romeo : 0.08 UTC – Das Telefonbuch meiner Großmutter wurde von meinem Bruder in einer Kommode entdeckt, die vielfach mit uns umgezogen war. Es ist ein dunkles Bändchen von Karton und Papier, das in den tiefen Schattenräumen der Truhe beinahe übersehen worden wäre. In Sütterlin wurden dort Namen verzeichnet, sowie Ziffern, die einmal vor langer Zeit Telefonen verbunden gewesen waren, welche sehr sicher nicht länger existieren. Bei genauer Betrachtung sind vielfach Namen ein und derselben Nummer verbunden gewesen, vermutlich, weil die Telefone zur Nummer in Fluren oder Treppenhäusern an den Wänden befestigt waren, nicht in Wohnungen selbst, oder Telefonen, die sich in benachbarten Wohnungen befanden. Man rief nun Frau Sindelfinger an, die über ein Telefon verfügte, die Frau Huber zu sich holte, die selbst über kein Telefon verfügte, aber Frau Sindelfinger gefragt hatte, ob sie die Nummer ihres Telefons bei Gelegenheit weiterreichen dürfe. Frau Liebermann aus dem 1. Stock habe ich noch persönlich gekannt, da war ich 50 cm hoch und trug winzige Lederschuhe von blauer Farbe. Kurz war ich versucht, eine der Telefonnummern zu probieren, das war mir dann aber doch zu unheimlich gewesen an diesem nebligen Tag, da mir beim Spazieren zum ersten Mal leuchtende Mundnasenmasken begegneten. — stop
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Aus der Wörtersammlung: chat
eine fotografie und ihre geschichten
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tango : 15.08 UTC — Vater sitzt auf einer Bank nahe der Brooklyn Bridge. Es ist später Nachmittag. Vater lacht. Die Sonne steht tief, warmes Licht fällt auf hölzerne Blanken. Über den Schatten, den Mutter wirft, stolziert eine Möwe. Mutter fotografiert ihren Mann mit seinem persönlichen Fotoapparat, weshalb er plötzlich auf einer Dia-Fotografie zu sehen ist, unerwartet. Vater, im karierten Sakko, scheint überrascht zu sein, als habe er nicht bemerkt, dass Mutter seinen Fotoapparat entwendete. Es ist ein Augenblick, von dem beide immer wieder erzählten. Gleich wird Vater aufstehen und sie werden von Brooklyn aus über die Brücke nach Manhattan spazieren. Als ich Jahre später selbst auf Reisen den Ort dieser Fotografie entdeckte, machte ich eine Aufnahme. Ich ging dann gleichwohl über die Brücke nach Manhattan zurück. Es war ein schöner Abend, wie damals zur Elternzeit. Es war Mai, ich war zufrieden, weil ich jene Straßenkreuzung entdeckt hatte, die Auggie Wren in dem Film Smoke Tag für Tag um acht Uhr in der früh fotografierte. Wochen später erzählte ich meinem Vater von diesem Nachmittag und wir setzen uns vor seinen Computer. Es war wie im Kino. — stop

zeitoun
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whiskey : 9.35 UTC — In den letzten 10 Tagen des Oktobermonats lernte meine Schreibmaschine folgende Wörter, die in ihren Prüfverzeichnissen vordem nicht zu finden gewesen waren: Abstandsignale . Aquarelia . Bangsein . Birdy . Brieftaubenwörter . Camar . Carecon . Clustersuche . Contagion . Coronasimulation . Drohnenauge . Drohnensichtung . Drohnenvogel . Drollbirne . Ebolavirus . Eichhörnchenschatten . Fingercurser . Inari. Inzidenz. Jennifer.five . Kolibriwesen . Krokodilmodell . Kürbissuppe . Libellenlarven . Looters . luren . Meeresgewächse . Meereswesen . Monroe . Mundschutzalgorithmus . Nachtschifftag . neuronal . Palanca . Pandemietote . Pandemiezeit . Particleszeichen . Pfuhlschnepfe . Plexiglasscheiben . Resilienz . Rotkopfschildkröten . Sars-Cov‑2 . Sarslämpchen . Schiffpendelbewegung . Schlafdurcheinanderzeit . Seeanemonenblüte . Seetangklumpen . Spätabendmenschen . Spelling . Superdomehalle . Süßwasseranemone . Tänzerraver . Teillockdown . Tresspassangers . Vakzin . Warlogs . Wortkernbilder . Zattere . Zeitoun . Zeppelinwerkstatt . Zeppelinwolken. — stop
