echo : 18.26 UTC — Wie Bernd L., ein alter Freund, mich in den Palmengarten führt. Es ist ein winterlicher Nachmittag, der Boden knirscht unter den Schuhen, und die Spatzen hocken zitternd vor den Gewächshäusern, weil sie sich einen Spalt erhoffen, durch den sie in die Wärme fliegen können. Ich trage einen Notizblock in der Manteltasche, den nehme ich heraus und einen Bleistift, als wir ins Kakteenhaus treten. Jetzt gehe ich hinter ihm her. Mein lieber Freund berührt Kakteen an ihren Stacheln. Er ist sehr zart in dieser Bewegung, er spricht die Namen der Pflanzen vor sich her, ein Suchender, einer, der ein Wort wiederzufinden wünscht, das er vor drei Jahren in diesem Haus präzise erfunden hatte, ein Schutz- oder Passwort, das ihm verloren gegangen ist, er weiß, dass er das Wort am Ort seines Ursprungs wiederfinden wird. Er muss das Wort unbedingt wiedererkennen, die Texte seiner Schreibmaschine sind verschlüsselt, sie sind da und zugleich nicht, sind sichtbar, aber nicht lesbar. Hier muss das Wort sein, irgendwo. Und ich, der ich meinem Freund Bernd folge, Schritt für Schritt, ganz leise, würde das Wort unverzüglich notieren, sobald wir es gefunden haben werden. Soweit sind wir schon, wir können sagen, es existieren im Wort auch Zahlen. Manchmal komme eine Ahnung auf, sagt Bernd, das Gefühl eines Wortes flattere durch seinen Kopf wie ein Sperling. Es ist Samstag, wie gesagt, es ist ziemlich kalt und die Bäume glitzern. — stop

Aus der Wörtersammlung: notieren
jonathan
echo : 20.12 UTC — Ich habe Jonathan ungefähr drei Jahre lang nicht gesehen. Als ich ihm zuletzt begegnete, erzählte er von einem Film, der ihn hörbar beeindruckt hatte. Er sprach damals so schnell und aufgeregt, dass ich ihm nicht folgen konnte. Ich dachte nur immer wieder: Jonathan, dass Du so schnell und unentwegt sprechen kannst, wo hast Du das gelernt? Vor wenigen Minuten setzte sich Jonathan im Zug zu mir und ich machte mich auf eine weitere rasende Geschichte gefasst. Es war aber ganz anders gekommen, er sprach zunächst kaum ein Wort: Hallo Louis, lang nicht gesehen. Kurze Pause. Ja, ich arbeite noch immer in der Nacht. Lange Pause. Fünf Minuten schwieg Jonathan. Er sah zu seinen Händen hin, die in seinem Schoß ruhten. Dann begann sich seine linke Hand behutsam zu bewegen. Seine rechte Hand indessen war geöffnet. Jonathan schien einen Text zu schreiben auf einer nicht sichtbaren Tastatur, die dort für ihn sichtbar sein musste. Weitere fünf Minuten vergingen in dieser Weise des Notierens. Plötzlich hörte er auf, zu schreiben. Er führte seine rechte Hand unter seine linke Hand und begann zu lesen. — stop

am telefon
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nordpol : 15.15 UTC — Merkwürdig: Im Notieren kommen Gedanken und Fragen wie Vogelschwärme heran, zunächst kommt ein Gedanke allein und setzt sich und wartet und schaut mich an. Dann kommt der nächste Gedanke, der schon zu zweit ist. — In der vergangenen Nacht träumte ich von mir selbst. Ich saß in einem Rollstuhl mit vielen weiteren alten Menschen in einem Saal groß wie der Wartesaal eines Metropolenbahnhofes. Immerzu wollte ich telefonieren, ein klingelndes Telefon war zwar sichtbar, aber nicht erreichbar. Ich hörte meine Stimme. Sie rief: Nun rufen Sie doch endlich Monsieur Proust an, haben Sie denn seine Nummer nicht! Eine junge, betörend schöne Frau beugte sich zu mir hinunter. Sie sagte: Louis, bitte, es ist jetzt wirklich genug, wir haben den Vormittag über versucht Herrn Proust zu erreichen, er nimmt den Hörer nicht ab. Aber der Balzac ruft andauernd an, wollen sie nicht endlich dran gehen! — Heut Regen, nasse Vögel überall. — stop

