men Schnee springt. Immer wie­der hält das Tier­chen an, dreht sich nach mir um, betrach­tet mich, als ob es mei­ne Gedan­ken ahnen wür­de. Ein­mal sage ich lei­se zu ihm hin: Fürch­te Dich nicht! Ich jage nur mit dem Kopf. – Das war auf dem Mün­che­ner Vik­tua­li­en­markt gewe­sen vor weni­gen Stun­den. Die Tage nun län­ger, bald wird Früh­ling und Men­schen und das Bier und der Kaf­fee wer­den in Strö­men flie­ßen. Wie­der, wie so oft schon, wenn ich von Bude zu Bude lau­fe und mei­ne Nase in den Gewürz­wind ste­cke, schau ich nach dem Ach­tern­busch, Her­bert. Würd’ gern ein­mal ein paar Wor­te mit ihm wech­seln. Ges­tern war von ihm nichts zu sehen gewe­sen, wes­halb ich ganz ein­fach an ihn gedacht habe, an eine Film­se­quenz, deren Besich­ti­gung mich um ein Haar das Leben gekos­tet hät­te. Her­bert Ach­tern­busch in einem Tier­haus des zoo­lo­gi­schen Gar­tens Hel­la­brunn. Er steht unter einem Faul­tier, das unbe­weg­lich, und zwar sehr lan­ge Zeit, an einem Ast hängt. Der Dich­ter bewun­dert die Klau­en des Tie­res und auch die Natur, was sie so macht. Kurz zwin­kert das Faul­tier mit den Augen. Und Ach­tern­busch ruft: Ja, da schau her, du bist ja ein Schein­schlaf­tier! – Guten Mor­gen, gute Nacht! — stop

///

dämmerschritte

2

kili­man­dscha­ro : 6.26 — Tief­see­ele­fan­ten, wo auch immer sie sich befin­den, schla­fen gemein­sam zur sel­ben Zeit. Sie gehen dann lang­sam, step by step, träu­mend rück­wärts über den Mee­res­bo­den hin. — Selt­sa­me Sache. – An die­sem frü­hen Mor­gen denk ich noch etwas ande­res von Schla­fes­din­gen. Gera­de öff­net Ber­fin die Tür ihrer Woh­nung. Sie kommt von einer Nacht­schicht zurück. Fünf Stun­den Arbeit. Jetzt wird sie noch eine hal­be Stun­de schla­fen, dann auf­ste­hen, ihre Kin­der, drei Mäd­chen, mit Küs­sen auf klei­ne hei­ße Ohren wecken, Früh­stück berei­ten und sie zur Schu­le brin­gen. Ber­fin schläft 21 Stun­den pro Woche. Sie lacht gern. Ein zar­tes Gesicht. Augen, die viel Krieg gese­hen haben. Meis­tens pla­gen sie Kopf­schmer­zen. Müde bin ich, sagt sie, dafür gibt’s kein Wort. 
ping

///

fotografieren

2

echo : 0.52 — Die­ses klei­ne Stück hier, zur Voll­mond­nacht, han­delt von einer Frau, die mir vor weni­gen Stun­den nach lan­ger Zeit der Abwe­sen­heit wie­der begeg­net ist, weil ich den sil­ber­grau­en Mond am wol­ken­lo­sen Abend­him­mel bemerkt hat­te, und aus die­sem hei­te­ren Luft­raum her­aus, war sie dann plötz­lich zu mir her­ein­ge­fal­len, selbst ihre Stim­me, eine außer­or­dent­lich lei­se Stim­me, ist nun so gegen­wär­tig als wäre kaum Zeit ver­gan­gen seit unse­rer Unter­hal­tung im Prä­pa­rier­saal der Mün­che­ner Ana­to­mie. Ich hät­te sie damals bei­na­he über­se­hen, eine klei­ne Gestalt, die prä­pa­rie­rend auf einem Sche­mel knie­te und merk­wür­di­ge Bewe­gun­gen mit den Augen mach­te. Sie betrach­te­te den Kör­per vor sich auf dem Tisch mit einem ruhi­gen, mit einem fes­ten Blick für je eini­ge Sekun­den, dann schloss sie die Augen für etwa die­sel­be Zeit, die sie geöff­net gewe­sen waren, und so wie­der­hol­te sich das Stun­de um Stun­de. Ein­mal setz­te ich mich neben sie an den Tisch und erzähl­te, dass ich ihre Augen, ihren Blick beob­ach­tet haben wür­de und den Ein­druck gewon­nen, sie mache Bewe­gun­gen mit ihren Augen, die der Lin­sen­be­we­gung eines Foto­ap­pa­ra­tes ähn­lich sei­en. Rich­tig, ant­wor­te­te die Frau, ich schlie­ße mei­ne Augen und schaue mir im Dun­keln an, was ich gespei­chert habe. — Eine selt­sa­me Stim­me. Sehr hell. Und scheu. Ein Zit­tern. Wie durch einen Kamm gebla­sen. — stop
ping