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dunkelkammer
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echo : 0.06 UTC — Ich stehe vor einer Tür. Ich bin groß genug geworden, um die Klinke der Tür mit einer Hand zu erreichen. Ich versuche die Tür zu öffnen, da ruft Mutter, nicht Louis, Papi arbeitet. Aber das war seltsam, weil das Zimmer hinter der Tür das Badezimmer gewesen war, nicht das Arbeitszimmer, das gab es auch. Mutter sagte: Dein Vater entwickelt Bilder, es muss dunkel, stockdunkel sein im Zimmer, Du musst etwas warten, mein Schatz, Papi wird bald herauskommen. Ich erinnere mich, dass ich mich auf den Boden legte und unter der Tür zum Badezimmer hindurch spähte. Ich konnte Vaters Radio hören, und ich beobachte rotes Licht, das im Badezimmer leuchtete, sodass ich dachte, das Radio würde vielleicht rot leuchten. Es ist nicht dunkel, sagte ich, Mutter antworte, doch, doch, das ist Vaters Dunkelkammer. Vermutlich weil ich erlebte, was ich gerade erzählte, bewirkte, dass ich mit Radioapparaten noch Jahre später rotes Licht in Verbindung brachte. Dann, bald, wurden Radios grün, wegen ihres leuchtenden Auges. Es waren Röhrengeräte. — stop

marys nase
marimba : 12.15 UTC — Ein Schulmädchen zeigte mir heute im Zug ihre Nase. Sie hatte vielleicht beobachtet, wie ich die Schutzmaske um meine eigene Nase herum heftig knetete, damit alles schön dicht sei. Kurz darauf musste ich niesen und schon war die Maske wiederum verrutscht. Ich machte ein ernstes Gesicht, da zog das Mädchen ihre Maske herunter, weiß der Himmel, warum, vermutlich, um mich zu ärgern. In diesem Augenblick dachte ich an einen Besuch auf Ellis Island. Ein schwülwarmer Tag, Gewitter waren aufgezogen, der Himmel über Manhattan bleigrau. Trotzdem fuhren kleine weiße Schiffe von Battery Park aus los, um Besucher auf die frühere Quarantäneinsel zu transportieren. Ehe man an Bord gehen konnte, wurde jeder Passagier sorgfältig durchsucht, Taschen, Schuhe, Computer, Fotoapparate. Ein griechischer Herr von hohem Alter musste mehrfach durch die Strahlenschleuse treten, weil das Gerät Metall alarmierte. Er schwitzte, er machte den Eindruck, dass er sich vor sich selbst zu fürchten begann, auch seine Familie schien von der ernsten Prozedur derart beeindruckt gewesen zu sein, dass ihnen ihr geliebter Großvater unheimlich wurde. Die Überfahrt dauerte nur wenige Minuten. Es begann heftig zu regnen, das Wasser wurde grau wie der Himmel, Pusteln, Tausende, blinkten auf der Oberfläche des Meeres. Im Café des Einwanderermuseums kämpften hunderte Menschen um frittierte Kartoffeln, gebratene Hühnervögel, Himbeereis, Sahne, Bonbons. Ihre Beute wurde in den Garten getragen. Dort Sonnenschirme, die der Wind, der vom Atlantik her wehte, davonzutragen drohte. Am Ufer eine herrenlose Drehorgel, die vor sich hin dudelte, Fahnen knallten in der Luft. Über den sandigen Boden vor dem Zentralhaus tanzten handtellergroße Wirbel von Luft, hier, genau an dieser Stelle, könnte Mary Mallon im Alter von 15 Jahren am 12. Juni 1895 sich ihre Füße vertreten haben, ehe sie mit Typhus im Blut nach Manhattan einreisen durfte. Ihr Schatten an diesem Tag in meinen Gedanken. Ein weiteres Gewitter ging über Insel und Schiffe nieder, in Sekunden leerte sich der Park. Dann kamen die Möwen, große Möwen, gelbe Augen, sie raubten von den Tischen, was sie mit sich nehmen konnten. Wie ein Sturm gefiederter Körper stürzten sie vom Himmel, es regnete Knochen, Servietten, Bestecke. Unter einem Tisch kauerte ein Mädchen, die Augen fest geschlossen. – stop / koffertext

lampen
