Aus der Wörtersammlung: auge

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von nashornkäfern

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sier­ra : 0.28 — Ges­tern, am spä­ten Abend, habe ich wie­der ein­mal den Ver­such unter­nom­men, das Wort Streich­holz so lan­ge wie mög­lich in mei­nem Kopf hin und her zu bewe­gen, ohne indes­sen ein wei­te­res Wort zu den­ken. Kurz dar­auf habe ich mei­nen Ver­such wie­der­holt, in dem ich das Wort Streich­holz durch das Wort Nas­horn­kä­fer ersetz­te, eben­sol­ches eine Zehn­tel­stun­de spä­ter durch das Wort Cole­por­ter, wel­ches selbst kurz vor Mit­ter­nacht im Wort­loop der Hibis­kus­blü­te ende­te. Vor­ges­tern noch hat­te ich eine ähn­li­che Nacht­übung durch­ge­führt. Wör­ter waren fol­gen­de gewe­sen: Sams­he­pard, Hum­mer­vo­gel, Tict­ac­to, Lepo­rel­lo. Ich stel­le fest: Die lang anhal­ten­de Wie­der­ho­lung des Wor­tes Lepo­rel­lo bewirkt in mei­ner See­le noch immer einer­seits ein deut­li­ches Gefühl von Hit­ze, ander­seits eine Ahnung der Far­be Gelb­oran­ge, ohne dass die­se Far­be selbst vor mei­nem inne­ren Auge sicht­bar wer­den wür­de. War­um? — stop

ping

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von sammlern

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echo : 22.01 UTC — Weil ich mich nun für 12 Mona­te (oder län­ge­re Zeit) mit der Beob­ach­tung von berühm­ten Käfer­samm­lern beschäf­ti­gen wer­de, mit Ernst Jün­ger, zum Bei­spiel, oder Carl von Lin­né, nach ihrem Wesen, ihren Samm­ler­mo­ti­ven, ihrer Lei­den­schaft fra­gen, erin­ner­te ich mich an einen Brief, den ich vor lan­ger Zeit ein­mal an Jean-Hen­ri Fab­re in der Hoff­nung sen­de­te, er wür­de doch irgend­wie in der Lage sein, ihn wahr­zu­neh­men. Ich notier­te: Mein lie­ber Mon­sieur Fab­re, an die­sem wun­der­schö­nen, eis­kal­ten Dezem­ber­tag gegen Zehn, habe ich ent­lang Ihrer fei­nen Zei­chen­ket­te die Bestei­gung des Mont Ven­toux in Angriff genom­men. Nun bin ich wie­der ein­mal begeis­tert von hin­rei­ßen­der Land­schaft, von der dün­ner wer­den­den Luft, von Ihren gelieb­ten Wes­pen, die ich noch nie in mei­nem Leben mit eige­nen Augen wahr­ge­nom­men habe. Heu­te Mor­gen sehr früh, als ich vor dem Fens­ter saß und mei­ne Polar­spin­ne beob­ach­te­te, wie sie sich freu­te, nach einer sehr lan­gen Zeit im Eis­fach end­lich unter der frei­en, kal­ten Luft die Ster­ne betrach­ten zu kön­nen, hat­te ich die Genau­ig­keit Ihres Sehens erin­nert, die Geduld Ihrer Augen, und sofort in Ihr klei­nes, bedeu­ten­des Buch von der Poe­sie der Insek­ten geschaut. Man kann das Atmen ver­ges­sen. Wie lan­ge Zeit wer­den Sie wohl eine gra­ben­de Sand­wes­pe betrach­tet haben, ehe Sie einen ers­ten Satz for­mu­lier­ten? Und was, zum Teu­fel, hat­ten Sie unter der Lupe, als Nadar Sie foto­gra­fier­te? — Ihr Lou­is, mit bes­ten Grü­ßen. — stop

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m a r i m b o l o

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whis­key : 2.42 UTC — Wenn ich die Stadt New York erfin­de oder wie­der­fin­de, gehe ich spa­zie­ren. Ich set­ze mich in mei­ner Vor­stel­lung auf eine Bank im Tomp­kins Squa­re Park und dann lau­fe ich irgend­wann los mit den Wör­tern, notie­re, was ich erin­ne­re, es ist Früh­ling, heu­te folg­te ich der Ave­nue A nord­wärts. Aber ich bin nicht weit gekom­men, da war plötz­lich eine Art Loch, ich konn­te mich an den Namen eines Perü­cken­la­dens nicht erin­nern. Ges­tern war der Laden in mei­ner Erin­ne­rung über­haupt nicht exis­tent, des­halb konn­te ich an ihm vor­bei­spa­zie­ren. Und heu­te blieb ich dort hän­gen. Das ist schon sehr selt­sam. — stop

