marimba : 20.12 – Noch immer, seit 25 Jahren nicht, vermag ich mir ein Plutoniumteilchen und seine Strahlung vorzustellen. Wie wandert das Teilchen durch die Welt? Was genau treibt sein gefährlich sprechendes Wesen an? Habe beobachtet, dass Arbeiter, die das umgebende Gelände des Reaktors von Tschernobyl für den Bau eines weiteren Sarkophages vorbereiten, sich in Zeitlupe bewegen, um möglichst geringe Mengen radioaktiver Teilchen vom Erdboden in die Luft zu wirbeln. Willentliche Verlangsamung an einem Ort, der eigentlich Fluchtbewegung, also Wunsch nach Beschleunigung erzeugt. — stop
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Aus der Wörtersammlung: boden
malta : schnüre von luft
sierra : 15.08 – Heute Morgen, der Koffer lag bereits geöffnet auf dem Bett, konnte ich wieder das Wasser hören, wies sich in nächster Nähe bewegte. Hatte ein Ohr an eine Zimmerwand gelegt, da waren Stimmen, die sich mit dem Wasser unterhielten, gedämpfte Geräusche, Wörter, die ich noch nie zuvor vernommen hatte. War dann spazieren in den Schatten, habe Namen gesammelt, Türen und ihre Farben, die Gestalt der Treppen, der Briefkästen, der Fensterräume, Menschenspuren, durch alltägliche Bewegung der Jahrhunderte in die Steinhaut der Straßen eingetragen. Wilde Leitungen kreuzten von Haus zu Haus. Ich stellte mir vor, Schnüre ummantelter Luft, jedes Telefon sei mit weiteren Telefonen durch je eine eigene Leitung verbunden. Und da waren beleuchtete Christusfiguren an Häuserecken. Ein paar Jungs spielten Fußball gegen stärkste Neigung des Bodens, mit einem Ball, der ostwärts flüchten wollte. Am Hafen hockten Männer auf leichten Stühlen von Holz. Sie schaukelten Ruten über klarem Wasser, in dem kein Fisch zu sehen war. Lange Zeit der Beobachtung. Die Männer plauderten in ihrer weichen maltesischen Sprache, für einen Moment war mir gewesen, als ob sie durch Beschwörung, durch ihr Lachen, Fische erzeugten, die genau in dem Moment ihrer Entstehung sich in die wartenden Haken der Jäger verbissen, um auf der Stelle in die Luft gezogen zu werden, Fische mit silbernen Bäuchen, blauen Rücken, gelben Augen, Erfindungen, wie Wörter aus dem Nichts, die sich zu Linien formieren und bleiben. Dann weiter. — stop

malta : fernaugen
sierra : 15.02 – Rollläden von rostigem Metall. Zerbrochene Leuchtschriftzeichen. Der Fußboden vor dem Laden mit schwarzer Farbe beschmiert. Das Büro der Libyen Air, trostlose Aussicht, als hätte ein ganzes Land seine Fernaugen für immer geschlossen. Gleich links und rechts des eisernen Lids sitzen junge Menschen in Cafés. Dienstag, früher Vormittag, Taxifahrer lungern in der St Pius Street. Ich folge einer Katze, die ihrerseits Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen und weiteren unsichtbaren Spuren und Wünschen folgt. Prächtiges Tier, schwarzes, zerzaustes Fell, breiter Kopf, gelbe Augen. Sie scheint ihren Beobachter angenommen zu haben, dreht sich immer wieder einmal nach mir um, als würde sie mich in der Verfolgung ermuntern. Von der Republik Street in die Windmill Street, dann nordwärts die Merchant Street entlang. Schulkinder in Uniformen, ein paar ältere Menschen, Frauen, Männer, in dunkler, feiner Kleidung, kleinere Läden, Süßstoffe im Halbdunkel. Mein Blick einmal zur Katze hin, dann wieder hinauf zu den hängenden Wintergärten an den Fassaden der alten Häuser, die schmal sind, ohne Zwischenräume. In der Old Hospital Street eine verwitterte Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort verschwindet die Katze. Wildnis ohne Dach. Zitronenbäume entkommen dem Boden. An einer Wand, von Flechten besetzt, ein Ofen. Im Regal gleich darüber, eine Tasse von Porzellan. — stop
