nordpol : 15.01 UTC — Unlängst wurde ich gefragt: Was sind Sie von Beruf? – Ich antwortete: Ein Kakteenmensch. — Heute ist Mittwoch, wunderbarer Tag. Ich überlegte, wie mein Leben sich gestalten würde, wenn ich fortan einmal im Jahr nach Winterzeit blühen, vielleicht am Kopf, oder über kräftigen Hornstachelwuchs an meinen Händen verfügen würde. — stop
Aus der Wörtersammlung: kopf
von winterbrillen
marimba : 8.05 UTC — Wenn ich nun gehe, gehe ich vorsichtig. Ich sehe jedes Blatt in der Ferne und die kleinste Schrift noch der Zettelkästen, die aus Archiven an Litfaßsäulen gewandert sind: False Memory. Der Boden, wenn ich den Boden betrachte mit meiner Brille, ist so nahgekommen, dass ich meine, ich würde beide Beine verlieren. Ein kleiner Mann, der durch einen Park spaziert, um nach den vertrauten Eichhörnchen zu sehen, deren Winterfell dicht geworden ist. Ich stakse über gefrorenes Laub, denke an Brillen, dass man Brillen verlieren, dass man sich auf Brillen setzen kann. Heute Morgen habe ich in der Kälte einen schönen Namen gefunden: Lumi Pipaluk. Schneekind oder kleines Wesen aus Schnee. Und ich dachte, ich will diesen Namen bewahren als würde ein Wesen diesen Namens tatsächlich existieren. Ich bin überzeugt, dass ich an lichten Tagen über eine Brille im Kopf verfüge. — stop

leuchtender
hund
auf einer wiese im sommer
echo : 20.55 UTC – In einem Park beobachtete ich einen Mann, der einem Roboter folgte. Es war ein warmer Tag. Die Maschine in der Größe eines Staubsaugers rollte über den Rasen, wohl in dem Auftrag, das Gras zu schneiden. Der Mann bewegte sich in derselben Geschwindigkeit leicht versetzt hinter dem Roboter, umkreiste in dieser Weise Bäume in einem engen Bogen, um bald wieder den Horizont ins Auge zu fassen. Der Roboter fuhr so lange Zeit schnurgerade weiter, bis er auf einen Weg traf, also auf Gelände ohne Grasnarbe. Dort drehte er auf der Stelle um und fuhr in einem zufälligen Bogen zurück über die Rasenfläche hin. Leichtbekleidete Menschen waren zu sehen, wie sie den Roboter fixierten. Sobald sich das kleine Wesen einer dieser liegenden Personen näherte, wurden leise Hupgeräusche hörbar, ein Versuch der Verständigung vielleicht. Manchmal kniete der Mann nieder. Er schien jenen Boden zu untersuchen, der soeben noch von dem Roboter überfahren worden war. Der Mann schaute durch eine Lupe und sammelte mittels einer Pinzette von dem Rasen kleinere Gegenstände oder Teile von Würmern und Käfern auf und legte sie in einer Tüte ab. Indessen der Mann arbeitete, wartete der Roboter. Das war im vergangenen Sommer gewesen. Ein Roboter auf einer Wiese ohne Hunde, warum? — stop
caveiformis animalis
marimba : 20.11 UTC – Es ist Februar, es ist kalt, eine schwere Grippe ist eingezogen, in einen Körper, der nur noch schlafen will. Auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine ziehen Sterne langsam über den Himmel über dem Inarisee. Lange Zeiten geschlossener Augen. Kein Geräusch von dort, wo Murmansk in zwei Tages- und Nachtportionen zu Fuß erreicht werden kann. Ein Schlitten mit Stirnlicht kreuzt von Ost nach West über das Eis. Ich habe Käfigtiere geträumt oder habe Käfigtiere ausgedacht. Tiere, deren Gerippe Räume bilden, in welchen sich Luft befindet, die geatmet werden kann. Ein kleiner Kopf, als habe man sich einen Kugelfisch zum Vorbild genommen, zwei winzige Ohren, ein winziger Mund, zwei winzige Augen, der Kopf scheint unwichtig, aber die knöchernen Streben des zentralen Käfigtieres sind von einem feinen, hellroten Fell bedeckt. Zwei Zwergzeisige flattern im Käfig herum, singen, wetzen ihre Schnäbel am warmen Gestänge. Das Käfigtier ist ein Wesen ohne Arme und Beine, wiegt 5 Kilogramm und hängt sehr gern leicht schaukelnd von einem Baum oder einer Zimmerdecke im Wind. — stop
im garten
charlie : 16.58 UTC – Heute, wenn er noch lebte, wäre mein Vater 93 Jahre alt geworden. Ich erinnere mich mühelos an seine leise Stimme im Alter, ein wenig rau geworden, wie er an einem Sommerabend auf einem Stuhl im Garten saß. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Drehverschluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu sprechen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht festzuhalten gewesen, vermutlich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr niedergeschlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird eingeschlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unterhalten, ohne aber die richtigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüttelte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrachtete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Friedens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder eingeschlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er wieder erwachte, saß ich direkt vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte lächelnd in Würde, dass er sich gewundert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zugedreht. Das ist doch verrückt, sagte er. — stop

