alpha : 0.05 — Ein Datenspeicher, in dem alle je von Menschenhand geschriebenen Zeichensätze versammelt sein werden. Meine Schreibmaschine, ein Albtraum, könnte mit diesem frei schwebenden Gedächtnis in Verbindung stehen. Und während ich nun notiere, würde unverzüglich angezeigt, ob der gerade gedachte Satz bereits aufgeschrieben wurde oder nicht. — Schneeflocken, Früchte, leiseleicht, die aus Nachtbäumen fallen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: dach
auf dem viktualienmarkt
olimambo : 2.10 — Ein Eichhörnchen am Nachmittag, wie es durch den warmen Schnee springt. Immer wieder hält das Tierchen an, dreht sich nach mir um, betrachtet mich, als ob es meine Gedanken ahnen würde. Einmal sage ich leise zu ihm hin: Fürchte Dich nicht! Ich jage nur mit dem Kopf. – Das war auf dem Münchener Viktualienmarkt gewesen vor wenigen Stunden. Die Tage nun länger, bald wird Frühling und Menschen und das Bier und der Kaffee werden in Strömen fließen. Wieder, wie so oft schon, wenn ich von Bude zu Bude laufe und meine Nase in den Gewürzwind stecke, schau ich nach dem Achternbusch, Herbert. Würd’ gern einmal ein paar Worte mit ihm wechseln. Gestern war von ihm nichts zu sehen gewesen, weshalb ich ganz einfach an ihn gedacht habe, an eine Filmsequenz, deren Besichtigung mich um ein Haar das Leben gekostet hätte. Herbert Achternbusch in einem Tierhaus des zoologischen Gartens Hellabrunn. Er steht unter einem Faultier, das unbeweglich, und zwar sehr lange Zeit, an einem Ast hängt. Der Dichter bewundert die Klauen des Tieres und auch die Natur, was sie so macht. Kurz zwinkert das Faultier mit den Augen. Und Achternbusch ruft: Ja, da schau her, du bist ja ein Scheinschlaftier! – Guten Morgen, gute Nacht! — stop

j.d.salinger : 160 west 71st street
tango : 2.15 — Kurz nach Mitternacht beginnt es zu schneien. Sitze mit Schreibmaschine vor dem Fenster und übe das Fangen einzelner Flocken mit den Augen. Ich mache das genau so, wie ich’s als Kind schon machte, aber die Lichtpelze dieser Stunden fallen aus der Dunkelheit, während sie sich damals aus hellen Wolkenräumen lösten, deren Tiefe nie zu ermessen gewesen war. — Eine seltsame Nacht ist das heute. Ich habe eigentlich viel zu tun, und doch sitze ich hier am Fenster und schaue himmelwärts und denke an Salinger, an den großen geheimnisvollen Schriftsteller, der gestern gestorben sein soll. Ich hatte vor wenigen Wochen noch einen Ballon in meine Spazierkarte der Stadt New York eingetragen, um ein Gebäude in der 71. Straße West zu markieren, das Hotel Alamac genauer, Handlungsort der Geschichten um Franny und Zooey. Ich dachte mir, hier wirst Du einmal in den kommenden Jahren für Tage lungern und notieren und warten, auf J.D. Salinger warten, darauf warten, dass Dir der alte Mann erscheinen möge. Und so wird das nun also anders werden. Aber wirklich merkwürdig ist folgende Einsicht, die ich gewonnen habe in den vergangenen Stunden. Menschen, die so bescheiden lebten, dass man sie für nicht wirkliche Wesen ansehen konnte, werden wahrhaftig, werden lebendig, sobald man ihr Lebensende meldet. – Und jetzt wieder der Himmel und sein Licht. Zwanzig Uhr zwölf in Port-au-Prince, Haiti. — stop
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schweizer jazz : paul nizon