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mauerwerk

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whis­key : 12.22 UTC — In der Nähe der Zen­tral­sta­di­on beob­ach­te­te ich einen jun­gen Mann, wie er dicht vor einer Haus­wand stand, mit einer Lupe in der Hand. Lang­sam beweg­te er sei­ne Lupe über das Mau­er­werk hin und her, späh­te indes­sen mit einem Auge durch das kräf­ti­ge Glas, er schien zu lesen. Als ich mich näher­te, dreh­te sich der jun­ge Mann plötz­lich um und sah mich mit einem stark ver­grö­ßer­ten Auge an. Dann flüch­te­te er in Rich­tung der Zen­tral­sta­di­on, Nord­sei­te. Die­se Geschich­te ereig­ne­te sich an einem Mon­tag um 10 Uhr und 12 Minu­ten. — stop

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japan

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romeo : 18.22 UTC — Boh­u­mil Hra­bal notiert in sei­nen Arbeits­hef­ten, er sei mit allem, was sich vor sei­nen Augen abspie­le, unver­züg­lich durch einen fes­ten Schlauch ver­bun­den, wie das Kind durch die Nabel­schnur mit dem Leib sei­ner Mut­ter. — Auch mei­ne Schreib­ma­schi­ne scheint, wäh­rend ich notie­re, der elek­tri­schen Welt mit­tels hun­der­ter Ping – Fäden ver­bun­den zu sein. Ihre heim­li­chen Bli­cke. Oder heim­li­che Bli­cke zu ihr hin. Um 18:15 Uhr MEZ mel­det mein Netz­werk­mo­ni­tor 1180 akti­ve Ver­bin­dun­gen in alle Welt: nach Chi­na, in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, nach Aus­tra­li­en, Schwe­den, Däne­mark, Argen­ti­ni­en, Kana­da, Irland, Ita­li­en, Rumä­ni­en, Russ­land, Japan. stop —  Beun­ru­hi­gen­de Geschich­te. — stop
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verschwinden

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gink­go : 0.01 UTC — Vor Kur­zem, vor fünf­zehn Minu­ten prä­zi­se, ist mir eine merk­wür­di­ge Geschich­te mit mir selbst pas­siert. Ich hat­te die­se Geschich­te bereits vor Jah­ren genau so erlebt, wie­der also vor dem Com­pu­ter­bild­schirm. Ich beob­ach­te­te, wie ein Ser­ver Zei­le um Zei­le mel­de­te, wel­che Datei einer digi­ta­len Arbeit gera­de aus der les­ba­ren Welt in eine nicht les­ba­re Welt beför­dert wird, als ich bemerk­te, dass mir das Löschen gefällt, dass auch das Ver­schwin­den, Zei­le für Zei­le, reiz­voll sein kann. Für einen kur­zen Moment hat­te ich die Idee, dass der Ser­ver, nach­dem er mei­ne Geschich­te zu Ende gelöscht haben wür­de, auf mich selbst zugrei­fen könn­te, also die Per­son des Autors zu sich holen und löschen, wie kurz zuvor die Gedan­ken­ar­beit zwei­er Tage. Womit, frag­te ich, wür­de er begin­nen? Mit einer mei­ner Hän­de even­tu­ell, oder mit mei­nen Augen oder mit mei­nen Ohren? Wie wür­de sich die­ses Ver­schwin­den bemerk­bar machen? Wür­de ich den Ein­druck haben, leich­ter zu wer­den, oder wür­de ich viel­leicht ver­geb­lich nach einem Blei­stift grei­fen, weil mei­ne zupa­cken­de Hand licht­durch­läs­sig gewor­den ist? – stop
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pulverpfeifen

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alpha : 12.08 UTC — In der schwan­kenden Stra­ßen­bahn wie­der höre ich, wie sie mit bren­nenden Augen nach Wör­tern suchen für das schep­pernde Licht des Magne­siums, für das Fau­chen der benga­li­schen Feu­er, die sie in ihren klei­nen Fäus­ten hiel­ten. Da ist eine Nacht­se­kunde, die Sekun­de, in der sie das rote, das verbo­tene Stäb­chen ent­zün­det und gera­de noch eben recht­zeitig von sich gewor­fen haben. Das Heu­len der chine­si­schen Pulver­pfeifen. Und da sind noch Funken­regen und blau­graue Wölk­chen, die sich auf klei­ne Zun­gen nieder­legten. Nicht die Feuer­blumen des Him­mels, das Spek­takel der nächs­ten Nähe entfes­selt die Erin­ne­rung von Stun­de zu Stun­de. Zünd­hölzer, ver­bor­gen in Hosen­ta­schen, sind zurück­ge­blieben, auch die­ses Schwe­fel­holz, eine heim­liche Geschich­te. – stop /koffertext