Oft erzählte mir
mein Vater,
der Physiker,
von den Sternen.
/
Struktur
Great Wall
im Universum
Glückslicht
NASA
von gedanken
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bamako : 3.08 UTC — Gestern Abend habe ich versucht, meine Gedanken zu beobachten. Eigentlich wollte ich eine Liste meiner abendlichen Gedanken verfertigen, Gedanken in der Straßenbahn, Gedanken vor einer Supermarktkasse wartend, Gedanken in der Beobachtung eines Fernsehbildschirmes. Ich war sehr müde gewesen, hatte lang gearbeitet, war, sagen wir, langsam mit dem Kopf, deshalb nicht ausreichend schnell, um sagen zu können, das war nun ein Gedanke, der soeben abgeschlossen wurde, nun beginnt gerade ein weiterer Gedanke, dieser Gedanke No 18 (Herzlich Willkommen!) beschäftigt sich mit der zentralen Frage, wovon Koboldmakis sich eigentlich ernähren? Ich habe bemerkt, dass es möglich zu sein scheint, einen Gedanken festzuhalten, um den Gedanken zu vergrößern, ihn also schwerer (Gravitation) zu machen, sagen wir, den Gedanken mit Zeiträumen rückwärts (erinnernd) oder vorwärts (spekulierend) zu versehen. Je länger ich an einem Gedankenknoten festhalte, desto schläfriger werde ich. Ein Gedanke kann sich in ein Bild verwandeln. Wenn ich in Gedanken die Augen eines Koboldmakis zur Aufführung bringe, schlafe ich ein. — stop

Sunda-Koboldmaki
betrachtet einen Inarivogel
im Gestaltmantel eines
Leopardkolibris.
Es ist früher
Morgen.
Fotografie: ស្វែងយល់
wind
ulysses : 22.02 UTC — Vor wenigen Jahren noch die Vorstellung, ich könnte ein menschliches Wesen und seine Ansichten vorhersagen, wenn ich nur wüsste, welche Zeitung er oder sie liest, welche Fernsehprogramme und wie lange betrachtet, ob Bücher geöffnet werden oder nicht, Kleidung, Geburtsort, Sprache. Ich hatte oft nicht geirrt. Nun, es hat sich etwas geändert, ich kann nicht mehr vorhersagen, was ich zu hören bekomme, wenn ich mit einer bisher nicht bekannten Person ein Gespräch aufnehmen darf. Menschen, die mir begegnen, haben nahezu ohne Ausnahme Vögel in der Hand, so sieht das aus. Diese handtellergroßen Tiere liegen rücklings in Händen und spielen oder spülen Bilder und Töne und Texte in die Gehirne, die sie betrachten. Menschen nehmen kaum noch wahr, wie der Wind in die Bäume fährt. Ich habe heute einen jungen Mann beobachtet, dem fiel eine Kastanie auf den Kopf. — stop

