sierra: 11.50 — An diesem Freitagmorgen, Nebelschleierwolken lungern über dem Tal der Salzach, konnt ich seit 47 Tagen erstmals mit meiner rechten Hand wieder mein rechtes Ohr berühren. stop. Angedockt. stop. Die Meldung gegen den Mittag zu, Neutrinos auf unterirdischem Wege von Genf nach Rom seien schneller geflogen als das Licht. — stop

Aus der Wörtersammlung: nebel
papierlicht
marimba : 14.08 — Die Beobachtung, dass ein Gedanke, sobald ich ihn wahrnehmen kann, immer bereits vollständig anwesend ist. Nie vermag ich einen Gedanken zu betrachten, wie er langsam, nach und nach, Wort für Wort, Zeichen für Zeichen, erscheint. Es denkt sich, blitzt, sagen wir, nahe Lichtgeschwindigkeit vorwärts, die Wahrnehmung eines Gedankens, sein Echo, vollzieht sich dagegen zögernd, behutsam, hörend, also mittels geheimer Ohren im Kopf. – Ob es möglich ist, die Zeit langsamer vergehen zu lassen, indem ich mich zu ihr verhalte, wie ein Dompteur zu einem Löwen? Zeichen für Zeichen eine Geschichte notieren, bis diese Geschichte zu Ende geschrieben sein wird im Jahr 2517 oder im Jahr 2518 vielleicht. Nebelsonne. Papierlicht. — stop

nebelkammer
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echo : 6.28 — Das Stimmgeräusch in meinem Kopf. Ob sich der Klang meiner denkenden Stimme in der verstreichenden Lebenszeit änderte? Habe ich als Kind mittels der Stimme eines Kindes gedacht? Was ist das doch für eine kuriose Bewegung, nicht mehr Stille, noch nicht Ton. Radarbild, flüchtig. — stop

mangrove
india : 22.58 — Im Palmengarten befinden sich acht wabenförmige Glashäuser, die durch Schleusenräume miteinander verbunden sind, sodass man in wenigen Minuten zunächst durch eine Wüste spazieren kann, dann durch einen Regen- und kurz darauf durch einen Nebelwald. Ich sitz gern dort, jenseits der Mangrovenabteilung im Bromelienhaus, und lese in wasserfesten Büchern herum. Es ist angenehm still. Kaum jemand verirrt sich hierher, so versteckt liegt die Wabe im Zentrum der Glashausversammlung. Und vielleicht genau aus diesem Grund, weil es von Menschen still ist, kommen dutzende, leise jaulender Wachteln unter Bäumen zusammen, auf welchen Blumen lungern wie schlafende Vögel. Hatte vor Stunden noch unter Luftwurzeln etwas Wilhelm Genazino beobachtet. Plötzlich bemerkte ich, dass kein Geräusch um mich herum zu hören war. Völlige Stille. Eine merkwürdige, eine trockene Stille. Für einen kurzen Moment der Eindruck, während des Lesens vielleicht taub geworden zu sein. Schaute mich um, sah eine Hand auf einer Buchseite liegen und dachte, dass ich jetzt mit dieser Hand sofort zur Beruhigung ein Papiergeräusch erzeugen müsse. Ich blätterte also um, und ich hörte ein Rascheln und das leise Sausen der Luft, hörte Vögel wieder pfeifen, das Tropfen des Wassers. Ich hörte meine Stimme das Wort seltsam sagen. — stop
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juli 14
romeo : 22.38 — Stunde um Stunde auf Fährschiffen zwischen Staten Island und der südlichen Spitze Manhattans hin und her. Ein schaukelnder Ort. Ein Ort, der im Moment meiner ersten Begegnung schon vertraut gewesen war, als ob ich vor langer Zeit geboren wurde auf einer der brummenden Bänke, ein früher Blick, Schatten riesiger Möwen hinter Scheiben, auf welchen Salzkristalle funkelten, der Klang der Nebelhörner, und wieder oder immer noch seither dieser rote Ball, den die Bewegung des Meeres über das untere Deck der Fähre spielt. Heiß und stickig, der Tag meiner Notiz, auch über der Upper Bay ruhte bewegungslos die Luft, bereit zu sinken. Lungerte mit Reiseschreibmaschine auf den Knien hechelnd, Luvseite, herum und wartete. — stop

