Aus der Wörtersammlung: boden

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mann mit stäbchen

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india : 21.02 — Ich habe einen Mann betrach­tet. Die­ser Mann war ganz sicher weit über 70 Jah­re alt, trug trotz gro­ßer Hit­ze einen schä­bi­gen Win­ter­man­tel, Turn­schu­he, einen zer­schramm­ten Ruck­sack vor der Brust, außer­dem Leder­hand­schu­he, schmut­zi­ge Tei­le, eine Bril­le mit rand­lo­sen, run­den Glä­sern, und eben ein fili­gra­nes Stäb­chen, einen Spa­zier­stock genau­er, mit dem er über den Boden tas­te­te. Die­ser Stock nun war kein gewöhn­li­cher, viel­mehr ein höchst merk­wür­di­ger Stock. Er war von hel­lem Metall und konn­te mit­tels klei­ner, im Inne­ren des Sto­ckes befes­tig­ter Elek­tro­mo­to­ren, ein- und aus­ge­fah­ren wer­den, eine Art Tele­skop­stock, außer­dem leicht und blitz­blank, sodass sich die Stadt und der Him­mel über ihr in ihm spie­gel­ten. An der Spit­ze des Sto­ckes einer­seits war ein rund­li­cher Vor­satz befes­tigt, am ent­ge­gen­ge­setz­ten Ende ent­ka­men einem Knauf zwei Kabel, die mit Hör­ge­rä­ten ver­bun­den waren, die der alte Mann in sei­nen Ohren trug. Die­se Beob­ach­tun­gen, die ich mach­te, als ich die Madi­son Ave­nue süd­wärts spa­zier­te, führ­ten zunächst zu der Ver­mu­tung, der alte Mann belau­sche den Boden, weil ich die Ver­stär­kung an der Spit­ze sei­nes Sto­ckes, zunächst für ein Mikro­fon gehal­ten habe. Dann aber blieb der alte Mann Höhe 42nd Stra­ße nahe der Bord­stein­kan­te ste­hen. Er tas­te­te im Rinn­stein, eine Hand führ­te den Stock, die ande­re beweg­te sich in der Tasche sei­nes Man­tels. Indem ich eben­falls ste­hen­blieb und mich dem alten Mann zuwen­de­te, ver­kürz­te sich plötz­lich mit­tels einer geschmei­di­gen Bewe­gung der Stock des Man­nes so weit, dass der alte Mann einen hal­ben Dol­lar von sei­nem Ende pflü­cken konn­te, ohne in die Knie gehen zu müs­sen. — Ende der Geschich­te. Don­ners­tag. Es ist Abend, die Luft kühl vom Regen. Eine Flie­ge tas­tet über den Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne, der Him­mel blitzt, die Seen sind voll, das Schilf neigt sich dem Boden zu. — stop

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geflogen

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sier­ra : 5.03 — Fol­gen­des habe ich mir vor­ge­stellt in einem Abend­zug ges­tern von einer Minu­te zur ande­ren, Vögel näm­lich, die über einen som­mer­li­chen Him­mel ras­ten, ein­an­der locken­de, Haken schla­gen­de Künst­ler, man­che flo­gen wei­te Stre­cken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogel­him­mel wild blü­hen­der Wie­sen, Bie­nen­ge­schos­se, schwe­ben­de Brumm­krei­sel­pil­ze. Unter einem Baum kau­er­ten ein paar Kin­der, die schraub­ten an fau­chen­den Tau­ben­köp­fen her­um, eine Geschich­te feins­ter Werk­zeu­ge, jawohl, eine Geschich­te auch elek­trisch knis­tern­der Pla­ti­nen, die unter jener vor­ge­stell­ten Wie­se ver­bor­gen lagen. Ich ruh­te dann bald selbst auf dem fun­ken­den Boden und mein­te noch das Sin­gen der Kno­chen­sä­gen hin­ter mei­nen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senk­recht in Spi­ra­len eines Unge­üb­ten gegen die Wol­ken. — Heu­te ist Diens­tag. Duke Elling­ton war­tet. Guten Mor­gen! — stop