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delta : 22.16 UTC — Im Spazieren den Blick gegen den Boden richten, suchende Lampe. Kinderzeichnungen von Kreide, Sonnensterne, Flugdrachen, Bäume, Linien, mit freier Hand da und dorthin gezogen, über Linien vorangegangener Tage geschichtet, Kreideschatten nach Regen, Kreideflüsse. Vor den Läden Punkte und Streifen, dort sollte man stehen, wenn man ein Mensch ist. Aber doch ist es so geworden, dass Personenabstände im Gehen geringer werden, man muss, wenn man geht, auf die Straße treten, ausweichen, sobald sich Sorglose nähern, muss man Räume berechnen, das Gehen gedankenlos nur am Abend durch den Park, oder nachts in den Stunden, da man Igeln begegnet und Mäusen mit rot glühenden Augen im Licht einer Taschenlampe. Einmal träumte ich von Virentieren, die leuchten. Wie es mir in diesem Traum selbst goldfarben von den Lippen staubte, wachte ich auf. — stop
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0110010111
ulysses : 15.02 UTC — Eine Fotografie, die ich vor zehn Jahren vergeblich wiederzufinden suchte, zeigt die Raumstation MIR in großer Höhe über der Erde schwebend. Ich vermag das farbige Bild noch immer zu erinnern, vielleicht deshalb, weil mich die Aufnahme berührte. Ein Bullauge, dort das Gesicht einer Frau, deren Namen ich vergessen habe, ein ernstes Gesicht, Ahnung, Schatten, Züge einer russischen Kosmonautin, die Monate einsam auf der MIR-Station lebte. Sie folgt der äußerst behutsamen Annäherung eines Raumschiffes der NASA, in dem sich Menschen befinden, die mittels Funk vermutlich bereits Kontakt aufgenommen hatten: Wir sehen Dich! — Da war das tiefe Schwarz des Weltalls im Hintergrund, ein absolut tödlich wirkender Raum, der sich zwischen den beiden Raumkörpern erstreckte. Ich erinnerte mich an diese Fotografie, an meine Suche, weil ich vor wenigen Tagen eine weitere Ikone menschlicher Einsamkeit entdeckte. — stop

skizze
foxtrott : 21.08 UTC — Eine Person, aus großer Höhe betrachtet, überquert die Piazza San Marco. Etwas südlich davon verlässt ein Wassertaxi Palanca. Es ist in dem Moment der Filmaufnahme das einzige Schiff, das weithin zu sehen ist. Die Drohnenkamera verliert an Höhe, nähert sich hellgrünem Wasser. In einem Kanal östlich der Vaporetto – Station Zattere bewegt sich eine Lungenqualle langsam pumpend vorwärts, als würde sie die Stadt, deren Wasserwege lange Zeit für zerbrechliche Meereswesen nicht beschwimmbar gewesen sind, besichtigen wie ein Museum oder einen Raum, der in Kürze dauerhaft besiedelt werden könnte, eine Vorhut, das ist denkbar. Der Schatten einer Drohne an der Backsteinwand eines uralten Hauses. Das alles in einem Zimmer unter einem Dach in großer Höhe auf TV — Bildschirmen. Es ist bereits dunkel draußen vor dem Fenster. In den knisternden Bäumen sitzen Eichhörnchen dicht an dicht. — stop
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gewebe
lima : 2.26 — Gedanken, Atem, Minuten, Gefühle, Texturen, Bewegungen, Träume, Geräusche, Gespräche, Telefonhörer, Mattscheiben, Radiowellen, auch Eichhörnchenfelle, Blicke, Licht und Dunkelheit, die Stäube der Bäume, Parkbankflechtenwälder, Schuhwerk und Handläufe, alles vom Virustextschatten durchwirkt. — stop
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bildschirmzimmer
lima : 22.08 UTC – Einmal, vor wenigen Stunden, kehrte ich in mein Arbeitszimmer zurück. Die Bildschirme sämtlicher Schreibmaschinen sendeten Licht. Da war eine Landkarte zu erkennen, welche die wachsende Zahl infizierter Menschen verzeichnete. Auch eine Fotografie, die Menschen zeigte in Schutzanzügen. Und da war ein Chatprogramm, das unentwegt Textnachrichten sendete, ein Film außerdem mit Ton, der von dem Ebolavirus erzählte. Ich selbst hatte diese Lichter schrittweise angeschaltet, ich muss vielleicht kurz darauf aus dem Zimmer geflüchtet sein. — stop
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