tango : 1.15 – Rettete am See zur Zeit der Abenddämmerung eine Raupe, die sich dem Netz einer Klammerspinne näherte. Legte das kühle, weiche Tier in meine linke Hand und zählte mit dem Zeigefinger der anderen Hand sechzehn sehr kurze Beine. Las dann weiter in Tabucchis Buch kleiner Missverständnisse. Sehr schöne erste Sätze gefunden. Wie die Dinge so laufen. Und was sie lenkt. Ein Nichts. Manchmal beginnt es mit einem Nichts, mit einer Phrase, die sich in dieser, die sich in dieser riesigen Welt voller Phrasen, Dinge und Gesichter verliert, in einer großen Stadt wie dieser, mit ihren Plätzen, der U‑Bahn, den Menschen, die aus dem Büro hasten, den Straßenbahnen. — stop

Aus der Wörtersammlung: menschen
bagdad
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nordpol : 0.05 — In Bagdad spricht ein Reporter vor einer Fernsehkamera. Menschen, Passanten, schauen ihm über die Schulter, sie machen Victoryhandzeichen in Richtung der Kamera und lachen. Im Hintergrund kreuzt ein Cruise-Missile eine Straße. Der Flugkörper kommt von rechts und fliegt nach links, er fliegt genau in Ampelhöhe und gerade so schnell, dass er nicht zu Boden fällt. Er fliegt in einer Art und Weise, als würde er sich an Verkehrsregeln halten. Kurze Zeit später eine Detonation, kaum hörbar, aber sichtbar, eine Erschütterung des Bodens, eine Erschütterung der Luft, eine Erschütterung, die auf den Körper des Kameramannes einwirkt, die sich durch den Körper des Kameramannes fortsetzt bis zur Kamera hin und die Stabilität des Bildes beeinflusst. Auch Horizont und Himmel sind erschüttert, wie die Menschen und ihre Victoryhandzeichen. stop. Würden SIE eine 500-Pfund-Bombe nach einem Menschen werfen? — stop

doppelhelix
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echo : 0.01 — Eine Fotografie, die James Watson und Francis Crick vor ihrem Modell einer DNA-Doppelhelix zeigt. Der Eindruck, Watson würde einen an der Zimmerdecke lungernden Trompetenkäfer betrachten, dessen Gattung zum Zeitpunkt der Aufnahme sich bereits abzuzeichnen beginnt.
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Vielleicht sollte ich sagen, dass Trompetenkäfer rein pneumatische Arbeiter sind, während Posaunenkäfer sowohl pneumatische als auch mechanische Verfahren der Tonerzeugung in sich vereinigen. Drummer knallen elektrisch. Bassisten verfügen über einen Körper von ungewöhnlicher Länge, über ein Gehäuse, welches von feinsten Lamellenknochen ausgebildet sein wird. Gerade diese wohlklingenden Wesen werden eines Tages mit Zigarren leicht zu verwechseln sein. Das Erstaunliche an musizierenden Käferwesen ist, dass sie den Musiker sowohl als auch ein Instrument, das von Menschen erfunden wurde, mit sich führen, dass sie also symbiotische Wesen sind. — stop

Port-au-Prince
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marimba : 1.05 — Auf Haiti, einer Insel, essen Menschen, sobald sie ein Gefühl des Hungers verspüren, Plätzchen, das heißt, sie verzehren von der Sonne getrocknete Scheiben von Lehm, der mit Margarine und einer Handvoll Salz in Metallfässern verrührt worden ist. Kurz darauf haben die Menschen Schmerzen, aber keinen Hunger für drei Stunden. Wenn sie auf die Straße gehen, um der Welt von ihrem Hunger, der bald wiederkommen wird, und ihren Schmerzen im Bauch zu erzählen, werden sie von Soldaten der UN und Polizisten ihres Landes erschossen. stop. Von meinem Fernsehbildschirm abgenommen. stop. Zwanzig Uhr und zwölf Minuten in Port-au-Prince, Haiti. — stop

