Aus der Wörtersammlung: boden

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sleeping

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sier­ra : 0.02 — Kurz nach Mit­ter­nacht, das Ende eines feder­leich­ten Tages, an dem ich, gegen den Mor­gen zu, eine fei­ne Geschich­te erleb­te. Das war näm­lich so gewe­sen, dass mei­ne Hand, mei­ne rech­te Hand, wäh­rend ich schlief, das Bett ver­las­sen hat­te. Sie schweb­te, indem ich träum­te, von einem Gewit­ter ange­ru­fen wor­den zu sein, fast bewe­gungs­los über dem Boden und wur­de in die­ser Hal­tung nach einer Erin­ne­rung zärt­lich foto­gra­fiert, weil ich vor eini­gen Mona­ten notiert hat­te, dass ich, wenn ich sage: mei­ne schla­fen­den Hän­de, von Hän­den spre­che, die ich nie gese­hen habe. Die­ser Satz ist nun natür­lich nicht ganz unwahr gewor­den, weil ich immer­hin noch kei­ne Ahnung habe, wie mei­ne lin­ke Hand aus­se­hen könn­te, wäh­rend sie schläft. Außer­dem habe ich mei­ne schlum­mern­de Hand nicht selbst gese­hen, mit eige­nen Augen, wahr­haf­tig, in ech­ter Zeit, son­dern ver­zö­gert und durch das Auge einer Kame­ra gebän­digt. — stop

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taube

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nord­pol : 0.08 — Kürz­lich im Traum im Park ein Gespräch mit einer Tau­be, geräusch­los war sie auf mei­ner lin­ken Schul­ter gelan­det. Ich erkun­dig­te mich, wes­halb sie und alle ihre Tau­ben­freun­de so tief, so dicht über den Boden flie­gen wür­den an die­sem schö­nen Som­mer­tag. Die Tau­be ant­wor­te­te: Über das Licht, das aus dem Boden kommt, wis­sen wir alles. Heu­te viel Son­ne von unten. Sie späh­te dann in das Buch, das ich mir zu lesen vor­ge­nom­men hat­te. Und weil sie sehr viel schnel­ler las als ich, zerr­te sie unge­dul­dig an mei­nem Ohr­läpp­chen, sobald sie war­ten wuss­te, bis ich end­lich wei­ter­blät­ter­te. – Ana­to­mi­sche Arbeits­wör­ter des Abends : Lobus Tem­po­ra­lis : Man­del­kern : Hip­po­cam­pus : Tha­la­mus. — stop

ping

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lunar caustic

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whis­key : 6.15 — Hat­te ges­tern Abend gegen 10 Uhr zwei Wör­ter auf ein Blatt Papier geschrie­ben, um sie nicht zu ver­ges­sen: Lunar Cau­st­ic. Jetzt ist die Nacht vor­über und ich habe kei­ne schreib­ba­ren Gedan­ken, weil ich acht Stun­den mit mei­nem Lap­top auf dem war­men, höl­zer­nen Boden mei­nes Arbeits­zim­mers her­um­ge­le­gen habe und nach Spu­ren Mal­colm Lowrys in den Archi­ven der New York Times gesucht. — 6 Uhr. Leich­ter Regen. Tau­beng­rau­blau­er Him­mel. — stop

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papiersegel

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romeo : 0.05 — Das Ver­gnü­gen, ein Manu­skript auf Papier zu dru­cken. Die nadeln­den, sum­men­den, pfei­fen­den Geräu­sche der Maschi­ne, Satz für Satz Sekun­den­sei­ten. Wie ich Arbeit von Tagen, von Wochen, vor mir zu einem Segel auf den Boden brei­te. Wie ich zufrie­den und still vor dem Wind­ge­fäß im Zim­mer ste­he. Wie ich, bald wie­der stür­misch gewor­den, in die Knie gehe, um wei­te­ren Flug­sand mit der Hand aufs Papier zu set­zen. — Notier­te: Ein mensch­li­ches Gehirn ruh­te in mei­nen Hän­den. Und ich dach­te, kühl ist es und weich und schwer. Ich hör­te deut­lich eine den­ken­de Stim­me, als wäre da noch ein ande­rer Beob­ach­ter gewe­sen, als ich selbst. Dann bemerk­te ich, dass ich mit blo­ßem Auge nicht erken­nen konn­te, in wel­cher Spra­che jenes Gehirn, das ich in mei­nen beben­den Hän­den hielt, ein Leben lang träum­te, auch nicht, ob es glück­lich oder doch eher unglück­lich gewe­sen ist. Eine schwei­gen­de, eine ver­las­se­ne, eine Welt ohne Licht. Ja, lili­mam­bo, das Leuch­ten leben­der Men­schen! — stop

