MELDUNG. Von Meteoriten durchschlagen: Kioskdach, Via Marconi 5, 6 Uhr 08, 2 Gramm. Markise, Via dei Giardini, 5. Etage, 6 Uhr 9, 0.6 Gramm. Motorhaube, Citta Vecchia 2, 6 Uhr 10, 0.7 Gramm. Zu Sterzing, auch Vipiteno. Alle Feuersbrünste sind gelöscht. — stop

Aus der Wörtersammlung: dach
upper new york bay : elefanten
nordpol : 11.10 — Im Traum folgte mir ein Mann stundenlang, als wäre er mein eigener Schatten. Dieser Schatten führte drei junge Elefanten hinter sich her, dampfende Geschöpfe, die ohne Pause hupten. Das wäre für sich genommen eine noch eher heitere Geschichte gewesen, wenn der Dampf der Elefanten nicht bedeutet haben würde, dass es sich um gebratene Elefantentiere handelte, gekocht bis auf die Knochen. Teile ihrer Bäuche waren bereits verloren gegangen, auch von ihren Ohren waren kaum nennenswerte Reste übrig gewesen. Ich dachte mir noch, dass sie vielleicht hupten, weil sie unter Schmerzen litten, da hatte ich bereits einen Löffel in der Hand. – stop. Während einer Fahrt mit der Staten Island Fähre eine Frau, die mit sehr hoher Geschwindigkeit Platon auf einem iPad las. Das wirkte genau so, als würde sie den Text mit ihren Augen fotografieren. Nach wie vor auf der Suche nach einem Wort, das den Moment beschreiben könnte, in dem Regen auf die Oberfläche des Meeres trifft, nach einem Geräuschwort für das Verschwinden. — stop

manhattan : zuccotti park
marimba : 17.55 — Die folgende Geschichte, oder Teile dieser Geschichte, haben sich in meinem Leben nicht gerade so ereignet, wie ich sie erzählen werde. Ich habe sie mir ausgedacht, das heißt, die Geschichte, die von einer Pizzeria berichtet, ist mir eingefallen, als ich tatsächlich genau diese erzählte Pizzeria besuchte in der Greenwich Street nahe dem Zuccotti Park. Ich war einige Stunden in der Fähre zwischen Manhattan und Staten Island gependelt, hatte Geräusche aufgenommen, fotografiert und über Gerüche notiert. Saß nun auf einem Hocker am Fenster des kleinen italienischen Ladens in der Wärme, aß und trank und schaute auf den Zaun, hinter dem sich unmittelbar das Gelände des World Trade Centers befindet. Ich versuchte mir vorzustellen, wie dieser Ort den Einsturz der riesigen Gebäude überstehen konnte, was in diesen Räumen geschehen war in den Minuten der Katastrophe. Fenster könnten geborsten, Tisch und Stühle vom Luftdruck der Staubwolke durch den Raum geschleudert worden sein. Vielleicht hatten sich Menschen bis hierher geflüchtet, vielleicht waren sie verletzt, vielleicht waren sie an dieser Stelle gestorben, erstickt, erschlagen oder verbrannt. Der kleine Laden jedenfalls hatte sich gut erholt. Keinerlei Spur von der Hölle, die sich in nächster Nähe entfaltet hatte. Auch der Mann hinter dem Tresen wirkte kräftig und gesund, obwohl der Lärm der gewaltigen Baustelle hinter dem Zaun an seinen Nerven gezerrt haben musste. Ich überlegte, ob er Augenzeuge gewesen sein könnte, beobachtete ihn eine Weile, und als er sich einmal näherte, fragte ich ihn. Der Mann musterte mich mit einem schnellen Blick, ohne zu antworten. Bald stand er wieder hinter seinem Tresen, so als wäre nichts geschehen, keine Gegenfrage, kein Versuch, in der Zeit zurückzukommen. Ich konnte in diesem Moment nicht einmal sagen, ob ich tatsächlich gefragt oder mir die Frage nur vorgenommen hatte, auch ob der Mann so lange geschwiegen hatte, bis ich mich der Türe näherte, um auf die Straße zu treten, konnte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Seine Stimme in diesem Moment: It was horrible! Dann wieder das Rattern der Motorschrauber. Im Park, im berühmten Zuccotti Park, eine Handvoll Menschen von Polizisten umringt. Keine Zelte, keine Möwen, aber Tauben, Tauben, Tauben. — stop
harlem : artist südwärts
charlie : 0.06 — Kurz nach 8 Uhr abends betritt ein hochgewachsener, schöner Mann den Subwaywagon, in dem ich sitze. Er trägt eine rote Hose, die schillert, Turnschuhe von schwarzer Farbe, einen Gürtel von Schlangenhaut, davon abgesehen scheint der Mann unbekleidet zu sein, die schwarze Haut seines Oberkörpers glänzt, auch die Haut seines Kopfes, auf dem sich keinerlei Haar befindet. Er kommt also herein, Höhe 168. Straße, geschmeidig, vollzieht einen Handstandüberschlag und hängt sich, Kopf nach unten, an eine der Haltestangen, die sich in den Waggons der Linie C befinden. Eine leichte, schaukelnde Bewegung, ich könnte sagen, eine Bewegung der Ruhe vor dem Sturm, die Augen geschlossen, gleich werden sich die Arme des Mannes über das Gestänge des Waggons bewegen, er wird den Reisebehälter, der von zahlreichen Menschen bewohnt, durch den Untergrund der Insel Manhattan rattert und scheppert, durchmessen, ohne den Boden mit seinen Füßen zu berühren, lautlos, bebende Muskeln, Arme, Rücken, Bauch, indem sich ein Arm des Mannes von der Stange löst, wird er an den Schwingen einer Hand gegen den Süden fliegen, um einen weiteren Handvogel nach sich zu ziehen, bald mit Hand No 3 und Hand No 4, die beide Schuhe tragen, nach offenen Räumen zielen, um Fahrt aufzunehmen, ein segelnder Körper, mal gestreckt, dann wieder zu einem Ball geworden, der sich um eine der senkrechten Stangen windet, die das Dach des Zuges zu halten scheinen, ein Hut indessen, der mal da mal dort unter den Nasen der Staunenden vorüber kommt, gleich ist es so weit, 166. Straße, noch eine, noch eine halbe Sekunde. — stop