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PRÄPARIERSAAL : heitere träume

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india : 22.03 — Ges­tern kam der schö­ne Kopf einer Freun­din auf acht win­zi­gen Füßen über den Boden mei­nes Arbeits­zim­mers spa­ziert. Sie rezi­tier­te in rasen­der Geschwin­dig­keit einen Text Dju­na Bar­nes mit lach­gas­hel­ler Stim­me. Nichts ist noch selbst­ver­ständ­lich. Wes­halb träu­me ich nur sel­ten, und wenn, dann hei­te­re Geschich­ten vom Zer­glie­dern mensch­li­cher Kör­per? — Vor lan­ger Zeit bereits notiert. stop. In der Ant­wort noch kei­nen Schritt wei­ter­ge­kom­men. — stop
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lampion

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marim­ba : 2.27 — Man könn­te viel­leicht sagen, dass es sich bei der Gat­tung der Lam­pion­kä­fer um Geschöp­fe han­delt, die bevor­zugt nach innen aus­ge­dacht wor­den sind, wes­halb man an ihrer äuße­ren Gestalt spar­sam zu wir­ken wünsch­te. Man mach­te ihnen Flü­gel, sehr klei­ne, kaum noch sicht­ba­re Flü­gel, die kur­ze Stre­cken des Luft­rei­sens gestat­ten, spar­te dage­gen an Bei­nen, ver­gaß Augen und Füh­ler, auch Ohren sind an ihrem voll­kom­men run­den Kör­per bis­lang nicht zu ent­de­cken gewe­sen. Nie­mand könn­te zu die­sem Zeit­punkt also ernst­haft behaup­ten, an wel­cher Stel­le nun genau der Kopf, also das Vorn des Käfer­we­sens zu fin­den sein könn­te. Meis­tens lie­gen sie dem­zu­fol­ge bewe­gungs­los auf dem Boden her­um, schla­fen viel­leicht oder träu­men. Man kann sie dann leicht über­se­hen, weil sie sehr klein sind und fast licht­los auf den ers­ten Blick. Uner­kannt haben sie in die­ser beschei­de­nen Wei­se bis vor Kur­zem in den Wäl­dern des Kar­wen­del­ge­bir­ges nahe der Baum­gren­ze gelebt, bis ein Stein­samm­ler ihr Geheim­nis unlängst ent­deck­te, in dem er sich mit einem sehr fei­nen Boh­rer ins Inne­re eines der Käfer­kör­per vor­ar­bei­te­te. Lan­ge Stun­den des War­tens, des Küh­lens, des Ban­gens, dann späh­te der jun­ge For­scher in eine voll­stän­dig unbe­kann­te Welt. Seit­her fehlt ihm jede Spra­che. Die Augen weit geöff­net, scheint er zu suchen, nach Sät­zen viel­leicht, nach Wör­tern, nach ange­mes­se­nen Geräu­schen der Bewun­de­rung, der Aner­ken­nung. — Was bleibt noch zu bemer­ken? — Sie sum­men wie die Bie­nen, sobald sie fliegen.

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plutonium

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marim­ba : 20.12 – Noch immer, seit 25 Jah­ren nicht, ver­mag ich mir ein Plu­to­ni­um­teil­chen und sei­ne Strah­lung vor­zu­stel­len. Wie wan­dert das Teil­chen durch die Welt? Was genau treibt sein gefähr­lich spre­chen­des Wesen an? Habe beob­ach­tet, dass Arbei­ter, die das umge­ben­de Gelän­de des Reak­tors von Tscher­no­byl für den Bau eines wei­te­ren Sar­ko­pha­ges vor­be­rei­ten, sich in Zeit­lu­pe bewe­gen, um mög­lichst gerin­ge Men­gen radio­ak­ti­ver Teil­chen vom Erd­bo­den in die Luft zu wir­beln. Wil­lent­li­che Ver­lang­sa­mung an einem Ort, der eigent­lich Flucht­be­we­gung, also Wunsch nach Beschleu­ni­gung erzeugt. — stop
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malta : schnüre von luft

