Aus der Wörtersammlung: alt

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verzeichnen

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tan­go : 2.12 UTC — Ein Gedan­ke, den ich notie­re, der eine Spur von Zei­chen hin­ter­lässt. Oder ein Gedan­ke, den ich ger­ne behal­ten, das heißt, fest­hal­ten wür­de, aber nicht notie­ren kann, weil Notie­ren nicht mög­lich, weil es viel­leicht dun­kel ist, geht ver­lo­ren oder hin­ter­lässt einen noch tie­fe­ren Ein­druck, als wür­de ich ihn auf ein Blatt Papier oder in digi­ta­le Ver­zeich­nis­se ein­ge­tra­gen haben. Ein Käfer von dunk­ler, von roter, von gel­ber, von blau­er Men­schen­haut, war­um? — stop

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nahe warrenstreet

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alpha : 22.28 UTC — Lou­is erzähl­te mir eine hei­te­re Geschich­te, die er nicht erfun­den, viel­mehr von Mon­roe erzählt bekom­men haben will, Mon­roe, die in Brook­lyn in der Bal­tic Street seit fünf Jah­ren lebt. Sie habe, erzähl­te Mon­roe, ihre Freun­din Lil­ly besucht in der War­ren­street an einem fürch­ter­lich hei­ßen Tag im August. Sie habe Lil­lys Woh­nung betre­ten und sofort gespürt, dass etwas selt­sam ist. Das lin­ke Augen­lid Lil­lys flat­ter­te näm­lich wie ein wild gewor­de­ner Fal­ter über ihrem Aug­ap­fel her­um. Die­ses Flat­tern habe nicht auf­ge­hört, sag­te Lil­ly, seit in der Nacht vor drei Tagen über ihrem Bett ein Feu­er­alarm­mel­der ange­sprun­gen sei, ein äußerst stren­ger hel­ler Ton, der so kom­po­niert wor­den sei, dass man unbe­dingt wach wer­den müs­se, wes­we­gen sie sogleich senk­recht im Bett hock­te und nach Feu­er such­te, aber kei­ner­lei Feu­er gefun­den habe. Sie habe dann etwas abge­war­tet, aber das Wesen an der Decke woll­te sich nicht beru­hi­gen, da sei sie dann auf einen Stuhl gestie­gen und habe das pfei­fen­de, blin­ken­de Tier flugs abge­schraubt, habe ver­sucht, das Tier zu beru­hi­gen, habe Schal­ter und Knöp­fe gedrückt, dann das Tier in einen Pull­over gewi­ckelt, eine Decke dar­über gelegt, und noch eine Decke, schließ­lich habe sie ihre Hand­ta­sche geöff­net, sei auf die Stra­ße getre­ten, um zu Fuß in Rich­tung der Brook­lyn Bridge zu mar­schie­ren. Indes­sen flat­ter­te ihr Augen­lid noch immer her­um wie ein gefan­ge­ner Fal­ter, wes­we­gen sie sich sehr kon­zen­trie­ren muss­te im wil­den Stra­ßen­ver­kehr. Das Tier, das in einer Wei­se in der Hand­ta­sche pfiff, dass See­mö­wen Lil­lys Gegen­wart flüch­te­ten, habe sie dann in den East River gewor­fen, was ihrem Auge ganz offen­sicht­lich nicht sofort gehol­fen habe. — stop

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irrarm

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nord­pol : 15.38 UTC — Eine alte, ärm­lich geklei­de­te, stets ver­wirrt wir­ken­de Frau, die mir in mei­nem Quar­tier jah­re­lang immer wie­der begeg­ne­te, nie hör­te ich ein Wort aus ihrem Mund. Als ich sie ein­mal anspre­che, um ihr etwas Geld zu geben, ant­wor­tet sie mit hel­ler, kind­lich klin­gen­der Stim­me: Dan­ke! War­um tun Sie das. War­um geben Sie mir Geld? — Ich gehe wei­ter. Ich dre­he mich um, auch die alte Frau dreht sich um, sieht mir nach. In die­sem Moment den­ke ich: Du könn­test mei­ne Mut­ter sein, wärst von der Armut ver­schont geblie­ben. — stop