New York 1971
Vater forografierte
diese Straße. Er
muss dort
gewesen
sein.
auf hoher see
delta : 15.33 UTC — Vater vor vielen Jahren, wie er sich über einen Tisch beugt, der leuchtet. Er trägt ein weißes Hemd und einen kamelfarbenen Pullover. Diesen erinnerten Pullover hatte ich heute Nachmittag auf einer Fotografie entdeckt, die meinen Vater zeigt auf einem Segelboot vor der kalifornischen Küste im Jahr 1965. Ich bin mir nun nicht sicher, welches der Objekte zunächst in meinem Kopf gegenwärtig war, die Erinnerung an die Farbe des Pullovers, den Vater trug, als er sich über einen Leuchttisch beugte. Oder war es die Begegnung mit der Fotografie des Seglers gewesen, die eine Erinnerung färbte oder überhaupt erst möglich machte? Vater betrachtete ein Dia, das vor ihm auf dem Tisch lag. Zwischen seinem Auge und der Fotografie klemmte eine SILVESTRI — Lupe; es war deshalb, weil Vater, mich mir vorstellte, so tief oder so weit wie möglich in die Fotografie hineinsehen wollte. Ich erinnere mich, dass ich selbst immer wieder Fotografien in dieser Weise betrachtete. Ich entdeckte, dass es möglich war, rein erfundene Gegenstände oder Gesichter oder Tiere in den Tiefen der besichtigten Fotografie wahrzunehmen, demzufolge zu halluzinieren und für eine kurz darauffolgende Erzählungen der Lichtaufnahme in Gedanken festzuhalten. — stop
louis
echo : 20.02 UTC — Seit einigen Tagen wohnt eine Fliege in meinen Zimmern, mit mir unter dem Dach. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass jene Fliege, die ich zuletzt beobachtet habe, als ich kurz vor dem Schlaf noch einmal in die Küche trat, dieselbe Fliege war, die mich morgens schon im Flur mit einem Flugmanöver begrüßte. Da ich meine Fenster während der Nacht geöffnet hatte, könnte die Abendfliege meine Wohnung verlassen haben, indessen die Morgenfliege irgendwann in der Nacht hereingekommen war, um zu bleiben. Ich stelle fest: Ich vermag, nach Beobachtung ihrer Gestalt, eine Fliege von einer anderen Fliege nicht zu unterscheiden; sie sind groß oder klein und schillern und haben eine Flügelstimme, die mir je vertraut zu sein scheint. Nun ist jedoch Folgendes zu erzählen. Diese, eine Fliege, die vermutlich bereits seit Tagen bei mir wohnt, verhält sich, wie noch nie eine Fliege zuvor in meiner Wohnung sich verhalten hatte. Sie folgt mir nämlich Tagein, tagaus. Sobald ich mich von einem Stuhl erhebe, begleitet mich die Fliege in den Flur und weiter in mein Arbeitszimmer und wieder zurück. Sie fliegt, weil sie mir im Gehen auf dem Fußboden, an einer Wand oder einer Decke, nicht folgen könnte, an meiner Seite, und zwar in der Höhe meines Kopfes. Ich habe diese Beobachtung mehrfach überprüft, indem ich meine Aufmerksamkeit auf diese eine Fliege lenkte, bevor ich eine Wanderung durch die Wohnung begann. Die Fliege scheint auf mich zu warten, dass ich etwas unternehmen möge. Ich habe ihr einen Namen gegeben: Die Fliege heißt Louis. Louis wünscht, so mein Eindruck, für den Rest seines Lebens bei mir zu bleiben. — stop
mariupol / 6.
victory : 22.01 UTC — In einem Zimmer eines Hauses in Mariupol im sechsten Stock lag eine Fotografie auf dem Boden. Kinder sitzen dort im Bild auf Stühlen. Ihr erster Schultag. Die Fotografie war verstaubt und außerdem verletzt von einem Granatsplitter, der das Bild durchschlagen hatte. Der Kopf eines Mädchens war in dieser Weise verschwunden. Das Mädchen hatte einen himmelblauen Rock getragen, eine korallenfarbene Bluse mit weißen Blüten einer Rose, schwarze glänzende Schuhe mit goldenen Spangen und eine Kette bunter Steine um den Hals. Über das Gesicht des Mädchens kann ich natürlich nichts erzählen. Auch nicht über ihr Haar. Ich müsste, um über das Gesicht des Mädchens erzählen zu können, die Kinder des Bildes finden und befragen. Vielleicht haben sie alle überlebt, das ist vielleicht möglich. Oder eines oder zwei der Kinder. — stop

Lokomotive
des Jahres 1968
auf meinem
Küchentisch
im Winter um
kurz nach
Mitternacht


