Aus der Wörtersammlung: dach

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schirme

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : SCHIRME

Rasend, lie­ber Jona­than, ver­geht die Zeit! Ein Jahr ist es nun her, seit ich das ers­te Mal von Ihnen hör­te. Vie­le Stun­den, gan­ze Tage, Wochen habe ich an Sie gedacht, und doch kei­ne durch belich­te­te Vor­stel­lung gewon­nen. Ihre Augen, hell oder dun­kel? Wie wer­den Sie mir begeg­nen, mit wel­cher Stim­me spre­chen? An die­sem schö­nen Mor­gen darf ich berich­ten, dass ich mich gut erho­len konn­te. Füh­le mich wohl in mei­ner Haut. Sie­ben Uhr. Sie wer­den sicher noch schla­fen, da drü­ben in Ame­ri­ka, und sofort, wenn Sie in Kür­ze erwa­chen, einen ers­ten tie­fen Zug küh­ler Wald­luft zu sich neh­men. Ihre Ver­wun­de­rung, wie immer, dass Sie nicht län­ger unter Was­ser leben, dass Sie frei sich zu bewe­gen in der Lage sind. Wie oft schon habe ich den Ver­such unter­nom­men, mich ein­zu­füh­len in ihre Lage, unvoll­kom­men, sagen wir, aber nicht ver­geb­lich, wie ich hof­fe, weil Sie bemerkt haben wer­den, dass ich mich um Sie küm­me­re, dass ich Fra­gen stel­le, dass ich Sie nicht gedan­ken­los der Welt über­ant­wor­tet habe. Noch zwei­und­zwan­zig Tage, mein lie­ber Kek­ko­la, hören Sie zu! Ich habe Wet­ter­kar­ten stu­diert, fürch­te, wir wer­den unter Regen­schir­men sit­zen. Ihren Eltern im Übri­gen geht es gut! Ahoi! Ihr Louis

gesen­det am
10.04.2010
6.01 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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herzgeschichte

2

oli­mam­bo : 0.02 — Das wei­ße Papier ist nie­mals leer. Die­sen Satz habe ich ges­tern Nach­mit­tag gegen 15 Uhr genau so notiert, wie er hier ver­zeich­net ist. Ich saß am klei­nen See im Pal­men­gar­ten und dach­te an Her­zen und sol­che Din­ge, und als ich den Satz eine Stun­de spä­ter noch ein­mal gele­sen habe, konn­te ich nicht sagen, war­um ich den Satz eigent­lich auf­ge­schrie­ben hat­te. Das war ein merk­wür­di­ger Moment gewe­sen, die­se Sekun­de, da ich bemer­ke, dass ich einen Satz, den ich selbst aus­ge­dacht, nicht erken­nen konn­te. Trotz­dem gefiel mir der Satz. Ich hat­te den Ein­druck, dass es sich um einen wah­ren Satz han­deln könn­te, und dass ich nur abwar­ten müs­se, bis sich sein fei­nes Wesen zei­gen wird. Und so lau­sche ich nun also. Irgend­et­was brummt in mei­ner nächs­ten Nähe. Däm­me­rung. Und ich stel­le mir vor, wie gut es doch wäre, wenn Men­schen für eine gewis­se Zeit ihre Her­zen tei­len könn­ten. Man mel­det sich zum Bei­spiel in einem Hos­pi­tal. Guten Abend, sagt man, guten Abend, wir haben heu­te Nacht etwas Zeit, mein Herz und ich. Und dann fährt man unver­züg­lich los, man fährt durch die Stadt und ihre Lich­ter und Düf­te und legt sich sehr bald zu einem Men­schen, des­sen Herz schwach gewor­den ist, ver­bun­den liegt man Stun­den still.

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am späten abend

2

del­ta : 6.28 — Es war am spä­ten Abend und ich hat­te mei­ne Augen noch geöff­net, Cole Por­ter spiel­te ein paar fei­ne Sachen, zwei gol­den brau­ne Frosch­bal­lo­ne segel­ten durchs Zim­mer, und da war noch mein klei­ner Kof­fer, und ich sag­te zu ihm, als könn­te er mich ver­se­hen, um dich küm­me­re ich mich spä­ter! Und dann schlief ich ein und wach­te wie­der auf, noch immer spiel­te Cole Por­ter sei­ne fei­nen Sachen, und ich dach­te, du bist ein­ge­schla­fen und du bist wie­der auf­ge­wacht, das ist das Leben, ein­zu­schla­fen und wie­der auf­zu­wa­chen. Und da lag ein Engel, eine Man­go so groß, auf mei­nem Bauch, und der Engel schlief, wie ich geschla­fen hat­te, und ich dach­te, ist das nicht wun­der­bar, sein Herz, sein klei­nes Herz, wie es schlägt und schlägt und schlägt. Und dann schlief ich wie­der ein und schlief und schlief so selt­sam, ohne das Schla­fen zu bemer­ken, dass ich viel­leicht noch immer schla­fe, indem ich gera­de schrei­be, indem ich gera­de zärt­lich den­ke, an das Leben, an das Schla­fen, an das Wachen, an all die wil­den Din­ge, und dar­an, dass ich nun weiß, wir Men­schen sind für letz­te Geschich­ten nie­mals gemacht, auch in den Minu­ten schwers­ter Abschie­de ist da immer noch die­ser selt­sam schwe­ben­de Punkt in der Luft, ein lei­ses Licht, ein Blick, bis bald. — stop
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wortklangstempel