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herbst

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marim­ba : 8.12 UTC — Ich gehe spa­zie­ren, wo die alten Men­schen woh­nen, über Flu­re, wo die alten Men­schen sit­zen vor den Türen, hin­ter wel­chen uralte Men­schen lie­gen, die in ihren letz­ten Bet­ten schla­fen. Eine alte Dame zieht sich im Roll­stuhl sit­zend Stun­de um Stun­de am höl­zer­nen Wand­ge­län­der vor­an. Wie vie­le Kilo­me­ter ist sie so schon unter­wegs gewe­sen? Ich hör­te, sie sei 88 Jah­re alt. Wenn sie mir begeg­net, lächelt sie wie ein jun­ges Mäd­chen, fragt, war­um sie hier sei, ant­wor­tet sofort: Wohl, weil ich alt bin. Auf einem Tisch, um den her­um wei­te­re schla­fen­de Men­schen sit­zen, steht ein Tele­fon von grau­er Far­be mit einer Zif­fern­wähl­schei­be. Der Hörer des Tele­fons schwebt an einer mage­ren Hand neben einem Ohr, das lauscht. Eine wei­te­re mage­re Hand wählt Num­mer für Num­mer Stun­de um Stun­de. Drau­ßen vor den Fens­tern küh­ler, herbst­li­cher Regen. Und hier, gleich kom­me ich an ihm vor­über, das Zim­mer der alten Clau­di­ne Tul­la, sie schläft schon seit zehn Jah­ren in ihrem letz­ten Bett. Wie doch die Zeit ver­geht. — stop

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zwergseerose no 2

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nord­pol : 0.02 UTC — Als ich heu­te Mor­gen erwach­te, knis­ter­te mein lin­kes Ohr. Das war ver­mut­lich dar­um gewe­sen, weil ich auf mei­nem lin­ken Ohr meh­re­re Stun­den lang träu­mend ruh­te. Für einen Moment dach­te ich, mei­ne Ohr­mu­schel wäre von Papier gemacht. Wäh­rend ich so lag und lausch­te, erin­ner­te mich an eine Geschich­te, die ich in einem schat­tigen Laden nahe der Roose­velt Island Tram­way Basis­sta­tion West in New York vor län­ge­rer Zeit erleb­te. Ich erzähl­te bereits von dem alten Mann, der hin­ter einem Tre­sen auf Kun­den war­te­te. Er war vermut­lich ameri­ka­ni­scher Staats­bürger, doch eher chine­si­schen Ursprungs. Als ich von dem klei­nen Park her, des­sen Linden­bäume Küh­le spen­deten, in den Laden trat, ver­beug­te sich der Mann, grüß­te, er kann­te mich bereits, wuss­te, dass ich mich für Schne­cken inter­es­siere, für Wasser­schne­cken prä­zi­se, auch für wan­dern­de Seeane­mo­nen­bäume, und für Pra­li­nen, die unter der Wasser­ober­fläche, also im Was­ser, hübsch anzu­sehen sind, schwe­bende Versu­chungen, ohne sich je von selbst aufzu­lösen. An die­sem hei­ßen Sommer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzähl­te dem alten Mann, ich wür­de nach einem beson­deren Geschenk suchen für ein Kiemen­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jah­re alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lan­ge Zeit den Wunsch ver­spür­te, wie ande­re Kin­der ihres Alters zur Schu­le zu gehen, leib­haftig am Unter­richt teil­zu­nehmen, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glau­be, ich war genau zu dem rich­tigen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chine­sisch wir­ken­de Mann, freu­te sich. Er mach­te einen hel­len, pfei­fenden Ton, ver­schwand in sei­nen Maga­zinen, um kurz dar­auf eine Rei­he von Spiel­dosen auf dem Tre­sen abzu­stellen. Das waren Wal­zen- und Loch­plat­ten­spiel­dosen mit Kurbel­werken, die der Ladung einer Feder­span­nung dien­ten. Vor einer Stun­de gelie­fert, sag­te der alte Mann, sie machen schau­er­lich schö­ne Geräu­sche im Was­ser! Man kön­ne, setz­te er hin­zu, sofern man sich in dem­sel­ben Was­ser der Spiel­dosen befän­de, die fei­nen Stö­ße ihrer mecha­ni­schen Wer­ke über­all auf dem Kör­per spü­ren. Bald leg­te er eine der Dosen in ein Aqua­rium ab, in wel­chem Zwerg­see­rosen sie­del­ten. Kurz dar­auf fuhr ich mit der Tram nach Roose­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstan­den hat­te, war in das Gehäu­se einer Jakobs­mu­schel ver­senkt. Die Schne­cke leb­te, wes­we­gen ich tropf­te, weil der Beu­tel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tierte, über eine undich­te Stel­le ver­füg­te. Gegen Mitter­nacht, ich war gera­de einge­schlafen, öff­ne­te tief in mei­nem rech­ten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­rose ihre Blü­te. – stop

