marimba : 2.24 — Ein Eichhörnchen querte hüpfend die feuchte Straße. Genau dieses Eichhörnchen, eine Fantasie, hatte ich in der vergangenen Nacht schon einmal gesehen, die Straße war tief verschneit gewesen. Jetzt hielt das kleine Tier mitten auf der Straße inne und sah sich um. In diesem Moment begegneten sich unsere Blicke: Ja, etwas ist anders geworden! stop. Noch zu tun. stop. Das geheime Augenwissen der Computermaschinen besprechen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: nachts
update


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romeo : 0.05 — Vor wenigen Minuten hatte ich das Licht über meinem Schreibtisch ausgeschaltet und etwas Lebenszeit in Dunkelheit verbracht. Ich will Ihnen rasch erzählen, warum ich so gehandelt habe. Ich war nämlich spazieren gewesen stadtwärts unter Menschen in Warenhäusern und auf einem Weihnachtsmarkt, weil ich nachsehen wollte, ob sich in dieser Welt, die wir bewohnen, etwas geändert haben könnte, da doch vor wenigen Stunden durch Unterlassung entschieden worden ist, dass Bangladesch, dass das Gangesdelta in den Golf von Bengalen sinken wird. Ich dachte, das eine oder das andere sollte doch spürbar, sichtbar, fühlbar werden, ein wenig Unruhe, ein leises Klappern der Zähne vielleicht. Aber nein, alles Bestens, alles im Lot. Und als ich wieder an meinem Schreibtisch saß, war da plötzlich ein starker Eindruck von Unwirklichkeit, das alles und ich selbst könnte reine Erfindung sein. Ich löschte das Licht über dem Schreibtisch und wartete. Und während ich so wartete, lauschte ich den Stimmen der Tiefseeelefanten, einem Orchester zartester Rüsselblumen, wie sie auf hoher See den Himmel lockten. Und als ich das Licht wieder eingeschaltet hatte, saß ich dann noch immer vor dem Schreibtisch, die Hände gefaltet. — Schnee fällt. stop. Langsam. stop. Leise. stop. – Frohe Weihnachten und ein gutes, ein nachdenkliches, ein glückliches Jahr 2010! — stop
coltrane coltrane
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : COLTRANE COLTRANE
Ich habe von Ihnen geträumt, mein lieber Kekkola, gestern habe ich von Ihnen geträumt. Kein Wunder, wenn man so viele Tage an einen Menschen denkt und wartet und wartet, dann füllen sich die Nächte mit den Schatten der Wachtraumgedanken. Sie sammelten blaue Beeren im Schnee. Und da war ein Fisch mit Flügeln, er lag still zu Ihren Füßen und dampfte. Nachmittags, jenseits meines Traumes, habe ich mit einer Versorgungsstation im Bear Mt. State Park telefoniert. Man sagte mir, dass Schnee bisher nicht gefallen sei. Von Ihnen hatte man auch nichts gehört. Man wird nun meine Bitte um einen Anruf an Sie weitergeben, sobald Sie dort eingetroffen. Nur für den Fall, Jonathan, dass Sie nicht in der Lage sein sollten, zu lesen, was ich notiere. Darf ich Ihnen sagen, dass ich ein sehr feines Weihnachtsgeschenk für Sie ersteigern konnte. Eine seltene Liveaufnahme John Coltrane’s aus den 60er-Jahren. Halten Sie die Ohren steif, mein Lieber. Ich freu mich, Sie in Zeiten der Kirschbaumblüte wiederzusehen. – Ihr Louis.
gesendet am
10.12.2009
22.58 MEZ
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louis to jonathan
noe kekkola »
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segelohren
whiskey : 23.33 — Manchmal, wenn ich nach Wörtern, Sätzen, Auswegen suchend durch meine kleine Wohnung spaziere, glaube ich, auf einem Boden zu handeln, der nicht fest ist, der schwankt, der schlingert. Ich gehe dann sofort andersherum, dieselbe Strecke oder einmal kurz aus dem Haus rüber zum See, der in diesen Tagen längst zugefroren sein müsste. Das hilft gegen Seekrankheit auf dem Nachtschiff und alle weiteren Dinge. — Kurz vor Mitternacht. Ruhige, entspannte Arbeitsstunden stehen bevor. Ich hatte seit dem frühen Abend eine Frage in meinem Kopf so lange vergeblich hin und her bewegt, dass ich sie nun guten Gewissens zur Seite legen kann. Sie wird wiederkommen. Ich versuchte nämlich zu verstehen, weshalb Barack Obama auf den Einsatz der Landminenwaffen, die insbesondere gegen zivile Menschen wirken, nicht verzichten will oder kann. In diesen Momenten der Irritation, wieder die Ansicht, wie viel ich nicht weiß, eine Ahnung, die sich nur schwer weiterdenken lässt. Aber die Herzen der Tiefseeelefanten sind mir bekannt, sind vertraut, kommen näher und näher wie ihre Ohren, fantastische Hautsegelflächen, die sie sanft über den sandigen Boden des Atlantiks tragen. – Gute Nacht!