nabokovs uhr
romeo : 0.02 UTC — Vor einiger Zeit schrieb Nabokov einen Brief. Er habe mir, so Nabokov, eine ungewöhnliche Uhr geschickt, ich solle ihm notieren, sobald sie angekommen sei. Wenige Tage später meldete sich Nabokov erneut: Lieber Louis, ist die Uhr, die ich Dir sendete, angekommen? Wenige Tage zuvor war Nabokovs Uhr in meinem Briefkasten angekommen, zollamtlicher Vermerk: Zur Prüfung geöffnet. Ich will an dieser Stelle bemerken, von der Öffnung des Päckchens war nicht die mindeste Spur zu erkennen, kein Schnitt, kein Riss, keine Falte. Im Päckchen nun eine Schachtel von hellem Karton, in der Schachtel Seidenpapiere, von Nabokovs eigener Hand vermutlich zerknüllt. In weitere Seidenpapiere eingeschlagen, besagte Uhr, wunderbares Stück, ovales Gehäuse, blechern, vermutlich Trompete, welches schwer in der Hand liegt. Kurioserweise fehlt der Uhr das Zifferblatt, weiterhin keinerlei Zeiger, weder Dioden noch Leuchtzeichen. Ich versuchte, das Gehäuse der Uhr zu öffnen, vergeblich. Erstaunlich ist, dass, wenn ich auf das Gehäuse der Uhr Druck ausübe, sich ein schmaler Schacht seitlich öffnet, dem, wie zum Beweis der Existenz der Zeit, ein Streifen feinsten Papiers entkommt, auf welchem ein Uhrzeitpunkt aufgetragen worden ist. Sechssiebzehnzwölf. Erstaunliche Sache, wirklich erstaunlich! – stop

lido santa maria elisabetta
tango : 22.06 UTC — Eine Welt ohne Automobile kenne ich nicht. Auch eine Welt ohne Strom ist mir nicht bekannt. Nach Stunden der Fahrt mittels Wasserbussen hin und her und herum, muss ich deshalb an Land gehen, muss meine Schreibmaschine mit Strom versorgen, um arbeiten zu können. Ich stellte mir einmal vor, wie ich unter Venezianerinnen und Venezianern sitze mit einer klappernden Olympiaschreibmaschine auf den Knien. Oder das Notieren von Hand in ein Notizbuch auf schwankenden Sitzgelegenheiten der Dampfschiffchen reisend. Man kann niemals erahnen, in welche Richtung sich die Welt bewegen wird. Plötzlich fährt die Stiftspitze unter der Hand sprunghaft vorwärts oder rückwärts, zieht eine Linie jenseits geplanter Schriftzeichen, bildet die Bewegung des Meeres auf Notizpapieren nach. In der digitalen Zeit werden verrückte Zeichen, Folge der Meeresbewegung von dem Korrekturgedächtnis der elektrischen Schreibmaschine unverzüglich korrigiert. Eine wunderbare Beobachtung ist, wie ich sicherer werde im Stehen auf dem Wasser im Bus. Beobachtete hunderte Male Knotenbindung in dem Moment, da sich das Batello dem Lande nähert, da es anzulegen wünscht, sodass es für einen kurzen Moment selbst zu Land wird. Wie wir Menschen dann über Brücken gehen, wie tanzen. Am Abend einmal spürte ich die uralte Stadt selbst unter mir schwanken. Da ich mich in diesem Augenblick dem Lido nähere, bemerke ich, dass ich die Erfindung der Automobile bereits nach wenigen Tagen vergessen habe. — stop
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giudecca
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himalaya : 4.52 UTC — Eine digitale Apparatur berichtete mir heute, irgendjemand, ein Mensch, der möglicherweise in Kolumbien wohnt, habe einen particles – Text auf seinem Bildschirm vorgefunden. Ich frage mich, wie dieser entfernt lebende Mensch mit den Archiven meiner notierenden Arbeit in Verbindung gekommen sein könnte. Ein Zufall, das ist denkbar. Oder ein Irrtum? Wie lange Zeit wird mein Text, der im Mai 2008 aufgeschrieben worden war, dort auf einem Bildschirm lesbar gewesen sein. Plötzlich las ich meinen Text in einer Weise, als verfügte ich über fremde Augenpaare: Vielleicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Straßen Venedigs denke, von Wellenbewegungen sprechen, die einem sehr langsamen Rhythmus folgen, von Halbjahreswellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigentlichen Zeit betrachte, wie Palomar’s Sekundenwellen benehmen. — Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrümmert? – Dämmerung. Stille. Nur das Geräusch der tropfenden Bäume. Eine Nacht voll Gewitter, glimmende Vögel irren am Himmel, Nachtvögel ohne Füße, Vogelwesen, die niemals landen. — stop

