perugia

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MELDUNG. Selt­same Dinge geschehen in den win­ter­lichen Gärten zu Peru­gia. 722 Segelfal­ter der Gat­tung Iph­i­clides 5K haben sich zu Grup­pen ver­sam­melt, fliegen in For­ma­tio­nen, bilden Kugeln, Quad­er und weit­ere geometrische Kör­p­er. Bei Regen, so heute Mor­gen geschehen, stellt man exakt gezirkelte Türme in die Luft. Die Stadt wird unter Quar­an­täne gestellt. — stop

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papiersegel

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romeo : 0.05 — Das Vergnü­gen, ein Manuskript auf Papi­er zu druck­en. Die nadel­nden, sum­menden, pfeifend­en Geräusche der Mas­chine, Satz für Satz Sekun­den­seit­en. Wie ich Arbeit von Tagen, von Wochen, vor mir zu einem Segel auf den Boden bre­ite. Wie ich zufrieden und still vorm Windge­fäss im Zim­mer ste­he. Wie ich, bald wieder stür­misch gewor­den, in die Knie gehe, um weit­eren Flugsand mit der Hand aufs Papi­er zu set­zen. — Notierte : Ein men­schlich­es Gehirn ruhte in meinen Hän­den. Und ich dachte, kühl ist es und weich und schw­er. Ich hörte deut­lich eine denk­ende Stimme, als wäre da noch ein ander­er Beobachter gewe­sen, als ich selb­st. Dann bemerk­te ich, dass ich mit bloßem Auge nicht erken­nen kon­nte, in welch­er Sprache jenes Gehirn, das ich in meinen beben­den Hän­den hielt, ein Leben lang träumte, auch nicht, ob es glück­lich oder doch eher unglück­lich gewe­sen ist. Eine schweigende, eine ver­lassene, eine Welt ohne Licht. Ja, lil­i­mam­bo, das Leucht­en leben­der Men­schen!

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nahfern

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india : 5.08 — Im Kon­go, durch Bürg­erkriegs­ma­n­ip­u­la­tion, wur­den in 6 Jahren 3.800.000 Men­schen getötet. — Ist das eine Nachricht?

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auftauchen abtauchen

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kil­i­mand­scharo : 10.27 — Texte, die wie aus dem Nichts auf dem Papi­er erscheinen. Texte ohne Anfang, Texte, die inmit­ten eines Wortes begin­nen. Wal­fis­chlin­ien, deren dampfende Muschel­rück­en sich Zeile für Zeile aus dem Papi­er erheben. Ob es vielle­icht möglich ist, die Zeit langsamer verge­hen zu lassen, indem ich mich zu ihr ver­halte, wie ein Domp­teur zu einem Löwen?

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lunar caustic

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whiskey : 6.15 — Hat­te gestern Abend gegen 10 Uhr zwei Wörter auf ein Blatt Papi­er geschrieben, um sie nicht zu vergessen: Lunar Caus­tic. Jet­zt ist die Nacht vorüber und ich habe keine schreib­baren Gedanken, weil ich acht Stun­den mit meinem Lap­top auf dem war­men, hölz­er­nen Boden meines Arbeit­sz­im­mer herumgele­gen habe und nach Spuren Mal­colm Lowrys in den Archiv­en der New York Times gesucht. — 6 Uhr. Leichter Regen. Tauben­graublauer Him­mel. stop

