Aus der Wörtersammlung: art

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trompetenkäfer

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~ : louis
to : Mr. eliot
sub­ject : TROMPETENKÄFER

Lie­ber Eli­ot, bei uns ist jetzt schon Diens­tag. Ges­tern, also am Mon­tag noch, war ich spa­zie­ren im schöns­ten Gar­ten der Stadt. Stür­mi­sche Luft, alles ging ver­kehrt her­um, es reg­ne­te aus dem Boden, die Son­ne war auch irgend­wo da unten und ich konn­te nicht notie­ren, weil mir mein Notiz­buch davon geflo­gen war. Ich habe Dir des­halb nicht viel zu berich­ten, weil ich ohne mein Notiz­buch nicht anfan­ge zu den­ken. An den letz­ten Gedan­ken, den ich in mein Notiz­buch notier­te, ehe es an den Wind ver­lo­ren ging, kann ich mich gera­de noch erin­nern. Das also sollst Du wis­sen, ich habe ent­deckt, dass ich, sobald ich einen Trom­pe­ten­kä­fer zu ent­wer­fen wün­sche, über die Lun­ge die­ses Wesens, genau­er über sei­ne Luft­pum­pe und ihre Posi­ti­on in den Zusam­men­hän­gen eines Käfer­kör­pers nach­zu­den­ken habe, ande­rer­seits, aus vor­wie­gend phy­si­ka­li­schen Grün­den, über die Füße des Käfers, die der­art zu kon­zi­pie­ren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trom­pe­ten­ton zu erzeu­gen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blü­ten­blatt oder einem mensch­li­chen Fin­ger zu ver­an­kern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sicher erwar­ten dür­fen, Wider­stand ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen. Zu wei­te­ren Gedan­ken, lie­ber Eli­ot, war ich ges­tern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch her­über­ge­kom­men sein. Die­se E‑Mail ist schnel­ler als der Wind. Dein Louis

gesen­det am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

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blaue schuhe

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0.56 — Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, eine klei­ne Notiz über eine Amei­se zu schrei­ben, die ich ges­tern Nach­mit­tag in einem U‑Bahn-Wag­gon ange­trof­fen hat­te. Aber dann habe ich mei­ne Hän­de gese­hen, wie sie dicht über der Tas­ta­tur der Schreib­ma­schi­ne auf Anwei­sung war­te­ten. Ich dach­te, dass mei­ne Hän­de jene ana­to­mi­schen Struk­tu­ren mei­nes Kör­pers sind, die ich am bes­ten ken­ne, weil ich sie viel­fach betrach­tet habe. — Alle Hän­de, die ich erin­nern kann, sind die Hän­de eines Men­schen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­ne­re mich an Bewe­gun­gen, die Kis­sen in einem Kin­der­wa­gen sor­tie­ren. Ich erin­ne­re mich an mei­nen Wunsch, in mei­nem Kin­der­wa­gen Ord­nung zu hal­ten. An höl­zer­nes Spiel­zeug erin­ne­re ich mich, das vor mei­ner Nase bau­mel­te. Da sind jetzt klei­ne, blaue Schu­he in mei­nem Kopf. Sie bewe­gen sich, wenn ich wün­sche, dass sie sich bewe­gen. — stop