die liebe der zeppelinkäfer
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india : 2.12 — Schon weit nach Mitternacht, aber immer noch ein später Abend summender Luft. Habe drei lange Stunden versucht 18.924.150 Zeichen des menschlichen Genoms als Sequenz in mein Textverarbeitungsprogramm zu laden. Immer wieder scheitert die Formatierung mit der Seite 32.678 des Dokuments, als ob meine Computermaschine sagen wollte, diesen Unsinn mache ich nicht länger mit. — Nun aber rasch noch einen ernsthaften Gedanken notieren. Nehmen wir einmal an, es wäre möglich, einen Käfer zu entwickeln, sagen wir, einen Zeppelinkäfer, der nahe absoluter Schwerelosigkeit unter letzten Molekülen von Sauerstoff schwebend Ozon produzieren würde, dann könnte man sich einen zweiten Käfer vorstellen, einen Zeppelinkäfer gleichwohl, der eine Käferdame sein sollte, die sich natürlich sofort verlieben wird, weshalb wir bald einen Nebel kleinster, sehr gefräßiger Zeppelinkäfer vor uns am Himmel sehen würden. — Eine beruhigende Vorstellung, sagen wir, sehr beruhigend. — Was aber fressen sie dort oben, wo es doch nichts gibt außer Mond, Stern und Sonnenlicht? Man könnte eine Gattung weiterer Käfer erfinden, Käfer, die sehr schmackhaft sind und leidenschaftlich gerne, sobald man sie freilassen wird, hinter die Wolken steigen, um sich ihren Freuden, den Zeppelinkäfern, mit allem, was sie sind und haben, hinzugeben. — Ich sollte sofort ein kombiniertes Patent versuchen.
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yanuk : zeitherz
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~ : yanuk le
to : louis
subject : ZEITHERZ
date : nov 24 08 6.32 p.m.
Höhe 310. Beobachte Pflanzen seit drei Tagen. Auch in den Nächten, wenn ich unterm Pfeifen der Moskitos nicht einschlafen kann, warte ich am Rande der Plattform, lasse die Beine baumeln, hoffe, dass der Schwarm schwebender Zwergseerosen sich wieder in Bewegung setzten wird. Lange Stunden der Ruhe, des Stillstandes, stolz zeigen sie ihre weißen, ihre blauen Blüten, schwimmen oder schweben fast reglos auf dem Nebel. Ist dieser Nebel vielleicht schon eine Wolke, bin ich so weit gekommen, dass ich die Wolkendecke durchstoßen habe? Ja, Stunden der Bewegungslosigkeit, nur von einem leichten Windzug gestreichelt, aber dann, sehr plötzlich, schließen sie zur selben Sekunde ihre lockenden Kelche, eine Welle süßen Duftes wandert gegen den Himmel, und es wird so still, als wären all die pfeifenden, singenden, kreischenden Geschöpfe des Waldes betäubt von der schweren Substanz der Pflanzenluft. Habe die Zeit gemessen, habe versucht, einen Rhythmus des Schließens und Öffnens zu finden, vergeblich, vielleicht, weil ich sie Jahre beobachten müsste, um ihre Frequenz zu verstehen. Einmal bin ich zurück in den Nebel getaucht, habe das Wurzelhaar untersucht, filigrane Gefäße, rosafarben, aber keine Verbindung von Pflanze zu Pflanze. Ein Wunder, wie sie das machen, synchron, simultan, als verfügten sie über ein gemeinsames, ein geheimes Herz, das die Zeit zählen kann. – Wieder letzte Minuten vor Dämmerung. Das Rudel der Affen liegt um meine Schreibmaschine herum. Du kannst Dir nicht vorstellen, Mr. Louis, von welch weicher, geschmeidiger Gestalt glückliche Affen sind. Selbst die Knochen ihrer kleinen Köpfe scheinen der Schwerkraft nachzugeben. — Cucurrucu! Yanuk
eingefangen
22.18 UTC
1686 Zeichen