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flugübung
india : 20.58 – Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich aufstehen und mich sofort vom Erdboden lösen könnte. Eine merkwürdige Idee. Machte mich unverzüglich an die Arbeit, malte mir aus, wie ich durch den Raum schweben würde, zum Beispiel auch auf dem Kopf, die Schuhe zur Decke hin. Ich spürte leichten Schwindel, als wär ich betrunken. Schwebte so ein paar Minuten im Raum herum und wie ich zurückkomme, liegt mein Kopf, als hätte ich mir den Hals verbogen, auf der linken Schulter. – Ob es wohl möglich ist, an diesem Donnerstagabend bei hoher Geschwindigkeit die Wände meiner Zimmer zu begehen? — stop
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fernsehmaschine
tango : 22.08 — Bilder von der Fernsehmaschine, die einem Albtraum entkommen. Das Meer reißt menschliches Leben an sich, eine gewaltige, flüssige Faust, die auf schwankendes Land niedergeht. Atomare Höllenhitze in zerbrechlichen Gefäßen. Ein kleiner Junge steht unter Nadelbäumen, erhobene Hände, vor einer erwachsenen Person, die einen Schutzanzug trägt. Der Astronaut misst, ob das Kind gefährlich geworden ist. Uralte Menschen ruhen in der kalten Luft auf Bahren in Decken gewickelt dicht über dem Boden, Neugeborene in ihren letzten Lebenstagen, die mit wild gewordenen Augen den Himmel betasten. Von Stunde zu Stunde zählen Kommentatoren in den Sprachen dieser Welt Geisterzahlen, Tote, Vermisste, Verletzte. Da ist ein brausendes Geräusch, schwarzes Wasser, das Autos, Schiffe, Häuser durch enge Straßen landeinwärts drückt, Hupen, blechernes Krachen, keine menschlichen Stimmen. Am Strand dann aber ein Mann, der zu einer Kamera spricht. Er sagt, er glaube, sich in einem Horrorfilm zu befinden, er wisse nicht, ob er träume. Mit einem festen Griff reißt er an der Haut seines Gesichtes. Das Unsichtbare schon anwesend. Weit draußen auf dem offenen Pazifischen Ozean treibt ein weiterer Mann. Er steht auf dem Dach seines eigenen Hauses. — stop
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gebäck
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ginkgo : 6.05 — War bei Harrods gewesen, ein hell ausgeleuchteter Saal. Verkäuferinnen in grünen Overalls stapelten kunstvoll menschliche Arme und Beine und Köpfe auf Tische. Klare, in den Augen schmerzende Substanz fiel von der Decke. Bald darauf Kurzstreckenfahrt im U‑Bahnwaggon. Ein feuchter menschlicher Arm ruhte auf meinen Oberschenkeln. Dieser Arm nun war in Zeitungspapier gewickelt, seiden weiße Substanz tropfte auf den Boden. Gleich gegenüber ein Mann und eine Frau. Das Gesicht des Mannes dampfte. Die Frau, die eine Melodie vor sich hinsummte, schälte mit einem Teelöffelchen grammschwere Fleischproben aus den Wangen des Mannes, um sie entweder sofort zu verzehren oder weiteren Fahrgästen darzubieten. — stop. — Montag. stop. Duke Ellington : Take the “A” Train. stop. Es ist denkbar, dass ich über das Gedächtnis eines Elefanten verfüge. — stop

kairobildschirm
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sierra : 6.28 — Regen, erste Milde des Jahres. Ein Freund, arabischer Jazzmusiker und stark wie ein Bär, erzählte vor wenigen Stunden, er sei versucht gewesen, während der Rede Husni Mubaraks am Donnerstagabend, sein Fernsehgerät zu zertrümmern. Kann ich nun von einem Wunder sprechen, dass in der zurückliegenden Nacht in den Straßen Kairos nicht rasende Gewalt ausgebrochen ist? Merkwürdig der Augenblick, als sich nachmittags über den hellblauen Himmel der riesigen Stadt ein Hubschrauber fortbewegte, sandfarben und so klein, dass er kaum noch sichtbar gewesen war, ein Luftfahrzeug, in dem sich vielleicht ein Menschendespot befand, von dem ich nicht sagen kann, ob er je verstehen wird, was geschehen ist. Kurz darauf das Beben des Bodens, seismografisch messbar unter Tausenden tanzender Füße, die ihre Schuhe wieder tragen. Auf meinem Fernsehbildschirm erweist ein General mit einer irritierenden militärischen Geste den Opfern des Aufstandes seine Ehre. — stop