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nachtzeppelin

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echo : 2.18 — Ein Zep­pel­in­kä­fer, selt­sa­mes Wesen, schweb­te kurz nach 1 Uhr heu­te Nacht eine schnur­ge­ra­de, eine unsicht­ba­re Linie über den höl­zer­nen Fuß­bo­den mei­nes Arbeits­zim­mers ent­lang, wur­de in der Mit­te des Zim­mers von einer Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­ho­ben, dann wie­der zurück­ge­wor­fen, ohne aller­dings mit dem Boden in Berüh­rung zu kom­men. — Ein merk­wür­di­ger Auf­tritt. – Und die­ser groß­ar­ti­ge Bal­lon von opa­k­em Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich fla­cker­te, als ob eine offe­ne Flam­me in ihm bren­nen wür­de. Ich habe mich zunächst gefürch­tet, dann aber vor­sich­tig auf Knien genä­hert, um den Käfer von allen Sei­ten her auf das Genau­es­te zu betrach­ten. — Fol­gen­des ist nun zu sagen. Sobald man einen Zep­pel­in­kä­fer von unten her besich­tigt, wird man sofort erken­nen, dass es sich bei einem Wesen die­ser Gat­tung eigent­lich um eine fili­gra­ne, flü­gel­lo­se Käfer­ge­stalt han­delt, um eine zer­brech­li­che Per­sön­lich­keit gera­de­zu, nicht grö­ßer als ein Streich­holz­kopf, aber schlan­ker, mit acht recht lan­gen Ruder­bei­nen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebra­pfer­de. Fünf Augen in grau­blau­er Far­be, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erd­bo­den gerich­tet. Als ich bis auf eine Nasen­län­ge Ent­fer­nung an den Käfer her­an­ge­kom­men war, habe ich einen leich­ten Duft von Schwe­fel wahr­ge­nom­men, auch, dass der Käfer flüch­tet, sobald man ihn mit einem Fin­ger berüh­ren möch­te. Ein Wesen ohne Laut. – Guten Mor­gen! Heu­te ist Sams­tag. Leich­ter Regen viel­leicht. — stop

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yanuk : hört zupfende geigen

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marim­ba

~ : yanuk le
to : lou­is
sub­ject : GEIGEN
date : jan 12 09 6.52 a.m.

Däm­me­rung. Und doch schon war­me, wei­che, ja schmei­cheln­de Luft. Wer­de eini­ge Wochen hier auf Höhe 51O ver­wei­len. Bin glück­lich. Mehr­fach wäh­rend eines Tages pas­siert das Mäd­chen, von dem ich berich­te­te, mit einem ras­seln­den Geräusch, das viel­leicht eine Spra­che dar­stel­len soll­te, unser Habi­tat. Eine fabel­haf­te Klet­te­rin! Ent­we­der ist sie leicht wie eine Feder, oder aber sie ver­fügt über außer­or­dent­li­che Mus­kel­kräf­te. Kein Tag, seit sie auf uns gesto­ßen ist, an dem sie nicht aus den Schat­ten der Blät­ter und Blü­ten tauch­te, um bewe­gungs­los für lan­ge Zei­ten mit­tels eines Armes an einem Ast befes­tigt vor uns über dem Abgrund zu schwe­ben. Sie scheint in die­ser Hal­tung doch zu schla­fen. Ein selt­sa­mes Wesen! Gespro­chen haben wir bis­lang noch nicht, kein ver­ständ­li­ches Wort kam über ihre Lip­pen, aber sie lauscht mei­ner Stim­me, indem sie den Kopf zu Sei­te neigt, wenn ich etwas sage, wenn ich erzäh­le, zum Bei­spiel, von Dir erzäh­le, und dass ich für Dich Gedan­ken und Beob­ach­tun­gen notie­re aus dem Gebiet der Rie­sen­bäu­me. Auch in die­sen Sekun­den, lie­ber Mr. Lou­is, ist sie hier bei uns. Sie muss vor Kur­zem noch, wäh­rend eines Jagd­aus­flu­ges, den Erd­bo­den betre­ten haben. Der leb­lo­se Kör­per eines Kanin­chens bau­melt über ihrer lin­ken Schul­ter. Denk­bar, dass wir bald ein Geschenk erhal­ten wer­den. Cucur­ru­cu — Yanuk