flut
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india : 2.11 — Hochwasser. Meine Wohnung ist mit dem Boot erreichbar. In den Kronen der Kastanien, gleich jenseits der Fenster, haben sich Körper toter Menschen verfangen. Gesichter, die ich kenne. Entstellt. Dunkle Haut. An den Zimmerwänden tausende Fliegen. Sobald ich mich bewege, ein Brausen der Luft. Schüsse. Zwei Kerzen noch im Schrank, drei Liter Wasser, fünf Pfund Makkaroni, eine Packung schwedisches Knäckebrot, Salz, Pfeffer, Thymian, Rosmarin, Muskatnuss. Das Wasser, warm und schwarz. Ein Kontrabass, dann ein Krokodil treiben vorüber. Die Luft, dumpf und scharf in derselben Sekunde. stop Keine Fotografie ist vorstellbar, die einen lebenden Menschen zeigt, in der nicht auch Bewegung enthalten wäre. Dagegen jene Aufnahmen von Menschen, die zur Kamerazeit bereits leblos waren. Ich begegnete einer dieser Fotografien ohne Bewegung vor wenigen Jahren im World Wide Web. Sie zeigt den Leichnam Marilyn Monroes wenige Stunden nachdem ihr Körper aufgefunden worden war. Ich habe mich an diese Aufnahme immer wieder erinnert, an das feuchte Haar der jungen toten Frau, an die Spuren der Nachzeit, die sich bereits in ihrem Gesicht abzeichneten, und auch daran, dass ich heftig erschrocken war, in die Küche stürmte und zwei Gläser Wasser trank. Als ich nun vor einiger Zeit den Namen Marilyn Monroes in die Bildsuchabteilung der Googlemaschine tippte, erschien genau dieses Bild an erster Stelle. — stop

hu jia
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6.08 — Ich besitze eine kleine Fernsehmaschine. Sie steht auf einem Brett, unter dem sich Rollen befinden, sodass sich das empfangene Lichtbild im Raum herumfahren lässt. Gestern Abend, ich saß auf dem Sofa und schaute in das Licht dieser kleinen Fernsehmaschine, kam eine junge Frau ins Bild, das heißt, genauer, die Kameramaschinen, die das Licht für meine Fernsehmaschine einzufangen, beauftragt waren, hatten sich weit weg in China auf die Gestalt dieser jungen Frau ausgerichtet und für einen kurzen Zeitraum ihres Lebens hielten sie an ihr fest, an ihrem jungen Gesicht, das voller Trauer gewesen war. — Was habe ich gesehen, was habe ich gehört? — Da war eine junge Frau, eine sehr blasse junge Frau, die in der chinesischen Sprache sprechend davon erzählte, dass ihr Mann, Hu Jia, soeben von einem Volksgericht zu 3 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt worden war, weil er sein Menschenrecht auf freie Rede ausübend gesagt und geschrieben hatte, die Olympischen Spiele des Jahres 2008 seien für die Menschenrechte in seinem Heimatland eine Katastrophe. Die junge Frau hielt ein Kind in ihren Armen, einen Säugling. Während sie sprach, bewegten sich ihre Hände in einer seltsamen Art und Weise vor Mund und Nase, Gesten von tiefer Traurigkeit und Verzweiflung, Gesten, die ihr Gesicht vielleicht vor den Lichtmaschinen schützen sollten. Ich habe gesehen, dass ihre Hände bebten. Dann war sie wieder weg und auch ihr Kind. – Fünfzehn Uhr sieben in Lhasa, Tibet. — stop