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swann

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tan­go : 20.10 UTC — Mile­na erzählt, sie beglei­te nahe der Stadt Cese­na ihre alte Mut­ter schon seit lan­ger Zeit. Ihre Mut­ter sei gestürzt, sie habe sich den Kopf schwer gesto­ßen, habe dann bewusst­los 16 Stun­den in ihrem Wohn­zim­mer gele­gen, ehe sie gefun­den wur­de. Ihre Mut­ter wer­de nun über eine Magen­son­de ernährt, sie wer­de nie rich­tig wach, nur immer ein wenig wach, ein blin­zeln­des Erwa­chen, ein kla­rer Blick für eini­ge Minu­ten, der ihr, Mile­na, zei­ge, dass ihre Mut­ter sie ver­mut­lich nicht erkennt. Dann schla­fe die alte Dame wie­der ein. Nach­dem eine Ärz­tin ihr emp­foh­len hat­te, mit ihrer alten schla­fen­den Mut­ter zu spre­chen, habe sie das Spre­chen ver­sucht, habe dann aber bald bemerkt, dass das Spre­chen mit einer oder zu einer Schla­fen­den hin, sehr schwie­rig sei. Sie habe sich wie­der­holt. Des­halb habe sie in der Biblio­thek der Senio­ren­re­si­denz nach einem Buch gesucht, das sie ihrer Mut­ter und viel­leicht auch sich selbst vor­le­sen kön­ne. Da sei sie auf Mar­cel Proust’s ers­ten Band der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit gesto­ßen. Sie sei im Nach­hin­ein sehr glück­lich des­halb, sie lese sehr lang­sam, sie lese so lang­sam und so lei­se wie mög­lich. Jedes Wort, das auf den Papie­ren des Buches zu fin­den sei, wer­de aus­ge­spro­chen. Ihre Mut­ter schla­fe indes­sen tief, oder aber sie höre zu, das kön­ne nie­mand so genau sagen. — stop
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leere seite

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sier­ra : 10.22 UTC — Ein­mal beob­ach­te ich einen Mann, der anhand der Gestalt von Schrift­zei­chen, die auf Brief­um­schlä­gen zu fin­den sind, Dia­gno­sen erstellt. Er mache das seit vie­len Jah­ren. Zur Betrach­tung wird also ein Brief, der zu unter­su­chen ist, aus einer Box geho­ben, um ihn unter das Licht einer star­ken Lam­pe zu legen. Der Mann sagt: Die Per­son, die die­sen Brief nach Lon­don sen­de­te, war im Moment, da sie ihren Brief adres­sier­te, betrun­ken. Er nimmt einen wei­te­ren Brief aus der Box: Die­ser Brief nach Zürich wur­de von einer Frau notiert, die glaub­te, ihre Zeit sei abge­lau­fen. Das hier ist ein ganz selt­sa­mes Exem­plar, nicht wahr, war­um über­haupt jedes Schrift­zei­chen auf dem Brief­um­schlag ver­ges­sen wur­de, kön­nen wir erst dann mit Sicher­heit sagen, wenn wir den Brief geöff­net haben Erden, schö­ne Brief­mar­ke. Hier haben wir einen Brief, des­sen Adres­se nur schein­bar von Hand gesetzt wor­den ist, bei genau­er Ansicht ist Fol­gen­des deut­lich zu erken­nen: Die Anschrift „To Lady Char­lot­te Rid­lin­ger, NY, 210 Lex­ing­ton Ave­nue“ wur­de von einer Maschi­ne gestem­pelt. — stop

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korken

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del­ta : 0.15 UTC — Das waren Zei­ten, als wir noch Kin­der waren, die unter frei­em Him­mel mit Flug­dra­chen spiel­ten. Wie wir durch die Wäl­der kro­chen, um Kno­chen zu sam­meln. Ein Bild zeigt mich in kur­zen Hosen, wie ich einen Erd­ap­fel über offe­nes Feu­er hal­te, ich sam­mel­te Brief­mar­ken, Schmet­ter­lin­ge, Stei­ne und Kron­kor­ken, ließ Seil­bah­nen über Bind­fä­den fah­ren von Haus zu Haus. Heu­te sam­me­le ich ger­ne Geschich­ten von Kie­men­men­schen, höl­zer­ne Ele­fan­ten oder Mari­en­kä­fer, die nachts schla­fend an war­men Lam­pen­schir­men sit­zen. — stop

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von taubenschwänzchen

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echo : 23.55 UTC — Exis­tiert viel­leicht eine Poe­tik gut­mü­ti­ger Droh­nen? Das sind freund­li­che Wesen, unbe­waff­net, lei­se, flink, von der Grö­ße der Tau­ben­schwänz­chen. Sie ver­fü­gen über Atom­her­zen, beglei­ten Men­schen rund um die Uhr, immer nur eine Per­son, ver­zeich­nen das Leben die­ser Per­son, ihre Rou­ten, Gewohn­hei­ten, Aben­teu­er, fil­men und schrei­ben in mensch­li­cher Spra­che. 5.12 UTC: Samu­el träumt. Going to sleep. — stop



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