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bellevue

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ulysses : 6.08 — Vor Jahren ein­mal ent­deck­te ich nach stun­den­langer Suche in den Archiv­en der Bay­erischen Staats­bib­lio­thek eine Fotografie auf einem Mikro­film­streifen und ich wusste sofort, dass ich dieses Licht­bild besitzen musste. Ich bat eine Bib­lio­thekarin, aus dem Mate­r­i­al das Beste her­auszu­holen, höch­ste Auflö­sung, weswe­gen ich bald einen kleinen Stapel Papiers ent­ge­gen­nehmen kon­nte, den ich im Arbeit­sz­im­mer an ein­er Wand zum Bild zurück­sortierte, zur Ansicht ein­er Straße des Jahres 1934 präzise, ein­er Straße nahe des Belle­vue Hos­pi­tals zu New York. Staubige Bäume, eilende Men­schen­schat­ten, die Sil­hou­ette ein­er alten, in den Knochen gebeugten Frau, der Wagen eines Eisverkäufers, ros­tige Hydran­ten, die spröde Stein­haut der Straße, zwei Vögel unbekan­nter Gat­tung, Spuren von Hitze, und ich erin­nere mich noch gut, dass ich eine Zeile von links nach rechts auf das Papi­er notierte: Diese Straße kön­nte Mal­colm Lowry über­quert haben, an einem Tag vielle­icht, als er sich auf den Weg machte, seinem Kör­p­er den Alko­hol zu entziehen. Und weil ich schon ein­mal damit begonnen hat­te, das Bild zu ver­fein­ern, zeich­nete ich in Worten weit­ere Sub­stanzen auf das Papi­er, Unsicht­bares oder Möglich­es. Einen Schuh notierte ich west­wärts: Hier flüchtet Jan Gabriel, weil sie Mr. Lowrys Liebe nicht länger glauben kon­nte. Da lag ein Notizbuch im Schat­ten eines Baumes und ich sagte: Dieses Notizbuch wird Mal­colm Lowry find­en von Zeit zu Zeit, er wird es aufheben und mit zit­tern­den Hän­den in seine Hosen­tasche steck­en. Schon segel­ten fiebernde Wale über den East Riv­er, der zwis­chen zwei Häusern schim­merte, ein Schwarm irrer Bienen tropfte von ein­er Fen­ster­bank, und da waren noch zwei Mäd­chen, bar­fuss, — oder tru­gen sie doch Strümpfe, doch Schuhe? — sie spiel­ten Him­mel und Hölle, ihre fröh­lichen Stim­men. Ich geste­he, dass Daisy und Vio­let nicht damals, son­dern in dieser let­zten Stunde ein­er heit­eren Arbeit­snacht ins Bild gekom­men sind.

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illuminationen

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echo : 15.08 — Das leise Gaspfeifen der marineblauen Luftschif­fkäfer, indem sie über meinem Schreibtisch steigen und sinken.

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top secret

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india : 2.15 — Wie eige­nar­tig, dass wir Men­schen seit Jahrtausenden bere­its unseren Erfind­un­gen nicht gewach­sen sind. Es ist die Geschwindigkeit der Gegen­stände ein­er­seits, die Langsamkeit der Men­schen ander­seits, die töten. Und Mord­lust. Und Ein­samkeit, Verzwei­flung, Wut, Irrsinn, Spiel­trieb, Gier.

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minutenwartezeit

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echo : 2.12 — Zwei Män­ner erin­nert, die in Madrid zu je 30000 Jahren Haft verurteilt wur­den, weil sie im März 2004 ein­hun­dertei­n­und­ne­un­zig Men­schen mit­tels von Ferne gezün­de­ter Bomben getötet hat­ten. Eine drama­tis­che Zeit­strafe, Aus­druck men­schlich­er Ohn­macht vor einem unge­heueren Ver­brechen.

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yanuk : xin

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sier­ra

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : XIN
date : mar 18 09 10.52 a.m.