chelsea — warten auf schnee
alpha : 7.21 — New York. Klarer Himmel. Sonne, die warm ist, eine süditalienische Sonne, aber der Wind kalt und unberechenbar. 8th Avenue südwärts. Chelsea. High Line. East Village. Auf den Stufen des Zentralen Postamtes nahe Penn Station lungerten Menschen wie Echsen bewegungslos, Gesichter zum Stern. Jetzt schmale Straßen, Häuser von menschlicher Größe, Spielplätze voller Kinder, kaum Taxis zu sehen, Fahrräder, ausgeraubt bis aufs Gerippe an beinahe jedem Laternenmast. Bald Nachmittag, bald früher Abend. In Caféhäusern Wärme aufgenommen und in der Subway. Ich fahre eine halbe Stunde Richtung Harlem und wieder zurück und gehe weiter, immer der Blick zum Himmel, Spuren von Dachgärten zu verzeichnen. Notierte: Nach Fultonstreet Lichter der Tunnelarbeiter, Glühbirnensträuße, der Eindruck, als würde ich einen steinernen Christbaum durchfahren. Dämmerung, Ground Zero. An einer bronzenen Gedenktafel mit Klebstreifen befestigt, flattert ein Zettel wie zum Trotz im Wind, mit Namenszug und Fotografie eines jungen Mannes, der nach 9/11 an den Dämpfen des giftigen Schuttberges gestorben war. Monströse Baustelle. Gleißende Helle. Ich warte auf Schnee. – stop

fluggewicht
marimba : 8.28 — Vergangene Nacht hatte ich einen lustigen Traum. Ich saß auf meinem Sofa mit einem Engel, der vom Fliegen erzählte, davon genauer, wie es ist, eine Reise über den Atlantik zu unternehmen, wenn man ein Engel ist, Flugzeiten (2 Stunden), Flughöhe (8 Meter), Proviant, Fliegerbrille und alle diese Dinge, an die ich zuvor nie gedacht hatte. Der Engel war im Moment unseres Gespräches unbekleidet gewesen, schneeweiße Haut, 5 Zentimeter Höhe. Eine faszinierende Situation. Vor uns standen zwei große Koffer. Ich hatte sie gewogen, Gepäckstücke ausgetauscht, um das Gewicht gut zu verteilen. Und da war ein weiterer Koffer, etwas kleiner, ein Pilotenkoffer. Auch diesen Koffer hatte ich gewogen. Er war 15 Kilogramm schwer, ich sollte ihn mit mir ins Flugzeug nehmen. Wie ich den kleinen Engel fragte, warum sein Koffer so schwer geworden sei, was er denn mit sich nehmen werde nach Amerika, ein Wesen von 20 Gramm Gewicht, daran erinnere ich mich noch, und wie der Engel bald auf seinem Koffer saß und versuchte einen Reißverschluss zu öffnen. Dann wach. Regen in Strömen. Samstag. – stop

