lima : 5.48 — Ich erinnere mich, im August des Jahres 2008 einen Strauß Fragen notiert zu haben. Ich wollte wissen, ob es Menschen möglich ist, einen alt und müde gewordenen Falter am offenen Herzen so lange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie also betäubt, wie beatmet man einen Falter? Mit welchen Materialien werden geöffnete Falterbrustkörbe günstigerweise wieder geschlossen? Ich habe auf diese Fragen bisher keine Antworten gefunden. Manchmal denke ich, dass das Sammeln seltener Fragen an sich ein großes Vergnügen bedeutet. Meine Fragen haben jedenfalls einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass ich keinen Falter, der seither nachts zu mir zu Besuch gekommen ist, betrachten konnte, ohne sofort an die Möglichkeit einer Notoperation zu denken. – Freitag. Regen. Kühle Luft. — stop

Aus der Wörtersammlung: nachts
handohren
~ : oe som
to : louis
subject : HANDOHREN
date : may 27 12 3.05 a.m.
Lieber Louis, Mitternacht ist längst vorüber. Ich bin ruhig, aber ich kann nicht schlafen. Seit Tagen geht das so mit mir, dass ich die Augen schließe und doch wach liege, zumindest nicht wirklich auf die andere Seite gelange. Ich spüre wie sich das Schiff auf und ab bewegt, manchmal erhebe ich mich und gehe spazieren an Deck, oder ich besuche Lin, die sich für den Monat Mai in Nachtschicht befindet. Seit drei Tragen sitzt sie in der Werkstatt an der Übertragung des Romans Molloy von Samuel Beckett. Ich darf ihr zusehen, wie sie Zeichen für Zeichen aus dem papierenen Buch kopiert, eine geschmeidige Bewegung, sie schreibt, ohne ihren Blick auf den Stift zu richten. Jedes Wort, das sie in Angriff nimmt, wird zunächst in den Raum geflüstert: Wachtelkönig. Als ob sie eine Anweisung geben würde, als ob ihre schreibende Hand über geheime Ohren verfügte. Ich wünschte mir, ich könnte ihre Hände einmal eingehend untersuchen, einen Bericht schreiben über die Entdeckung der Handohren kurz nach Mitternacht auf einem Schiff vor Neufundland. Eigentlich, lieber Louis, wollte ich Dir von meinem ersten Besuch bei Noe in der Tiefe berichten, was ich dort gesehen habe, seine Augen wie sie meine Augen betrachteten durch das Panzerglas. Ich denke, ich bin noch nicht so weit. Ich werde Dir ausführlich notieren, sobald ich einmal eine Nacht durchgeschlafen habe. Es ist möglich, dass ich das Tauchen nicht vertrage oder Noe’s hellen Blick vielleicht, der mich verfolgt, ich gebe das zu, Noe’s Blick verfolgt mich. Manchmal denke ich, dass nicht richtig ist, was wir tun. Gute Nacht! Ahoi! Dein OE SOM
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27.05.2012
1620 zeichen

zezito lopes
india : 0.05 — Während Zugfahrt nach einer Textstelle in Pete L. Munkis Roman Nautilus gesucht, die ich vor einigen Tagen markiert hatte, um sie bei Gelegenheit noch einmal lesen zu können. Der Erzähler der Geschichte, ein junger Mann namens Zezito Lopes, ruhte im 10. Stock eines Hauses in der Lexington Avenue auf einer Treppenstufe. Früher Nachmittag. Ein schwerer Behälter von gepanzertem Glas, in dem sich zwei Molluskenfische der Gattung Nautilus befanden, stand neben dem wartenden Mann auf dem Boden. Ich erinnere mich, dass der junge Mann, er war ein gut trainierter Träger, sich kurz darauf erhob, um an einer der Wohnungstüren, die auf den Flur führten, zu klingeln und nach einem Glas Wasser zu fragen. Unverzüglich wurde geöffnet, ein Gespräch entwickelte sich, in dessen Folge Zezito Lopes sich bückte, seinen gepanzerten Behälter in die Hände nahm und mit ihm in der Wohnung verschwand. So weit, so gut. Als ich nun aber das Buch im Zug öffnete, konnte ich die markierte Textstelle nicht finden. Sofort der Gedanke, ich hätte möglicherweise fantasiert, eine beunruhigende Vorstellung. Nicht minder beunruhigend scheint mir in diesem Moment der Gedanke zu sein, das Buch selbst könnte sich verändert haben, weiter- oder umgeschrieben worden sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in meiner Nähe aufgehalten hatte. Eine Nacht leichter Verwirrung. Das Beste ist, einfach weiterzumachen. — stop