napapiin
india : 6.22 — Schaute gegen den Himmel. Bemerkte, dass sich die Dunkelheit wie eine Flüssigkeit verhielt. Vögel hüpften in dieser feuchten Lichtlosigkeit in Kastanienbäumen von Ast zu Ast, ein traumartiges Bild. Vielleicht habe ich etwas gesehen, das ich nur deshalb beobachten konnte, weil ich ohne jeden Grund auf der Straße stand, wie aus einem Versehen heraus, ein Mann, der die falsche Tür genommen hatte. Jetzt, etwas später, ahne ich, dass ich dort vor dem Haus gelandet war, weil ich insgeheim wünschte, mit meinen Gedanken an den gewaltsamen Tod eines Torhüters, unter freiem Himmel zu stehen. Und wie ich so wartete, hörte ich die Stimme seiner mutigen, jungen Frau in meinem Kopf, eine Stimme, die versuchte, von all dem Wahnsinn, dem Wahnsinn des Verheimlichens zu sprechen. Da war einmal ein Mensch gewesen, der nicht weiterleben konnte, der sterben musste, weil er seine Verletzlichkeit, seine Schwäche, seine Menschlichkeit nicht zeigen durfte oder glaubte, sie nicht zeigen zu dürfen. So könnte das gewesen sein. Ein Mensch, der lange Zeit über Wasser hastete. So weit ist er gelaufen, dass kein Land mehr zu sehen, kein Laut mehr zu hören gewesen war. — 2 Uhr und fünfzehn Minuten. Die Welt dreht sich, um einen Atemzug langsamer geworden, weiter, immer weiter. Soeben wurde amtlicherseits die Öffnung folgender Weihnachtspostämter, nördliche Hemisphäre, bekannt gegeben: Nordpol-Grönland Santa Claus Nordpolen, Julemandens Postkontor DK-3900 Nuuk / Finnland Santa’s Main Post Office FIN-96930 Napapiin / USA Santa Claus Indiana 47579.
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nachtschreiben
echo : 6.50 – Das Schlafen ist ganz sicher ein Vorgang des Badens. — stop
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lichtforscher
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : TRAUMLICHT
Lieber Mr. Kekkola, ahoi! Was machen Sie denn so? Seit Tagen keine Nachricht aus der Wildnis. Sind Sie noch am Leben oder wurden Sie bereits heimlich von Bären gefressen? Vermutlich haben Ihnen lüsterne Fliegen derart zugesetzt, dass Sie kaum noch aus den Augen sehen können. Hörte, kühlende Moose, sollen helfen, dass Sie wieder in die Welt hinaus schauen und mir schreiben werden. Nach einer kleinen Reise südwärts wird nun wieder über Tiefseeelefanten nachgedacht. Das ist schon seltsam, wenn ich Stunden an ein und dieselbe Sache denke, dann wird sie so vertraut, dass ich sie mit mir ins Bett nehmen kann, ich meine, ich träume, ich träume, mein lieber Kekkola, mit Elefanten über atlantischen Tiefseeboden zu spazieren. Erinnere mich gerade an einen Forscher des Lichts. Wenn Du einem Problem, einer Idee, einer Spur wirklich nahe kommen willst, sagte mein Vater, dann musst Du so intensiv daran arbeiten, dass Du nachts im Schlaf nicht davon ablassen kannst. Das hab ich nun also gemacht. Ich betrachtete fünftausend Meter lange Rüssel und Paternosteraufzüge, die es bei Ihnen in Amerika nicht gibt, aber bei uns in Europa, endlos dahinfahrende Koffer ohne Deckel, in die man einsteigen kann, einsteigen wie jene Luft, die Tiefseeelefanten in kleinen Paketen atmen, Meereswinde in Beuteln von Haut. Die fahren dann perlend abwärts, ein Beutel nach dem anderen Beutel, zur Lunge hin, die riesig ist und rosa und kühl, wie das Moos, von dem ich Ihnen erzählte. Mein lieber Kekkola, was halten Sie davon? Schreiben Sie mir, sobald Sie wieder schreiben können, ja, schreiben Sie mir! Ich komm Sie sonst holen! Ihr Louis.