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yanuk : fröhliche weihnachten

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del­ta

~ : yanuk le to : lou­is
sub­ject : FRÖHLICHE WEIHNACHTEN
date : dez 23 08 6.55 a.m.

In die­sen Minu­ten, Mr. Lou­is, will ich sehr lei­se und behut­sam von einer auf­re­gen­den Beob­ach­tung berich­ten. Du musst wis­sen, heu­te Mor­gen, als ich auf Höhe 385 schlaf­trun­ken mein Zelt ver­ließ, hat­te ich sofort bemerkt, dass wäh­rend der Nacht irgend­et­was gesche­hen sein muss­te, etwas Selt­sa­mes, etwas, das mei­ne klei­nen Affen­freun­de beun­ru­hig­te. Sie lagen nicht, wie üblich, vor sich hin däm­mernd lose auf dem höl­zer­nen Boden her­um, son­dern dicht anein­an­der gedrängt und beb­ten, als wür­den sie frie­ren. Alle sahen sie mit ihren zitro­nen­gel­ben Augen in ein und die­sel­be Rich­tung, starr­ten zum Stamm eines benach­bar­ten Bau­mes hin, ein Bün­del furcht­sa­mer oder viel­leicht stau­nen­der Bli­cke, das den schma­len, voll­kom­men unbe­klei­de­ten Kör­per eines Mäd­chens betas­te­te, der nur weni­ge Meter von uns ent­fernt über der Tie­fe hing. Ich hat­te natür­lich zunächst den Gedan­ken, dass das vor mir bau­meln­de Mäd­chen nur eine Erschei­nung gewe­sen war, viel­leicht ein Traum oder die Spur eines Trau­mes, die in einen wirk­li­chen Tag hin­über­reich­te. Beun­ru­higt wie mei­ne Freun­de, begann ich des­halb zunächst mit einer Kur­bel Strom für mei­ne Schreib­ma­schi­ne zu erzeu­gen. Eine kon­tem­pla­ti­ve Bewe­gung, eine, die ich auch im Schlaf ver­rich­ten könn­te. Wäh­rend ich so arbei­te­te, hör­te ich bald ein mensch­li­ches Lachen. Ja, Sie lesen ganz rich­tig, Mr. Lou­is, das Mäd­chen lach­te, ein fei­nes, hel­les Lachen war zu hören, und die Affen fauch­ten und wur­den so flach, als woll­ten sie spur­los ver­schwin­den im war­men Holz oder sonst wohin, ganz unsicht­bar wer­den. Wie sich doch alle ver­trau­ten Geräu­sche ver­än­dern, sobald uner­war­te­te Din­ge gesche­hen. Ich hör­te mei­ne eige­ne Stim­me, wie sie sag­te, das ist unglaub­lich, das ist ganz unglaub­lich, und ich hör­te auf zu kur­beln und sah dem Mäd­chen in die Augen, und sofort klapp­te sie ihre Augen zu. Ich glau­be, sie schläft jetzt, wäh­rend ich die­se Sät­ze so behut­sam schrei­be, wie ich nur kann, um das Mäd­chen nicht zu wecken. Ja, stel­len Sie sich vor, Mr. Lou­is, sie scheint tat­säch­lich tief und fest zu schla­fen, wäh­rend sie den Ast, der sie trägt, mit ihrer lin­ken Hand umfasst. Die rech­te Hand liegt flach auf ihrem Bauch, einem mus­ku­lö­sen Bauch von hel­lem Schein, opak, als wür­de ein Teil des Son­nen­lichts sich im Kör­per des Mäd­chens ver­fan­gen und wei­ter leuch­ten, von innen her­aus wei­ter leuch­ten. Wenn sie nur nicht los­las­sen wird in die­ser Höhe! Kein Haar auf dem Kör­per des Mäd­chens zu sehen. Das ist natür­lich selt­sam und ich weiß noch nicht genau, war­um das so ist. Ich will Dir, Mr. Lou­is, an die­ser Stel­le mei­ne herz­li­chen Weih­nachts­grü­ße über­mit­teln aus mei­nen tro­pi­schen Räu­men. Und so mache ich das jetzt, ehe ich einen ers­ten Ver­such unter­neh­men wer­de, mit dem Mäd­chen ein Gespräch zu füh­ren. Viel­leicht wer­de ich ihr mei­ne Blü­ten­zeich­nun­gen zei­gen, die ich wäh­rend der ver­gan­ge­nen Tage sam­mel­te. Fröh­li­che Weih­nach­ten! Cucur­ru­cu – Yanuk