Seit gestern Abend ist es wieder möglich, zu notieren, weil ich meine Schreib­mas­chine zurück­er­hal­ten habe. Mein lieber Louis, so verge­hen nun die Tage wieder schneller, als die Tage zuvor noch ohne Schreib­mas­chine, da ich auf mein­er Plat­tform Höhe 510 wartete, dass Xin, — so nenne ich das Mäd­chen, das mich meines Schreibgerätes beraubte -, sie mir zurück­geben würde, auch Bleis­tifte, Hefte und meinen Fotoap­pa­rat, die sie eines Nachts, während ich schlief, mit sich genom­men hat­te. Es ist selt­sam, wenn man so sitzt und denkt und doch über keine Werkzeuge ver­fügt, aufzuschreiben, was man dachte, wird man müde. Natür­lich habe ich in erprobter Weise, Zeichen in den Baum­stamm hin­ter mir ger­itzt, aber während ich an ihnen arbeit­ete, wusste ich doch in jed­er Sekunde, dass ich sie zurück­lassen, dass ich sie vielle­icht nie wieder­se­hen würde. Ja, man wird müde, wenn man denkt, ohne notieren zu kön­nen, als würde man in lauwarmem Wass­er liegen, im Halb­schlaf alle diese feinen, verge­blichen Stim­men im Kopf. — Ich nehme an, Du hast Dich um mich gesorgt, weil ich keine Nachricht sendete. Vor weni­gen Stun­den noch hörte ich das Geräusch eines Flugzeuges, das sehr langsam den Him­mel irgend­wo dort oben durchkreuzte. Natür­lich bin ich mir nicht sich­er, ob ich nicht doch nur ein Wun­schgeräusch hörte. Das fliegen­le­ichte Mäd­chen Xin jeden­falls schien nichts gehört zu haben. Sie ver­har­rt wieder in mein­er Nähe, hängt an einem Arm über dem Abgrund, schläft und spricht träu­mend in ihrer merk­würdi­gen Sprache leise vor sich hin. Ich wün­schte, ich kön­nte sie ver­ste­hen. Mor­gen wer­den wir auf­brechen, wer­den weit­er aufwärts steigen. Nach wie vor ist nicht zu erken­nen, woher das Licht kom­men mag, das uns so angenehm flat­ternd bestrahlt. Cucur­ru­cu — Yanuk

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20.58 UTC
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MELDUNGEN : YANUK LE TO LOUIS / ENDE

cent

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bamako : 0.02 — Tages­lohn ein­er lao­tis­chen Lan­dar­bei­t­erin : 1 Euro = 2 getrock­nete Eich­hörnchen zu je 50 Cent. — Ist das eine Nachricht?

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one man band

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himalaya : 2.10 — Ein­mal, im Alter von fünf oder sechs Jahren, beobachtete ich einen Mann, von dem nichts zu sehen gewe­sen war, als die Spitzen sein­er Schuhe, eine ram­ponierte Hose, ein rußiges Hemd und ein Hut mit Fed­er, weil der Mann von Musikin­stru­menten ger­adezu über­fall­en gewe­sen zu sein schien. Ich hat­te den Ein­druck, dass nicht der Mann auf seinen Instru­mente spielte, son­dern die Instru­mente  auf einem Gefan­genen. An diese Geschichte, von meinem damals jun­gen Gehirn vor einem wirk­lichen Bild ent­wor­fen, erin­nerte ich mich gestern Abend, während ich an der Kon­struk­tion eines Ras­selkäfers arbeit­ete. Bald geis­terte die Gestalt eines weit­eren Mannes durch meinen Kopf, auf dessen Kör­p­er hun­derte knat­ternde Käfer­we­sen Platz genom­men hat­ten. Nein, sie hat­ten sich nicht eigentlich niederge­lassen, sie waren fest mit ihm ver­bun­den, sie waren Teil, sie waren ihm aus der Haut gefahren und knis­terten und klap­perten ohne eine Pausen­zeit einzule­gen, weswe­gen es sich bei jen­em von mir eroberten Men­schen­we­sen, um eine Per­son ohne Gehör han­deln musste. Kön­nte dieser Mann glück­lich sein? Ich wüsste gerne, was nun zu unternehmen ist! Schluss jet­zt. Fan­gen wir noch ein­mal von vorne an. Heute ist Dien­stag, Früh­ling und Win­ter.

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schatten

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gink­go : 2.58 — Regen. Unabläs­siger Regen. Nachtluft mit hellen Schat­ten, als hätte das Wass­er ein Gedächt­nis von Licht.

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passagen

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tan­go : 2.58 — Das Glück, denken und aufzuschreiben zu kön­nen mit eige­nen Hän­den, was ich dachte oder was ich denke.

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lampedusa

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echo : 10.25 — In der ver­gan­genen Nacht kurz vor Europa sind 500 afrikanis­che Men­schen mit ihren Booten für immer im Meer ver­sunken. — Ist das eine Nachricht?

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