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zeitort

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[ 0.08 ] — Ich schrei­be die­sen Text an einem Zeit­ort, der eigent­lich nicht exis­tiert. Habe mich um 0.05 Uhr an die Schreib­ma­schi­ne gesetzt, aber noch ehe ich mei­ne Hän­de auf die Tas­ta­tur gelegt hat­te, war schon 1 Uhr gewor­den und ich hat­te noch kei­nen ein­zi­gen druck­ba­ren Satz notiert. Habe ich mir also eine zusätz­li­che Stun­de Zeit fabri­ziert. Wie­der war 0 Null Uhr gewor­den und ich dach­te notie­rend über das Was­ser­spre­chen nach. — Ist es mög­lich, unter einer Mee­res­ober­flä­che Wör­ter auf­zu­sa­gen? Ist es über­haupt Men­schen mög­lich, unter Was­ser so deut­lich zu spre­chen, dass zu ver­ste­hen ist, was aus­ge­spro­chen, das heißt, aus­ge­at­met wur­de? Wie hört sich eine mensch­li­che Stim­me an, die unter Was­ser spricht? Wie vie­le Sät­ze kann ich mit einer gesun­den, mit einer prall mit Luft gefüll­ten Lun­ge so deut­lich spre­chen, dass von einer Unter­hal­tung die Rede sein könn­te, wenn ich eine Ant­wort von einem wei­te­ren Tau­cher erwar­ten wür­de? — stop

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flaubert

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20.25 — Geor­ges Perec zitiert Gust­ave Flau­bert: Paris wird ein Win­ter­gar­ten wer­den / Spa­lie­re mit Früch­ten auf den Bou­le­vards; die Sei­ne fil­triert und warm / Über­fluss an künst­li­chen Edel­stei­nen – über­rei­che Ver­gol­dung. Beleuch­tung der Häu­ser – das Licht wird gespei­chert wer­den, denn es gibt Kör­per, die die­se Eigen­schaft besit­zen, wie etwa der Zucker oder das Fleisch gewis­ser Mol­lus­ken und der Phos­phor aus Bolo­gna. Die Häu­ser­fas­sa­den wer­den mit die­ser phos­pho­res­zie­ren­den Sub­stanz über­tüncht wer­den müs­sen und ihre Aus­strah­lung wird die Stra­ßen hell erleuch­ten. | stop | Plé­ia­de, II | stop | End­plan. | stop | Regen.

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flaubert

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0.02 — Will rasch fol­gen­de fas­zi­nie­ren­de Anek­do­te zitie­ren, die in Wolf­gang Koep­pens wun­der­vol­lem Buch Ich bin gern in Vene­dig war­um zu fin­den ist. Die Geschich­te geht so : Flau­bert schrieb eine Sei­te am Tag. In einer Gesell­schaft bat man ihn — Sie sind doch Schrift­stel­ler — einem Abwe­sen­den eine Gruß­kar­te zu schrei­ben. Flau­bert ging in ein ande­res Zim­mer und blieb ver­schwun­den. Nach drei Stun­den erin­ner­te sich die Gesell­schaft an ihn. Er saß am Tisch, die Kar­te vor sich und sag­te: — So geht es … viel­leicht. – Auf der Kar­te stand : Freund­li­che Grüße.

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segeln

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1.51 — Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Eine ange­neh­me Nacht hier in Mit­tel­eu­ro­pa. Auf mei­nem Schreib­tisch blü­hen zwei klei­ne Bäu­me in nicht erwar­te­ten Far­ben. Trotz­dem wäre ich ger­ne auf einem Schiff, das gera­de den Ama­zo­nas abwärts treibt. Wür­de in einer Hän­ge­mat­te lun­gern und lesen und mich vor Spin­nen fürch­ten. Die Plan­ken des Schiffs schau­kel­ten unter mir auf und ab, von den Ufern her wäre das Kon­zert der Nacht­af­fen zu hören. — stop

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harold and maude

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2.05 — Ich habe mir etwas Luxus gestat­tet. Ich habe mich mit einer Schach­tel Pis­ta­zi­en­eis auf mein Sofa gesetzt und einen Film betrach­tet, den ich vor zwan­zig Jah­ren zuletzt gese­hen und seit­her nie wie­der ver­ges­sen habe : Harold and Mau­de. Ein gro­ßes Ver­gnü­gen. Wie weit ent­fernt in der Zeit doch Harold erscheint. Unlängst noch, ist er ver­traut und nah gewe­sen. Aber Mau­de ist in mei­nen Augen sehr viel jün­ger gewor­den. Für einen kur­zen Moment habe ich über­legt, in wel­cher Art und Wei­se ich mein Leben gestal­ten soll­te, um Mau­de ein­mal als jun­ges Mäd­chen wahr­neh­men zu kön­nen. — Zwei Stun­den nach Mit­ter­nacht, also spä­ter Nach­mit­tag. Nichts zu tun in die­ser Nacht, als mit Doro­thy Par­kers New Yor­ker Geschich­ten durch die Zeit zu segeln. — stop

