Aus der Wörtersammlung: fenster

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turingluftmaschine

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sier­ra : 0.05 UTC — Bis in den spä­ten Abend bei geöff­ne­ten Fens­tern über das Wesen nicht­de­ter­mi­nis­ti­scher Algo­rith­men nach­ge­dacht. Da war plötz­lich wie­der ein hel­les Pro­pel­ler­ge­räusch an mei­nem Ohr, ein ver­trau­ter Ton, den ich seit Kin­der­zeit erfin­de, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch sum­mie­ren woll­te zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re, der Ver­dacht, dass mit mei­ner Erin­ne­rung etwas nicht ganz in Ord­nung sein könn­te. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra ist in der Luft kaum zu ver­neh­men. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen in der Wirk­lich­keit beob­ach­tet, sie sind laut­los wie wir­beln­der Schnee. Und doch war da stets ein beson­de­rer Ton, sobald eine Flie­ge dicht an mei­nem Ohr vor­über gekom­men war oder in nächs­ter Nähe auf mir lan­de­te. – Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? – Wei­ter­hin Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop

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früher morgen

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lima : 7.30 UTC — Vor eini­ger Zeit ein­mal wach­te ich auf und dach­te: Heu­te wirst Du einen Text notie­ren, der rei­nen Unsinn erzählt. Ich trank einen Kaf­fee, aß einen Apfel, öff­ne­te das Fens­ter und schau­te auf die Stra­ße hin­un­ter. Dort beweg­ten sich Men­schen. Ich beob­ach­te, wie sie aus Stra­ßen­bah­nen stie­gen, wie sie die Stra­ße über­quer­ten, man­che rauch­ten noch schnell eine Ziga­ret­te, ande­re tele­fo­nier­ten, man­che durch­such­ten ihre Taschen oder schau­ten in die Bäu­me, alle aber beweg­ten sich fast senk­recht vor­wärts. Als ich ihnen so zuschau­te, ahn­te ich, dass es nicht ein­fach sein wür­de, einen Text zu schrei­ben, der rei­nen Unsinn erzählt. — stop

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eine telefongeschichte

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hima­la­ya : 17.50 UTC — Ges­tern klin­gel­te mein Tele­fon, nein, wirk­lich, mein Tele­fon mel­de­te nicht nur einen Anruf, es klin­gel­te tat­säch­lich, weil ich einen Signal­ton ein­ge­stellt hat­te, der einem Klin­gel­ton der Tele­fo­ne mei­ner Kind­heit sehr ähn­lich ist. Mein Tele­fon ver­mag gleich­wohl zu zwit­schern oder zu sum­men oder zu trom­pe­ten, wie Ele­fan­ten spre­chen, aber wenn mein Tele­fon klin­gelt in der Wei­se mei­ner Kind­heit, mag ich das am liebs­ten, oder wenn es Ben­ny Good­man spielt, aber dann gehe ich nicht dran, dann hebe ich nicht ab, dann höre ich zu und tan­ze ein wenig in der Woh­nung her­um bis die Vögel an mein Fens­ter klop­fen: Lou­is komm, die Arbeit war­tet! — Ges­tern also klin­gel­te mein Tele­fon. B. mein Paten­kind, war in der Lei­tung, und ich freu­te mich sehr, weil ich ein hal­bes Jahr nichts von ihr gehört hat­te. Kannst du dich erin­nern an unse­re Affen­ge­schich­te? Oh, ja, sag­te B., da habe ich mich gefürch­tet, da war ich noch klein. Es ist inter­es­sant, fuhr sie fort, ich fürch­te mich vor der Geschich­te noch immer, obwohl ich schon erwach­sen gewor­den bin. B. erzähl­te noch ein wenig von Ber­lin und von New York, und als sie auf­ge­legt hat­te, such­te ich nach einer Notiz der Affen­ge­schich­te, die schon so lan­ge Zeit in der Ver­gan­gen­heit liegt, dass B. bald selbst ein­mal von Affen erzäh­len wird. Die Geschich­te geht so: Ein­mal, früh­mor­gens, kam ein schläf­ri­ges Mäd­chen zu mir in die Küche, setz­te sich auf mei­ne Knie und sag­te: Du, Lou­is, ich muss Dir was erzäh­len. Ein Mann lebt in Ame­ri­ka. Er lässt sich sei­nen Kopf abneh­men und auf einen Affen ver­pflan­zen. – War­um, frag­te ich, will der Mann das tun? – Bei dem Mann lebt nur noch der Kopf, antwor­tete das Mäd­chen und gähn­te. – War­um nur noch der Kopf, frag­te ich. – Er ist gelähmt. – Und der Affe? – Der Affe nicht. – Was geschieht mit dem Kopf des Affen? – Weiß nicht, sag­te das Mäd­chen, und stürm­te davon. — stop

