Aus der Wörtersammlung: eiche

///

lido santa maria elisabetta

2

tan­go : 22.06 UTC — Eine Welt ohne Auto­mo­bi­le ken­ne ich nicht. Auch eine Welt ohne Strom ist mir nicht bekannt. Nach Stun­den der Fahrt mit­tels Was­ser­bus­sen hin und her und her­um, muss ich des­halb an Land gehen, muss mei­ne Schreib­ma­schi­ne mit Strom ver­sor­gen, um arbei­ten zu kön­nen. Ich stell­te mir ein­mal vor, wie ich unter Vene­zia­ne­rin­nen und Vene­zia­nern sit­ze mit einer klap­pern­den Olym­pia­schreib­ma­schi­ne auf den Knien. Oder das Notie­ren von Hand in ein Notiz­buch auf schwan­ken­den Sitz­ge­le­gen­hei­ten der Dampf­schiff­chen rei­send. Man kann nie­mals erah­nen, in wel­che Rich­tung sich die Welt bewe­gen wird. Plötz­lich fährt die Stift­spit­ze unter der Hand sprung­haft vor­wärts oder rück­wärts, zieht eine Linie jen­seits geplan­ter Schrift­zei­chen, bil­det die Bewe­gung des Mee­res auf Notiz­pa­pie­ren nach. In der digi­ta­len Zeit wer­den ver­rück­te Zei­chen, Fol­ge der Mee­res­be­we­gung von dem Kor­rek­tur­ge­dächt­nis der elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne unver­züg­lich kor­ri­giert. Eine wun­der­ba­re Beob­ach­tung ist, wie ich siche­rer wer­de im Ste­hen auf dem Was­ser im Bus. Beob­ach­te­te hun­der­te Male Kno­ten­bin­dung in dem Moment, da sich das Batel­lo dem Lan­de nähert, da es anzu­le­gen wünscht, sodass es für einen kur­zen Moment selbst zu Land wird. Wie wir Men­schen dann über Brü­cken gehen, wie tan­zen. Am Abend ein­mal spür­te ich die uralte Stadt selbst unter mir schwan­ken. Da ich mich in die­sem Augen­blick dem Lido nähe­re, bemer­ke ich, dass ich die Erfin­dung der Auto­mo­bi­le bereits nach weni­gen Tagen ver­ges­sen habe. — stop
ping