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luftgeräuschworte

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2.15 — Ges­tern Abend gegen zehn Uhr wuss­te ich in einem Text nicht wei­ter, weil ich mich nicht erin­nern konn­te, wel­che Geräu­sche die Flü­gel einer Ein­tags­flie­ge in der Luft erzeu­gen. Ich hat­te ein hel­les Pro­pel­ler­ge­räusch im Ohr, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re sum­mie­ren woll­te, der Ver­dacht, mit mei­ner Erin­ne­rung könn­te etwas nicht ganz in Ord­nung sein. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra ist in der Luft kaum zu ver­neh­men. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen beob­ach­tet, sie sind laut­los, wir­beln­der Schnee. Und doch war da ein Ton, sobald eine Flie­ge dicht an mei­nem Ohr vor­über gekom­men oder in nächs­ter Nähe auf mir gelan­det ist. — Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? — Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop

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kolibri

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3.01 — Ich wur­de, noch nicht lang her, gefragt, wor­in denn die Vor­zü­ge eines Lebens auf Bäu­men zu sehen sei­en. Hört zu, habe ich geant­wor­tet, kei­ne Zei­tung, kein TV. Ruhe. Fast Stil­le. Etwas Pfei­fen, etwas Schnat­tern. Käfer. Amei­sen­tie­re. Und Affen, grö­ße­re Grup­pen fre­cher Affen. Tama­ri­ne. Die Ker­le dro­hen mit längst ver­go­re­nen Früch­ten, die sie für Geschen­ke hal­ten. Mos­ki­tos. Fau­chen­de Scha­ben. Kein Besteck, kei­ne Waf­fen, kei­ne Tele­fo­ne. Abend­seg­ler. Leich­te­re Flie­gen. Flie­gen in Blau, in Rot, in Schwarz. Schnel­le Spin­nen. Abwar­ten­de Spin­nen. Regen. War­mes Was­ser. Die Stäm­me der Bäu­me, die so hoch auf­ra­gen, dass man ihre Kro­nen nicht mit Bli­cken errei­chen kann, auf und ab, auf und ab, Schiffs­mas­ten im Hafen vor Sturm. Des­halb See­krank­heit, des­halb Höhen­angst. Aber Vögel, sehr klei­ne Vögel. Flü­gel. Unschär­fen der Luft. Öff­net man vor­sich­tig den Mund, wird man für eine Blü­te gehal­ten. — stop

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wim wenders

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15.32 — Viel, wie­der nachts, spa­ziert. Tra­ge einen Sta­pel klei­ner Kar­ten in der Hosen­ta­sche und einen Blei­stift. Sobald mir etwas ein­fällt im Gehen, notie­re ich. Ein­mal, im Som­mer, sehe ich einen Mann, der in einem Bahn­hof neben einem Zug auf dem Boden liegt. Der Zug war soeben via Mai­land aus Rom gekom­men, und als ich den Mann fra­ge, ob er Hil­fe benö­ti­ge, ant­wor­tet er, dass er sie hören, nicht aber sehen kön­ne. — Wim Wen­ders, stel­le ich mir vor, wür­de die­sen lie­gen­den Herrn sofort foto­gra­fiert haben und sei­ne Geschich­te zur Foto­gra­fie wür­de mit dem ange­neh­men Wort — E i n ­m a l — begin­nen. Ein­mal, an einem spä­ten Abend, lag ein Mann auf einem Bahn­steig neben einem Zug und lausch­te ita­lie­ni­schen Zika­den. — stop

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