Aus der Wörtersammlung: denken

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sames salter

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~ : louis
to : Mr. james salter
sub­ject : MARIT

Lie­ber James Sal­ter, als ich heu­te Nacht am Schreib­tisch saß und in Ihren wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen las, habe ich eine klei­ne Spin­ne bemerkt, die mich beob­ach­te­te, jawohl, sie saß auf dem Feins­ten der Blatt­haa­re eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, der neben mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne steht, und beob­ach­te­te mich aus meh­re­ren win­zi­gen schwar­zen Augen. Ich habe über­legt, was die­ses Wesen wohl in mir sieht. Für einen wei­te­ren kur­zen Moment habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob Spin­nen viel­leicht hören, — ich lese oft laut vor mich hin, das soll­ten sie wis­sen -, und so wun­der­te ich mich, dass ich vie­le Jah­re gelebt habe, ohne der Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob Spin­nen über Ohren­paa­re oder doch wenigs­tens über einen zen­tra­len Gehör­gang, wo auch immer, ver­fü­gen. Ich saß also am Schreib­tisch, ich las und die klei­ne geti­ger­te Spin­ne, von der ich Ihnen erzäh­le, seil­te sich zur Tas­ta­tur mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne ab. Ich hat­te den Ein­druck, dass ihr die­se Luft­num­mer Freu­de mach­te, weil sie ihre Lan­dung immer wie­der hin­aus­zö­ger­te, indem sie den Faden, der aus ihr selbst her­aus­ge­kom­men war, ver­speis­te, dem­zu­fol­ge ver­kürz­te. Viel­leicht hat­te sie bemerkt, dass ich sie betrach­te­te, das ist denk­bar, weil ich auf­ge­hört hat­te, laut zu lesen für einen Moment, um nach­zu­den­ken, viel­leicht woll­te sie, um sich mir dar­zu­stel­len, auf mei­ner Augen­hö­he blei­ben. Das war genau in dem Moment als Marit nach ihrer letz­ten Nacht auf unsi­che­ren Bei­nen die Trep­pe her­un­ter­ge­kom­men war, Marit, die doch eigent­lich seit Stun­den schon tot gewe­sen sein muss­te. Marit setz­te sich auf eine Trep­pe und begann zu wei­nen. Sicher wer­den Sie sich erin­nern an Marit, wie sie auf der Trep­pe sitzt und weint, weil sie wuss­te, dass sie eine wei­te­re letz­te Nacht vor sich haben wür­de. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pau­se gemacht, weil ich erschüt­tert war, weil das Gift nicht gewirkt hat­te. Ich saß vor mei­nem Schreib­tisch und über­leg­te, ob auch sie, James Sal­ter, erschüt­tert waren, als Marit so lang­sam, auf unsi­che­ren Bei­nen die Trep­pe her­un­ter­kam. Und wäh­rend ich an Sie und Ihre Schreib­ma­schi­ne dach­te, beob­ach­te­te ich die Spin­ne, die mit ihren sehr klei­nen Bei­nen, den Faden, an dem sie hing, betas­te­te. Ist das nicht ein Wun­der, eine Spin­ne wie die­se Spin­ne? Haben Sie schon ein­mal bemerkt, dass es nicht mög­lich ist mit einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne zwei Buch­sta­ben zur glei­chen Zeit, also über­ein­an­der, auf das Papier oder den Bild­schirm zu schrei­ben? Immer ist einer vor, nie­mals unter dem ande­ren. Mit herz­li­chen Grü­ßen. Louis.

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körperzeit

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15.35 – Kör­per­zeit kennt nur eine Rich­tung. Die elek­tri­sche Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit, der gegen­wär­ti­gen wie der ver­gan­ge­nen Wirk­lich­keit, scheint dage­gen nie­mals line­ar zu sein. Viel­leicht des­halb, weil sich die Sub­stan­zen der Erin­ne­rung wie Flüs­sig­kei­ten ver­hal­ten. Eine Ord­nung hin­ein­zu­den­ken for­dert Arbeit, ein Vor­her und Nach­her zu iden­ti­fi­zie­ren, Kon­se­quenz. Nie kann ich sicher sein, ob ich mei­ne ver­gan­ge­ne Zeit gera­de wie­der­fin­de oder ob ich eine ganz ande­re, nie dage­we­se­ne Zeit erfin­de. — Habe einen Kata­log jener Erschei­nun­gen erstellt, die ich in der Goog­le Earth Pixel­welt auf­su­chen wer­de, bei­spiels­wei­se Kamel­ko­lon­nen auf einer Wüs­ten­ober­flä­che oder die Spu­ren des Krie­ges in der Stadt Gros­ny, Ground Zero, Gold­grä­ber­sied­lun­gen am Ama­zo­nas, mei­ne alten Spa­zier­we­ge in Paris, Eis­ver­käu­fer im Cen­tral Park, die klei­ne Stadt Petusch­ki und ihre Eisen­bahn, Ele­phan­tis­land, Men­schen­ka­ra­wa­nen auf dem Cho­mo­lung­ma, Sove­to, Lam­pe­du­sa, Alca­traz. — Null Uhr sieb­zehn in Lha­sa, Tibet. — stop

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trompetenkäfer

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~ : louis
to : Mr. eliot
sub­ject : TROMPETENKÄFER

