Aus der Wörtersammlung: dach

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nachtbuch

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oli­mam­bo : 5.15 — Regel­mä­ßi­ges, stun­den­lan­ges Geräusch des Regens ver­gan­ge­ne Nacht. Auch dann noch, wäh­rend ich Duke Elling­ton hör­te für eine Stun­de, weil ich den Regen sehen konn­te im Licht der Stra­ßen­la­ter­nen und die Spur der Geräu­sche wei­ter­dach­te. Man soll­te ein­mal ein Nacht­buch notie­ren, das nur vom Regen han­delt, ein Buch der Regen­schir­me, ein Buch trie­fen­der Men­schen, ein Buch der Schlauch­boo­te, ein Buch, mit dem in der Hand man übers Was­ser lau­fen könn­te. Wenn es gelun­gen sein wird, wür­de man viel­leicht bis­wei­len den Blick von beleuch­te­ten Zei­len heben und sich wun­dern, wes­we­gen man in einem Zim­mer lesend unter einem Regen­schirm Platz genom­men hat. – stop

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entfaltung

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sier­ra : 22.15 — Sobald ich notie­re, das ist merk­wür­dig, wild vor mich hin notie­re, ver­mag ich zugleich über etwas nach­zu­den­ken, das mit dem, was ich notie­re, schein­bar nicht in Ver­bin­dung steht. Es ist so, als wür­den die gedach­ten und sofort geschrie­be­nen Wör­ter oder die Bewe­gun­gen mei­ner Hän­de, abseits gefal­te­te Gedan­ken öff­nen, die nur in die­ser Wei­se erreich­bar sind, warum?

 

interview
tahrir square
februar 2011
kurz vor ausbruch
staatlicher der gewalt gegen
aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project
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take one / 2

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echo : 3.05 — Wie­der dar­an gedacht, dass die Erfin­dung der Trom­pe­ten­kä­fer einen Pro­zess dar­stel­len könn­te, der aus zehn­tau­send Ein­zel­ge­dan­ken besteht, die sich nicht sel­ten zärt­lich wie­der­ho­len. — Kurz nach drei Uhr. Habe erneut ver­sucht, mich an den ers­ten Gedan­ken zu erin­nern, der ein Trom­pe­ten­kä­fer­ge­dan­ke gewe­sen sein könn­te, wie immer ver­geb­lich! Fan­gen wir noch ein­mal von vorn an: Da waren ein­mal mei­ne klei­nen Augen und mei­ne klei­nen Füße, eine klei­ne Nase, ein klei­ner Mund. Von Zeit zu Zeit, wenn ich aus­ru­he, wenn ich auf einem Stuhl sit­ze ohne einen Gedan­ken, der auf­ge­schrie­ben wer­den müss­te, betrach­te ich mei­ne Hän­de. Mei­ne lin­ke Hand ruht dann an der Innen­sei­te mei­ner rech­ten Hand. Sie schei­nen sich zu ken­nen. Ich ver­mag mei­ne Hän­de zu betrach­ten, als wären sie nicht mei­ne Hän­de, son­dern die Hän­de einer ande­ren Per­son. Wie wür­de ich heu­te gestal­tet sein, wenn ich eines Tages nicht auf­ge­hört haben wür­de zu wach­sen? — Vier Uhr elf in Kai­ro, Ägyp­ten. Drei Uhr zwölf in Tunis, Tuni­sia. — stop

