Aus der Wörtersammlung: denken

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lichtwellensegel

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romeo : In der ver­gan­ge­nen Nacht war ich begeis­tert in Chi­ca­go auf dem Bild­schirm. Ich hat­te des­halb kei­ne Zeit, einen Text zu schrei­ben oder über einen Text nach­zu­den­ken. Will nun statt­des­sen ein klei­nes Stück zitie­ren, das ich im Okto­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res bereits notier­te, als ich sehr glück­lich gewe­sen war. Fol­gen­des: Man stel­le sich ein­mal ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von aller­feins­ter Qual­len­haut, von Was­ser, von Salz, von Licht. Man könn­te die­ses Zim­mer, und alles, was sich im Zim­mer befin­det, das Qual­len­bett, die Qual­len­uhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche ste­cken. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spa­zie­ren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaf­fee­haus und war­tet. Man sitzt also ganz still und zufrie­den unter einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne an einem Tisch, trinkt einen Becher Kakao und lächelt und ist gedul­dig und sehr zufrie­den, weil nie­mand weiß, dass man ein Zim­mer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zim­mer, das man jeder­zeit aus­pa­cken und mit etwas Was­ser, Salz und Licht, zur schöns­ten Ent­fal­tung brin­gen könn­te. – Null Uhr acht: Haben wir noch alle Tas­sen im Schrank? — stop

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coltrane! coltrane!

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echo : 8.27 — Das war­me Licht, das im Holz der Kon­tra­bäs­se brennt, ein Glü­hen, in das ich ver­narrt bin, soweit ich zurück­den­ken kann? Die Schu­he eines uralten Bas­sis­ten, wie sie vor dem klei­nen Jun­gen sehr fest auf dem Boden einer Kel­ler­büh­ne ste­hen, wäh­rend die Welt drum­her­um auf­ge­wühlt ist, schwar­ze, spie­gel­blan­ke Schu­he, und irgend­wo weit oben am Schne­cken­turm, dunk­le Hän­de, die wie Ech­sen über Holz und kup­fer­ne Sei­le sprin­gen. — Mein selt­sam füh­len­der Bauch. — Wun­der­te mich, dass sie mit­ein­an­der spre­chen, wäh­rend sie spie­len, lachen, spa­ßen, sich befeu­ern und beim Namen nen­nen. Höre ich nicht gera­de noch The­lo­ni­us Sphe­re Mon­ks Stim­me wie er im Jah­re 1957: Col­tra­ne! Col­tra­ne ruft?  — stop

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papiertierchen

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nord­pol : 9.15 — Man stel­le sich ein­mal vor, Papier­tier­chen exis­tier­ten in unse­rer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder ver­gleich­ba­rer Ware, son­dern tat­säch­li­che Lebe­we­sen, die so aus­ge­dacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die einer Papier­sei­te ähn­lich sind. Weil die­se Lebe­we­sen, wie ich sie mir gera­de male, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Flä­che so groß wie die Spit­ze einer Nadel, wür­de ein Maschi­nen­bo­gen von nicht weni­ger als zwei Mil­lio­nen Indi­vi­du­en nach­ge­bil­det sein. Jedes Papier­tier­chen, sicht­bar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier wei­te­ren Tier­chen, die es schon immer kennt, mit­tels feins­ter Ten­ta­keln zu ver­bin­den oder zu befreun­den, und zwar nur mit die­sen, sodass man von ein­deu­ti­ger Ord­nung spre­chen könn­te, nicht von einer belie­bi­gen Anord­nung. Ja, jedes der klei­nen Wesen für sich spricht von einem urei­ge­nen Ort, den es nie­mals ver­gisst. Sobald alles schön zu einer Sei­te geord­net ist, wer­den mit Licht, mit einem Licht­stift genau­er, Zei­chen gesetzt auf das leben­de Papier, indem man leich­ter Hand wie mit einem Fül­ler schreibt. Wird ein schnee­wei­ßes Tier­chen berührt vom notie­ren­den Licht, nimmt es sogleich die schwar­ze Far­be an und ver­bleibt von die­sem Schwarz, bis es von wei­te­rem Licht berührt wer­den könn­te, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lam­pe das Zei­chen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­gra­nen Kör­per schrei­ben wür­de. Ich hat­te, wäh­rend ich die­sem Gedan­ken noch auf einer gewöhn­li­chen Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne folg­te, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kom­men oder wild, dass sie, zum Bei­spiel, wenn ein Feu­er­wehr­au­to in ihrer Nähe vor­über kom­men soll­te, sofort aus­ein­an­der flie­gen in Panik, sich ver­ste­cken, um jedes für sich oder in grö­ße­ren Grup­pen an den Wän­den mei­ner Zim­mer zu sit­zen. Viel­leicht lun­gern sie auch auf Kaf­fee­tas­sen her­um oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, ja, das ist sehr gut denk­bar. Ich wer­de dann war­ten, ruhig und gelas­sen war­ten, bis sie sich wie­der beru­higt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach einer Stun­de oder zwei. Dann wei­ter schrei­ben oder lesen oder den­ken. Und jetzt hab ich einen Kno­ten im Kopf. — stop

