Aus der Wörtersammlung: minute

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minutengeschichte

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echo : 0.02 UTC — Im Haus der alten Men­schen in einem Flur steht ein Roll­stuhl. Eine win­zi­ge Per­son sitzt in die­sem Stuhl, so klein ist sie, dass von hin­ten her nur ein Hut von ihr zu sehen ist, der sich nicht bewegt, weil die klei­ne Per­son, eine alte Dame, ein­ge­schla­fen ist. Auf einem Sofa in ihrer unmit­tel­ba­ren Nähe hockt ein Mann, ihr Sohn. Der Sohn schaut zum Fens­ter hin­aus, es blitzt, ein Regen beginnt, der die Luft hell wer­den lässt, und dann don­nert es, und die alte Dame wird wach. Mit ihren mage­ren Hän­den, die zit­tern, nähert sie sich ihrem Sohn. Er lächelt sie an, und sie sagt zu ihm: Komm, hilf mir, ich möch­te auf­ste­hen und gehen. Und der Mann ant­wor­tet: Mut­ter, du kannst nicht gehen, Du bist seit einem Jahr nicht auf eige­nen Bei­nen gestan­den, Du bist schwer gestürzt, Du bist auf Dei­nen Kopf gefal­len, Dei­ne Bei­ne sind so dünn, dass ich sie je mit einer Hand umfas­sen könn­te. Und da sagt die alte Dame zu ihm: Ich kann gehen, ich weiß das, komm hilf mir, ich bin immer gegan­gen. War­um willst Du mir nicht hel­fen! Und sie sieht ihn an, er kennt die­sen Blick. Und es don­nert und blitzt da drau­ßen vor dem Fens­ter, ein wun­der­ba­res Gewit­ter, ganz wun­der­bar. — stop
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nachtuhr

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india : 0.06 UTC — Die­se eine Minu­te in der Nacht. Ich ste­he in der Die­le im Licht und schaue auf mei­nen lin­ken Arm. Ich mei­ne, eine Uhr zu erken­nen, die sich unter mei­ner Haut befin­det, eine win­zi­ge Uhr mit einem blau­en Zif­fer­blatt, es ist dort kurz nach 2 Uhr. Ich bin über­zeugt, die­se Uhr noch nie zuvor gese­hen zu haben. Ich gehe in die Küche und schrei­be im Halb­schlaf auf einen Zet­tel: Nachtuhr suchen. Dann schla­fe ich wie­der ein und fin­de am Mor­gen auf dem Tisch neben Äpfeln und Bana­nen mei­ne Notiz. Selt­sa­me Geschich­te. Ob viel­leicht Uhren die­ser Art exis­tie­ren, tau­chen­de Uhren. Es ist jetzt kurz nach Mit­ter­nacht. Bald wie­der schla­fen. — stop

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eine kurze pause

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lima : 0.08 UTC — Vor­ges­tern, am spä­ten Abend, führ­te ich ein inter­es­san­tes Twit­ter­ge­spräch. Eine Per­son, ein Herr oder eine Dame, erkun­dig­te sich auf direk­tem Kanal, ob es denn mög­lich sei, mei­nen eigent­li­chen Namen zu erfah­ren, weil er oder sie mich sehr ger­ne irgend­wann in naher Zukunft wegen Hoch­ver­rats an dem deut­schen Vol­ke ankla­gen wol­le. Ich hat­te mich kurz zuvor erkun­digt, ob er oder sie viel­leicht einen der „ver­siff­ten Neger“, die Euro­pa angeb­lich bedroh­ten, per­sön­lich ken­nen wür­de. Ich bat um etwas Geduld, ich wür­de mir Zeit neh­men, um ihre Anfra­ge zu ent­schei­den, müss­te zunächst dar­über nach­den­ken. Zeig Dich, Du Hund, schrie­ben der Mann oder die Frau. Ich ant­wor­te­te, ich, der Hund, befürch­te bei Offen­le­gung mei­nes wirk­li­chen Namens mög­li­cher­wei­se heu­te noch auf der Stra­ße vor mei­nem Haus wegen Hoch­ver­rats eli­mi­niert zu wer­den. Pau­se, fünf Minu­ten und 32 Sekun­den, dann ant­wor­te­te der Mann oder die Frau in groß­zü­gi­ger Wei­se, ich sol­le mich nicht auf­re­gen, ich kön­ne sicher sein, dass mir nichts gesche­hen wür­de. Wir kämp­fen für die Frei­heit der Mei­nung, gegen eine Dik­ta­tur, die Deutsch­land ver­nich­ten wol­le. Er oder sie frag­te sodann: Sind Dir Hans und Sophie Scholl bekannt? Es sei jetzt an der Zeit Wider­stand zu leis­ten, damit Deutsch­land nicht unter­ge­he, mutig und auf­recht. — stop