Lie­ber Eli­ot, bei uns ist jetzt schon Diens­tag. Ges­tern, also am Mon­tag noch, war ich spa­zie­ren im schöns­ten Gar­ten der Stadt. Stür­mi­sche Luft, alles ging ver­kehrt her­um, es reg­ne­te aus dem Boden, die Son­ne war auch irgend­wo da unten und ich konn­te nicht notie­ren, weil mir mein Notiz­buch davon geflo­gen war. Ich habe Dir des­halb nicht viel zu berich­ten, weil ich ohne mein Notiz­buch nicht anfan­ge zu den­ken. An den letz­ten Gedan­ken, den ich in mein Notiz­buch notier­te, ehe es an den Wind ver­lo­ren ging, kann ich mich gera­de noch erin­nern. Das also sollst Du wis­sen, ich habe ent­deckt, dass ich, sobald ich einen Trom­pe­ten­kä­fer zu ent­wer­fen wün­sche, über die Lun­ge die­ses Wesens, genau­er über sei­ne Luft­pum­pe und ihre Posi­ti­on in den Zusam­men­hän­gen eines Käfer­kör­pers nach­zu­den­ken habe, ande­rer­seits, aus vor­wie­gend phy­si­ka­li­schen Grün­den, über die Füße des Käfers, die der­art zu kon­zi­pie­ren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trom­pe­ten­ton zu erzeu­gen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blü­ten­blatt oder einem mensch­li­chen Fin­ger zu ver­an­kern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sicher erwar­ten dür­fen, Wider­stand ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen. Zu wei­te­ren Gedan­ken, lie­ber Eli­ot, war ich ges­tern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch her­über­ge­kom­men sein. Die­se E‑Mail ist schnel­ler als der Wind. Dein Louis

gesen­det am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

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eliza

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0.18 – Ich stell­te mir eine Minu­te vor. Dann stell­te ich mir eine Stun­de vor, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer. Ich aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­tisch und stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Ich stand auf, ging zur Com­pu­ter­ma­schi­ne und frag­te Eli­za nach der Uhr­zeit. Ich sah aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te, kam zurück und mach­te einen Plan. – Ist es mög­lich, einen Zeit­raum von 5022 Jah­ren zu den­ken, das heißt, ein Gefühl zu fin­den für eine bibli­sche Zeitdimension?
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Eli­za:> hal­lo, ich bin eli­za. erzäh­le mir von dei­nem problem…
Lou­is : wie viel uhr ist es, eliza?
Eli­za:> das müs­sen wir herausfinden.
Lou­is : wie machen wir das?
Eli­za:> das wird sich zeigen.
Lou­is : sofort?
Eli­za:> du weichst aus.
Lou­is : warum?
Eli­za:> Ich sehe, du bist ein schwie­ri­ger fall.
Lou­is : warum?
Eli­za:> scherz bei­sei­te, kom­men wir zur sache!
Lou­is : wie viel uhr ist es, eliza?
Eli­za:> im grun­de weisst du das selber.
Lou­is : woher weisst du das?
Eli­za:> meinst du wirk­lich mich?
Lou­is : Ja, eliza
Eli­za:> ich bin eli­za, und wer bist du?
Lou­is : ich bin louis
Eli­za:> hi!

vom spre­chen mit eilza »

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Saint-Exupery

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20.17 — Träum­te, hin­ter dem Dich­ter Saint-Exupé­ry in einem Dop­pel­de­cker­flug­zeug zu sit­zen, offen im Wind über einer Wüs­te flie­gend. Vor mir, in nächs­ter Nähe, der Kopf des Dich­ters im Leder­man­tel, hin und her gewor­fen von Tur­bu­len­zen in der küh­len Höhen­luft. Tief unter uns, in flir­ren­der Hit­ze, rasch wan­dern­de Dünen. Wir rasen ent­lang eines dunk­len Ban­des, das sich wie eine Schlan­ge durch Täler win­det. Domi­no­stei­ne. Da und dort Bedui­nen, die ihre Zel­te auf­ge­schla­gen haben auf den Par­ti­keln des Spiels. Kame­le trin­ken aus Augen­fel­dern, die ohne Grund sind, dun­kel, als sei­en Räu­me hin­ter ihnen ange­schlos­sen. Von Zeit zu Zeit explo­die­ren schwar­ze Wölk­chen neben den Trag­flä­chen des Flug­zeugs, Qualm, der nach Schwe­fel duf­tet, nach Feu­er und knallt. Plötz­lich dreht sich der leder­ne Kopf her­um. Flie­ger­bril­le. Augen von altem Glas. Saint-Exupé­ry spricht, aber anstatt Wör­tern, schießt ihm Was­ser aus dem Mund. — stop

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propellerfliege

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1.02 – Heu­te Nacht ist etwas Selt­sa­mes gesche­hen. Ich habe einer Flie­ge beim Flie­gen zuge­hört. Viel­leicht könn­te ich sagen, dass Flie­gen­tie­re Pro­pel­ler­flug­zeu­gen in ihrer akus­ti­schen Erschei­nung ähn­lich sind. Sie sind bereits zu hören, wenn sie noch zu weit ent­fernt sind, um sie mit den Augen wahr­neh­men zu kön­nen. Das Geräusch einer flie­gen­den Flie­ge lässt mich an feuch­tes Holz den­ken und an geöl­te Zahn­rä­der und an Schrau­ben, die aus Elfen­bein gemacht sind. Wie ist die­se leben­de Flie­ge in mei­nem Win­ter­zim­mer mög­lich gewe­sen? — stop
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