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kirschbaumgarten

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echo : 2.08 — Am Ende eines gelun­ge­nen Tages schon inmit­ten der Nacht. Mit Freun­den lan­ge durch ange­neh­men Wind spa­ziert. Leich­ter Regen, der noch warm ist vom Som­mer. Geräu­sche der Nacht­blü­ten, die mir von der Arbeit mei­ner See­le erzäh­len, vom genau­er und immer genau­er wer­den­den Blick auf eine unglück­li­che Geschich­te. Das Rascheln des Regens in den Blät­tern vor den geöff­ne­ten Fens­tern. Höre Charles Min­gus, wäh­rend ich einen Traum der ver­gan­ge­nen Nacht notie­re. In die­sem Traum besuch­te ich einen blü­hen­den Kirsch­baum­gar­ten. Ein wil­der Duft, von dem ich mir träu­mend erzähl­te, dass ich ihn eigent­lich nicht wahr­neh­men kön­ne, also nur erfun­den habe, weil ich im Schlaf befind­lich, über kei­nen Geruchs­sinn ver­fü­ge. Da war im Gar­ten ein papie­re­nes Band von Stamm zu Stamm gespannt, dar­auf eine hand­schrift­li­che Zei­le, unend­lich schein­bar, weil der Anfang und das Ende des Ban­des unsicht­bar. Ich kann mich nun an den Text, den die Zei­le auf dem Papier ent­hielt, nicht erin­nern, wohl aber an einen Mann, auf den ich traf, nach­dem ich der Zei­chen­stre­cke eine Wei­le lesend gefolgt war. Er hielt einen Blei­stift in der Hand, arbei­te­te, schrieb eine zwei­te Zei­le über die bereits vor­han­de­ne Zei­le, gleich­wohl einen Text, den ich nicht erin­ne­re. Für eine län­ge­re Zeit sah ich ihm schwei­gend zu, stand direkt hin­ter ihm und hör­te dann, wie er sag­te, ohne den Blick von sei­ner schrei­ben­den Hand zu neh­men, dass man manch­mal eine Varia­ti­on der eige­nen Lebens­zei­le schrei­ben müs­se, um ver­ste­hen zu kön­nen. Nichts löschen, sag­te der Mann, inter­pre­tie­ren, den­ken, nach­füh­len. — stop

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nahgespräch

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india : 3.30 — Das schöns­te Glück in einer Welt, jen­seits der vir­tu­el­len Welt, wenn es zwei Men­schen mög­lich ist, sich zu sehen, zu berüh­ren, zu umar­men, sobald sie mit­ein­an­der spre­chen und den­ken und lachen oder trau­ern oder strei­ten oder mit­ein­an­der schwei­gen. — stop

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sirius

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kili­man­dscha­ro : 0.28 — Gegen Mit­ter­nacht ste­he ich im Arbeits­zim­mer, hebe bei­de Arme, mache Flü­gel, weil ich dar­über nach­den­ke, wie es wäre, gewichts­los zu sein. Ich habe mir vor­ge­stellt, dass man viel­leicht ein­mal auf die Idee kom­men wird, Men­schen zu erfin­den, die ohne Kno­chen sind, weil sie Kno­chen nicht benö­ti­gen, weil sie ohne jede Schwe­re im Welt­raum exis­tie­ren auf gro­ßer Fahrt. Die­se Men­schen wür­den von einer kräf­ti­gen Haut begrenzt, leg­ten sich viel­leicht in waben­för­mi­gen Struk­tu­ren zur Ruhe, wären falt­bar und weich wie Medu­sen. Wenn sich zwei die­ser Medu­sen­men­schen in einem schwe­re­lo­sen Raum begeg­ne­ten, wür­den sie sich in einer Zart­heit umschmei­cheln, die uns Kno­chen­menschen grund­sätz­lich fremd ist, weil wir in der Begeg­nung, auch in der Lie­be, gewohnt sind auf Wider­stän­de sto­ßen zu wol­len, auf Gegen­wehr, auf eine Fes­tig­keit, die wir benö­ti­gen, um sagen zu kön­nen, das bin ich und das bist Du. Ist das nicht ein bezau­bern­der Film, wie sich nahe des Siri­us­ster­nes zwei uralte Medu­sen­we­sen durch einen Tan­go atmen, wie sie ver­liebt ihre pul­sie­ren­den, ihre licht­durch­läs­si­gen Lun­gen betrach­ten? Wie könn­ten die­se Wesen beklei­de­ten sein, wel­che Bücher wür­den sie lesen, wel­che Musik wür­de sie in glück­li­che Schwin­gung ver­set­zen, was wer­den sie essen, was wer­den sie trin­ken, was wer­den sie ein­mal von mir den­ken, wenn sie lesen, was ich heu­te Nacht bereits für sie auf­ge­schrie­ben habe? — stop

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