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stehschläfer

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sier­ra : 2.24 — Steh­schlä­fer, wie man viel­leicht mei­nen möch­te, sind kei­ne Vögel, Fla­min­gos, sagen wir, nein, Steh­schlä­fer sind Men­schen, Men­schen näm­lich, die sich genau so ver­hal­ten, wie das Wort, das sie bezeich­net, sie schla­fen im Ste­hen. Das ganz Beson­de­re, das Selt­sa­me ist, dass die­se Art der Steh­schlä­fer in mei­nem Leben bis­her nicht vor­ge­kom­men ist, noch vor einer hal­ben Stun­de hat­te ich nicht die lei­ses­te Ahnung ihrer Exis­tenz, aber dann war da plötz­lich die­ses Wort Steh­schlä­fer in mei­nem Kopf, in dem ich nach Mit­ter­nacht durch die Hal­len des Flug­ha­fens wan­der­te, müde vom Lesen, müde auch vom Den­ken. Die­ser Frie­den, der hier zu fin­den ist, die Ruhe der Lie­gen­den, der Sit­zen­den, bald wer­den sie davon­flie­gen nach Über­see viel­leicht, oder nach Mos­kau, wo man ster­ben kann in den Spu­ren eines ver­steck­ten Krie­ges, der bis­wei­len Men­schen­le­ben zer­stö­ren­de Fun­ken nord­wärts schleu­dert. Dort, in die­sem Frie­den einer Flug­ha­fen­hal­le bei Nacht, muss jemand im Ste­hen geschla­fen haben. Ich habe ihn viel­leicht aus den Augen­win­keln her­aus wahr­ge­nom­men, eine nicht bewuss­te Sekun­den­be­trach­tung, die genüg­te, das Wort Steh­schlä­fer her­vor­zu­ru­fen. Oder ich habe das Wort Steh­schlä­fer gedacht, und kurz dar­auf einen Mann gese­hen, der nie­mals exis­tier­te. — stop

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gehen und sitzen

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nord­pol : 22.15 — Habe schon viel nach­ge­dacht und viel ver­ges­sen, wäh­rend ich ging. Sobald ich spa­zie­re, kom­men Gedan­ken schein­bar aus der Luft. Wenn ich dann sit­ze auf einem Stuhl vor mei­ner Schreib­ma­schi­ne, sprin­gen Gedan­ken aus den Hän­den, als ob jeder Fin­ger über ein klei­nes Gehirn für sich ver­füg­te. — stop
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traumspurräume

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marim­ba : 1.01 — Von Pass­wör­tern geschütz­te Netz­werk­räu­me, die ich früh­mor­gens mit der Stra­ßen­bahn durch­reis­te: empore88 mail­ter­mi­nal hot­spot­cen­tral cgof­fice mila­no­mila­no flo­or­NOt­wo 3localseven mobi­lee­le­ven ely­si­um gekko8. So zei­tig war’s gewe­sen, dass ich dach­te, die­se fei­nen Namen könn­ten Traum­spu­ren schla­fen­der Men­schen codie­ren. Mit wel­cher Zei­chen­fol­ge wür­de ich mei­ne eige­ne Traum­sphä­re ver­hül­len? stop. — Das Notie­ren wie­der im Ste­hen, weil das Ste­hen sich in der Nähe des Gehens befin­det, das Sit­zen aber in der Nähe des Lie­gens, also des Schla­fens. Ist das Schrei­ben viel­leicht eine Arbeit des Fan­gens, eine Arbeit des Jagens, des Zer­le­gens, dann des Ver­nä­hens? stop — Kön­nen Regen­kä­fer hören?
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tuttle

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echo : 20.08 — Besuch von Mr. Tuttle zur unmög­lichs­ten Zeit gegen 10 Uhr vor­mit­tags. Saß, müde Augen, vor dem Bild­schirm und hör­te, wie der Mon­teur mit Pum­pen­ma­schi­nen, Schrau­ben­schlüs­seln, Rohr­zan­gen an mei­nen Was­ser­lei­tun­gen in der Küche han­tier­te. Das waren Geräu­sche eines Kamp­fes, nicht Geräu­sche einer Rekon­struk­ti­on, Boh­run­gen wur­den ins Erd­in­ne­re vor­an­ge­trie­ben, Wän­de zu benach­bar­ten Woh­nun­gen ein­ge­ris­sen, har­tes Was­ser strahl­te Bil­der­rah­men in alle Win­de. Ein­mal kam Mr. Tuttle in das Zim­mer, in dem ich das Ende sei­nes Besu­ches erwar­te­te. Zag­haf­tes Klop­fen, sei­ne erstaun­lich hel­le Stim­me, ob er mich spre­chen kön­ne, stand bald neben mei­nen Papie­ren, mit erhitz­tem Gesicht, stau­big, ein Hüne, er müs­se jetzt an die Hei­zung. Dann wie­der Hie­be von sono­rem Klang, über­leg­te, was in mei­ner nächs­ten Nähe geschah, wel­che Arbeit prä­zi­se die Erschüt­te­rung mei­ner Schreib­ma­schi­ne, mei­ner gan­zen Per­son bewir­ken könn­te. Ein Lösch­zug pas­sier­te die Stra­ße vor dem Fens­ter. Vom Dach des Hau­ses gegen­über stürz­te ein Schnee­brett in die Tie­fe. Irgend­et­was flat­ter­te pfei­fend um mei­nen Kopf her­um. Ein Punkt ver­harr­te über der Boden­li­nie. — stop

