olimambo : 0.05 — b r u s t h ö h l e

tango : 0.52 — Abends seewärts im Palmengarten. Notierte das Wort Venenstern in die Maschine. Ein Falter setzte sich auf den beleuchteten Bildschirm und tastete mit seinen Fühlern nach den Zeichen des Wortes, vielleicht deshalb, weil das leuchtende Weiß des Bildschirmhintergrundes Luft, die Zeichen dagegen ein Etwas bedeuteten, einen Schatten, mit dem kommuniziert werden konnte. — Habe beobachtet, dass ich, wenn ich mit meinen Ohren nach Geräuschen suche, die nicht hörbar sind, meine Augen öffne so weit ich kann. — Einmal, für eine Stunde nur, über das Vermögen verfügen, den Sonarhupen der Abendsegler lauschen zu können.

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romeo : 0.05 — Einmal, an einem heißen Sommerabend, habe ich eine Stadt durchwandert. Sie lag bereits unterm Nachtzeppelin, weshalb ich nicht sofort bemerkte, dass an der Innenseite meines linken Oberschenkels ein voluminöses Blutgefäß aus der Fassung gesprungen war. Der seltsame Eindruck, während ich spazierte, ein kleines Tier würde mich kosend berühren. Kurz darauf notierten Fahrgäste eines U‑Bahnwagons, ich würde, derart weit geöffnet, vielleicht bald ernsthaften Schaden erleiden. Und tatsächlich, da war ein Schlauch von dunkelblauem Gummi, der nahe meiner Leistengegend unruhig durch die Luft zappelte. Ich konnte seine Bewegung gut erkennen, weil ich, weiß der Himmel warum, insgesamt nicht bekleidet gewesen war. Eine ältere Dame, eine Ärztin, nahm dann Platz in meiner Nähe. Mit bloßen Händen erweiterte sie meinen Schenkel bis hin zum Knie, sodass weitere Schläuche aus dem Oberschenkel fielen, die sie sortierte, während sie gelassen eine Melodie vor sich hin summte. Da waren Strukturen, kein Blut, in gelber, in roter, in grüner, in blauer Farbe. Indem sie an einem der geschmeidigen Röhrchen zog, an einem filigranen Gefäß, nein, an einem hauchdünnen Seilzug, sandfarben, schloss sich das Linke meiner Augen gegen meinen Willen, und die Ärztin lachte und sagte, schau her, wie schön bunt Du doch bist. Wenn ich hier ein wenig ziehen werde, machst Du auch noch das rechte Auge zu. Dann wach. — Heute ist Sonntag, bald wieder Nacht. Geträumt habe ich bereits am Samstag. — stop
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sierra : 0.01 — Stellte mir vor, die Zeit würde sich rückwärts bewegen. Reisen, woher ich gekommen bin. — stop

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ulysses : 0.18 — Oft schon über das Licht nachgedacht. Woher das Licht kommt und was geschieht, wenn das Licht auf einen Gegenstand oder auf die Oberfläche eines Lebewesens trifft. Was wäre, wenn ich ganz ohne das Licht auskommen müsste, wenn ich nur noch hörend oder mit meinem Tastsinn die Welt erfahren könnte? — Einmal habe ich versucht, den Moment wahrzunehmen, da die Morgendämmerung einsetzte, aber ich konnte nicht bestimmen, wann genau das erste Photon mein Auge berührte. — stop
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~ : louis
to : Mr. gustave flaubert
subject : MEMPHIS
Verehrter Mr. Flaubert, gestern, am späten Nachmittag, knisterte ein feiner Regen ans Dachfenster meines Zimmers und ich habe mich auf den Rücken gelegt und ihr ägyptisches Reisetagebuch geöffnet, eine sehr feine Arbeit, detailliert, das Abschiednehmen, ihre voraus reisenden Koffer. Während Sie gerade an Bord der Canja Memphis passierten, bin ich eingeschlafen, vielleicht weil ich müde war von einer viel zu kurzen Nacht. Als ich wieder wach wurde, knisterte der Regen noch immer gegen das Fenster, und ich erinnerte mich, ihnen erzählen zu wollen, dass ich seit vorgestern, 15 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, Augenpaare sammle, die meine elektrische Seite besuchen. Vermutlich werden Sie mich für einen seltsamen Vogel halten, weil ich Augen paarweise zähle, ihre Existenz und woher sie kommen und welche Brillen sie tragen und die Zeit messe, die sie mit meinen Wörtern verbrachten. Gestern Abend um 22 Uhr 17 Minuten und 11 Sekunden hatte ich Besuch aus Shanghai. In großer Entfernung lurten also ein paar Augen, verweilten, kaum zu glauben, sechs Sekunden auf meinen Zeilen, dann waren sie wieder weg. Ich habe mir gedacht, dass diese hastigen Augen vielleicht meine Schriftzeichen nicht entziffern konnten, dass sie deshalb nur zwei oder drei Atemzüge lang bei mir verweilten. Ja, lieber Flaubert, das könnte sein, nein, ich hoffe, dass es so gewesen ist. Später Abend schon wieder. Werde jetzt weiter lesen in Ihrer ägyptischen Reise, während die Augenzählmaschine arbeitet, ohne dass ich mich auch nur einmal für sie bewegen müsste. Ihr Louis, mit allerbesten Grüßen.

Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 1222, Luftfahrt — 3798, Automobile — 55635], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 2, 19. Jahrhundert – 164, 20. Jahrhundert – 1318 , 21. Jahrhundert — 428 ], physical memories [ bespielt — 387, gelöscht : 5 ], Lichtfangmaschinen [ PFXLW-II Panaflex : 2 ], Öle [ 0.7 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 28, Kniegelenke – 12, Hüftkugeln – 331, Brillen – 1266 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1356, Größen 38 — 45 : 1218 ], Kühlschränke [ 158 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 34 ], Engelszungen [ 221 ] | stop |

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~ : louis
to : Mr. james salter
subject : MARIT
Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreibtisch saß und in Ihren wunderbaren Erzählungen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beobachtete, jawohl, sie saß auf dem Feinsten der Blatthaare eines Elefantenfußbaumes, der neben meiner Computermaschine steht, und beobachtete mich aus mehreren winzigen schwarzen Augen. Ich habe überlegt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weiteren kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, ob Spinnen vielleicht hören, — ich lese oft laut vor mich hin, das sollten sie wissen -, und so wunderte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nachzugehen, ob Spinnen über Ohrenpaare oder doch wenigstens über einen zentralen Gehörgang, wo auch immer, verfügen. Ich saß also am Schreibtisch, ich las und die kleine getigerte Spinne, von der ich Ihnen erzähle, seilte sich zur Tastatur meiner Computermaschine ab. Ich hatte den Eindruck, dass ihr diese Luftnummer Freude machte, weil sie ihre Landung immer wieder hinauszögerte, indem sie den Faden, der aus ihr selbst herausgekommen war, verspeiste, demzufolge verkürzte. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass ich sie betrachtete, das ist denkbar, weil ich aufgehört hatte, laut zu lesen für einen Moment, um nachzudenken, vielleicht wollte sie, um sich mir darzustellen, auf meiner Augenhöhe bleiben. Das war genau in dem Moment als Marit nach ihrer letzten Nacht auf unsicheren Beinen die Treppe heruntergekommen war, Marit, die doch eigentlich seit Stunden schon tot gewesen sein musste. Marit setzte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sicher werden Sie sich erinnern an Marit, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weitere letzte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüttert war, weil das Gift nicht gewirkt hatte. Ich saß vor meinem Schreibtisch und überlegte, ob auch sie, James Salter, erschüttert waren, als Marit so langsam, auf unsicheren Beinen die Treppe herunterkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreibmaschine dachte, beobachtete ich die Spinne, die mit ihren sehr kleinen Beinen, den Faden, an dem sie hing, betastete. Ist das nicht ein Wunder, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon einmal bemerkt, dass es nicht möglich ist mit einer elektrischen Schreibmaschine zwei Buchstaben zur gleichen Zeit, also übereinander, auf das Papier oder den Bildschirm zu schreiben? Immer ist einer vor, niemals unter dem anderen. Mit herzlichen Grüßen. Louis.

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22.05 – Da war ein Tisch vor wenigen Stunden. Auf diesem Tisch lag ein geöffneter menschlicher Körper. In nächster Nähe lehnte eine hochgewachsene junge Frau mit dem Rücken an einer Wand, Augen geschlossen, als wäre sie eingeschlafen. Ihre Hände betasteten einen Kehlkopf, das heißt, genauer betrachtet hüpften ihre Finger über den kleinen hellbraunen Körper hin, als wären sie Lebewesen für sich. Wenig später war die Frau wach geworden. Sie legte die filigrane Struktur auf den Tisch zurück, zog ihre Handschuhe aus und sagte: Aber natürlich darfst Du das wissen. Ich habe nachgedacht und geträumt zur gleichen Zeit. Rasch machte sie mit einer Hand eine Schale, hob den Kehlkopf mit der anderen Hand vom Tisch und legte ihn dorthin ab: Larynx! Grandios, nicht wahr! Was ich mit meinen Fingern angeschaut habe, geht nie wieder fort! – Taubengrauer Himmel. Leichter Regen. Sturm von Südwest. — stop

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0.02 — Eine wunderbare Geschichte habe ich entdeckt, eine Geschichte der katalanischen Schriftstellerin Mercè Rodoreda. Ich darf sie rasch notieren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plötzlich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber niemand weiß, wie es das macht. Ein Augenblick der Zerstreutheit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadigem Speichel festgenäht, ein Päckchen, und in diesem Päckchen, umgeben von Eiern und von Blau – reinstes Indulin – ist der Ehemann. Dieser Ehemann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päckchen fallen, das in dem Knie ist, woran es festgenäht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päckchen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: — Oh, es ist nämlich so, daß der Ehemann, sobald er sich blumenumhüllt sieht, das Päckchen aufbricht und alles von blauem Saft überschwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort losfliegen, jedes mit seinem Päckchen im Knie … einverstanden. Aber das sind bloße Vermutungen. Die Wahrheit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahinter kommt man nie, und jedermann ist ein bißchen durcheinander und verwirrt. — stop

