echo : 22.56 UTC — Auf meiner Nase wurde zufällig ein Haar entdeckt, ein Haar für sich, ein einzelnes Haar, kein Bewuchs in dem Sinne von Wald, aber doch eben ein Haar wie ein Baum. Kurz nachdem ich die Meldung von der Entdeckung des Haares entgegengenommen hatte, habe ich das Haar entfernt, kein Schmerz, aber Verwunderung, weil ich doch sehr lange Zeit ohne Haar auf meiner Nase lebte. Ich fragte mich, wie ich dieses Haar übersehen konnte, es soll sich um ein durchaus gut sichtbares Haar gehandelt haben, ein silbergraues Gewächs. Nun also morgens fortan der kontrollierende Blick zu meiner Nasenspitze hin. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen an einem Tag, da die Börsenkurse stürzen, weil sich der 49. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einer Weise äußerte, dass man für möglich hält, er könnte Atomwaffen zünden. — stop

Aus der Wörtersammlung: sinn
gespräch
tango : 17.01 UTC — Ich will schnell erzählen, wie ich unlängst mit einer Maschine, während sie meinen Cappuccino zubereitete, gesprochen habe. Ich sagte: Hey, einen Cappuccino bitte. Und die Maschine antwortete: Hey, wird gemacht! Also wartete ich. Indem ich wartete, hörte ich der Maschine zu. Ich vernahm einige plausible Geräusche aus dem Inneren des Gehäuses, außerdem einige Geräusche, die nicht sehr plausibel waren. Das waren Geräusche des Pfeifens oder Singens, Geräusche, die entweder meiner Unterhaltung dienten oder weil sich die Maschine tatsächlich selbst, während sie arbeitete, eine Freude machte. Ich habe schon oft genau so wartend vor genau dieser Maschine gestanden, ich vermute, dass mich die Maschine inzwischen kennt, vielleicht sogar Zeitpunkte, da ich zu ihr kommen werde, also Gewohnheiten meines Lebens. Einmal, als ich den Standort der Maschine erreichte, war mein Cappuccino bereits fertig gewesen. Das ist schon seltsam, nicht wahr, ich begann über Fähigkeiten der Maschine nachzudenken. Kann diese Maschine vielleicht sehen oder vermag sie meinen Duft wahrzunehmen? Dass sie über einen Hörsinn oder über eine spezielle Art eines hörenden Sensors verfügt, steht für mich schon lange fest, weil sie mich begrüßt. Manchmal erkundigt sie sich nach meinen Wünschen. Mein lieber Louis, will sie wissen, einen Cappuccino oder doch etwas anderes Heißes zur Feier des Tages? An diesem Morgen, von dem ich eigentlich erzählen will, ist aber doch etwas sehr Seltsames geschehen. Vielleicht war es der Wind, jedenfalls fiel eine Papptasse aus dem Bauch der Maschine auf einen Vorsatz unter einem Hahn, aus dem bald heißer Kaffee kommen sollte. Die Tasse landete etwas schräg und verharrte in dieser Position. Die Maschine sagte zu mir: Becher bitte setzen. Mein Gott, das war seltsam! Ich dachte, wer nur hat diese Sprache erfunden, möglicherweise die Maschine selbst? Ich streckte meine Hand nach dem Becher aus. In dem Moment, da ich den Becher anheben wollte, spritzte heißer Kaffee auf den Rücken meiner Hand, weswegen ich mit leiser Stimme protestierte. Ich sagte: Verdammt! Die Maschine antwortete: Verzeihung. — stop
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früher morgen
lima : 7.30 UTC — Vor einiger Zeit einmal wachte ich auf und dachte: Heute wirst Du einen Text notieren, der reinen Unsinn erzählt. Ich trank einen Kaffee, aß einen Apfel, öffnete das Fenster und schaute auf die Straße hinunter. Dort bewegten sich Menschen. Ich beobachte, wie sie aus Straßenbahnen stiegen, wie sie die Straße überquerten, manche rauchten noch schnell eine Zigarette, andere telefonierten, manche durchsuchten ihre Taschen oder schauten in die Bäume, alle aber bewegten sich fast senkrecht vorwärts. Als ich ihnen so zuschaute, ahnte ich, dass es nicht einfach sein würde, einen Text zu schreiben, der reinen Unsinn erzählt. — stop
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late late blues
echo : 18.30 UTC — Samstag. Kaum auf den Beinen beschließe ich, ein Experiment zu wagen, an dem ich mich vor Jahren schon einmal versuchte. Ich wünschte, einen Gedanken genau so zu denken, als wäre dieser Gedanke der letzte meiner Gedanken. Die Beobachtung, dass sich bereits die Wahrnehmung eines letzten Gedankens in einer Zeit weit nach dem letzten Gedanken zu befinden scheint, als ob jedem Gedanken sofort ein Echo folgte. Vielleicht wird überhaupt jeder Gedanke niemals als Gedanke im Moment seiner Verfertigung, sondern immer nur in seiner Echospur für mich verfügbar sein. — Noch zu tun: Nachdenken über den Sandmann. — stop
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amsterdam
himalaya : 15.16 UTC — Vor wenigen Wochen erwartete ich in einem Café an der Zentralstadion die Ankunft eines Zuges aus Amsterdam. Um die Zeit zu vertreiben, suchte ich in den Archiven meiner Schreibmaschine nach einem Bild, an das ich mich aus irgendeinem Grund erinnert hatte. Ich wusste noch, dass dieses erinnerte Bild im eigentlichen Sinne kein Bild ist, unbeweglich, sondern eine Gruppe von Fotografien, die in vorbestimmter Reihenfolge rhythmisch zur Aufführung kommen. Es handelt sich in etwa um eine Serie gefangener Bilder, die einen oder vier Männer zeigen, der oder die sich in akrobatischer Weise durch vier Zimmer eines Hauses bewegen. Kurz nachdem ich das animierte Bild gefunden hatte, schaute mir ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren neugierig über die Schulter. Sie sagte: Das ist aber lustig! — Findest Du, fragte ich zurück. Das ist doch aber sehr anstrengend, was die Männer da tun! — Das Mädchen schaute mich an und verdrehte die Augen: Die Männer sind nicht echt. — stop