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sier­ra : 15.08 – Heu­te Mor­gen, der Kof­fer lag bereits geöff­net auf dem Bett, konn­te ich wie­der das Was­ser hören, wies sich in nächs­ter Nähe beweg­te. Hat­te ein Ohr an eine Zim­mer­wand gelegt, da waren Stim­men, die sich mit dem Was­ser unter­hiel­ten, gedämpf­te Geräu­sche, Wör­ter, die ich noch nie zuvor ver­nom­men hat­te. War dann spa­zie­ren in den Schat­ten, habe Namen gesam­melt, Türen und ihre Far­ben, die Gestalt der Trep­pen, der Brief­käs­ten, der Fens­ter­räu­me, Men­schen­spu­ren, durch all­täg­li­che Bewe­gung der Jahr­hun­der­te in die Stein­haut der Stra­ßen ein­ge­tra­gen. Wil­de Lei­tun­gen kreuz­ten von Haus zu Haus. Ich stell­te mir vor, Schnü­re umman­tel­ter Luft, jedes Tele­fon sei mit wei­te­ren Tele­fo­nen durch je eine eige­ne Lei­tung ver­bun­den. Und da waren beleuch­te­te Chris­tus­fi­gu­ren an Häu­ser­ecken. Ein paar Jungs spiel­ten Fuß­ball gegen stärks­te Nei­gung des Bodens, mit einem Ball, der ost­wärts flüch­ten woll­te. Am Hafen hock­ten Män­ner auf leich­ten Stüh­len von Holz. Sie schau­kel­ten Ruten über kla­rem Was­ser, in dem kein Fisch zu sehen war. Lan­ge Zeit der Beob­ach­tung. Die Män­ner plau­der­ten in ihrer wei­chen mal­te­si­schen Spra­che, für einen Moment war mir gewe­sen, als ob sie durch Beschwö­rung, durch ihr Lachen, Fische erzeug­ten, die genau in dem Moment ihrer Ent­ste­hung sich in die war­ten­den Haken der Jäger ver­bis­sen, um auf der Stel­le in die Luft gezo­gen zu wer­den, Fische mit sil­ber­nen Bäu­chen, blau­en Rücken, gel­ben Augen, Erfin­dun­gen, wie Wör­ter aus dem Nichts, die sich zu Lini­en for­mie­ren und blei­ben. Dann wei­ter. — stop

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malta : fernaugen

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sier­ra : 15.02 – Roll­lä­den von ros­ti­gem Metall. Zer­bro­che­ne Leucht­schrift­zei­chen. Der Fuß­bo­den vor dem Laden mit schwar­zer Far­be beschmiert. Das Büro der Liby­en Air, trost­lo­se Aus­sicht, als hät­te ein gan­zes Land sei­ne Fern­au­gen für immer geschlos­sen. Gleich links und rechts des eiser­nen Lids sit­zen jun­ge Men­schen in Cafés. Diens­tag, frü­her Vor­mit­tag, Taxi­fah­rer lun­gern in der St Pius Street. Ich fol­ge einer Kat­ze, die ihrer­seits Gerü­chen, Geräu­schen, Bewe­gun­gen und wei­te­ren unsicht­ba­ren Spu­ren und Wün­schen folgt. Präch­ti­ges Tier, schwar­zes, zer­zaus­tes Fell, brei­ter Kopf, gel­be Augen. Sie scheint ihren Beob­ach­ter ange­nom­men zu haben, dreht sich immer wie­der ein­mal nach mir um, als wür­de sie mich in der Ver­fol­gung ermun­tern. Von der Repu­blik Street in die Wind­mill Street, dann nord­wärts die Mer­chant Street ent­lang. Schul­kin­der in Uni­for­men, ein paar älte­re Men­schen, Frau­en, Män­ner, in dunk­ler, fei­ner Klei­dung, klei­ne­re Läden, Süß­stof­fe im Halb­dun­kel. Mein Blick ein­mal zur Kat­ze hin, dann wie­der hin­auf zu den hän­gen­den Win­ter­gär­ten an den Fas­sa­den der alten Häu­ser, die schmal sind, ohne Zwi­schen­räu­me. In der Old Hos­pi­tal Street eine ver­wit­ter­te Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort ver­schwin­det die Kat­ze. Wild­nis ohne Dach. Zitro­nen­bäu­me ent­kom­men dem Boden. An einer Wand, von Flech­ten besetzt, ein Ofen. Im Regal gleich dar­über, eine Tas­se von Por­zel­lan. — stop
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flugübung

