MELDUNG. Tiefseeelefanten, 225 hupende Rüsselrosen, im Saint-Lorenz-Strom kurz vor La Malbaie gesichtet. Man befindet sich in zirkulierender Bewegung. — stop
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Aus der Wörtersammlung: pen
abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 15, Luftfahrt — 8, Automobile — 421 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 1, 19. Jahrhundert – 22, 20. Jahrhundert – 455, 21. Jahrhundert — 6552 ], Trolleykoffer [ blau : 28, rot : 6, gelb : 57, schwarz : 144 ], Seenotrettungswesten [ 1088 ], physical memories [ bespielt — 5, gelöscht : 9 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treibholz [ 377 ], 2 Giraffen [ Holz / Baujahr 2012 ], Brummkreisel : 16, Öle [ 0.21 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 8, Kniegelenke – 17, Hüftkugeln – 12, Brillen – 768 ], Halbschuhe [ Größen 28 – 39 : 124, Größen 38 — 45 : 85 ], Plastiksandalen [ 754 ], Reisedokumente [ 567 ], Kühlschränke [ 2 ], Telefone [ 653 ], Puppenköpfe [ 2 ] Gasmasken [ 17 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 3, mit Taucher – 12 ], Engelszungen [ 758 ] | stop |

vom tonfilm
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marimba : 18.15 UTC – Das Haus der alten Menschen scheint ein guter Ort zu sein, um das Wesen der Zeit zu beobachten. Ich habe auf den Fluren und in den Zimmern des Hauses weder Zeigeruhren noch Zifferuhren an Wänden entdeckt, aber Pulse. Manche der alten Damen und Herren tragen Armbanduhren, manche der Uhren sind längst stehen geblieben, niemand, so kommt mir das vor, würde sie wieder aufziehen wollen oder ihre Batterien erneuern. Auch meine alte Mutter trägt eine Uhr, sie ist von einem hellen Blau, das ist wichtig, nicht welche Zeit die Uhr anzeigen mag, die blaue Uhr ist neu, weshalb sich die Zeiger der Uhr noch bewegen. Wenn man lange Zeit ganz still sitzt an einem Bett, in dem sich ein schlafender Mensch befindet, scheint das Zeitgefühl sich zu verformen. Die Zeit vergeht langsam oder sie vergeht schnell. Eine alte Dame kommt im Rollstuhl vorüber in einem Rhythmus, der als eine geheime Uhr wirksam werden könnte. Sie fährt auf und ab, wie ein Pendel, einen langen Flur hin und her. Auch die Bewegungen der Schwestern wirken wie geheime Uhren, die Ausgabe der Medikamente, das Wenden der Körper in den Betten. Die alte, pendelnde Frau auf dem Flur wird bald 100 Jahre alt geworden sein. Im Jahr ihrer Geburt wurde der Tonfilm erfunden. — stop

im dunkel
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romeo : 12.05 UTC – Plötzlich war Dunkel geworden, der Himmel bedeckt, Strom ausgefallen, stockfinster. Viele Stunden Zeit vergingen. Ich saß auf einem Stuhl, den ich ertastet hatte, und wartete, dass das Licht zurückkehren möge. Es muss bald Vormittag geworden sein, aber noch immer dunkel, eine Dunkelheit, als wäre sie gemalt. Auch im Kühlschrank kein Licht. Ich weiß, nicht, wie ich auf die Idee gekommen war, im Kühlschrank könnte noch etwas Licht zu finden sein. Ich öffnete das Eisfach, Wasser stürzte heraus und etwas Weiches, daran mochte ich nicht denken, also machte ich den Kühlschrank wieder zu und kroch zurück zum Stuhl. Ich dachte, dass ich unbedingt sofort etwas Licht finden müsste, um sicher zu sein, dass ich nicht erblindet war. Auf den Knien arbeitete ich mich in Richtung der Wohnungstür, erreichte das Treppenhaus, hörte eine Stimme. — stop![]()
polarlicht