///

j.d.salinger : 160 west 71st street

2

tan­go : 2.15 — Kurz nach Mit­ter­nacht beginnt es zu schnei­en. Sit­ze mit Schreib­ma­schi­ne vor dem Fens­ter und übe das Fan­gen ein­zel­ner Flo­cken mit den Augen. Ich mache das genau so, wie ich’s als Kind schon mach­te, aber die Licht­pel­ze die­ser Stun­den fal­len aus der Dun­kel­heit, wäh­rend sie sich damals aus hel­len Wol­ken­räu­men lös­ten, deren Tie­fe nie zu ermes­sen gewe­sen war. — Eine selt­sa­me Nacht ist das heu­te. Ich habe eigent­lich viel zu tun, und doch sit­ze ich hier am Fens­ter und schaue him­mel­wärts und den­ke an Salin­ger, an den gro­ßen geheim­nis­vol­len Schrift­stel­ler, der ges­tern gestor­ben sein soll. Ich hat­te vor weni­gen Wochen noch einen Bal­lon in mei­ne Spa­zier­kar­te der Stadt New York ein­ge­tra­gen, um ein Gebäu­de in der 71. Stra­ße West zu mar­kie­ren, das Hotel Ala­mac genau­er, Hand­lungs­ort der Geschich­ten um Fran­ny und Zooey. Ich dach­te mir, hier wirst Du ein­mal in den kom­men­den Jah­ren für Tage lun­gern und notie­ren und war­ten, auf J.D. Salin­ger war­ten, dar­auf war­ten, dass Dir der alte Mann erschei­nen möge. Und so wird das nun also anders wer­den. Aber wirk­lich merk­wür­dig ist fol­gen­de Ein­sicht, die ich gewon­nen habe in den ver­gan­ge­nen Stun­den. Men­schen, die so beschei­den leb­ten, dass man sie für nicht wirk­li­che Wesen anse­hen konn­te, wer­den wahr­haf­tig, wer­den leben­dig, sobald man ihr Lebens­en­de mel­det. – Und jetzt wie­der der Him­mel und sein Licht. Zwan­zig Uhr zwölf in Port-au-Prin­ce, Hai­ti. — stop
ping

///

rüsselhupe

2

echo : 12.03 — Sagen wir das so: Tief­see­ele­fan­ten, sobald sie gebo­ren wer­den auf hoher See in gro­ßer Tie­fe, blei­ben ihren Müt­tern lan­ge Zeit ver­bun­den. Solan­ge Zeit genau wan­dern sie in nächs­ter Nähe, bis ihre Rüs­sel aus­rei­chend gewach­sen sind, um zur Ober­flä­che des Mee­res gelan­gen zu kön­nen. Wie sie sich küs­sen von Zeit zu Zeit in ewi­ger Dun­kel­heit, wie eine Mut­ter ihrem klei­nen Ele­fan­ten Luft ein­haucht, wie das tau­meln­de Wesen im Moment der Über­ga­be lust­voll sei­ne blin­den Augen schließt, eine Ahnung vom berau­schen­den Duft der Welt weit über ihm, von sal­zi­gen Schäu­men, von Motor­ölen, Tang und wei­te­ren ange­neh­men Sub­stan­zen, die ihm bald unmit­tel­bar begeg­nen wer­den. Manch­mal, eher sel­ten, stei­gen sie, Minia­tu­ren einer spä­te­ren Zeit, lang­sam auf­wärts. Sie haben dann aus dem Mun­de ihrer Mut­ter einen Bal­lon süßer Luft ent­ge­gen­ge­nom­men, der zu groß gewor­den sein könn­te von Sor­ge und Lie­be. Zwei oder drei Tage sind sie nun schwe­bend unter­wegs, bis die Ober­flä­che des Was­sers erreicht sein wird. Das fei­ne Geräusch ihrer ers­ten Rüs­sel­hu­pe, mit der sie die lich­te Welt begrü­ßen. – Sonn­tag. Leich­ter Schnee­fall. Viel Jazz im Kopf. — stop

///

augenzeit

2

 

alpha : 0.03 — Im Regen her­um­spa­ziert, wollt ein Paar neu­er Augen besor­gen, hat­te so lan­ge Zeit Papie­re und Zei­chen betrach­tet, dass ich blind für jede Bedeu­tung gewor­den war. Im Wald tropf­te das Was­ser von den Bäu­men, eine Amsel lief auf feuch­ten Wegen vor mir her, da und dort Spu­ren von Schnee. — Schnee­ku­chen. — Schnee­sup­pe. —  Schnee­bü­cher. -  Nach einer Stun­de dann waren mir neue Augen gewach­sen, ich kehr­te zurück und jetzt ist schon wie­der heim­lich Nacht gewor­den. Merk­wür­dig, wie man einen Abend lang in einem Zim­mer auf dem Boden sit­zen kann und den­ken und zugleich nichts den­ken. Nur noch atmen. Und die Augen bewe­gen. — stop



ping

ping