jazz
delta : 22.08 UTC — Ich nehme an, es könnte sinnvoll sein, dass ich, sobald ich über Echokammern nachzudenken beginne, mich zunächst nach meinen eigenen Echokammern erkundige, digitalen wie analogen Räumen, wie sie beschaffen sind, wie lange ich bereits unter ihren Filterschirmen lebe, was sich einmal da und einmal dort finden lässt, was ich höre, sehe, lese, demzufolge bald Ermittlungen möglich werden könnten über alle jene Substanzen, die ich nicht sehe, nicht höre, nicht zu lesen vermag. Es ist kurz nach 10 Uhr abends: Ich stehe mitten im Zimmer. Woran denke ich? / Daniil Charms — stop

marin
ginkgo : 15.05 UTC – Ein Botschafter soll kurz vor der Erstürmung seiner Dependance Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen haben, Dokumente, insbesondere papierene Dokumente, zu verbrennen oder mittels moderner Zerkleinerungsgeräte aus ihren natürlichen Zusammenhängen zu reißen. Nun ist gleichwohl denkbar, dass Menschen, deren Arbeiten ausschließlich als digitale Substanz gespeichert wurden, kurz vor einem drohenden dauerhaften Ausfall öffentlicher Stromversorgung, den starken Wunsch verspüren, ihre digitalen Dokumente auf Papier zu drucken, um sie in schweren Koffern mit sich auf eine Fluchtreise in die Wildnis nehmen zu können. Ich überlege ernsthaft, ob es nicht vielleicht sinnvoll wäre, eine Mappe anzulegen, in welcher sich wirkliche Papiere befinden, Aufsätze, Briefe, Notizen, die in der Gegenwart nur lesbar sind, solange ich über elektrische Grundversorgung verfüge. — Das wundervolle marineblaue Licht des Schnees in der Dämmerung. — stop