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kaktusblüte

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nord­pol : 18.52 UTC — Ein Zufall führ­te mich in einem Moment zu Herrn K., als er gera­de zum ers­ten Mal sein neu­es Büro­zim­mer betrat. Er führ­te einen Kar­ton mit sich, nicht grö­ßer als eine Schuh­schach­tel. Aus die­sem Behält­nis hob er eine Note­book­schreib­ma­schi­ne, ein Mäpp­chen mit Blei­stif­ten, eine far­bi­ge Foto­gra­fie sowie einen Kak­tus, der blüh­te. Herr K. prüf­te die Schub­la­den des Schreib­ti­sches, der zu dem klei­nen Zim­mer mit Aus­blick auf einen Park gehör­te, sie waren leer. Sei­nen Kak­tus stell­te er auf die Fens­ter­bank, die Foto­gra­fie neben ein Tele­fon, das sich bereits im Zim­mer befun­den hat­te, ehe Herr K. ein­ge­tre­ten war. Er setz­te sich auf einen Stuhl und sag­te: Wis­sen Sie, mehr brau­che ich nicht. Das soll­ten Sie immer beden­ken, nur nie­mals hei­misch wer­den, nur nicht glau­ben, dass Ihnen die­ses Büro gehört. Im Gegen­teil, Sie selbst gehö­ren die­sem Zim­mer wie jeder ande­re, der nach Ihnen an die­ser Stel­le arbei­ten wird. Wer in und von die­sem Zim­mer aus ope­riert, muss sich bewusst sein, dass er jeder­zeit eben­so plötz­lich wie er gekom­men ist, auch wie­der gehen wird. In die­ser Pos­ti­on, die Sie hier oben beklei­den, haben Sie Erfolg oder sie haben kei­nen Erfolg. Bin­den Sie sich also nicht, arbei­ten Sie kon­zen­triert und genie­ßen Sie die Aus­sicht, aber, um Him­mels wil­len, füh­len Sie hier nie­mals zu Hau­se! — Die­se Geschich­te ereig­ne­te tat­säch­lich an einem Frei­tag im Juli des ver­gan­ge­nen Jah­res. — stop

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nachtfaltung

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sier­ra : 20.22 UTC – Etwas Merk­wür­di­ges hat sich ereig­net. Ich will das schnell erzäh­len. Es ist näm­lich so, dass ich einer Figur, die in einem Text­ge­sche­hen exis­tiert, vor Mona­ten ein­mal, ich glau­be im Novem­ber bereits, einen Namen gege­ben habe, wel­cher dun­kel leuch­tet, ein mäch­ti­ger, unheim­li­cher Name. Es han­delt sich um die Zei­chen­fol­ge Man­drill. Immer wie­der ein­mal erzähl­te ich in der lang­sa­men Ent­wick­lung des Tex­tes von einem Mann die­ses Namens. Als Man­drill ges­tern unver­mit­telt in einer Wei­se han­del­te, die ich nicht erwar­tet hat­te, zart und ein­fühl­sam, schmerz­te der Name, als hät­te ich mei­ner Figur Unrecht getan. Heu­te Mor­gen war die wil­de Ver­wer­fung, die ich ges­tern noch spür­te, wie­der schön gefal­tet. Ich trat ans Fens­ter im ers­ten Licht der Son­ne, der Him­mel war voll Was­ser­dampf­spu­ren, wel­che Nacht­fern­flü­ge an den Him­mel zeich­ne­ten. Kein Mensch auf der Stra­ße, aber zwei Eich­hörn­chen, die auf einem Brief­kas­ten saßen. Das habe ich noch nie so gese­hen, ges­tern noch hät­te ich behaup­tet, Eich­hörn­chen wür­den nie­mals auf Brief­käs­ten sit­zen. Deniz Yücel wei­ter­hin in Haft. — stop