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nicht atmen

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nord­pol : 18.15 UTC — Heu­te ist ein glück­li­cher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch weni­ge Stun­den Zeit, April­wind zu sein. Und die­se Blei­stif­te, die heu­te ange­kom­men sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vor­zu­stel­len trau­te. Um 17 Uhr und drei Minu­ten erreicht mich die Nach­richt der Biblio­thek, Robert Walsers Mikro­gram­me Aus dem Blei­stift­ge­biet sei­en ein­ge­trof­fen, ich könn­te sie abho­len bis 18 Uhr, also dann am Mitt­woch. Wie bin ich auf Robert Wal­ser gesto­ßen, nach lan­ger Zeit? Nun, weil ich vor weni­gen Tagen einen Mann in der Schnell­bahn beob­ach­te­te, der mit einer Lupe einen Zet­tel stu­dier­te, auf dem Schrift­zei­chen zu erken­nen waren, so klein, dass ich nicht vor­zu­stel­len wag­te, ein mensch­li­ches Wesen könn­te sie von Hand auf das Papier auf­ge­tra­gen haben. Der Mann schien sehr müde gewe­sen zu sein, und ich dach­te: Ein Mensch, der in die­ser Wei­se schreibt, schreibt lei­se, war­um? — stop
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ein regenschirm

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marim­ba : 22.03 UTC – Vor einer Woche erzähl­te mir José, er tra­ge schwer an dem glä­ser­nen Auge, das er rechts neben sei­ner Nase in sei­ne Augen­höh­le ein­ge­setzt bekom­men habe. Es sei nicht das Gewicht selbst, son­dern viel­mehr die Erfah­rung eines Unfalls, eines Stol­perns, die ihm sein Auge gekos­tet habe. Auf der Trep­pe sei er einer­seits gestürzt, ander­seits unglück­lichst kol­li­diert, mit sei­nem Regen­schirm in der Hand. Er habe in den Minu­ten nach jenem ent­schei­den­den Ereig­nis kaum einen Schmerz ver­spürt. Er glau­be, der Schmerz sei so groß gewe­sen, dass sein Geist ihn aus sofort dem Bewusst­sein gesperrt haben muss. Er höre noch immer den Schrei sei­ner Frau, als sie ihn sah. Nun ist das so, erzähl­te José, da springst Du ein Leben lang in der Welt her­um und denkst nicht eine Sekun­de dar­an, dass Du ein Auge ver­lie­ren könn­test. Und jetzt wie­ge das Gewicht sei­nes glä­ser­nen Auges des­halb so schwer, weil er sich vor einem zwei­ten glä­ser­nen Auge fürch­te, er wür­de in die­sem Fal­le über kein wei­te­res Auge ver­fü­gen, es wäre dann dun­kel, und er wis­se doch aus eige­ner Erfah­rung prä­zi­se, die­ser ver­damm­te Regen­schirm, erzähl­te José. — stop
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ai : ÄGYPTEN

