Aus der Wörtersammlung: kind

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manhattan : canal street

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tan­go : 10.15 — Ich habe einen merk­wür­di­gen Kon­duk­teur der Sub­way mit Tau­cher­bril­le beob­ach­tet. Der Mann war auf der N‑Linie von Brook­lyn her kom­mend in die Canal Street ein­ge­fah­ren. Ein sel­te­ner Anblick. Sein schma­ler Kopf, der aus einem der mitt­le­ren Wag­gons des Zuges rag­te, im Fahrt­wind wehen­des, schloh­wei­ßes Haar, und eben sei­ne Bril­le, deren Schei­be Augen und Nase unwirk­lich ver­grö­ßer­te. Für einen Moment hat­te ich den Ein­druck, die Tau­cher­bril­le des Man­nes sei mit Was­ser gefüllt. Ich woll­te den Mann foto­gra­fie­ren, aber das Licht der Sta­ti­on war spär­lich und der Mann schau­kel­te ohne Pau­se sei­nen Kopf hin und her wie ein alter, müder Ele­fant, ver­mut­lich weil er sich um einen umfas­sen­den Blick der Ereig­nis­se auf dem Bahn­steig bemüh­te. Es ist nun denk­bar, dass ich eine Per­son beob­ach­tet habe, die fest mit dem Füh­rer­haus des Zuges ver­wach­sen war, denn der Mann füg­te sich har­mo­nisch in das Bild, das ich mir seit jeher von wirk­li­chen Zug­füh­rern mache, Men­schen, die auf Zug­stän­den gebo­ren wer­den, Men­schen, die auf Zügen fah­rend ihre Kind­heit ver­brin­gen, Men­schen, die letzt­lich ihren per­sön­li­chen Zug zur Leb­zeit nie­mals ver­las­sen. — stop

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east village : gehschläfer

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marim­ba : 0.18 — So, stel­le ich mir vor, könn­te das sein. Es ist Abend gewor­den, Zeit das Büro zu ver­las­sen. Man tritt vor das Gebäu­de, in dem man sei­ne Tage fris­tet, setzt sich ein elek­tri­sches Häub­chen auf den Kopf und schon schließt man die Augen und schläft und geht in die­ser Wei­se schla­fend auf Wegen nach Hau­se, die für schla­fen­de Men­schen vor­ge­se­hen sind. Nie­mand wür­de je auf die Idee kom­men, einen schla­fen­den Pend­ler zu wecken. Drei Stun­den, sagen wir, im Tief­schlaf schrei­tet man die 5th Ave­nue down­town, biegt bald in die 23. Stra­ße ein, folgt ihr, weiß der Him­mel wovon man gera­de träumt, bis zur 1st Ave­nue, um kurz dar­auf in der 20. Stra­ße zu lan­den, Haus No 431, dort wird man geweckt und fin­det sich im Auf­zug wie­der, wie frisch geba­det im Kopf, um eine Nacht rei­cher gewor­den, zu fei­ern, zu lie­ben, mit Kin­dern zu spie­len. Am nächs­ten Mor­gen macht man sich wie­der auf den Weg, setzt sich sein Häub­chen, und auch die Kin­der set­zen sich ihre Häub­chen auf den Kopf, und so wei­ter und so fort. Irgend­wo soll­te eine zen­tra­le Sta­ti­on exis­tie­ren, die Schlaf und Schrit­te jener schlum­mern­den Men­schen steu­ert. — stop

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downtown south ferry : lorra