nachtstimmen : julija tymoschenko chen guangcheng
tango : 3.08 — Gegen 2 Uhr in der Nacht werde ich wach. Regen, schwer, schlägt gegen das Fenster im Dach. Ein Sturm, unmöglich, der nicht angekündigt war in den Nachrichtenlinien, die ich verfolge. Stimmen kommen aus der Fernsehmaschine, berichten von der umstrittenen Politikerin Julija Tymoschenko, von der Willkür, die in nächster Nähe in einem europäischen Land herrscht. Und da ist dieser mutige Mann zu Peking, er trägt den Namen Chen Guangcheng. Wie lange Zeit werden wir noch von ihm und seiner Familie hören? stop. Die Namenlosen? stop. Dieser Sturm heute Nacht, unmöglich, ein Gewitter, kühle Luft, sie scheint im Kreis zu fahren. Wie ich am Fenster stehe und schaue, plötzlich das Bedürfnis, zum Friedhof zu laufen und einen Regenschirm über das Grab meines Vaters zu halten. – stop

nachtbienen
himalaya : 0.01 — Morgens höre ich wie das Radio angeschaltet wird unten im Wohnzimmer, unten in der Küche. Eine Stimme erzählt von Pablo Neruda. Die Stimme wird immer wieder von Musik unterbrochen, von feiner indianischer Musik. Das sind Geräusche wie früher, Geräusche in der Stille der vergangenen Tage, wohltuend, eine Verbindung zur Welt, die sich fortsetzt, unwirklich noch. Im Garten blühen Tulpen, rot, gelb, blau, orange. Man müsste einmal Blumen erfinden, die nachts ihre Blüten öffnen und leuchten, Nachtbienen, Nachtlibellen, Nachtwespen, Nachthummeln. — stop

james baldwin
~ : oe som
to : louis
subject : JAMES BALDWIN
date : mar 22 12 11.15 p.m.
Absolute Stille. Kein Wind, keine Bewegung auf dem Wasser, der Himmel leer. Seit 382 Tagen schwebt Taucher Noe unter uns in der Tiefe. Er scheint glücklich zu sein, die Tage seines Aufbegehrens sind vorüber. Noch vor wenigen Wochen wünschte Noe, zurückkehren zu dürfen, sofort! Wir haben ihm vom Regen erzählt, von Stürmen, von seiner Mutter, von seinem Vater, wie stolz sie auf ihn sind. Nach 5 Tagen war Noe ruhiger geworden, mürbe von der langen Zeit tobenden Zweifels, vielleicht auch deshalb, weil wir ihn aus 850 Fuß Tiefe der Dunkelheit auf Höhe der Dämmerung hoben, eine Ahnung von Licht, Hoffnung, das Gefühl, noch nicht verloren zu sein. Ein tapferer Mann. Er habe das Wort Schnee in seinem Kopf hin und her bewegt, aber er könne nicht sagen, was es bedeute. Sorge bereite ihm außerdem, dass er sein Gesicht nicht erinnere. Seither diskutieren wir, ob wir ihm nicht doch ein heiteres Bild seiner Person übermitteln könnten, Noe drohte das Rückwärtssprechen zu üben. All das scheint nicht ungewöhnlich zu sein für seine schwebende Lage, ein lange Zeit andauernder Moment von Einsamkeit, Fische, die ihn beobachten, Wörter gehen verloren. In dieser Sekunde, lieber Louis, da ich Dir schreibe, beginnt Noe wieder zu lesen mit heller Stimme, James Baldwin / Unterwasserbuch No 285, nachts träumte ich, und morgens wachte ich zitternd auf, konnte mich aber nie an den Traum erinnern, nur daran, dass ich gerannt war. Ich wusste nicht mehr, wann es mit diesen Träumen angefangen hatte; es war lange her. Zwischendurch gab es Zeiten, in denen ich überhaupt nicht träumte. Und dann ging es wieder los, jede Nacht. – Ahoi! Dein OE SOM
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23.03.2012
1630 zeichen

romantische kurzgeschichte
sierra : 4.28 — Genève / Place Bel Air. Es ist 1 Uhr und 30 Minuten MEZ : Ein Mann dunkler Hautfarbe, schwer betrunken, wird von städtischen Gendarmen im zentralen Polizeiamt festgesetzt. Ruhestörung. — 1 Uhr 35 Minuten MEZ : Der Betrunkene, Hände auf den Rücken gefesselt, behauptet Charlie Parker zu sein. Er will sein Saxophon wiederhaben. — 2 Uhr 05 Minuten MEZ : Die Identität des Gefesselten wird zweifelsfrei festgestellt. Es handelt sich um US-Bürger Jonny Wilkerson, 36, wohnhaft zu Paris, 8, Rue de Javel. – 2 Uhr 38 Minuten MEZ : Übergabe des Blasinstrumentes an den Randalierenden. – 2 Uhr 40 Minuten bis 4 Uhr und 5 Minuten MEZ : Fünf stationäre Gendarmen der Nachtschicht sind von entfesselten Geräuschen, die einer vergitterten Ausnüchterungszelle entkommen, stark beeindruckt. Man hat Stühle von Holz vor dem Gehäuse abgestellt. — 4 Uhr und 6 Minuten MEZ : Parker, Charlie, eingeschlafen. — stop