india : 0.03 — Gestern bin ich Paul Nizon wiederbegegnet. Durfte beobachten, wie er in Paris eine seiner Arbeitswohnungen spazierte. Natürlich waren zwischen ihm und mir eine Kameralinse, ein Bildschirm und dort etwas vergangene Zeit aufgespannt. Trotzdem konnte ich ihn gut erkennen. Er trägt jetzt einen kleinen runden Bauch vor sich her und sein Haar ist grau geworden, und doch ist er ganz der alte, verehrte Schriftsteller geblieben. Vor allem seine schöne Stimme, das sorgfältige Sprechen, die warme Melodie der Sprache, das Schweizerische, hier waren sie wieder, und auch das Tonbandgerät, das auf einem Tisch ruhend die Luftwellen der notierten Sätze eines Tages erwartete. In diesem Moment, grad ist Dienstag geworden, erinnere ich mich, dass ich Paul Nizon einmal persönlich begegnet war in der Straße, in der ich wohne, und daran, dass ich damals dachte: Er ist kleiner, als ich erwartet habe. Er trug einen grauen Mantel, weiß der Teufel, weshalb ich die Farbe seines Mantels gespeichert habe, und einen Hut, nehme ich an. Und da war noch etwas gewesen, mein Herz nämlich schlug in einer Weise, dass ich’s in meinem Kopf hören konnte. — Ein Frühlingsabend. — Ja, ein Frühlingsabend. — Und ich sagte zu mir: Louis, reg dich nicht auf! Du bist an einem flanierenden Geist vorüber gekommen. – Nacht. stop. Schnee. stop. Flügel. — stop
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zigarillo
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : ZIGARILLO
Mein lieber Jonathan, Depesche westwärts. Habe an diesem endenden Tag viele Stunden lang Herzen betrachtet und über Zeppelinfluchthandtaschen nachgedacht. Bald noch ein wunderbarer Film, Blue in the face, ein Film, der mir so vertraut geworden ist, dass ich ihn in meinem Kopf abspielen könnte wie einen Traum. Ich müsste dann Folgendes träumen in der zweiten Minute der Zeit, einen Tabakwarenladen träumen, das Jahr 1995 nahe Prospect Park in Brooklyn, Lou Reed, wie er hinter der Theke des Ladens steht. Er raucht ein Zigarillo, nimmt einen tiefen Zug, beginnt zu sprechen, ruhig, entspannt. Er sagt: Ich denke einer der Gründe, weswegen ich in New York lebe ist, weil, ich kenn mich aus in New York. In Paris kenn ich mich nicht aus. Ich kenne mich nicht aus in Denver. Ich kenn mich nicht aus auf Maui, und ich kenn mich nicht aus in Toronto. Und so weiter und so fort. Ich tu’s also fast aus Bequemlichkeit. Na ja, ich kenne kaum jemanden, der in New York wohnt und nicht gleichzeitig sagt: Ich geh weg! Also ich denke auch schon lang übers Weggehen nach, ungefähr seit 35 Jahren. – Ja. — Ich bin jetzt fast so weit. – Schlafen sie wohl, mein lieber Kekkola, wo auch immer Sie sind! Ihr Louis
gesendet am
21.01.2010
23.32 MEZ
1518 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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hispaniola
sierra : 22.02 — Männer, die mit bloßen Händen Trümmerberge durchsuchen. Der Fuß eines Kindes, staubig, das unter einer Betondecke gefangen liegt. Erdige Straßen, gesäumt von verwesenden Körpern. Eine tote Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Ein Mädchen, wie im Traum, nicht ansprechbar, ihr Blick in die Ferne gerichtet, wie sie durch eine Menge stammelnder Menschen schreitet. Weinende Stimmen. Verstörte Kindergesichter. Rufen. Durst. Verzweiflung. Inferno. Flimmerbilder. — Im Zug nach Süden erzählt eine Frau, die in Haiti geboren wurde und viele Jahre dort lebte, von dem Land, von dem Volk, das sie liebt, und alle Reisenden, die in ihrer Nähe sitzen, hören ihr zu, gebannt, mitfühlend, fragend. Einmal sagt sie, dass die Bewohner der Stadt Port-au-Prince, die ihr Leben unter Korruption in größter Armut auf einer heißen Erdmantelfalte zeitigen, nie an die Gefahr gedacht haben würden, in der sie sich in jeder Minute ihrer Existenz befanden. Niemand habe mit einem Erdbeben dieser Stärke gerechnet, obwohl ein Erdbeben genau dieser Intensität lange vorhergesagt worden sei. Eine Frage der Zeit, alles eine Frage der Zeit, sagt die Frau, und sieht aus dem Fenster des Zuges, auf Schnee, der in der Dämmerung bläulich schimmert. Man denkt, verstehen Sie, man denkt nicht an Erdbeben, an eine Gefahr, die nicht sichtbar ist, wenn man in Sterbensarmut lebt. Man denkt an sauberes Wasser. Man denkt an Brot. Man denkt an das Überleben der Kinder von Abend zu Abend.