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nord­pol : 0.22 — Elends­men­schen unter Decken, unter Män­teln, unter Kar­tons ver­bor­ge­ne Per­so­nen­we­sen, zer­schla­ge­ne, gefro­re­ne, eitern­de Gesich­ter zu Tau­sen­den auf der Stra­ße, in Tun­nels, Haus­ein­gän­gen, Parks. Ich kann nicht erken­nen, ob sie Frau­en oder Män­ner sind, sie spre­chen und bewe­gen sich nicht, oder nur sehr lang­sam, als wür­den sie sich in einer ande­ren Zeit befin­den. Wer noch gehen kann, wer noch über Kraft zu spre­chen ver­fügt, wan­dert in der Sub­way, eine äußerst schwie­ri­ge Arbeit, das Erzäh­len immer wie­der ein und der­sel­ben Geschich­te: Guten Abend, mei­ne Damen und Her­ren! Ich bit­te um ihre Auf­merk­sam­keit! Ich bin Lor­ra, ich bin 32 Jah­re alt, ich bin woh­nungs­los, ich habe kei­ne Arbeit, ich habe Kin­der, wir müs­sen über den Win­ter kom­men. Von Wag­gon zu Wag­gon. Von Zug zu Zug. Stun­de um Stun­de. Sie nimmt auch zu essen, zu trin­ken, Papier oder lee­re Fla­schen an. Alles hilft, sagt Lor­ra, alles hilft. Sie wird nicht ver­höhnt, ver­trie­ben oder miss­ach­tet, sie bekommt, sooft ich ihr in der Linie 5 down­town South Fer­ry begeg­ne­te, zwei oder drei Dol­lar über­reicht. Abends sitzt sie im War­te­saal der Fäh­re und schläft. Ein­mal nähert sich ein Poli­zist. Lor­ra war ein wenig zur Sei­te gefal­len. Er spricht sie an, er berührt sie an der Schul­ter: Mam, ist alles in Ord­nung? Aber Lor­ra ant­wor­tet nicht. Ein zwei­ter Poli­zist kommt hin­zu. Er fragt: Ist sie noch am Leben? Sie rich­ten die schla­fen­de Frau gemein­sam auf. Sie tra­gen jetzt Hand­schu­he von Plas­tik. Sie spre­chen so lan­ge lei­se auf Lor­ra ein, bis sie die Augen öff­net. Dann macht sie die Augen wie­der zu. — stop

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central park : hurly-burly

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lima : 12.05 — Im Lärm (noi­se . hub­bub . hur­ly-bur­ly) der Stadt im Cen­tral Park süd­lich der Straw­ber­ry Fields (72nd Street) das Sin­gen oder Kla­gen der Kin­der­schau­kel, lei­se und doch weit­hin hör­bar. Die Idee, eines der mus­ku­lö­sen Eich­hörn­chen des Gar­tens wür­de mir fol­gen, wür­de mich erken­nen, wür­de sich erin­nern, Squir­rel No 5256, Fran­kie, Bil­ly. — stop
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chelsea — warten auf schnee

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alpha : 7.21 — New York. Kla­rer Him­mel. Son­ne, die warm ist, eine süd­ita­lie­ni­sche Son­ne, aber der Wind kalt und unbe­re­chen­bar. 8th Ave­nue süd­wärts. Chel­sea. High Line. East Vil­la­ge. Auf den Stu­fen des Zen­tra­len Post­am­tes nahe Penn Sta­ti­on lun­ger­ten Men­schen wie Ech­sen bewe­gungs­los, Gesich­ter zum Stern. Jetzt schma­le Stra­ßen, Häu­ser von mensch­li­cher Grö­ße, Spiel­plät­ze vol­ler Kin­der, kaum Taxis zu sehen, Fahr­rä­der, aus­ge­raubt bis aufs Gerip­pe an bei­na­he jedem Later­nen­mast. Bald Nach­mit­tag, bald frü­her Abend. In Café­häu­sern Wär­me auf­ge­nom­men und in der Sub­way. Ich fah­re eine hal­be Stun­de Rich­tung Har­lem und wie­der zurück und gehe wei­ter, immer der Blick zum Him­mel, Spu­ren von Dach­gär­ten zu ver­zeich­nen. Notier­te: Nach Ful­tonstreet Lich­ter der Tun­nel­ar­bei­ter, Glüh­bir­nen­sträu­ße, der Ein­druck, als wür­de ich einen stei­ner­nen Christ­baum durch­fah­ren. Däm­me­rung, Ground Zero. An einer bron­ze­nen Gedenk­ta­fel mit Kleb­strei­fen befes­tigt, flat­tert ein Zet­tel wie zum Trotz im Wind, mit Namens­zug und Foto­gra­fie eines jun­gen Man­nes, der nach 9/11 an den Dämp­fen des gif­ti­gen Schutt­ber­ges gestor­ben war. Mons­trö­se Bau­stel­le. Glei­ßen­de Hel­le. Ich war­te auf Schnee. – stop
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misrata