///

papiere

2

del­ta : 22.58 UTC — In die­sem Moment, da die Tem­pe­ra­tur der Luft 38 °C erreicht, darf ich einen Text zitie­ren, den ich vor Jah­ren bereits notier­te. Er han­delt von Eis­pa­pie­ren und von einem beson­de­ren Kühl­schrank, den ich damals in Emp­fang genom­men hat­te, von einem Behäl­ter enor­mer Grö­ße. Ich schrieb, ich wieder­hole, dass die­ser Kühl­schrank, in wel­chem ich pla­ne im Som­mer wie auch im Win­ter kost­bare Eisbü­cher zu stu­die­ren, eigent­lich ein Zim­mer für sich dar­stellt, ein gekühl­tes Zim­mer, das wie­der­um in einem höl­zer­nen Zim­mer sitzt, das sich selbst in einem grö­ße­ren Stadt­haus befin­det. Nicht dass ich in der Lage wäre, in mei­nem Kühl­schrank­zimmer auf und ab zu gehen, aber es ist groß genug, um einen Stuhl in ihm unter­zu­bringen und eine Lam­pe und ein klei­nes Regal, in dem ich je zwei oder drei mei­ner Eisbü­cher aus­stel­len wer­de. Dort, in nächs­ter Nähe zu Stuhl und Regal, habe ich einen wei­te­ren klei­neren, äußerst kal­ten, einen sehr gut iso­lier­ten Kühl­schrank aufge­stellt, einen Kühl­schrank im Kühl­schrank sozu­sagen, der von einem Notstrom­ag­gregat mit Ener­gie ver­sorgt wer­den könn­te, damit ich in den Momen­ten eines Strom­aus­falles ausrei­chend Zeit haben wür­de, jedes ein­zel­ne mei­ner Eisbü­cher in Sicher­heit zu brin­gen. Es ist näm­lich eine uner­träg­liche Vorstel­lung, jene Vorstel­lung war­mer Luft, wie sie mei­ne Bücher berührt, wie sie nach und nach vor mei­nen Augen zu schmel­zen begin­nen, all die zar­ten Sei­ten von Eis, ihre Zei­chen, ihre Geschich­ten. Seit ich den­ken kann, woll­te ich Eisbü­cher besit­zen, Eisbü­cher lesen, schim­mernde, küh­le, uralte Bücher, die knis­tern, sobald sie aus ihrem Schnee­schuber glei­ten. Wie man sie für Sekun­den liebe­voll betrach­tet, ihre pola­re Dich­te bewun­dert, wie man sie dreht und wen­det, wie man einen scheu­en Blick auf die Tex­tu­ren ihrer Gaszei­chen wirft. Bald sitzt man in einer U‑Bahn, den lei­se sum­men­den Eisbuch­rei­se­koffer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeis­terten Bli­cke der Fahr­gäste, wie sie flüs­tern: Seht, dort ist einer, der ein Eis­buch besitzt! Schaut, die­ser glück­liche Mensch, gleich wird er lesen in sei­nem Buch. Was dort wohl hinein­ge­schrieben sein mag? Man soll­te sich fürch­ten, man wird sei­nen Eisbuch­rei­se­koffer viel­leicht etwas fes­ter umar­men und man wird mit einem wil­den, mit einem entschlos­senen Blick, ein gie­ri­ges Auge, nach dem ande­ren gegen den Boden zwin­gen, solan­ge man nicht ange­kommen ist in den fros­tigen Zim­mern und Hal­len der Eisma­ga­zine, wo man sich auf Eis­stüh­len vor Eisti­sche set­zen kann. Hier end­lich ist Zeit, unter dem Pelz wird nicht gefro­ren, hier sitzt man mit wei­te­ren Eisbuch­be­sit­zern ver­traut. Man erzählt sich die neu­es­ten arkti­schen Tief­se­ee­is­ge­schichten, auch jene verlo­renen Geschich­ten, die aus purer Unacht­sam­keit im Lau­fe eines Tages, einer Woche zu Was­ser gewor­den sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist kei­ne Zeit für alle die­se Din­ge. Es ist immer die ers­te Sei­te, die zu öff­nen, man fürch­tet, sie könn­te zerbre­chen. Aber dann kommt man schnell vor­an. Man liest von uner­hörten Gestal­ten, und könn­te doch nie­mals sagen, von wem nur die­se fei­ne Luft­eis­schrift erfun­den wor­den ist. – stop

///

am mississippi

2

alpha : 16.12 — Ramos erzähl­te ges­tern am spä­ten Abend von einer Metho­de, E‑Mail der­art zu pro­gram­mie­ren, dass sie sich kurz nach ihrem Auf­ruf vor den Augen des Lesen­den selbst zer­stö­ren oder auf­lö­sen wird, weil ihre Zei­chen hel­ler und hel­ler wer­den, bis sie unsicht­bar gewor­den sei­en. Ramos selbst will die­se Mög­lich­keit des Ver­schwin­dens pro­gram­miert haben. Wir notier­ten zur Pro­be einen elek­tri­schen Brief an mich selbst. Ich sen­de­te also einen kur­zen Text, den ich vor fünf Jah­ren bereits auf­ge­schrie­ben hat­te: 6.15 – Wäh­rend ich Stun­de um Stun­de in Ste­wart O’Nan’s Roman Last Night at the Lobs­ter lese, immer wie­der das Wort Missis­sippi im Kopf. Die Idee, dass das Wort Missis­sippi in der Fort­set­zung der Lek­tü­re nach und nach alle wei­te­ren Wör­ter und Gedan­ken ersetz­ten könn­te. In einem Wort ver­schwin­den. — stop - Sobald die E‑Mail, die mit­tels Ramos’ Pro­gramm notiert wor­den war, auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne ein­ge­trof­fen war, öff­ne­te ich sie. Tat­säch­lich, kaum hat­te ich den Cur­sor mei­ner Schreib­ma­schi­ne über den Text hin bewegt, lös­ten sich sei­ne Buch­sta­ben auf, sie ver­blass­ten, waren bald nur noch eine Ahnung auf der Netz­haut mei­nes Auges. Ramos erklär­te, alle Zei­chen, die mit­tels sei­nes Pro­gram­mes ver­schlüs­selt wor­den sei­en, wür­den für eine Minu­te zur Ver­fü­gung ste­hen, man dür­fe den Text der E‑Mail jedoch nicht berüh­ren oder den Ver­such unter­neh­men, einen Screen­shot anzu­fer­ti­gen. Jede bekann­te Metho­de des Fan­gens auf künst­li­chem Wege sei unwirk­sam. Auch eine Foto­gra­fie zu neh­men mit­tels eines gewöhn­li­chen Foto­ap­pa­ra­tes sei nicht mög­lich. Ramos, der höchst begeis­tert wirk­te, woll­te mir nicht erzäh­len, wie die­ses Ver­hal­ten pro­gram­miert sein könn­te. Was bleibt, sag­te Ramos, ist eine E‑Mail die­ser Art aus­wen­dig zu ler­nen, um sie kurz dar­auf auf Papie­ren zu rekon­stru­ie­ren. — stop