kairobildschirm
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echo : 5.38 — Ich erinnere mich, dass ich im Schlaf zu mir sagte: Das will ich nicht weiter träumen. Unverzüglich wurde ich wach. – Schnee ist gefallen, ein weißes Tuch liegt auf den Bürgersteigen. Das Kairofenster flimmert seit bald vierzehn Stunden auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine. Kamelreiter prügeln auf Demonstrierende ein, Steine fliegen durch die Luft, Kühlschränke von Hausdächern, um Menschen zu töten. Mit der Dämmerung kommen Barrikaden, Ölfeuerflaschen, taumeln hin und her, brennende Autos, der hellgraue Rauch der Panzermotoren, die Stimmen der Kommentatoren, die Zahlen verletzter und getöteter Menschen melden. Auf dem Platz der Befreiung wird nach Steinen gegraben. Millimeter hohe Menschenfiguren schleifen liegende Millimeter hohe Menschenfiguren über den Boden. Reine Mordlust scheint ausgebrochen zu sein. – Es ist jetzt 5 Uhr und 30 Minuten. Seit drei Stunden wird scharf geschossen. Niemand weiß, woher die Schüsse kommen. Eine junge Frau, 24, die sich auf dem Platz befindet, erzählt weinend von Menschen, die soeben getötet wurden. Wie das möglich sein könne, dass die Welt nicht eingreife, dass keine Hilfe komme. We will not leaving this place. Sie nennt ihren Namen. — stop
herr auf bahnsteig
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echo : 6.28 — Ein älterer Herr abends spät auf dem Bahnsteig einer Metrostation. Der Mann ist offensichtlich glücklich. Gerade noch, vor wenigen Minuten, passierte er mit einem Koffer in der linken Hand eine Bildschirmwand, las im langsamen Gehen einen Text, der eine halbe Minute zuvor dort erschien. Dieser Text, eine Meldung, berichtet von Forschungsergebnissen eines nordamerikanischen Institutes, man habe nämlich herausgefunden, dass die Intensität der Gefühle mit dem wachsenden Alter eines Menschen steigen würde, man könne sich mit 60 Jahren am besten in eine andere Person hineinversetzen, gleichwohl schwierigen Zeiten etwas Gutes abgewinnen. Wie er diesen Text nun liest, wird der alte Mann langsamer, hält schließlich an, wendet sich dem Licht des Bildschirmes zu, setzt den Koffer neben sich auf den Boden ab. Leicht nach vorne gebeugt steht er da, ein Schatten, eine Silhouette, die sich auch dann nicht bewegt, als die Nachricht, die von der Natur, vom elektrischen Wesen des alten Mannes persönlich erzählt, verschwindet und stattdessen ein Wetterbericht (Eis und Schnee), eine Reiseempfehlung (Ägypten), sowie aktuelle Devisenkurse (Dollar steigend) erscheinen. Der alte Mann wartet, er wartet zwei oder drei Minuten, bis der Text, den er studierte, wiederkehrt. Weitere Minuten vergehen, dann nimmt der alte Mann seinen Koffer vom Boden, dreht sich auf dem Absatz herum, sieht mich an, er lächelt und geht weiter. Eine Frau nähert sich in diesem Moment, da ich notiere, dem Luftraum vor dem Bildschirm. Sie trägt einen länglichen Pappkarton, in dem sich, einer Zeichnung folgend, ein Weihnachtsbaum (Tanne) befinden soll. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte. Guten Morgen! — stop