körperzeit
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15.35 – Körperzeit kennt nur eine Richtung. Die elektrische Wahrnehmung der Wirklichkeit, der gegenwärtigen wie der vergangenen Wirklichkeit, scheint dagegen niemals linear zu sein. Vielleicht deshalb, weil sich die Substanzen der Erinnerung wie Flüssigkeiten verhalten. Eine Ordnung hineinzudenken fordert Arbeit, ein Vorher und Nachher zu identifizieren, Konsequenz. Nie kann ich sicher sein, ob ich meine vergangene Zeit gerade wiederfinde oder ob ich eine ganz andere, nie dagewesene Zeit erfinde. — Habe einen Katalog jener Erscheinungen erstellt, die ich in der Google Earth Pixelwelt aufsuchen werde, beispielsweise Kamelkolonnen auf einer Wüstenoberfläche oder die Spuren des Krieges in der Stadt Grosny, Ground Zero, Goldgräbersiedlungen am Amazonas, meine alten Spazierwege in Paris, Eisverkäufer im Central Park, die kleine Stadt Petuschki und ihre Eisenbahn, Elephantisland, Menschenkarawanen auf dem Chomolungma, Soveto, Lampedusa, Alcatraz. — Null Uhr siebzehn in Lhasa, Tibet. — stop
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kiemenmenschen
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2.21 — Träumte von Kiemenmenschen, die in Schwärmen unter oder neben Mondfischen leben. Seltsame Geschichte. – Zehn Uhr sechsundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop
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particlesmaschine
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5.48 — Die Beobachtung, dass ich in der Particlesmaschine vergeblich mit der Mouse einzufangen versuchte, was ich kurz zuvor noch durch einen Code in Bewegung gesetzt hatte. Sofort ein Gefühl von Heiterkeit. Ich könnte vielleicht sagen, dass diese Beobachtung des Scheiterns an Objekten, die ich selbst geschaffen habe, grundsätzlich zu tun haben könnte mit der suchenden Bewegung schreibender Menschen. Da schwebt zum Beispiel Kentaur Billy vor Neufundland 70 Meter tief unter dem Meeresspiegel. Eine Erfindung. Eine Erfindung, die zunächst eine Entdeckung gewesen ist, die Wahrnehmung einer uralten, einer neurologisch fest geschalteten Form, die unverzüglich, blitzartig, weiter gefaltet wurde, ein Modell wenig später mit Robbenfell an der ein oder anderen Körperstelle, einem schönen Menschenkopf, der Heckflosse eines Wales und anatomisch klandestinen Verdauungsorganen eines Pferdes. Sobald dieses Wesen vor mir schwebte und sprach, war es nie wieder einzuholen, weil es in der Sekunde seiner Entdeckung, in jener ersten Sekunde seiner Existenz, sich sofort in eine jener Substanzen verwandelte, die nur unvollkommen in einen erzählenden Text zu transportieren sind, weil dieser tauchende Kentaur wie alle anderen Wesen höchst feinen Gesang aus 1 Trilliarde Ziffern erwartet. — 12.58 in Tibet. Lhasa. — stop

lichtschlitten
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0.12 — Am späten Abend, um 22 Uhr und 28 Minuten präzise, verzeichnet der Google-Index 2.850.000 Ergebnisse für die Suche nach Albert Camus in 0,15 Sekunden und für das Wort Sonne 31.500.000 Einträge in 0.03 Sekunden. Ist es Menschen möglich, einen Zeitraum von 0.15 Sekunden vorzustellen? Könnte ich, wenn ich übte, ein Gefühl bewirken, für die Zeitdifferenz zwischen 0.15 Sekunden und 0.03 Sekunden? Wie lange Zeit müsste ich mit lauter Stimme sprechend zählen, bis ich die Zahl 850.000 erreicht haben würde? Könnte ich so weit zählen, ohne einmal schlafen zu müssen? – Kurz nach Mitternacht. Ich scanne die Fotografie einer indischen Frau, die vielleicht nie erfahren wird, dass die Aufnahme ihrer Person unter der Bezeichnung darjiling.gif der Elektrosphäre zugefügt worden ist. — Das feine Geräusch der Motoren, die den Lichtschlitten ziehen. Sieben Uhr achtundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop
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