gesendet am
20.08.2009
5.32 MESZ
1650 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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hologramm
echo : 12.01 — Immer wieder eine Erscheinung auf Position 50°6’N 8°38’W, ein Wesen, eine Frau, die einem Inferno entkommen oder eine Erfindung sein könnte. Graues, staubiges, öliges Haar. Ihr von Leid gezeichnetes Gesicht. Ihre von Schmutz starrenden und doch feingliedrigen Hände. Plastiktüten, die sie in gebückter Haltung geräuschvoll durch die Abteile der Abendzüge zerrt. Ihr Blick, der berührt, der mich wahrzunehmen scheint, unendlich traurig, unendlich müde. Sie bettelt nicht. Sie isst nicht. Sie trinkt nicht. Sie fährt nur Zug oder sitzt irgendwo in den Wartehallen des Flughafens herum und verbindet ihre entzündeten Füße. Nie habe ich ihre Stimme gehört, nie sie schlafend oder betrunken vorgefunden, auch nachts um drei Uhr nicht vor den Schaltern der Lufthansa. Sie wird geduldet. Sie könnte eine Mutter sein. Wen erwartet sie? Wohin will sie fliegen? Was ist geschehen? — stop
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zoé valdés
lima : 0.03 — Die sanfte, singende Stimme Zoé Valdés. Wie sie erzählt, sie habe in Havanna mit Freunden nachts Romane kopiert, um sicher sein zu können, kostbare, verbotene Texte niemals zu verlieren. Besondere Bücher, stelle ich mir vor, die zu jeder Zeit nur dann in ihre Tiefen lesbar, also hörbar, also denkbar sind, indem sie von Hand auf weitere Papiere übertragen werden. Abends über den Tischen des Hofgartens das feine Orkanlicht der Propellerkäfer. — stop
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yanuk : xin
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~ : yanuk le
to : louis
subject : XIN
date : mar 18 09 10.52 a.m.
Seit gestern Abend ist es wieder möglich, zu notieren, weil ich meine Schreibmaschine zurückerhalten habe. Mein lieber Louis, so vergehen nun die Tage wieder schneller, als die Tage zuvor noch ohne Schreibmaschine, da ich auf meiner Plattform Höhe 510 wartete, dass Xin, – so nenne ich das Mädchen, das mich meines Schreibgerätes beraubte -, sie mir zurückgeben würde, auch Bleistifte, Hefte und meinen Fotoapparat, die sie eines Nachts, während ich schlief, mit sich genommen hatte. Es ist seltsam, wenn man so sitzt und denkt und doch über keine Werkzeuge verfügt, aufzuschreiben, was man dachte, wird man müde. Natürlich habe ich in erprobter Weise, Zeichen in den Baumstamm hinter mir geritzt, aber während ich an ihnen arbeitete, wusste ich doch in jeder Sekunde, dass ich sie zurücklassen, dass ich sie vielleicht nie wiedersehen würde. Ja, man wird müde, wenn man denkt, ohne notieren zu können, als würde man in lauwarmem Wasser liegen, im Halbschlaf alle diese feinen, vergeblichen Stimmen im Kopf. — Ich nehme an, Du hast Dich um mich gesorgt, weil ich keine Nachricht sendete. Vor wenigen Stunden noch hörte ich das Geräusch eines Flugzeuges, das sehr langsam den Himmel dort oben durchkreuzte. Natürlich bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht doch nur ein Wunschgeräusch hörte. Das fliegen leichte Mädchen Xin jedenfalls schien nichts gehört zu haben. Sie verharrt wieder in meiner Nähe, hängt an einem Arm über dem Abgrund, schläft und spricht träumend in ihrer merkwürdigen Sprache leise vor sich hin. Ich wünschte, ich könnte sie verstehen. Morgen werden wir aufbrechen, werden weiter aufwärts steigen. Nach wie vor ist nicht zu erkennen, woher das Licht kommen mag, das uns so angenehm flatternd bestrahlt. Cucurrucu – Yanuk
eingefangen
20.58 UTC
1805 Zeichen

MELDUNGEN : YANUK LE TO LOUIS / ENDE