///

tasmanien

2

echo : 22.15 UTC — In den Maga­zi­nen eines Brief­mar­ken­händ­lers ent­deck­te ich kürz­lich einen beson­de­ren Brief. Der Brief war mit Post­wert­zei­chen Ita­li­ens, Frank­reichs und Groß­bri­tan­ni­ens ver­se­hen, eine nicht übli­che Art der Fran­kie­rung. Wei­ter­hin war der Brief an eine weib­li­che Per­son adres­siert, wohn­haft in einer Stadt, die über­haupt nicht exis­tiert: 85, Teatree-City / Tas­ma­nia. Unter die­ser hand­schrift­li­chen Orts­an­ga­be nun fand sich eine fili­gra­ne Bunt­stift­zeich­nung, deren Schön­heit sich zunächst im Licht eines star­ken Ver­grö­ße­rungs­gla­ses erschloss. Sie zeig­te ein Kreuz­fahrt­schiff, das eine Küs­te pas­siert, dort eine ber­gi­ge Land­schaft, dicht bewal­det. Affen, ver­mut­lich Gib­bons, waren zu erken­nen, die an ihren Schwän­zen oder lan­gen Armen in den Bäu­men hin­gen. Man­che der Affen hiel­ten die Augen geschlos­sen, ver­mut­lich, weil sie schlie­fen, ande­re schie­nen den Künst­ler selbst, der sie gestal­te­te, zu beob­ach­ten. Da waren noch zwei Pan­ther im Unter­holz, eini­ge Muscheln im Sand, und Krab­ben, und flie­gen­de Fische. Über den Stamm eines Bau­mes wan­der­ten Amei­sen, wel­che Ein­zel­tei­le eines Vogels trans­por­tier­ten, Federn, Tei­le eines Schna­bels, Kno­chen. Über einen Absen­der ver­füg­te der Brief übri­gens nicht, auch nicht über fühl­ba­ren Inhalt. — stop
ping

///

vom korallenmund

2

del­ta : 0.27 UTC — Ein ana­to­mi­sches Herz­a­toll könn­te aus der Sicht eines Notie­ren­den von fol­gen­den Rif­fen umsäumt sein: Her­zah­nung . Herz­son­de . Herz­ent­nah­me . Herz­öff­nung . Herz­rei­se . Herz­ler­nen. Oder: Ein Gedan­ke zunächst, dann ein Wort, ein ers­tes Wort, ein Satz, ein ers­ter Satz. Dort her­um wach­sen wei­te­re Gedan­ken, lang­same Tage, Tage des Sam­melns, lang­same Näch­te, Näch­te des War­tens, Land ent­steht, Land, auf dem sich’s leben und erzäh­len lässt. Zei­chen für Zei­chen, das Wach­sen eines Koral­len­mundes. stop. Spä­ter Abend. Gewit­ter­himmel. Wol­ken spa­zie­ren über die Stra­ße. – stop
ping

///

haus no 178

2

romeo : 20.33 UTC — Wie vie­le Male bin ich bereits an dem Büro im Par­terre des Hau­ses No 178 vor­über gekom­men, es müs­sen hun­der­te Male gewe­sen sein. Ein Mann sitzt dort hin­ter einem Fens­ter, der im Licht einer Lam­pe und eines Bild­schir­mes arbei­tet, ohne je sei­nen Kopf zu heben, wenn ich an ihm vor­über­ge­he. Ande­re berich­ten das Glei­che. Und das ist doch selt­sam, er scheint an dem Leben auf der Stra­ße über­haupt nicht inter­es­siert zu sein. Nie wen­det er den Kopf, als sei er fest ver­schraubt, als sei auch sei­ne Wir­bel­säu­le ver­an­kert in die­ser Hal­tung gera­de­aus auf einem Stuhl, der gleich­wohl nicht beweg­lich ist, sodass der Mann weder frei­wil­lig noch mit Ver­gnü­gen so vor dem Tisch sit­zen wird, son­dern weil er nicht anders kann. Und weil das so zu sein scheint, wird der Mann ver­mut­lich über Rada­re gebie­ten, die ihm ermög­li­chen zu wis­sen, wer an sei­ner Tür vor­über kommt. Er weiß näm­lich immer­zu genau, wer kommt und wie­der ver­schwin­det, ver­mut­lich kann er sehr gut rie­chen oder aber er kann sehr gut hören, kann mit den Ohren sehen. Er irrt sich, wie ich hör­te, nie. — stop