nehmen wir einmal an …
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foxtrott : 7.28 — Nehmen wir einmal an, ich würde gefragt, ob ich vielleicht über ein weiteres Auge verfügen möchte, ein wirkliches drittes Auge, ein Auge für sich, ein Auge, mit dem ich in die Welt hinausschauen könnte, was wäre zu tun? – Ruhe bewahren! – Nachdenken! – Antworten! – Sehr bald antworten, jawohl ja, das wäre ein feines Geschenk, dieses Auge würde ich sehr gerne und sofort entgegennehmen. Natürlich würde das nicht so leicht sein, ich meine, die Übergabe eines weiteren Auges an meinen bereits existierenden Körper, wie man sich das vielleicht vorstellen mag, nein, nein, das wäre sicher eine außerordentlich komplizierte Geschichte. Ein geeigneter Ort würde zu finden sein, an dem das brandneue Sinnesorgan an meinem Körper oder in meinem Körper montiert werden könnte, und ich müsste mich vielleicht zunächst entscheiden, welcher Art das Auge sein sollte, ein großes, strahlendes Schmuckauge beispielsweise, oder ein eher kleines, kaum sichtbares Auge, ein geheimes Auge, sagen wir, um unbemerkt die Welt um mich herum untersuchen zu können. An diesem schönen Nebelmorgen nun, ich bin noch nicht ganz wach geworden, würde ich Folgendes fragen: Ist es eventuell möglich, das Auge rechter Hand in den mittleren Fingerknöchel nahe dem Handrücken einzusetzen? Wann könnten wir damit beginnen? Sind Sie noch bei Verstand, oder wie oder was? — Ja, so würde ich wohl sprechen, genau diese Bestellung würde ich aufgeben. Stellt sich nun die Frage, was würde ein Auge dieser Art mit meinem Gehirn unternehmen? Würde es wachsen? Und wohin würde es wachsen? — Ich muss das nicht heute entscheiden! — stop

yanuk : zwergseerosen
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~ : yanuk le
to : louis
subject : ZWERGSEEROSEN
date : nov 8 08 10.25 p.m.
Drei lange Stunden geklettert, um Höhe 310 zu erreichen. Kein Regen, aber Nebel, sehr dichter, kühler Nebel. Aufstieg fortgesetzt. Ich konnte die kleinen Affen hören, ihr unentwegtes, leises Knattern, mit dem sie sich verständigen, wenn sie sich nicht sehen können, eine Art Radarsprache, die nichts bedeutet, als: Hier bin ich, hier, am Ende des Geräusches! Sie haben mich begleitet. Nehme an, auch ich war für sie unsichtbar gewesen, aber sie konnten wohl meinen Atem hören, das Kratzen meiner Finger an der Rinde, mein Schuhwerk, mein Ächzen, wenn ich mich weiterziehen musste. Kurz bevor wir Höhe 382 erreichten, wurde es heller, dann eine scharfe Linie zwischen Dampfluft und trockener Luft. Es war ganz so, als hätte ich meinen Kopf aus dem Wasser gestreckt, als hätte ich tagelang getaucht. Die Affen waren schon da, begrüßten mich kreischend. Sie sahen lustig aus, feuchtes Fell, waren über und über mit Blüten bedeckt. Ich sage Dir, Mr. Louis, ein fantastischer Ausblick. Abertausende Zwergseerosen schweben oder schwimmen auf der Oberfläche des Nebels. Ich weiß jetzt, weshalb es in den vergangenen Tagen so düster gewesen ist. Ich werde mich jetzt einrichten hier oben und etwas ausruhen. — Cucurrucu! Yanuk
eingefangen
20.12 UTC
1266 Zeichen
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geraldine : island
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~ : geraldine
to : louis
subject : ISLAND
Lieber Mr. Louis, wie geht es Ihnen? Ich hoffe, gut. Schreiben Sie mir einmal auf, wie es Ihnen geht, weil ich oft an sie denke. Gestern sind wir an Island vorbeigefahren. Ich war sehr schwach und konnte nicht an Deck. Ich habe durch das Bullauge meiner Kajüte geschaut. Eine dunkle Küste, die immer wieder einmal kurz aus dem Nebel tauchte. Aber jetzt sitze ich wieder an Deck. Erst kam der Doktor, dann kam Vater und hat mich hinaufgetragen. Heute ist die Luft klar und kalt. Man kann das Ende des Meeres nicht erkennen, ich meine, man kann nicht sehen, wo es aufhört kurz vor dem Himmel. Sehr seltsam. Ich suche den Horizont und manchmal, wenn ich glaube, dass ich ihn erkannt habe, ist alles unscharf geworden. Vielleicht liegt das auch an den Schmerzen, die ich habe und dass mir oft die Kraft fehlt, meine Augen noch offenzuhalten. Ich habe für Vater ein wenig die Möwen gefüttert und wir haben gelacht und ich habe wieder einmal gesehen, wie groß seine Füße doch sind. Als er mich allein gelassen hatte, habe ich das Brot für die Möwen auf den Boden vor mich hingeworfen, weil ich nicht die Kraft habe, das Brot in die Luft zu werfen. Kann kaum noch den Bleistift halten. Eis schwimmt im Wasser. — Ihre Geraldine
notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufgefangen am 6.9.2008
20.16 MESZ