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morgenstaubgeschichte

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ulys­ses : 12.22 UTC — Was für ein schö­ner Sonn­tag. Das noch tief ste­hen­de Licht der Son­ne, die am frü­hen Mor­gen in den Zen­tral­bahn­hof leuch­tet, als wür­de sie immer dort in genau die­ser Höhe von Osten her durch die Fens­ter schei­nen. Eine Son­ne nur für die­sen Ort. Da ist fei­ner Rauch­staub, der aus einem Laden her­aus durch die Hal­le schwebt. Die Rau­cher rau­chen, indes­sen sie neue Rauch­wa­ren besor­gen. Bit­ter schme­cken­de Holz­pa­pier­luft. So muss das geduf­tet haben, genau so oder so ähn­lich, ohne moder­ne Par­fü­me, wenn unter den Hafen­him­meln des 16. Jahr­hun­derts, nach lan­ger Fahrt, die Bäu­che der Han­dels­schif­fe geöff­net wur­den. Die Ent­zün­dung des getrock­ne­ten, des weit gereis­ten Mate­ri­als vor der Mund­öff­nung eines Euro­pä­ers führ­te zu einem Vor­gang, den man zunächst als die Sau­fe­rei des Nebels bezeich­ne­te, als Rauch- oder Tabakt­rin­ken. Ja, was für ein schö­ner Sonn­tag. Ich gehe zu unge­wohn­ter Zeit mit Tag­au­gen durch mei­ne Stadt, als wür­de ich durch Brook­lyn spa­zie­ren. — stop

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licht

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papa : 15.16 UTC — Es ist Sonn­tag. Auf dem Bild­schirm einer Schreib­ma­schi­ne ist die digi­ta­le Dar­stel­lung einer Druck­fah­ne zu erken­nen. Letz­te Minu­ten einer letz­ten Stun­de sind gekom­men, da der Autor noch eine Kor­rek­tur sei­nes Tex­tes unter­neh­men könn­te. Zei­chen für Zei­chen, Wort für Wort durch­stö­bert er sein Werk. Wenn man nun die Fens­ter des Zim­mers ver­dun­keln wür­de, könn­te man bemer­ken, dass sich die Augen des Autors in zart leuch­ten­de Lam­pen ver­wan­delt haben. — stop

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am fenster

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char­lie : 22.01 UTC — Es ist Sams­tag­abend gewor­den. Ich habe an die­sem Tag lan­ge Zeit Eich­hörn­chen beob­ach­tet, wie sie blatt­lo­se Bäu­me vor mei­nen Fens­tern unter­such­ten, als wären die­se Bäu­me gera­de erst gewach­sen, unbe­kann­te Orte also, die zunächst inspi­ziert wer­den muss­ten. Ich wink­te gele­gent­lich, die Eich­hörn­chen blie­ben dann für einen Augen­blick still sit­zen, ich glau­be, sie haben mich beäugt, haben mög­li­cher­wei­se dar­über nach­ge­dacht, ob sie sich an mich erin­nern, und wenn ja, wel­che Erfah­rung sie mit mir sam­mel­ten. Ver­mut­lich wer­den sie gedacht haben, die­sen Vogel dort drü­ben am Fens­ter ken­nen wir, er ist nicht gefähr­lich, er flat­tert nur mit sei­nen Flü­geln, er kann nicht flie­gen. — stop