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india : 20.58 – Ich stell­te mir vor, wie es wäre, wenn ich auf­ste­hen und mich sofort vom Erd­bo­den lösen könn­te. Eine merk­wür­di­ge Idee. Mach­te mich unver­züg­lich an die Arbeit, mal­te mir aus, wie ich durch den Raum schwe­ben wür­de, zum Bei­spiel auch auf dem Kopf, die Schu­he zur Decke hin. Ich spür­te leich­ten Schwin­del, als wär ich betrun­ken. Schweb­te so ein paar Minu­ten im Raum her­um und wie ich zurück­kom­me, liegt mein Kopf, als hät­te ich mir den Hals ver­bo­gen, auf der lin­ken Schul­ter. – Ob es wohl mög­lich ist, an die­sem Don­ners­tag­abend bei hoher Geschwin­dig­keit die Wän­de mei­ner Zim­mer zu bege­hen? — stop
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fernsehmaschine

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tan­go : 22.08 — Bil­der von der Fern­seh­ma­schi­ne, die einem Alb­traum ent­kom­men. Das Meer reißt mensch­li­ches Leben an sich, eine gewal­ti­ge, flüs­si­ge Faust, die auf schwan­ken­des Land nie­der­geht. Ato­ma­re Höl­len­hit­ze in zer­brech­li­chen Gefä­ßen. Ein klei­ner Jun­ge steht unter Nadel­bäu­men, erho­be­ne Hän­de, vor einer erwach­se­nen Per­son, die einen Schutz­an­zug trägt. Der Astro­naut misst, ob das Kind gefähr­lich gewor­den ist. Uralte Men­schen ruhen in der kal­ten Luft auf Bah­ren in Decken gewi­ckelt dicht über dem Boden, Neu­ge­bo­re­ne in ihren letz­ten Lebens­ta­gen, die mit wild gewor­de­nen Augen den Him­mel betas­ten. Von Stun­de zu Stun­de zäh­len Kom­men­ta­to­ren in den Spra­chen die­ser Welt Geis­ter­zah­len, Tote, Ver­miss­te, Ver­letz­te. Da ist ein brau­sen­des Geräusch, schwar­zes Was­ser, das Autos, Schif­fe, Häu­ser durch enge Stra­ßen land­ein­wärts drückt, Hupen, ble­cher­nes Kra­chen, kei­ne mensch­li­chen Stim­men. Am Strand dann aber ein Mann, der zu einer Kame­ra spricht. Er sagt, er glau­be, sich in einem Hor­ror­film zu befin­den, er wis­se nicht, ob er träu­me. Mit einem fes­ten Griff reißt er an der Haut sei­nes Gesich­tes. Das Unsicht­ba­re schon anwe­send. Weit drau­ßen auf dem offe­nen Pazi­fi­schen Oze­an treibt ein wei­te­rer Mann. Er steht auf dem Dach sei­nes eige­nen Hau­ses. — stop

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