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Seit dem 3. Juli befin­den sich Ola al-Qara­da­wy und ihr Ehe­mann Hossam Khal­af auf­grund des halt­lo­ses Vor­wurfs zur Mus­lim­bru­der­schaft zu gehö­ren in Haft. Bis­lang hat die Staats­an­walt­schaft weder Bewei­se vor­ge­legt, die ihre Inhaf­tie­rung recht­fer­ti­gen wür­den noch wur­de den bei­den die Mög­lich­keit ein­ge­räumt, die Recht­mä­ßig­keit ihrer Inhaf­tie­rung anzu­fech­ten. Die Gefäng­nis­be­hör­den ver­wei­gern ihnen Besu­che von Rechts­bei­stän­den und Ange­hö­ri­gen. / Ola al-Qara­da­wy wird seit ihrer Fest­nah­me im Frau­en­ge­fäng­nis Al-Qana­ter im Gou­ver­ne­ment Qalyu­bia fest­ge­hal­ten. Sie ist in in einer sehr  klei­nen Ein­zel­zel­le unter­ge­bracht, die nur etwa 160 cm auf 180 cm misst und weder ein Bett noch eine Toi­let­te hat. Außer­dem sind Belüf­tung und Beleuch­tung unge­nü­gend. Ihr wird jeden Mor­gen ein ein­zi­ger täg­li­cher Toi­let­ten­gang von nur fünf Minu­ten gestat­tet. Somit sieht sie sich gezwun­gen, ihre Nah­rungs­auf­nah­me ein­zu­schrän­ken, um nicht auf die Toi­let­te gehen zu müs­sen. Rechts­bei­stän­de, die Ola al-Qara­da­wy am 5. Novem­ber im Büro der Ober­staats­an­walt­schaft für Inne­re Sicher­heit sahen, berich­te­ten Amnes­ty Inter­na­tio­nal, dass sie wäh­rend der ers­ten vier Tage im Novem­ber mit einem Hun­ger­streik gegen ihre Inhaf­tie­rung und die schlech­ten Haft­be­din­gun­gen pro­tes­tiert hat­te. / Hossam Khal­af ist inzwi­schen aus der Ein­zel­haft in eine Gemein­schafts­zel­le ver­legt wor­den. Er wird im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Tora am Ran­de der Haupt­stadt Kai­ro fest­ge­hal­ten. Obwohl er bereits seit sei­ner Inhaf­tie­rung an Augen­schmer­zen lei­det, lehnt die Gefäng­nis­lei­tung sei­nen Antrag wei­ter­hin ab, sich ent­we­der im Gefäng­nis­spi­tal oder auf eige­ne Kos­ten in einem Kran­ken­haus außer­halb des Gefäng­nis­ses unter­su­chen zu las­sen. - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 11.1.2018 unter > ai : urgent action
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nachts

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romeo : 5.22 — Es war Nacht und ich hock­te in mei­ner Küche und schäl­te sehr lang­sam einen Apfel. Kurz dar­auf hör­te ich ein rascheln­des Geräusch, des­sen Ursa­che sich in mei­nem Kühl­schrank auf­zu­hal­ten schien. Ich war­te­te eini­ge Minu­ten. Zunächst wie­der Stil­le, dann erneut ein rascheln­des Geräusch. Unver­züg­lich öff­ne­te ich die Tür zum küh­len Raum, der hell beleuch­tet war. Wie ich so auf einem Stuhl im Licht mei­nes Kühl­schran­kes saß und war­te­te, dass sich dort etwas Unbe­kann­tes zei­gen möge, das Geräu­sche ver­ur­sacht, begann ich damit, das sicht­ba­re Gut im Schrank zu befra­gen, die Mar­me­la­de zum Bei­spiel, ein Gläs­chen voll Apri­ko­sen­ge­lee, ob es denn mög­lich wäre? Oder der Senf, die Fei­gen in ihrer Fei­gen­box, But­ter­wa­ren. Aber auch das ita­lie­ni­sche Brot rühr­te sich nicht. Ich erin­ner­te mich in die­sem Augen­blick der Kühl­schrank­be­ob­ach­tung an ein Kind, das immer wie­der ein­mal die Tür eines längst ver­schwun­de­nen Eis­schranks auf­riss, um nach der Dun­kel­heit zu sehen, die angeb­lich ver­läss­lich ein­tre­ten soll­te, sobald die Tür des Kühl­schran­kes geschlos­sen wur­de. Ich leg­te mich dann wie­der ins Bett. — stop

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loop

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sier­ra : 22.01 UTC — Flug­ha­fen Ter­mi­nal 1. Ich höre eine sanf­te Frau­en­stim­me. Sie sagt: Die­se Durch­sa­ge dient der Laut­spre­cher­pro­be. Zwei Minu­ten lang wie­der­holt sie immer wie­der die­sen einen Satz. Von Mal zu Mal ver­su­che ich Abwei­chun­gen in Stim­me und ihrem Aus­druck ein­zu­fan­gen. Plötz­lich schla­fe ich ein, ohne mich an die ers­te Sekun­de, da ich nicht mehr wach war, erin­nern zu kön­nen. — Was träumst Du, Mut­ter? — stop

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