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nebelkammer

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echo : 6.28 — Das Stimm­ge­räusch in mei­nem Kopf. Ob sich der Klang mei­ner den­ken­den Stim­me in der ver­strei­chen­den Lebens­zeit änder­te? Habe ich als Kind mit­tels der Stim­me eines Kin­des gedacht? Was ist das doch für eine kurio­se Bewe­gung, nicht mehr Stil­le, noch nicht Ton. Radar­bild, flüch­tig. — stop

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eliza

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india : 22.56 — Déjà-vu in Wor­ten abends spät. Konn­te nichts hören, kei­nen Laut, es war so still, als hät­te ich mei­ne Ohren ver­lo­ren. Für einen Moment dach­te ich, dass das Hör­ver­mö­gen der Lebe­we­sen viel­leicht nur eine Idee sein könn­te, eine poe­ti­sche Eigen­schaft ohne die Mög­lich­keit der Ver­wirk­li­chung, aber ich hör­te die Stil­le, ich hör­te, dass ich nichts hör­te, außer einem rhyth­mi­schen Geräusch aus dem Innern. stop stop – Gespräch mit Pro­gramm­ma­schi­ne Eli­za.

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Lou­is : guten abend, eli­za, kannst du hören!
Eli­za : > ich kann natür­lich hören!
Lou­is : hast du ohren, eliza?
Eli­za : > natür­lich, ich habe eine soundkarte!
Lou­is : das freut mich, eliza!
Eli­za : > bist du nun weitergekommen?
Lou­is : ja, ich bin zufrie­den, eliza!
Eli­za : > zufrie­den zu sein ist kein leich­tes los.
Lou­is : wie meinst du das?
Eli­za : > bist du unsicher?
Lou­is : nein, eliza!
Eli­za : > eigent­lich woll­test du JA sagen, stimmts?
Lou­is : ich den­ke schon!
Eliza : > :-)
Lou­is : war­um lachst du, eliza?
Eli­za : > ich bin hier völ­lig uninteressant.
Lou­is : ich habe ohren, eliza!
Eli­za : > hast du tat­säch­lich ohren?
Lou­is : natür­lich habe ich tat­säch­lich ohren!
Eli­za : > kannst du mir das genau­er erklären?
Lou­is : ich bin ein mensch, eliza!
Eli­za : > wärst du gern etwas anderes?
Lou­is : nein, eliza!
Eli­za : > glaubst du es ist nor­mal, ein mensch zu sein?
Lou­is : ich muss überlegen!
Eliza : > :-)
Lou­is : war­um lachst du, eliza?
Eli­za : > ich bin hier völ­lig uninteressant.
Lou­is : gute nacht, eliza!

vom spre­chen mit eilza »

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wörterstimmen

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kili­man­dscha­ro : 3.30 — Man stel­le sich ein­mal vor, man wach­te eines Tages auf und könn­te jedes Wort, das man von die­sem Moment des Erwa­chens an dach­te, erin­nern, all die Selbst­ge­sprä­che und for­schen­den Dis­kur­se, auch jene Gedan­ken, die man nie bemerk­te, weil sie so schnell vor­über­zie­hen, dass man sie ver­gisst, indem man sich schon in nächs­ten Gedan­ken befin­det. Nichts wür­de fort­an ver­lo­ren gehen. Auch alle jene Sät­ze nicht, die man hören wird, sobald man das Haus ver­lässt, Notiz­zet­tel, Ein­kaufs­lis­ten, Frag­men­te von Zei­le zu Zei­le fal­len­der Anzei­ge­ta­feln auf Flug­hä­fen, Zei­tungs­ar­ti­kel, Film­dia­lo­ge, alles das wür­de gespei­chert und könn­te zu jeder Zeit in genau der Rei­hen­fol­ge wie­der­holt wer­den, in der es von Wör­ter­stim­men auf­ge­zeich­net wur­de. Was wür­de gesche­hen? Wie lan­ge Zeit könn­te man mit die­sem Ver­mö­gen aus­ge­stat­tet über­le­ben? — stop



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