///

seite zweiundfünfzig

2

hima­la­ya : 0.10 UTC — Ich ent­deck­te ein Alge­bra-Buch mei­nes Vaters, in dem er arbei­te­te, als er noch jung gewe­sen war. Das Buch war ein Buch, das im Grun­de aus einem wei­te­ren Buch bestand. Mein Vater hat­te näm­lich zahl­rei­che Bemer­kun­gen an den Rän­dern der Buch­sei­ten hin­zu­ge­fügt, auch Zet­tel waren da dort ein­ge­legt, Zif­fern, Zah­len, Wör­ter, die ich nicht lesen konn­te, weil sie, mit einer sehr klei­nen Schrift, mit einem spit­zen Blei­stift in das Papier ein­ge­ritzt wor­den waren. Ich hol­te aus sei­nem Schreib­tisch, der noch immer auf ihn zu war­ten scheint, eine Lupe und folg­te den Zei­chen eine Wei­le. Da stieß ich auf eine Bemer­kung, die ich ent­zif­fern konn­te: Pau­lin­chen 8557345. Natür­lich ist die­se Geschich­te voll­stän­dig erfun­den. — stop

///

wolkenserver

2

tan­go : 8.32 UTC — Ich stell­te mir einen klei­nen Vogel vor, so groß viel­leicht wie eine Frucht­flie­ge mit einem Plu­to­ni­um­herz, ein Geschenk der Eltern an ein Kind, eine Auf­zeich­nungs­ma­schi­ne, feder­leicht, wel­che das Leben des Kin­des beglei­tet, ver­zeich­net, was das Kind unter­neh­men wird in sei­nem Leben, was es notie­ren und spre­chen, wohin es rei­sen, wie gut oder schlecht es schla­fen wird. Ein Leben aus nächs­ter Nähe, zuver­läs­sig auf­ge­nom­men und gespei­chert in einem Wol­ken­ser­ver. — stop

ping

///

nicht atmen

2

nord­pol : 18.15 UTC — Heu­te ist ein glück­li­cher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch weni­ge Stun­den Zeit, April­wind zu sein. Und die­se Blei­stif­te, die heu­te ange­kom­men sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vor­zu­stel­len trau­te. Um 17 Uhr und drei Minu­ten erreicht mich die Nach­richt der Biblio­thek, Robert Walsers Mikro­gram­me Aus dem Blei­stift­ge­biet sei­en ein­ge­trof­fen, ich könn­te sie abho­len bis 18 Uhr, also dann am Mitt­woch. Wie bin ich auf Robert Wal­ser gesto­ßen, nach lan­ger Zeit? Nun, weil ich vor weni­gen Tagen einen Mann in der Schnell­bahn beob­ach­te­te, der mit einer Lupe einen Zet­tel stu­dier­te, auf dem Schrift­zei­chen zu erken­nen waren, so klein, dass ich nicht vor­zu­stel­len wag­te, ein mensch­li­ches Wesen könn­te sie von Hand auf das Papier auf­ge­tra­gen haben. Der Mann schien sehr müde gewe­sen zu sein, und ich dach­te: Ein Mensch, der in die­ser Wei­se schreibt, schreibt lei­se, war­um? — stop
ping

///

0.22 utc

2

del­ta : 0.22 UTC — Eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne, die die chi­ne­si­sche Spra­che zu buch­sta­bie­ren ver­mag, soll über etwa 3000 Zei­chen ver­fü­gen und 16 Kilo­gramm schwer sein. Eine wun­der­vol­le Vor­stel­lung. Wie lan­ge Zeit wür­de ich für Zei­chen­su­che benö­ti­gen, um auf ihr das Wort Belug­a­po­sau­ne zu for­mu­lie­ren? — stop
ping



ping

ping