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nord­pol : 6.38 — Ein fas­zi­nie­ren­des Wort geis­tert seit Mona­ten in mei­nem Kopf. Ich ken­ne das Wort schon lan­ge Zeit, hat­te ihm aber zunächst kei­ne beson­de­re Auf­merk­sam­keit geschenkt, bis ich das Wort in dem Zusam­men­hang einer unheim­li­chen Sze­ne hör­te aus dem Mund eines Repor­ters, der von der liby­schen Stadt Mis­ra­ta berich­te­te. Das war im Okto­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res gewe­sen. Im Kühl­raum eines Super­mark­tes lager­te der Leich­nam Mua­mar Gad­da­fis auf einer Matrat­ze, das Haar des Dik­ta­tors war zer­zaust, sei­ne Augen geschlos­sen, der Mund leicht geöff­net, dün­ne Fäden von Blut sicker­ten aus zwei Wun­den. Men­schen stan­den in nächs­ter Nähe, ihre Fuß­spit­zen berühr­ten das Lager des Toten. Sie stan­den dort auf neu­gie­ri­gen Füßen, um den Leich­nam zu betrach­ten, man­che foto­gra­fier­ten mit Han­dy­ap­pa­ra­ten, ande­re, auch Kin­der waren unter ihnen, war­te­ten in einer Schlan­ge vor dem Gebäu­de dar­auf, ein­tre­ten zu dür­fen. Ich dach­te noch an den schar­fen Geruch des Todes, der dort unsicht­bar auf die war­ten­den Men­schen ein­wir­ken muss­te, als der kom­men­tie­ren­de Repor­ter bemerk­te, die Bevöl­ke­rung der geschun­de­nen Stadt wür­den sich aus allen Him­mels­rich­tun­gen nähern, um den Leich­nam Gad­da­fis und den sei­nes Soh­nes zu b e ä u g e n. In die­sem Augen­blick war das Wort, von dem ich hier berich­te­te, ein­ge­trof­fen, ein zar­tes Wort wan­dern­der Augen. Wie sich unver­züg­lich in der Gegen­wart die­ses Wor­tes der Schre­cken der Situa­ti­on, in etwas Mensch­li­ches, bei­na­he Kind­li­ches ver­wan­del­te, in ein Ver­hal­ten, das ich ver­ste­hen konn­te, eine Berüh­rung, eine Ver­ge­wis­se­rung, dass wahr ist, wovon man hör­te. Ein sanf­tes Wort in der Umge­bung eines Krie­ges, ein neu­ro­na­ler Hebel. — stop

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ein erstes wort

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nord­pol : 22.15 — Ob ich mich ein­mal an mei­ne kind­li­che Stim­me erin­nern könn­te? Irgend­wo in mei­nem Kopf soll­te sie sich noch befin­den, eine Spur, eine Ahnung des ers­ten Wor­tes, das ich in mei­nem Leben aus­ge­spro­chen habe. Dort, in der Ahnung genau die­ses Wor­tes, mit der Suche begin­nen. — stop

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dair az-zaur

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sier­ra : 7.48 — Das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert blickt nie­der auf eine geheim­nis­lo­se Welt. Alle Län­der sind erforscht, die ferns­ten Mee­re zer­pflügt. Land­schaf­ten, die vor einem Men­schen­al­ter noch selig frei im Namen­lo­sen däm­mer­ten, die­nen schon knech­tisch Euro­pas Bedarf, bis zu den Quel­len des Nils, den Lang­ge­such­ten, stre­ben die Damp­fer; die Vik­to­ria­fäl­le, erst vor einem hal­ben Jahr­hun­dert vom ers­ten Euro­pä­er erschaut, mah­len gehor­sam elek­tri­sche Kraft, die letz­te Wild­nis, die Wäl­der des Ama­zo­nas­stro­mes ist gelich­tet, der Gür­tel des ein­zig jung­fräu­li­chen Lan­des, Tibets, gesprengt. Das Wort TERRA INCOGNITA der alten Land­kar­ten und Welt­ku­geln ist von wis­sen­den Hän­den über­zeich­net. – Ste­fan Zweig. In jenen Land­schaf­ten aber Frau­en, Män­ner, Kin­der. Ahnun­gen. Was in der ost­sy­ri­schen Stadt Dair az-Zaur pro­tes­tie­ren­den Men­schen in die­sen Stun­den geschieht, wis­sen wir nicht. – stop
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salzburg : stefan zweig, kapuzinerberg no 5