8 cent
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delta : 4.18 — Vor wenigen Stunden, es hatte gerade aufgehört zu regnen, beobachtete ich ein Rudel Eichhörnchen, das über das Dach eines nahen Hauses tollte. Ich meinte bisweilen ihre Augen durch die Dunkelheit blitzen zu sehen. Wie, dachte ich, könnten sie auf das Dach gekommen sein? Was haben sie dort zu suchen? Sind sie wirklich auf dem Dach, oder vielleicht nur eine Vorstellung, die sich nicht verwirklichen lässt? Als ich das Fenster öffnete, saßen sie plötzlich ganz still, und schauten zu mir herüber. Gegen drei Uhr notierte ich einen Brief an Mr. Ben Lauritzen: Sehr geehrter Ben Lauritzen, mit großer Freude lese ich von Ihrem Angebot, weitere Texte meiner particles – Arbeit von Ihrem Büro in Brooklyn übersetzen zu lassen. Ich bin versucht, Ihren Vorschlag zu prüfen, leider erscheint mir Ihr Angebot von 8 Cent je Wort noch deutlich zu hoch, da eine Forderung von insgesamt 31.200 Dollar auf mich zukommen würde. Wäre es für Sie vorstellbar, anstatt wortweise, zeilenweise mit mir zu verhandeln? Dass es sich bei meinen Texten nicht immer um leicht zu übersetzte Texte handelt, will ich nicht bestreiten, ich freue mich über ihre Bewertung. In diesem Sinne, lieber Ben, warte ich gespannt auf eine Antwort. Hochachtungsvoll. Ihr Louis – stop

herzhaut
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victory : 0.55 — Ein griechischer Minister soll geäußert haben, sein Land sei doch kein Lagerort menschlicher Seelen. In der Zeitung, die von diesem Ereignis berichtete, waren auf einer Fotografie Fernsehkameras und eben ein kleiner, runder Herr zu sehen, der im Moment der Aufnahme zu sprechen schien. Tatsächlich würde der Ausdruck seines Gesichtes sich gut seinem dokumentierten Gedanken fügen, der in der Bildunterschrift verzeichnet ist, ein wenig Wut dort, Empörung, gleichwohl eine Traurigkeit, die nahe der Wahrnehmung tausender Rettungswesten, die an griechischen Stränden liegen, wohltuend authentisch wirkt. Erinnerte mich an einen Satz, den Thomas Bernhard einer Kamera erzählte: Das, was niemand sieht, das hat einen Sinn aufzuschreiben. Aber zunächst ist alles noch gut sichtbar. Menschen sitzen in einem Bus, vor dem Bus tobt eine dunkle Menschenkopfwolke, die giftige Wörter spukt. Reisegenuss in gelber Leuchtschrift, wie eine Verhöhnung, ist an der Kopfseite des Busses anstatt einer Zielangabe zu lesen, wo Clausnitz stehen könnte. Einen Tag später wird der Versuch unternommen, Schuldlast in den Bus zu verschieben, es werde, sagt ein Polizeioffizier, auch gegen Geflüchtete ermittelt. Wenn man nun lange genug sprechen und schreiben wird in den Räumen der Bewegung, wird das Gewünschte zur wirklichen Wirklichkeit werden. Es ist zum Fürchten, wie früher, alles noch da, der harte Blick auf Menschen in Not, auf Menschen mit Koffern in der Hand. — stop

nahe montauk
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charlie : 3.28 — Z. erzählte vor wenigen Tagen, sie habe einen Freund besucht, der in einem Strandhaus nahe Montauk auf Long Island lebe. Er habe ihr im wortwörtlichen Sinne sein Herz geschenkt. Dieses geschenkte Herz soll sich seit zwei Jahren freischwebend in Konservierungsflüssigkeit befinden, indessen das neue Herz ihres Freundes, ein tatsächlich sehr junges Herz, sich inzwischen mit einem sehr viel älteren Körper gut angefreundet habe. Z. sagte, sie habe das Herz, welches von Glas ummantelt sei, sorgfältig in ihrem Rucksack verstaut und sei damit in den Zug gestiegen. Im Zug habe sie das Herz hervorgeholt und vor sich auf den Tisch des Abteils gestellt. Sie habe während der langen Fahrt nach New York zurück das alte Herz ihres Freundes eingehend studiert, vor allem wie sich im Meereslicht, das durch das Zugfenster einströmte, die Konturen des Herzens und seine Farben lebhaft veränderten. — stop
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