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echo : 0.06 — Da war ein i am frü­hen Mor­gen, viel­leicht weil ich nach einer lan­gen Traum­nacht noch nicht ganz wach gewe­sen, in das Wort Leben­de hin­ein­ge­ra­ten, sodass das Wort Lei­ben­de ent­stand. Im Zusam­men­hang einer blü­hen­den Regen­kä­fer­ge­schich­te eigent­lich kein ver­rück­tes oder schlam­pi­ges Wort, und doch eine merk­wür­di­ge Sache, weil ich den klei­nen Text zwei- oder drei­mal, ehe ich ihn ver­öf­fent­lich­te, prüf­te, ohne das nach­drück­lich umge­stal­ten­de i ent­deckt zu haben. Ich spie­le nun mit dem Ver­dacht, dass ich Tex­te, die ich notie­re und kurz dar­auf wie­der lese, zunächst einem Nah­zeit­spei­cher mei­nes Gehirns ent­neh­me, in wel­chem Wör­ter oder gan­ze Sät­ze eines Tex­tes als schein­bar kor­rek­te Klang­stem­pel im Moment der Zei­le erin­nert wer­den. Und dann gehe ich schla­fen oder spa­zie­ren, beob­ach­te einen Film oder unter­hal­te mich mit einem Freund oder einer Freun­din, Zeit ver­geht, in wel­cher die Stem­pel mei­nes erfun­de­nen Tex­tes wie­der zu Buch­sta­ben, zu iso­lier­ten Tönen zer­fal­len, so dass ich mei­ne Gedan­ken, mei­ne Wör­ter und Sät­ze genau so zu lesen oder zu hören ver­mag, als wären sie von einem ande­ren Men­schen notiert. Ja, so könn­te das sein, so wol­len wir das zunächst ein­mal anneh­men. — Noch zu tun in die­ser Nacht: Dimen­sio­nen der Papier­tie­re erspü­ren / µm = 10–6 m = 0,000.001 m. — stop
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luftlaufen

2

pupil­le : 0.02 — Ges­tern Nach­mit­tag im Regen durch den Pal­men­gar­ten spa­ziert. Saß bald unter dem Schirm gut ver­packt auf einer Bank am See und las in einer Samm­lung fei­ner Tex­te, die Anton Tschechow in sei­ner per­sön­li­chen Aus­ga­be der Selbst­be­trach­tun­gen Marc Aurels vor lan­ger Zeit ein­mal mar­kiert hat­te. Dort fol­gen­de Bemer­kung: Du musst Dich dar­an gewöh­nen zu den­ken und zu han­deln, als sei das Ende Dei­nes Lebens schon da. Und ich dach­te, es ist genau so, dass zwi­schen dem vor­ge­stell­ten Ende des eige­nen Lebens und dem tat­säch­li­chen Ende, des­sen Zeit­ort unbe­kannt, des­sen Nahen von Tag zu Tag wahr­schein­li­cher wird, schma­le oder noch brei­te Ste­ge von Hoff­nung, von Unkennt­nis sich befin­den, auf wel­chen ich mich bewe­gen kann, lang­sam, nach­denk­lich, oder in Tanz­schrit­ten, glück­lich, über­mü­tig und ver­we­gen. – Wie­der der Ver­such, die Tropf­ge­räu­sche des Regens zu zäh­len. Nichts könn­te beru­hi­gen­der sein. — stop
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fiebermöwen