minutengeschichten
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : MINUTENGESCHICHTEN
Liebe Daisy, liebe Violet! Grüß Euch ganz herzlich! Früher Morgen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hatte, seltsame Sache, in der vergangenen Nacht das Gefühl, irgendjemand würde mir, während ich mit meinem Bleistift arbeitete, über die Schulter schauen. Mehrfach habe ich mich umgesehen, auch vorgegeben, rein gar niemanden bemerkt zu haben, und dann plötzlich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sicher, Ihr wart in meiner Nähe gewesen, wie noch vor wenigen Wochen, als ich unterwegs war in New York, da habe ich Euch leibhaftig gesehen nachts an Bord der John F. Kennedy – Fähre, wie ihr übers Salondeck huschtet, Gespenster, würde man vielleicht sagen, Geister, reizende Erscheinungen. Sagt, habt Ihr nun gelesen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minutengeschichten, den ich so gern mit der Hand wiederhole in schweren Zeiten? Ich schick ihn Euch zur Sicherheit noch einmal mit, ja, ja, die Büchermenschen, das solltet Ihr wissen, das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studierend auf Bänken in Parklandschaften herum, in Cafés oder in einer Untergrundbahn. Dort, aus heiterem Himmel angesprochen, wenn man sich nach ihrem Namen erkundigte, würden sie erschrecken und sie würden vielleicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichenlinie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzonasregenwaldfluss. — Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metropole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natürlich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits existierende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Bibliotheken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Bibliotheken, und etwas kleinere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kostbare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewegung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufgetragen, Strecken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden- und da sind die roten Linien der Minutengeschichten. Blau sind die Strecken mächtiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man ungestört auf sehr bequemen Pinienbäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Automobile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauberhaft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis — stop
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13.03.2012
06.05 MEZ
3015 zeichen
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manhattan transfer : ein wölkchen asche
ulysses : 23.57 — Am späten Abend, die Luft war von seltsamer Milde, auf dem Promenadendeck des Fährschiffs Spirit of America der ersten Seebestattung meines Lebens beigewohnt. Ein heimlicher Vorgang, dessen Beobachtung nur deshalb möglich gewesen war, weil mich der junge Mann und die junge Frau, die vom Bug des Schiffes her gekommen waren, in den Nachtschatten nicht wahrgenommen hatten. Sie standen für einige Minuten still in meiner Nähe, sahen auf das Wasser herab, das dunkel gewesen war, hielten sich an den Händen und sprachen sehr leise. Sie sprachen so, als würden sie beten. Ein helles Wölkchen von Asche stieg in der Luft. Die junge Frau fasste in ihre Manteltasche, sie warf ein Stück Papier in die Tiefe, dann Blumen, Blüten, eine Handvoll Blüten die junge Frau, und eine Handvoll Blüten der junge Mann. Dann gingen sie langsam fort in die Richtung, aus der sie gekommen waren. — stop

102 minuten
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : 102 MINUTEN
Vormittag. Der Himmel sonnig, die Spitzen der Berge weiß seit Tagen. Wenige Wochen vor meiner Reise nach New York, liebe Daisy, liebe Violet, will ich Euch berichten von einer kleinen Probe, die ich unternommen habe, um vorzuprüfen, ob ich in der Lage sein werde, in der großen Stadt mit meinen Untersuchungen der Wirklichkeit rasch voranzukommen. Ich habe nämlich gerade einen Koffer mit allen möglichen Gegenständen gefüllt, die ich vorhabe mitzunehmen, ein Jackett, Pullover, Wildlederfäustlinge, einen Schal, Wanderschuhe, zwei Norwegermützen, sowie einen Schneeschirm, der in der Lage sein sollte über meinem Kopf durch die Luft zu schweben. Des Weiteren eine Schreibmaschine, eine elektrische Maus, zwei Fotoapparate, ein Tonbandgerät, das gerade so groß ist, dass ich es mit einer Hand umfassen kann. Außerdem einen Reisebehälter, wie unlängst berichtet, für Trompetenkäfer polaren Ursprungs, Spazierpläne, Subwaykarten, Bücher für Ruhezeiten abends und nachts. Da wären Robert Falcon Scotts Aufzeichnungen einer letzten Reise, Wilhelm Genazinos Roman Wenn wir Tiere wären, das Buch der 102 Minuten, das mich seit Tagen fesselt, weil es auch von Holly erzählt. Kurzum, diese Gegenstände nun waren in einem großen und einem weiteren, kleineren Koffer aufgehoben. Ich habe beide Reiseobjekte neben mich gestellt und angehoben für zwei Minuten. Ich sage Euch, es geht. Was machen die Simmons? Ist alles o. k.? Ahoi – Euer Louis
gesendet am
10.12.2011
18.30 MEZ
1433 zeichen



