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herzschlag

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2.18 — Von Zeit zu Zeit, wenn ich in einem bota­ni­schen Gar­ten sit­ze bei­spiels­wei­se, wenn ich mir wün­sche, eine der chi­ne­si­schen Nach­ti­gal­len möge von den Bäu­men her­un­ter­kom­men und sich zu mir set­zen, hal­te ich die Luft so gründ­lich an, dass ich zu einer laut­lo­sen Erschei­nung wer­de unter scheu­en Vögeln. – Stun­den des Arbei­tens, des War­tens. — Das kaum noch wahr­nehm­ba­re Brau­sen einer Stadt jen­seits der Bäu­me, jen­seits der Mau­ern. – Trop­fen­des Was­ser. — Mei­ne Hän­de, die die Tas­ta­tur der Notier­ma­schi­ne so behut­sam berüh­ren, als wür­den sie Amei­sen­rü­cken beschrif­ten. — Weit nach Mit­ter­nacht. Es ist so still, dass ich glau­be, von fern mei­nen Herz­schlag zu hören. — stop

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popcorn

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22.38 — Die Vor­stel­lung, man könn­te ein­mal Käfer in Tüten kau­fen, so wie man Pop­corn in Tüten kau­fen kann. Käfer in grü­nen Pan­zern, die nach Pis­ta­zi­en schme­cken, und Käfer in roten Pan­zern, sie schme­cken nach Johan­nis­bee­ren, und Käfer in gel­ben Pan­zern, sie schme­cken nach Melis­se. Sobald man eine Tüte öff­net, flie­gen sie los. Sie sau­sen ein paar Run­den durch die Luft, ver­dre­hen einem den Kopf, um sich unver­züg­lich in jeden Mund zu stür­zen, der sich vor ihnen öff­net. Dort dann zer­plat­zen sie mit einem zar­ten Geräusch in einem voll­ende­ten Aro­mas­tern. — Wong Kar War’s wun­der­ba­rer Nacht­vo­gel ohne Füße, der nie­mals lan­det. — stop

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trompetenkäfer

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2.25 — Fol­gen­des. Ein Trom­pe­ten­kä­fer ist in der Mit­te, zwi­schen Kopf und Brust auf der einen, und sei­nem gepan­zer­ten Ende auf der ande­ren Sei­te, mehr­fach gefal­tet. Das sind Fal­ten einer Haut, die sofort an sehr fei­nes Rep­ti­li­en­le­der erin­nert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeu­gen wünscht, schrei­tet er mit Kopf und Brust vor­an, wäh­rend er sich mit sei­nen Hin­ter­bei­nen gegen die Lauf­rich­tung stemmt, so dass sich bei­de Seg­men­te rasch von­ein­an­der ent­fer­nen und einen Raum eröff­nen, der jene Luft mit Leder umman­telt, die durch Mund oder Kie­men in den Käfer­kör­per bereits vor­ge­drun­gen ist. Im Moment sei­ner größ­ten Ent­fal­tung wird der Käfer sei­ne Bewe­gung kurz unter­bre­chen, und wäh­rend sich nun die Bei­ne sei­nes Brust­seg­men­tes in den Boden schla­gen, arbei­ten sich die hin­te­ren Läu­fe solan­ge vor­an, bis wie­der alles schön gefal­tet ist in der Mit­te und alle Luft geräusch­voll am Mund­stück wie­der aus­ge­tre­ten. – Mil­de Luft heut Nacht. — stop

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ilse aichinger

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5.38 — Es soll jetzt Ton­fil­me geben. — Das war ein rät­sel­haf­ter Satz. Und es war einer von den ganz weni­gen rät­sel­haf­ten Sät­zen der Erwach­se­nen, die mich nicht los­lie­ßen. Eini­ge Jah­re spä­ter, ich ging schon zur Schu­le, sag­te die jüngs­te Schwes­ter mei­ner Mut­ter, wenn wir an den Sonn­ta­gen zu mei­ner Groß­mutter gin­gen, bei der sie leb­te, fast regel­mä­ßig am spä­ten Nach­mit­tag: > Ich glaub, ich geh jetzt ins Kino. < Sie war Pia­nis­tin, unter­rich­te­te für kur­ze Zeit an der Musik­aka­de­mie in Wien und übte lang und lei­den­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasan­ki­no. Es war fast immer das Fasan­ki­no, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hau­se und erklär­te meis­tens, es hät­te gezo­gen und man kön­ne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­ki­no nicht, und sie hol­te sich dort nicht den Tod. Den hol­te sie sich, und der hol­te sie gemein­sam mit mei­ner Groß­mutter im Ver­nich­tungs­la­ger Minsk, in das sie depor­tiert wur­den. Es wäre bes­ser gewe­sen, sie hät­te ihn sich im Fasan­ki­no geholt, denn sie lieb­te es. Aber man hat kei­ne Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, son­dern auch bezüg­lich der Aus­wahl der Fil­me zuwei­len bedaue­re, wenn mei­ne liebs­ten Fil­me plötz­lich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwin­den. Obwohl ich es ger­ne wäre, bin ich lei­der kei­ne Cine­as­tin, son­dern gehe sechs oder sie­ben­mal in den­sel­ben Film, wenn in die­sem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaf­ten von Eng­land oder Neu­eng­land auf­tau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast eben­so zuge­neigt bin. Ilse Aichin­ger : Mitschrift

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nachtsammlung

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2.24 — Habe 628 Optio­nen gezählt, das Wort Nacht fort­zu­set­zen. Zum Bei­spiel: Nach­ti­gal­len­af­fe Nacht­ge­wöl­be Nacht­duft Nacht­durch­schwär­mer Nacht­eu­len­ton Nacht­ge­fie­der Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pa­gei : das ist der merk­wür­digs­te aller papa­gei­en, der kaka­po von neu­see­land [ stri­go­ps hab­rop­ti­lus ], den man mit dem­sel­ben rech­te, mit wel­chen man die eulen im gegen­satz mit den fal­ken einer beson­de­ren fami­lie unter­bringt, als einen ver­tre­ter einer eige­nen fami­lie betrach­ten muss. [ nach Grimm­sches Wör­ter­buch N – Q ] — Drei Uhr zwölf. In mei­nen Zim­mern ame­ri­ka­ni­sche Stim­men. Funk­ge­räu­sche. Geräu­sche mei­ner Kind­heit. Welt­raum­ge­räu­sche. Geräu­sche, wie sie auch in Guan­ta­na­mo zu hören sind. Den Schlaf rau­ben­de Geräu­sche. — stop

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