14

india

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : FIEBERMÖWEN

Ver­gan­ge­ne Woche, lie­ber Jona­than, ist etwas Merk­wür­di­ges gesche­hen. Ich hat­te Fie­ber und geträumt, dass Sie mir einen Brief geschrie­ben haben. End­lich, end­lich, dach­te ich, um Him­mels wil­len, eine Fata Mor­ga­na, und wach­te auf und erin­ner­te mich an Ihre Wor­te in einer Wei­se, dass ich Traum von Wirk­lich­keit nicht unter­schei­den konn­te. Das mag an mei­nem hei­ßen Kopf gele­gen haben, und so ant­wor­te­te ich auf einen Brief, der nie­mals exis­tier­te. Sie wer­den sich, mein lie­ber Kek­ko­la, viel­leicht gewun­dert haben und noch immer amü­sie­ren. Nun, es geht auf Mit­ter­nacht zu, ist fol­gen­de Sache zu erwäh­nen. Im April wer­de ich eine Samm­lung von Papier­we­sen erhal­ten, einen Bogen 20 x 28 cm. Darf sie umsor­gen und pro­bie­ren, wie sie sich so machen, wenn einer wie ich sie mit wil­den Tex­ten beschreibt? Unse­ren Tief­see­ele­fan­ten geht’s vor­treff­lich. Nahe Ber­mu­da, so wird berich­tet, sol­len sie einen Schwarm ver­irr­ter Möwen aus der Luft gefan­gen haben. Ahoi! Bis bald am Strand. Ihr Louis

gesen­det am
1.03.2010
22.58 MEZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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blattlicht

2

lima : 0.01 — Und schon ist wie­der März gewor­den. War­me Luft pfeift übers Dach, und Blät­ter, Blät­ter von Son­nen­licht, sie schau­keln vor dem Fens­ter. So fein sind sie gewirkt, dass nichts sie zu berüh­ren ver­mag als mei­ne Gedan­ken. Höchs­te Zeit von kleins­ten Wesen zu erzäh­len, wie man sie fin­det, da sie doch unsicht­bar sind, und wie man mit ihnen spre­chen oder rei­sen oder gemein­sam war­ten könn­te, sobald man ihnen begeg­net sein wird. — Papie­re­ne Her­zen. — stop
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amerikafahrt

2

marim­ba : 0.02 — Sekun­den­brief­mar­ke aus dem Jahr 1959, zu einer Zeit notiert, da ich selbst, auch als Idee, noch nicht gebo­ren war: Das Taxi war groß wie eine Loko­mo­ti­ve. Und es war grell­gelb ange­stri­chen wie ein deut­scher Brief­kas­ten. Auf sei­nem Dach funk­te es blau­ro­te Licht­si­gna­le, sie ähnel­ten dem blit­zen­den wach­sa­men Auge der Poli­zei, und für eine Wei­le hat­te ich das Gefühl, ein Ehren­gast zu sein, der eskor­tiert und ohne Berüh­rung mit Land und Leu­ten an ein Ziel gebracht wer­den soll. Die Pols­ter des Wagens waren hart, und der nack­te Stahl­bo­den war schmut­zig; man bot dem Fahr­gast den Trans­port, man bot ihm nicht mehr. Andau­ernd erreich­ten den Wagen­len­ker durch die Luft gesand­te Bot­schaf­ten; Unsicht­ba­re spra­chen zu ihm, beschwo­ren ihn, quäl­ten ihn, hetz­ten ihn. Zuwei­len ant­wor­te der Mann den Stim­men der befeh­len­den Luft­geis­ter. Wolf­gang Koep­pen A m e r i k a f a h r t
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vom verschwinden

2

del­ta : 0.15 — Ein­mal, an einem Spät­som­mer­nach­mit­tag, erzähl­te mir eine älte­re Frau von einer selt­sa­men Erfah­rung, die sie gemacht hat­te, nach­dem ihre Schwes­ter uner­war­tet gestor­ben war. Zwei Jah­re lag die­ser schwe­re Ver­lust damals zurück. Die Schwes­ter hat­te sich kurz nach ihrem Tod, auf eige­nen Wunsch hin, in ein ana­to­mi­sches Prä­pa­rat ver­wan­delt. Ich erin­ne­re mich an den wil­den Blick der Frau, an ihre zier­li­che Gestalt, wie sie vor mir steht und vom Trau­ern und vom War­ten berich­tet, das heißt, genau­er, davon berich­tet, dass sie um ihre Schwes­ter bis­her nicht trau­ern konn­te, so wie sie sich das Trau­ern gewünscht hat­te, weil der Kör­per ihrer Schwes­ter gegen­wär­tig, noch in die­ser Welt gewe­sen sei. Manch­mal habe sie dar­an gedacht, ihre gelieb­te Schwes­ter zu besu­chen, sie noch ein­mal zu berüh­ren. Wir stan­den vor einer Kir­che. Um uns her­um fröh­li­che, von Last und Anfor­de­rung befrei­te Stu­den­ten. Sie hat­ten ihren ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­kurs an die­sem Tag abge­schlos­sen, und den Men­schen, die ihre Kör­per spen­de­ten, betend gedankt. Auch die alte Frau schien nun leich­ter gewor­den zu sein, ent­schlos­sen. — Wie sie sagt, sie kön­ne ihre Schwes­ter jetzt end­lich beer­di­gen. — Und wie sie kurz dar­auf durch die Men­ge jun­ger Men­schen ver­schwin­det, ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res. — stop



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