wortpropeller
nordpol : 2.05 — Da war wieder ein hell klingendes Propellergeräusch, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch summieren wollte zu einem Geräusch hunderttausender Fliegentiere, hatte ich den Verdacht, dass mit meiner Erinnerung etwas nicht ganz in Ordnung sein könnte. Ein Schwarm der Ordnung Ephemeroptera. stop. Im Geistraum meiner Papiere kaum noch zu vernehmen. stop. Habe fünf oder sechs Schwarmerscheinungen beobachtet, lautlos wirbelnder Schnee. Und doch war da ein Ton. Ein zartes Klappern vielleicht? — Luftgeräuschworte erfinden. — stop
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marie
alpha : 0.02 — Zwei Stunden mit Anna Thomson, mit Sue in New York, mit einer Frau, die an Einsamkeit und Alkohol zugrunde geht. Wollt gern hinter die elektrische Haut meiner Filmmaschine springen, um der Geschichte eine glückliche Wendung zu geben. Einmal hielt ich die Geschichte einfach an, in dem ich ihr weiteren Strom verweigerte. Aber das ergab natürlich keinen Sinn, weil Geschichten, wie diese Geschichte, sich so lange fortsetzen im Kopf, bis sie zu Ende gekommen sind. Und an Marie habe ich gedacht, an Marie, jawohl. Wie sie verrückt geworden ist. Als ich Marie zuletzt gesehen habe, lag sie im Flur ihrer Wohnung auf dem Boden herum und sah Geckos an den Wänden sitzen und ihre Zähne klapperten und ich musste aus der Bar im Erdgeschoss eine Flasche Cognac holen und sie damit füttern, damit sie wieder so ruhig werden wollte, dass ich sie zu ihrem Bett führen konnte. Aber dort kamen ihr die Geckos sofort wieder und spazierten über die Decke und sie musste sie mit einem weiteren Glas aus dem Zimmer fegen und ihr Körper gab restlos nach und sie schämte sich, obwohl ich ihr flüsterte, dass das nicht so schlimm sei, dass ich ihr helfen würde, sich zu waschen, dass sie jetzt endlich aufhören müsse, diese verdammten Filme zu drehen, und dass sie den Schweizer zum Teufel jagen solle, der nicht ein Freund sei, sondern ein mieser, kleiner Kunde, der nur dann in ihrem Wohnzimmer über sie herfallen wolle, wenn sie so betrunken geworden sei, dass er sich vor ihr nicht mehr fürchten müsse. Aber Marie hörte mich nicht, sondern weinte und verlor schnell das Bewusstsein und ich holte den Notarzt und wir fuhren in ein Hospital, wo man sie schon kannte. Und wie ich das jetzt so schreibe, erinnere ich mich, dass Marie einmal über das Telefon eine uralte Geschichte erzählte. Sie habe zu sich gesagt, so die Geschichte, dass sie jetzt aufhören werde. Schluss mit dem ganzen Wahnsinn, Schluss mit Pornobangbang, Schluss mit der Trinkerei. Sie habe alte Schulfreundinnen eingeladen zu sich in die Wohnung. Sie habe zunächst einen Apfelstrudel gebacken und alles habe sehr schön nach Vanille geduftet. Sie habe noch die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt und nur ein ganz klein wenig getrunken und kaum sei sie fertig gewesen mit der Putzerei, seien die Freundinnen angekommen, so seien sie hereinspaziert, als würden sie einen zoologischen Garten besuchen. Sie haben, sagte Marie, Marie gefragt, ob Marie ihre Wohnung shampooniert habe. Die haben sich nicht mal gesetzt! Und so ist Marie also verrückt geworden. — Ich geh’ jetzt noch ein paar Schritte wandern im Schnee. — stop
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update


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romeo : 0.05 — Vor wenigen Minuten hatte ich das Licht über meinem Schreibtisch ausgeschaltet und etwas Lebenszeit in Dunkelheit verbracht. Ich will Ihnen rasch erzählen, warum ich so gehandelt habe. Ich war nämlich spazieren gewesen stadtwärts unter Menschen in Warenhäusern und auf einem Weihnachtsmarkt, weil ich nachsehen wollte, ob sich in dieser Welt, die wir bewohnen, etwas geändert haben könnte, da doch vor wenigen Stunden durch Unterlassung entschieden worden ist, dass Bangladesch, dass das Gangesdelta in den Golf von Bengalen sinken wird. Ich dachte, das eine oder das andere sollte doch spürbar, sichtbar, fühlbar werden, ein wenig Unruhe, ein leises Klappern der Zähne vielleicht. Aber nein, alles Bestens, alles im Lot. Und als ich wieder an meinem Schreibtisch saß, war da plötzlich ein starker Eindruck von Unwirklichkeit, das alles und ich selbst könnte reine Erfindung sein. Ich löschte das Licht über dem Schreibtisch und wartete. Und während ich so wartete, lauschte ich den Stimmen der Tiefseeelefanten, einem Orchester zartester Rüsselblumen, wie sie auf hoher See den Himmel lockten. Und als ich das Licht wieder eingeschaltet hatte, saß ich dann noch immer vor dem Schreibtisch, die Hände gefaltet. — Schnee fällt. stop. Langsam. stop. Leise. stop. – Frohe Weihnachten und ein gutes, ein nachdenkliches, ein glückliches Jahr 2010! — stop
warenmenschen
olimambo : 0.01 — Ein Film, der den Alltag sehr armer Menschen in Kairo dokumentiert. So arm sind diese Menschen, dass sie Teile ihres lebenden Körpers verkaufen. Und ich dachte noch: Du darfst nicht vergessen, was Du gerade wahrgenommen hast, solltest überlegen, was das mit Dir persönlich, mit Deiner Existenz zu tun haben könnte. Einige Stunden später hatte ich die 5‑Minutenfilmgeschichte, die der wirklichen Wirklichkeit unserer unheimlichen Zeit entnommen worden war, insofern verloren, da ich mich an sie erinnerte, als hätte ich Jahre nicht an sie gedacht, indem ich das Wort Warenhausmenschen, von eigener Hand notiert, auf einem Schreibtischzettel wiederentdeckte. — Ein Schriftzug. Der Schriftzug eines Fremden von einer Sekunde zur anderen Sekunde. Warum? — stop
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