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nordpol : 0.01 — Irgendwann einmal würde ich gerne folgende Meldung notieren: Zoologischer Garten auf Grönland jenseits des Polarkreises eröffnet. Selbstverständlich wird es sich bei diesem arktischen Tierpark nicht um eine gewöhnliche Versammlung lebender Tiere handeln. Im Park dort, frei oder in Gehegen, werden vielmehr leuchtende Tiere wohnen, schimmernde, oder in allen wunderbaren Farben, die man sich auszudenken vermag, glühende Wesen, ihre Zellen nämlich werden glühen. So werden leuchtende Antilopen unter der Kuppel des Afrikahauses über künstliche Steppengräser springen, und leuchtende Menschenaffen durch das Geäst der Nachtbäume schwingen. Und da werden leuchtende Vögel sein und ebenso leuchtende Elefanten in ihren riesenhaften Volieren. Auch die Eisbären werden leuchten und die Seehunde und Robben und Schneefüchse. Es ist deshalb gut, dass in der Polarnacht immerzu Dunkel ist. Der zoologische Garten wird rund um die Uhr geöffnet sein, warum nicht! — stop

dreiundzwanzigste etage winter
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ginkgo : 8.28 — Ich träumte, nachts auf dem Balkon eines Hotels über der Eighth Avenue zu spazieren. Es war Winter, weit unter 0 °C in New York. Heftiger Wind wehte harte Schneekristalle über den Boden des Balkons. Ich war leicht bekleidet, war ohne Schuhe, war aus einem Fenster gestiegen, wollte kurz Aussicht nehmen auf den Hudson River. Da fiel das Fenster hinter mir geräuschvoll ins Schloss. Ich gab keinen Laut von mir, wusste, dass mich niemand hören würde, ich befand mich auf dem 23. Stockwerk, die Zimmer neben meinem Zimmer standen leer. Aber da war noch ein Stuhl aus Plastik. Ich dachte, dass ich 1 Versuch haben würde, oder mit etwas Glück 2 Versuche, das Fenster zum gewärmten Zimmer mittels dieses leichten Stuhlwerks einzuschlagen. Gerade als ich den Stuhl anhob, um ihn gegen das Fenster zu schleudern, bemerkte ich eine Drohne, die sich langsam näherte. Sie blinkte. So dicht kam sie heran, dass ich meinte, sie mit meinen Händen berühren zu können. Ich erinnere mich, dass ich mehrfach das Wort H E L P mit Lippen und Augen formulierte, außerdem faltete ich meine Hände. — stop
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schlafende
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sierra : 15.02 — Ich hörte, sobald Menschen zu schlafen beginnen, sobald sie sich in Langzeitschläfer verwandeln, verschwinden schrittweise jene Menschen aus ihrem Leben jenseits der Träume, die nur selten schlafen, nur für Stunden nachts. Oder aber die Schlaflosen kehren an die Betten der Schlafenden zurück, weil sie hier in den Schläferzimmern sitzend zur Ruhe kommen. Manchmal schlafen selbst die Ruhelosen unter ihnen an den Betten der alten Menschen ein. Wie wunderbar die Herbstbaumlampen leuchten. — stop
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ein name fern und nah
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echo : 18.55 — Im Schnellzug saß eine junge Frau. Als der Zug längere Zeit halten musste, kamen wir ins Gespräch. Die junge Frau sagte, dass sie bewundere, wie schnell ich auf meiner Schreibmaschine mit den Fingern tippen könne. Sie erwähnte, dass sie in Sri Lanka geboren worden sei, aber schon lange in Europa lebe. Tatsächlich hörte ich kaum einen Akzent in ihrer Stimme. Ich fragte sie nach ihrem Namen. Welchen ihrer Namen ich wissen wolle, erkundigte sie sich, ihren europäischen, den Namen ihres Mannes, der sich mit einem Bruchteil ihres Geburtsnamens verbunden habe, oder eben den Namen ihrer Kindheit? Mit einer scheuen Handbewegung rief sie meine kleine flache Schreibmaschine zu sich herüber, nahm sie in ihre linke Hand und begann mit ihrer rechten Hand Zeichen um Zeichen zu tippen. Sie sagte: Ich schreibe ihnen, wie ich in Sri Lanka als unverheiratete Frau gerufen wurde. Vorsichtig berührte sie mit einer Fingerspitze die Tastatur auf dem Bildschirm, es dauerte lange Zeit, ehe sie fertig geworden war. Immer wieder schien sie ihren Namen zu prüfen, ob auch alles stimmte. Kurz darauf las sie mir ihren Namen vor, ein schönes Geräusch in meinen Ohren. Dann gab sie mir meine Schreibmaschine zurück und ich buchstabierte meinerseits Folgendes vorsichtig nach: Malvala Sri Brahmana Rinnayaka Tannkoan Mydiuanselage Langt Mahehika Tannkoan Sanatonga. Es war an einem Donnerstag gewesen, gegen 18 Uhr. — stop
