0.08 — Das Nachtlicht der Sonne ist nur mit dem Gehirn zu betrachten, weil es sehr schwach ist, weil es aus dem Boden, weil es von der anderen Seite her kommt.- stop

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2.25 — Folgendes. Ein Trompetenkäfer ist in der Mitte, zwischen Kopf und Brust auf der einen, und seinem gepanzerten Ende auf der anderen Seite, mehrfach gefaltet. Das sind Falten einer Haut, die sofort an sehr feines Reptilienleder erinnert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeugen wünscht, schreitet er mit Kopf und Brust voran, während er sich mit seinen Hinterbeinen gegen die Laufrichtung stemmt, sodass sich beide Segmente rasch voneinander entfernen und einen Raum eröffnen, der jene Luft mit Leder ummantelt, die durch Mund oder Kiemen in den Käferkörper bereits vorgedrungen ist. Im Moment seiner größten Entfaltung wird der Käfer seine Bewegung kurz unterbrechen, und während sich nun die Beine seines Brustsegmentes in den Boden schlagen, arbeiten sich die hinteren Läufe solange voran, bis wieder alles schön gefaltet ist in der Mitte und alle Luft geräuschvoll am Mundstück wieder ausgetreten. – Milde Luft heut Nacht. — stop

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8.15 — Ich hörte, vor sehr langer Zeit habe der Kaiser von China in der verbotenen Stadt ein Ohr auf den Boden gelegt, um herauszufinden, was in der Welt vor den verschlossenen Toren geschieht. Was wird er vernommen haben? — stop

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0.20 — Im Winter nach Berlin, immer im Winter, immer nachts, im Westen ein langsam fahrender Zug hinter Bebra. Dann Grenze. Ein Posten. Türme. Metall. Und Licht. Gelbes Licht, demoliertes Licht. Und Hunde, jawohl, Hunde. Dann Osten. Von Stadt zu Stadt durchs unbekannte Land. Auf Bahnsteigen : Volkspolizei, Rücken zum Zug, Wachen oder so etwas, in den Abteilen mit Stempel, mal freundlich, mal finster, mal kühl. Dann wieder Grenze. Warten. Rangieren. Demoliertes Licht. Irgendjemand schlägt von unten her mit Metall gegen den Boden des Zuges. Hunde. Dann Westen. Herrn in Zivil, Staatsschutz, von Abteil zu Abteil. Dann Zoo. Wenn man so, immer nachts, reist, kaum Kenntnis vom Land, durch das man kommt, sagt man, das riecht hier anders, das riecht hier nach Kohle. Man steht an einem Fenster in diesem Zug, der wartet in Halle. Es ist gegen fünf in der Früh und man weiß, man darf nicht aussteigen, man weiß, die Anderen auf den Bahnsteigen jenseits der Posten, jenseits der Geleise, dürfen nicht einsteigen, man weiß, Schüsse könnten fallen. Die da draußen herumstehen, die aus dem Mund dampfen, die von der Morgenschicht in Halle, wissen das besser als die, die im Zug stehen und mit Westaugen einen Kontakt suchen für Sekunden. Schüsse könnten fallen, jawohl, Schüsse. Und deutsche Sprache, — Halt! Stehen bleiben!
Ich erinnere mich an eine Textpassage. Malcolm Lowry an Bord des Schlachtkreuzers, H.M.S.Proteus. Man liegt vor chinesischer Küste, man spielt Cricket an Deck. Nicht weit, jenseits des Wassers an Land, war ein schrecklicher Krieg im Gange. „Dum! Dum! Dum!, aber die ganze Sache fegte über unsere Köpfe hinweg, ohne uns zu berühren.“ — „Sie können sagen, dass ich dem Mann gleiche, von dem sie vielleicht gelesen haben, der sein Leben auf einem Schiff verbrachte, das regelmäßig zwischen Liverpool und Lissabon hin — und herfuhr, und bei seiner Entlassung über Lissabon nur sagen konnte : die Straßenbahnen fahren dort schneller als in Liverpool.“ Ich erinnere mich an eine Notiz des russischen Dichters Wenedikt Jerofejew : „Alle sagen, — der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brummendem Schädel Moskau durchquert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Geratewohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“
Einmal, wieder Winter in Berlin, Berlin-West, 1987, ein Fest. Geräumige Wohnung. Auf den Tischen Schnapsflaschen und Erdbeergläser. Man sagt, das sei so üblich, — Gäste aus dem Osten, Schnaps auf dem Tisch. Da ist ein kleiner Mann, schütteres Haar. Sitzt die Nacht über an einem der Tische, trinkt und schlägt irre Rhythmen mittels Messern und Gabeln auf Teller, an Gläser. Man sagt, der Mann sei gerade rüber gekauft, man sagt, er habe in Bautzen II gesessen, man sagt, einmal, frostige Luft, habe man den Mann ausgezogen, man habe ihn ausgezogen und in eine Schleuse gestellt, man habe ihn dort vergessen unter freiem Himmel, dann habe man sich seiner erinnert, dann habe man ihn warm geprügelt. — Irre Rhythmen. — Hab ich also Land betreten. — stop