misrata
nordpol : 6.38 — Ein faszinierendes Wort geistert seit Monaten in meinem Kopf. Ich kenne das Wort schon lange Zeit, hatte ihm aber zunächst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, bis ich das Wort in dem Zusammenhang einer unheimlichen Szene hörte aus dem Mund eines Reporters, der von der libyschen Stadt Misrata berichtete. Das war im Oktober des vergangenen Jahres gewesen. Im Kühlraum eines Supermarktes lagerte der Leichnam Muamar Gaddafis auf einer Matratze, das Haar des Diktators war zerzaust, seine Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet, dünne Fäden von Blut sickerten aus zwei Wunden. Menschen standen in nächster Nähe, ihre Fußspitzen berührten das Lager des Toten. Sie standen dort auf neugierigen Füßen, um den Leichnam zu betrachten, manche fotografierten mit Handyapparaten, andere, auch Kinder waren unter ihnen, warteten in einer Schlange vor dem Gebäude darauf, eintreten zu dürfen. Ich dachte noch an den scharfen Geruch des Todes, der dort unsichtbar auf die wartenden Menschen einwirken musste, als der kommentierende Reporter bemerkte, die Bevölkerung der geschundenen Stadt würden sich aus allen Himmelsrichtungen nähern, um den Leichnam Gaddafis und den seines Sohnes zu b e ä u g e n. In diesem Augenblick war das Wort, von dem ich hier berichtete, eingetroffen, ein zartes Wort wandernder Augen. Wie sich unverzüglich in der Gegenwart dieses Wortes der Schrecken der Situation, in etwas Menschliches, beinahe Kindliches verwandelte, in ein Verhalten, das ich verstehen konnte, eine Berührung, eine Vergewisserung, dass wahr ist, wovon man hörte. Ein sanftes Wort in der Umgebung eines Krieges, ein neuronaler Hebel. — stop

sonar


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sierra : 11.28 — Im Denken von Zeit zu Zeit laut und deutlich ausgesprochene Wörter: Das ist unglaublich, nein, fangen wir noch einmal von vorn an, was habe ich zunächst gedacht? — Hörbare Sätze. Atolle. — Ich überlegte, wie viel Zeit von einem Gedanken zum nächsten Gedanken vergeht, und was in dieser Zeit, die ich ohne einen Gedanken zu verbringen meine, eigentlich geschieht. Ein seltsames Gefühl, die Vorstellung der Gedankenstille. Eine Besichtigung der Luft. Warten. Lauschen. — stop

belichtung
romeo : 0.01 — Sobald ich einen Satz seltsamer Dinge gedacht habe, freue ich mich, kann dann nicht bleiben, springe auf, wenn ich sitze, oder in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen gestanden habe. Ich sollte einmal einen Film drehen, wie ich durch die Wohnung hüpfe. Oder durch eine U‑Bahn segele. Oder im Schlaf ein Rad schlage, weil ich sehr gern im Schlaf merkwürdige Dinge vorbereite für Sätze im Wachen. - Eine Bleistiftspitze an ein leeres Blatt Papier gelegt, blitzt das Nochnichtsichtbare durch Hand und Arm in den Kopf. Alles Notieren scheint ein Vorgang der Belichtung mittels Verdunklung zu sein. — stop

radio
echo : 15.05 — Ich war einmal Besitzer eines Radios mit elektrischem Auge. Sobald ich auf einen Knopf drückte, glühte das Auge zunächst dämmernd, dann leuchtete das Auge grün wie das Wasser eines Bergsees und ich hörte seltsame Stimmen und Rauschen und Pfeifen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es existierte seit dem Jahre 1952, war also viel älter als ich selbst und musste nie zur Reparatur gebracht werden. Nur einmal hüpfte eine Taste heraus und das Radio sah fortan aus, als habe es einen Zahn verloren. An einem sehr heißen Julitag des Jahres 1974 saß ich gerade vor dem Radio ohne Zahn, als gemeldet wurde, Fallschirmjäger seien über Zypern abgesprungen. Von einem Konflikt war die Rede und das Auge des Radios leuchtete dazu und die Membran seines Lautsprechers zitterte. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass nun Krieg sei, ein wirklicher Krieg, der erste Kriegsbeginn, den ich als Wellenempfänger miterlebte. Irgendwann verschwand das alte Radio und ich bekam ein neues Radio. Dieses Radio konnte Geräusche speichern, und so speicherte ich Geräusche, singende Frösche vielleicht, oder meine Stimme, die mich befremdete, die nie meine eigene Stimme gewesen war, sondern immer die Stimme eines anderen, der ähnliche Dinge sagte. Bald machte ich mit einer weiteren Maschine Filme, nein, ich zeichnete Filme auf ein Band, den Film der Stadt Bagdad an einem Vorkriegsmorgen zum Beispiel. Die Sonne strahlte vom Himmel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwitscherte. Vielleicht saß der Vogel auf einer gepanzerten Kamera, die das Bild der leuchtenden Stadt zu mir hin übertrug. Dieser Vogel war noch Radio gewesen. — stop