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abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 155, Luftfahrt — 3, Automobile — 546 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 3, 19. Jahrhundert – 12, 20. Jahrhundert – 655, 21. Jahrhundert — 4532 ], Trolleykoffer [ blau : 22, rot : 8, gelb : 57, schwarz : 856 ], Seenotrettungswesten [ 12439 ], physical memories [ bespielt — 12, gelöscht : 33 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treibholz [ 458 ], 2 Krokodilpuppen [ Baujahr 1965 ], Brummkreisel : 12, Öle [ 0.22 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 83, Kniegelenke – 6, Hüftkugeln – 14, Brillen – 5688 ], Halbschuhe [ Größen 28 – 39 : 112, Größen 38 — 45 : 55 ], Plastiksandalen [ 6452 ], Reisedokumente [ 568 ], Kühlschränke [ 1 ], Telefone [ 755 ], Puppenköpfe [ 6 ] Gasmasken [ 1 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 5, mit Taucher – 14 ], Engelszungen [ 528 ] | stop |

von kevin und liesl im zug
tango : 22.52 UTC — Ich hörte, er heiße Kevin. Er sagte, er sei ohne Dach über dem Kopf. Auch im Sommer oder im Herbst sei das Leben nicht leicht, im Sommer habe er viel Durst, im Herbst fürchte er sich vor dem Winter. Er würde gern seine Geschichte erzählen, warum er so arm geworden sei, dass er keine Wohnung habe und nichts zu essen. Wenn Kevin spricht, ist seine Stimme wunderschön anzuhören. Es ist eine Stimme, die gut singen könnte, ein Tenor vielleicht. Nur das mit Kevins Geschichte ist so eine Sache, ich höre Kevins Lebensgeschichte seit Anfang des Jahres im Morgenschnellzug zum Flughafen immer wieder. Ich sollte sagen, Kevin erzählt täglich eine andere Geschichte, er ist im Grunde ein guter Erzähler, und auch ein guter Erfinder. Im Winter erzählt er Wintergeschichten, im Sommer Sommergeschichten. Gestern wurde Kevin von einer jungen, mageren Frau begleitet. Sie war sehr schmutzig. Kevin erzählte ihr, dass ich ihm manchmal etwas Geld geben würde oder eine Brezel, auch dass ich aufschreiben würde, was er berichte. Sie setzten sich neben mich. Die junge Frau sagte: Wenn man träumt, ist man im Inneren wach und warm. Am Flughafen stiegen beide mit mir aus. Wir sprachen eine halbe Stunde. Der Bahnhof war wieder einmal undicht. Regen kam von der Decke. Das Licht war teilweise ausgefallen, an den Wänden saßen ein paar dicke Kröten. Sie schnappten mit armlangen Zungen nach Tauben, die über den Bahnsteig segelten. Ich hörte, das Knochengespenst an Kevins Seite soll Lieselotte heißen, sehr seltsam dieser Name für eine recht junge Person. Ich erfuhr, dass sie Literaturwissenschaften in London studierte, sie mag gern lesen, aber sie komme nicht dazu, weil sie das Bild ihres Vaters in sich trage, der immerzu betrunken war, ein schmerzendes Bild, das hell vor ihr leuchte. Ich weiß jetzt, Bilder eines betrunkenen Vaters zu verdunkeln, erfordert ungeheure Kraft und Ausdauer. Lieselotte kann deshalb seit einem Jahrzehnt nicht schlafen. Sie mag Kevin, der so schöne Geschichten erzählt, dass sie beide von seinen Geschichten ein wenig weiterleben können. Es ist jetzt Abend. — stop