vom korallenmund
delta : 0.27 UTC — Ein anatomisches Herzatoll könnte aus der Sicht eines Notierenden von folgenden Riffen umsäumt sein: Herzahnung . Herzsonde . Herzentnahme . Herzöffnung . Herzreise . Herzlernen. Oder: Ein Gedanke zunächst, dann ein Wort, ein erstes Wort, ein Satz, ein erster Satz. Dort herum wachsen weitere Gedanken, langsame Tage, Tage des Sammelns, langsame Nächte, Nächte des Wartens, Land entsteht, Land, auf dem sich’s leben und erzählen lässt. Zeichen für Zeichen, das Wachsen eines Korallenmundes. stop. Später Abend. Gewitterhimmel. Wolken spazieren über die Straße. – stop

wolkenserver
tango : 8.32 UTC — Ich stellte mir einen kleinen Vogel vor, so groß vielleicht wie eine Fruchtfliege mit einem Plutoniumherz, ein Geschenk der Eltern an ein Kind, eine Aufzeichnungsmaschine, federleicht, welche das Leben des Kindes begleitet, verzeichnet, was das Kind unternehmen wird in seinem Leben, was es notieren und sprechen, wohin es reisen, wie gut oder schlecht es schlafen wird. Ein Leben aus nächster Nähe, zuverlässig aufgenommen und gespeichert in einem Wolkenserver. — stop

brooklyn : february house
nordpol : 23.56 UTC — Wenige Wochen vor einer Reise nach New York brach ich mir den rechten Arm. Das ist jetzt bereits einige Jahre her, der komplizierte Bruch ist gut verheilt, ich kann ohne Beschwerden wieder mit der Hand notieren. Damals aber waren meine Bewegungen ungelenk, ich schrieb wie ein Kind mit großen Buchstaben. Einige dieser Zeichen entdeckte ich am späten Abend in Carson McCullers seltsamer Erzählung Die Ballade vom traurigen Café. Auf der Seite 52 des Buches hatte ich zwei Wörter vermerkt: February House. Ich erinnerte mich, dass ich damals den Entschluss fasste, einer Spur der Dichterin in New York zu folgen. Ich schrieb um Wochen verzögert und noch immer unter Schmerzen: Weil ich nur sehr schwerfällig mit der Hand in mein Notizbuch schreiben kann, notiere ich während des Lesens, indem ich in Gedanken wiederhole, was zu tun ist in den kommenden Stunden. Nachforschen in der digitalen Sphäre. Wo genau, in welcher Straße, in welchem Haus wohnte Carson McCullers in Brooklyn? Ist denkbar, dass die junge Dichterin tatsächlich drei Wochen benötigte, um das Subway-System der Stadt New York verlassen zu können? Oder suchte sie in ebendiesem Raum der Zeit nach ihrer Wohnung, die sie nicht wieder finden konnte, weil sie mittellos und ohne genauere Ortskenntnis in einem U‑Bahnwagon zurückgelassen worden war. Wie viele Dollar kostete eine Flasche Whiskey im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedanken notiere, wiederhole ich dreifach, was ich mir zu merken wünsche. Verlorenes, das könnte sein, bemerke ich nicht. Oder nur einen Schatten ohne Wörter. — stop
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ewig
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sierra : 22.12 — Im Haus der alten Menschen beobachtete ich eine 94-jährige Frau, die an einem Tisch saß und notierte. Ich hörte, sie schreibe seit Jahren Tag für Tag, Stunde um Stunde lange Listen in Notizhefte. In diesen Listen, erzählte sie einmal, würde sie vermerken, was noch zu tun sei im Leben. Als ich mich leise näherte, bemerkte ich tiefe Furchen in den Seiten des Heftes, keine Schriftzeichen jedoch, weil sich in der schreibenden Hand der Notierenden, ein Kugelstift befand, der längst leer geschrieben war. — stop
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