3.15 — Hölzerne Schrittgeräusche, als würde ich über eine Marimba gehen. Hoch über Wolkenfjorden, eine Ebene. Kräftige, von der Arbeit stetiger Winde gegen den Boden gezwungene, feuerrote Ahornbäume. Eine uralte steinerne Straßenbahn, die steinernen Rauch ausstößt, fährt auf steinernen Schienen unter steinernen Bäumen hin und her. Leuchtbirnen von glühender Lava. — Bin vor dem Schreibtisch eingeschlafen. Kurz nach 3 Uhr von Regengeräuschen geweckt. Stehe auf. Laufe ein wenig von Zimmer zu Zimmer. Höre etwas Monk. Schneide Ingwer für den Tee. Sortiere Tonbänder. Notiere Wortbojen. — Sinusknoten. — Venenstern. — Pyramidenbahn. — Wie verdammt gut die Luft heut riecht. – Zehn Uhr fünfzehn in Naypyidaw, Burma. — stop

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2.15 — Heute Nacht, weiß der Himmel warum, knistern die Wände meiner hölzernen Zimmer. Vielleicht ist der Boden unter der Stadt nach Norden vorgerückt, und ich höre in diesen Stunden das Nachfedern des Hauses. Oder aber feinste Substanzen der Luft sind in elektrischer Bewegung, weil hinter den wandernden Erdmagneten bereits Winter wird. Um eins gehe ich aus dem Haus. Um zwei bin ich zurück. Jetzt ist es fünfzehn Minuten später und in New York gerade kurz nach sieben Uhr Abend, beste Zeit einen kleinen Imbiss zu mir zu nehmen. Dann wieder an die Arbeit. Habe noch ein paar Namen zu erfinden. Geräusche, sagen wir: — Burma 8. Mandrill. Subseven. Milanomaki. — Gern würd ich die kommenden 500 Jahre überleben. — stop

14.12 — Träumte einen Wald. Kühle Luft dort, steinerne Halme bis unter den Himmel, uraltes Zeug. Auch Affen, sie waren durchblutet, mächtige Tiere, von Kopf bis Fuß schwarz-weiß in Streifen. Auch die Ohren, schwarz und weiß. Sehr kleine Ohren, Ohren aus Mensch. Auf einer Lichtung drehte sich eine Kugel dicht über dem Boden, rasend schnell, elektrisch beleuchtet, warmes, angenehmes Licht. Sand flog auf an Ort und Stelle, und Laub. Da war noch Musik, eine Orgel, direkt aus dem Boden, Walzermusik. Auch Stimmen von dort, gedämpfte Stimmen. Nicht weit, etwas loses Papier im Gras. Und leere Flaschen. Die Luft stank nach Schnaps, nach Urin und diesen Dingen. Im Schatten einer kräftigen Buche lagen ein paar Bücher herum, ein Lowry, etwas Duras, etwas Fitzgerald, auch von Joyce ein paar Seiten, von O’Neill. Plötzlich Dämmerung, Zwielicht. Ich erinnere mich an das Haupt von Patricia Highsmith, das aus dem Boden ragte. Das war ein sehr schmutziger Kopf, ein Kopf, der lachte. Der Kopf sah mich an und sagte, heisere Stimme: Malcolm hat wieder ein Manuskript verloren. Dann schwieg er. Dann aber kühl: Ich wünsche eine Bestellung aufzugeben. — stop

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20.05 — Beobachtung am frühen Abend : Wespe, 1 Zentimeter, stürzt sich auf Libelle, 12 Zentimeter, reißt Insektenvogel aus der Luft zu Boden, 0,5 Sekunden, tranchiert Kopf vom Rumpf, 20 Sekunden. Abtransport des schönen Schillerschädels unverzüglich, als wär man nur an Gehirnen interessiert, oder an Augen, oder Trophäen. — stop
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18.13 — Weshalb träume ich nur selten, und wenn, dann heitere Geschichten vom Zergliedern menschlicher Körper? Gestern beispielsweise kam der schöne Kopf einer Freundin auf acht winzigen Füßen über den Boden meines Arbeitszimmers spaziert. Sie rezitierte in rasender Geschwindigkeit einen Text Djuna Barnes mit lachgasheller Stimme. — Nichts ist noch selbstverständlich. — stop

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20.33 — Einmal, vor zwei oder drei Jahren, erzählte mir ein junger Medizinmann einen merkwürdigen Traum. Folgendes, sagte der Mann. Stell dir einen Wartesaal vor, einen Bahnhof. Reisende sitzen dort auf hölzernen Bänken. Sie rauchen und plaudern miteinander. Unweit einer Schaltergalerie kauern unbekleidete Zyklopen von schneeweißer Haut zu einem Kreis auf dem Boden, tauschen Herzen und Gehirne und Beine und Arme von Menschen. Sie rauchen gleichwohl und scherzen in einer Sprache, die nicht zu verstehen ist. Ich erinnere mich, meinen eigenen Kopf gesehen zu haben. So lange reichen sie ihn herum, bis jeder der Zyklopen ihn ein Mal in Händen gehalten und von allen Seiten her betrachtet hat. — An dieser Stelle machte der junge Mann eine Pause. — Wolkenloser Nachthimmel mit Mond. Der Eindruck, es würde regnen. — stop