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regenzeit

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nord­pol : 18.15 UTC — Es ist frü­her Abend und es reg­net in Strö­men. Tat­säch­lich, wenn ich vor dem Fens­ter ste­he und mei­nen Blick der­art in die Luft rich­te, dass ich den Regen wahr­zu­neh­men ver­mag, mei­ne ich für Sekun­den, Schnü­re von Was­ser erken­nen zu kön­nen, deren Ursprung ich nicht sehen kann. Die Beob­ach­tung der Was­ser­schnü­re berei­tet mir Freu­de, ich sehe etwas, das ich nicht wirk­lich sehen, aber mir so gut vor­stel­len kann, dass es tat­säch­lich wirk­lich zu sein scheint. — stop
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lichtzeituhr

2

ulys­ses : 3.28 UTC — Es ist spät, ich fah­re mit dem Taxi. Ein Mar­der beob­ach­tet, wie ich aus dem Wagen stei­ge, er hockt auf dem Scha­len­sitz einer Kin­der­schau­kel im Park. Das Schlaf­zim­mer­fens­ter Mut­ters ist hell erleuch­tet, das ein­zi­ge Licht, das inmit­ten der Nacht noch brennt, ver­mut­lich ist sie mit der Zei­tung in der Hand ein­ge­schla­fen. Auf dem Tisch im Wohn­zim­mer ein Tel­ler, auf dem Tel­ler ruht ein Mohn­ku­chen, der noch warm ist. Ich lösche das Licht neben der schla­fen­den alten Dame, es ist kurz nach drei Uhr. Der Schal­ter der Lam­pe lei­se, sehr lei­se, ich wür­de bei­na­he sagen, der Schal­ter ist ein Schal­ter ohne Geräusch. Aber der Licht­wech­sel selbst, wenn das Licht aus­geht, scheint ein geräusch­vol­ler, hef­ti­ger Vor­gang zu sein. Und ich den­ke noch, mor­gen, wenn es wie­der hell gewor­den sein wird, am Nach­mit­tag bei Kaf­fee und Mohn­ku­chen, wer­de ich Mut­ter eine Geschich­te vor­le­sen, die sie nach­denk­lich stim­men könn­te. Die Geschich­te, die ich im Jahr 2015 notier­te, geht so: Liesl, die vor weni­gen Tagen 85 Jah­re alt wur­de, erzähl­te von einer Zeit­schalt­uhr, die ihr Sohn gleich neben ihrem Bett anzu­brin­gen wünsch­te. Er habe, hat­te ihr Sohn berich­tet, nachts immer wie­der ein­mal wahr­ge­nom­men, dass Liesl ein­schla­fen wür­de, ohne ihre Nacht­tisch­lam­pe gelöscht zu haben, er sei dann, ob des Licht­scheins, den er vom Schlaf­zim­mer der Mut­ter her kom­men sah, auf­ge­stan­den und habe sich vor­sich­tig an ihr Bett bege­ben und das Licht gelöscht. Ein­mal habe er über­legt, ob er nicht das Gesicht sei­ner schla­fen­den Mut­ter, wie zum Beweis foto­gra­fie­ren soll­te, ein so hel­les Gesicht, dass man sich kaum vor­stel­len konn­te, das Gesicht einer tat­säch­lich Schla­fen­den zu betrach­ten. Das war vor sechs Jah­ren gewe­sen. Damals habe sie ihrem Sohn gesagt, dass sie kei­ne Zeit­schalt­uhr neben sich wün­sche, sie sei doch kein Aqua­ri­um, habe sie gesagt, lie­ber schla­fe sie im strah­len­den Licht der Nacht­lam­pe ein, plötz­li­che Dun­kel­heit, um Him­mels­wil­len, nein. Ihr Sohn reis­te wie­der ab. Liesl erzähl­te, dass sie mit ihm nie wie­der über Zeit­schalt­uh­ren gespro­chen habe, unlängst aber, in einer Sep­tem­ber­nacht, sei dann plötz­lich das Licht aus­ge­gan­gen um 1 Uhr, sie habe geschimpft und sei dann vor­sich­tig aus dem Bett gestie­gen, sei auf Knien durch das stock­dunk­le Zim­mer gekro­chen zu einem Licht­schal­ter hin, der sich auf dem Flur befand, auch da war kein Licht gewe­sen, Don­ner­wet­ter! — stop
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