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seide

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alpha : 6.55 — Ges­tern Abend um 22 Uhr und 8 Minu­ten fol­gen­de E‑Mail: „Und? Hat Nabo­kov schon geant­wor­tet? N.“ Seit­her war­te ich. Als ob ich in den ver­gan­ge­nen Wochen nicht genug gewar­tet hät­te. Auf Schnee, zum Bei­spiel. Heming­way, vor zwei Jah­ren, ant­wor­te­te gar nicht, Lowry nach drei Mona­ten und in einer Wei­se, die ich bis heu­te nicht ent­rät­selt habe. Aber Dju­na Bar­nes, um Him­mels wil­len, Dju­na Bar­nes, als hät­te sie mei­ne Zei­len erwar­tet, ant­wor­te­te noch in der Stun­de mei­nes Schrei­bens. stop. Ich muss das suchen. stop. Geräu­schwort für 750000 vor­wärts schla­gen­de Her­zen bis­her nicht ent­deckt. stop Regen. stop. Sei­dig. stop. Als wür­de der Erd­bo­den schwit­zen. — stop

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walfischspaziergang

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hima­la­ya : 8.05 — Wie ich mor­gens erwa­che und anstatt in einem Zim­mer zu lie­gen, mich unter einem schö­nen frei­en Him­mel wie­der­fin­de. Das ist eigent­lich noch kei­ne gro­ße Sache. Ich wür­de zunächst die Augen schlie­ßen und den­ken, das ken­ne ich doch, wie oft schon bin ich von einem Traum in den nächs­ten gewan­dert. Ganz still wür­de ich war­ten, um kurz dar­auf mei­ne Augen erneut zu öff­nen, und schon wie­der oder noch immer wäre die­ser schö­ne Him­mel über mir, ein leich­ter Wind wür­de wehen und die Luft duf­ten nach Salz und Tang. Wie ich mich auf­set­ze und schaue, hur­ra, Was­ser in allen Rich­tun­gen, Was­ser hin bis zum Hori­zont. Was für ein sel­te­ner Anblick, was für eine merk­wür­di­ge Erfah­rung! So plötz­lich auf hoher See, und der Boden, auf dem ich sit­ze, zit­tert, nein bebt, nein pulst, und ich wür­de den­ken, wie kost­bar die­ses Leben doch ist und dass ich mich nicht erin­nern kann, wie ich hier­her auf den Rücken eines Wales gekom­men bin. – Es ist jetzt zwei Stun­den nach Mit­ter­nacht, die Luft riecht nach Schnee und die Welt ist still. Alles schläft. Auch Sie wer­den schla­fen, wäh­rend ich die­sen Text notie­re. Aber nun ist etwas Zeit ver­gan­gen, und da Sie wach gewor­den sind, wer­den Sie viel­leicht fra­gen, wie ich zu die­ser Über­le­gung einer nächt­li­chen Mee­res­lan­dung gekom­men bin. Nun, das ist ganz ein­fach. Vor weni­gen Tagen hör­te ich, eine Frau habe sich gewünscht, ein­mal in ihrem Leben auf dem Rücken eines Wales zu ste­hen. Sie wür­de sich, sag­te man, ihrer Schu­he ent­le­di­gen und auf dem Rücken des Wales spa­zie­ren wie auf einem Unter­see­boot. Natür­lich habe ich dar­über nach­ge­dacht, was gesche­hen wür­de, wenn die­ser Wal, von dem hier tat­säch­lich die Rede ist, sich nicht in der Nähe einer Küs­te, son­dern auf dem offe­nen Meer, auf hoher See, befin­den wür­de. Ja, und was wür­de gesche­hen, wenn der Wal zu tau­chen wünsch­te, viel­leicht weil er hung­rig gewor­den ist, obwohl er doch die Schrit­te einer Men­schen­frau auf sei­nem Rücken spür­te. Stel­len Sie sich vor, ich weiß, wie er das macht. Der Wal wird lang­sam und geräusch­los sin­ken, jawohl. Aber noch ehe voll­stän­dig in die Tie­fe abge­taucht wer­den wird, wird er noch ein­mal zurück­keh­ren und ruhig neben der schwim­men­den Frau im Was­ser lie­gen, wird etwas Luft­schaum bla­sen und ihr sein Auge zei­gen. Ja, so genau wird der Wal das machen, und dann wird er in der Tie­fe ver­schwun­den sein, und viel­leicht, nein, sehr sicher, wird die schwim­men­de Frau einen fei­nen Gesang aus der Tie­fe ver­neh­men, die Geschich­te einer Begeg­nung von einem Wal den Walen erzählt, eine Kurz­ge­schich­te, mehr Zeit ist nicht. — stop