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lima : 8.16 — Von der Lin­zer Gas­se hin­auf zum Paschin­ger­schlös­sel, in dem Ste­fan Zweig mit sei­ner ers­ten Frau, der Schrift­stel­le­rin Frie­de­ri­ke Maria Bur­ger, 15 Jah­re lang wohn­te und arbei­te­te. Ein stei­ler Weg, 264 Trep­pen­stu­fen, James Joy­ce und Tho­mas Mann wer­den die­se Stre­cke gegan­gen sein vor einer Sekun­de noch vor den lang­sam west­wärts flie­ßen­den Ber­gen. Das Haus No 5, groß­zü­gi­ge Ter­ras­se, hin­ter Laub­bäu­men ver­steckt, scheint sich von selbst im leich­ten Wind zu bewe­gen. Unten im Tal, schnee­grün an die­sem Abend, die Salz­ach. Auf den Dächern der Stadt lun­gern moder­ne Men­schen, sie lesen, trin­ken Wein, schla­fen in ihren Him­mels­gär­ten in der war­men Novem­ber­son­ne. Ein spä­ter Feu­er­kä­fer pas­siert den schma­len, stei­ni­gen Weg, längst bin ich im Wald ange­kom­men. Das Klos­ter der Kapu­zi­ner­mön­che liegt hin­ter mir. Buchen, Eschen, Lin­den bren­nen. Eine gebückt gehen­de alte Frau, ich sehe, sie geht kreuz und quer über die Pfa­de des Ber­ges. So betagt muss sie ihrer Erschei­nung nach sein, dass sie Ste­fan Zweig noch per­sön­lich gekannt haben könn­te. Wie sie zuletzt unter den Bäu­men ver­schwin­det, uraltes Kind, dach­te ich an eine Foto­gra­fie, die in der digi­ta­len Sphä­re exis­tiert. Sie zeigt Ste­fan Zweig und sei­ne zwei­te Frau Lot­te Alt­mann in ihrem Haus in der bra­si­lia­ni­schen Stadt Petró­po­lis leb­los lie­gend auf einem Bett. Die­ser Blick nun eines Jour­na­lis­ten und sei­ner Licht­fang­ma­schi­ne, der seit dem 23. Febru­ar 1942 nicht wie­der zurück­ge­holt wer­den kann. — stop

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fasankino

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tan­go : 0.02 — Ges­tern, Diens­tag, ist Ilse Aichin­ger 90 Jah­re alt gewor­den. Ich erin­ner­te mich an einen Text, den ich vor eini­ger Zeit bereits auf­ge­schrie­ben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, wes­halb ich ihn an die­ser Stel­le wie­der­ho­len möch­te. Ich betrach­te­te damals, als ich den Text notier­te, eine Film­do­ku­men­ta­ti­on. Es war ein frü­her Mor­gen und ich fuhr in einem Zug. Immer wie­der spul­te ich, Zei­chen für Zei­chen ver­mer­kend, was ich hör­te, den Film zurück, um kein Wort des gespro­che­nen Tex­tes zu ver­lie­ren oder zu ver­dre­hen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichin­ger, von einem unru­hi­gen Gelei­se geschüt­telt, immer wie­der auf dem hand­tel­ler­gro­ßen Bild­schirm unter spa­zie­ren­den Men­schen vor mir auf­tauch­te, indem sie von ihrer Kino­lei­den­schaft erzähl­te: Wenn ich mich recht erin­ne­re, hör­te ich in mei­ner frü­hen Kind­heit eine älte­re Frau zu einer ande­ren sagen: – Es soll jetzt Ton­fil­me geben. – Das war ein rät­sel­haf­ter Satz. Und es war einer von den ganz weni­gen rät­sel­haf­ten Sät­zen der Erwach­se­nen, die mich nicht los­lie­ßen. Eini­ge Jah­re spä­ter, ich ging schon zur Schu­le, sag­te die jüngs­te Schwes­ter mei­ner Mut­ter, wenn wir an den Sonn­ta­gen zu mei­ner Groß­mutter gin­gen, bei der sie leb­te, fast regel­mä­ßig am spä­ten Nach­mit­tag: > Ich glau­be, ich gehe jetzt ins Kino. < Sie war Pia­nis­tin, unter­rich­te­te für kur­ze Zeit an der Musik­aka­de­mie in Wien und übte lang und lei­den­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehen. Ihr Kino war das Fasan­ki­no. Es war fast immer das Fasan­ki­no, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hau­se und erklär­te meis­tens, es hät­te gezo­gen und man kön­ne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­ki­no nicht, und sie hol­te sich dort nicht den Tod. Den hol­te sie sich, und der hol­te sie gemein­sam mit mei­ner Groß­mutter im Ver­nich­tungs­la­ger Minsk, in das sie depor­tiert wur­den. Es wäre bes­ser gewe­sen, sie hät­te ihn sich im Fasan­ki­no geholt, denn sie lieb­te es. Aber man hat kei­ne Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, son­dern auch bezüg­lich der Aus­wahl der Fil­me zuwei­len bedaue­re, wenn mei­ne liebs­ten Fil­me plötz­lich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwin­den. Obwohl ich es ger­ne wäre, bin ich lei­der kei­ne Cine­as­tin, son­dern gehe sechs oder sie­ben­mal in den­sel­ben Film, wenn in die­sem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaf­ten von Eng­land oder Neu­eng­land auf­tau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast eben­so zuge­neigt bin. Ilse Aichin­ger: Mitschrift



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