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wieder koffer unsichtbar

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alpha : 19.52 UTC — An die­sem Abend spa­zie­re ich hin­über zum Fried­hof, um zwei Ker­zen anzu­zün­den auf dem Grab mei­nes Vaters, das nun auch das Grab mei­ner Mut­ter sein wird. Vater ist also schon da, und Mut­ter wird bald hier­her zu ihm kom­men. Das gefro­re­ne Gras knis­tert unter mei­nen Schu­hen. Es ist still, der Stern­him­mel klar. Viel schö­ne klei­ne Lam­pen leuch­ten unter den Bäu­men. Ein paar Kat­zen­au­gen wer­den auch dar­un­ter gewe­sen sein. Auf dem Heim­weg erin­ner­te ich mich an eine Geschich­te, die ich vor eini­gen Jah­ren notier­te. Sie geht so: Mein Vater war ein Lieb­ha­ber tech­ni­scher Mess­ge­rä­te. Er notier­te mit ihrer Hil­fe Dau­er und Kraft des Son­nen­lichts bei­spiels­wei­se, das auf den Bal­kon über sei­nem Gar­ten strahl­te. Die Tem­pe­ra­tu­ren der Luft wur­den eben­so regis­triert, wie die Men­ge des Regens, der in den war­men Mona­ten des Jah­res vom Him­mel fiel. Selbst die Bewe­gun­gen der Gold­fi­sche im nahen Teich wur­den ver­zeich­net, Erschüt­te­run­gen des Erd­bo­dens, Tem­pe­ra­tu­ren der Pro­zes­so­ren sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Es ist merk­wür­dig, bei­na­he täg­lich gehe ich zur­zeit auf die Suche, weil wie­der irgend­ei­ne die­ser Mess­ap­pa­ra­tu­ren einen piep­sen­den Ton von sich gibt, als ob mein Vater mit­tels sei­ner Maschi­nen noch zu mir spre­chen wür­de. Indes­sen habe ich seit zwei Tagen Kennt­nis von einer Foto­gra­fie, die mich neben mei­nem ster­ben­den Vater zeigt. Ich sit­ze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzu­se­hen wag­te. Ich habe tat­säch­lich eine Hand vor Augen gehal­ten und zwi­schen mei­nen Fin­gern her­vor gespäht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrach­te. Die Foto­gra­fie zeigt einen fried­li­chen Moment mei­nes Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lan­ge Zeit gefürch­tet habe. Wei­nen und Lachen fal­ten sich, wie Hän­de sich fal­ten. Mut­ter irrt zwi­schen Haus und Fried­hof hin und her, als wür­de sie unsicht­ba­re Ware in gleich­falls unsicht­ba­ren Kof­fern tra­gen. — stop

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von birnen

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nord­pol : 15.01 UTC — In der chi­ne­si­schen Regi­on Sichu­an, einer hüge­li­gen Gegend, sol­len hun­der­te Men­schen auf Lei­tern in Bir­nen­bäu­me stei­gen, um sie mit­tels Enten­fe­der­bü­scheln mit Pol­len zu bestäu­ben. Das alles sei not­wen­dig gewor­den, weil weder Bie­nen noch Hum­meln exis­tie­ren, die von Pes­ti­zi­den getö­tet wor­den sei­en. Die­se Infor­ma­tio­nen habe ich einem Film ent­nom­men, des­sen Ein­zel­bil­der ich mit eige­nen Augen gese­hen habe. Ich woll­te ihn mei­ner Mut­ter zei­gen. Sie liegt seit lan­ger Zeit in einem Bett im Haus der alten Men­schen. Vor­sich­tig näher­te ich mich mit mei­ner fla­chen Bild­schirm­schreib­ma­schi­ne, aber sie woll­te ihre Augen nicht öff­nen. Des­halb erzähl­te ich ihr mei­ne Geschich­te von den mensch­li­chen Bie­nen, die in Birn­bäu­me stei­gen, und kann noch immer nicht sagen, ob sie in den Ohren mei­ner Mut­ter einen Platz fin­den konn­te. — stop

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schlaf

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romeo : 15.08 UTC — Ich könn­te viel­leicht sagen, dass sich mein Gehirn mit­tels fei­ner Mus­keln, die mei­ne Augen umrin­gen, selbst zu berüh­ren ver­mag. Ich könn­te wei­ter­hin sagen, dass ich, sobald ich eine Foto­grafie betrach­te, mit mei­nen Augen mein Gehirn bewe­ge und in mei­nem Gehirn eine Welt: Das sind mei­ne Augen vor lan­ger Zeit, mei­ne Augen als Kind. Noch immer kann ich sie sehen. Wenn ich sage: mei­ne schla­fenden Augen, spre­che ich von Augen, die ICH nie gese­hen habe. — stop
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