 

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geraldine : walfisch

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nord­pol

~ : geral­di­ne
to : lou­is
sub­ject : WALFISCHE

Ich habe das Mit­tag­essen ver­schla­fen. Vor­mit­tags war ich schon auf dem Haupt­deck, schöns­tes Wet­ter, kei­ne Wol­ke am Him­mel, das Meer ganz ruhig. Papa hat mich hoch­ge­tra­gen, es ist anstren­gend für ihn, obwohl er nicht sehr alt ist, aber ich bin kein leich­tes Mäd­chen. Papa sag­te, man habe ihm von Walen erzählt, die auf dem Radar­schirm sicht­bar gewe­sen sei­en. Es ist also mög­lich, dass ich heu­te Wale sehen wer­de. Merk­wür­dig, ich sage immer Wale, aber ich den­ke Wal­fi­sche. Und so war­te­te ich auf die Wal­fi­sche und wäh­rend ich war­te­te, bin ich ein­ge­schla­fen. Es war sehr warm gewor­den unter der Decke, die Papa über mich gebrei­tet hat­te. Als ich auf­wach­te, war das Mit­tag­essen längst vor­bei und der jun­ge Mann, der Ste­wart, von dem ich Ihnen schon geschrie­ben habe, saß neben mei­ner Lie­ge auf dem Boden. Er hat­te ein Fern­glas dabei. Ich glau­be, er hat­te das Fern­glas für mich mit­ge­bracht. Ich habe zuerst noch so getan, als wür­de ich schla­fen, und habe ihn mir ange­schaut, Sie ver­ste­hen, Mr. Lou­is, Seh­schlitz­au­gen. Er ist hübsch. Er mag die Son­ne. Er mag die Son­ne sehr. Und fast bin ich mir sicher, dass er mich wie die Son­ne mag. Oft ist er in mei­ner Nähe. Wenn er nur nicht immer so trau­rig schau­en wür­de. Mal sieht er mich ver­liebt an, dann wie­der, als wür­de es reg­nen in sei­nem Her­zen. Viel­leicht weiß er, dass ich sehr krank bin, ja, viel­leicht weiß er das, und trotz­dem ist er ver­liebt. Das wär schön, wenn er sich in mich ver­lie­ben könn­te, obwohl er weiß, dass ich sehr krank bin. Ich habe mir oft gedacht, dass ich allei­ne bin, ein­sam, weil die jun­gen Män­ner mit einem kran­ken Mäd­chen kei­ne Lie­be haben wol­len, obwohl ich ein schö­nes Mäd­chen bin. Oh, wie glück­lich wäre ich, wenn er alles von mir wüss­te. Ich müss­te nichts ver­ber­gen. Wale haben wir bis­lang kei­ne gese­hen. Viel­leicht spä­ter, viel­leicht am Abend. – Ihre Geral­di­ne auf hoher See

notiert im Jah­re 1962
an Bord der Queen Mary
auf­ge­fan­gen am 16.11.2008
22.27 MEZ

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