kilimandscharo : 8.55 — Seit Tagen frage ich mich, welchen Anblick ich dargeboten haben könnte, narkotisiert, ich, Louis, über vier Stunden Zeit im chirurgischen Saal auf einem Tisch. Habe ich gesprochen? Habe ich mich aus eigener Kraft bewegt? Wenn ich sage: Meine schlafenden Augen, spreche ich von Augen, die ich nie gesehen habe. Kann mich an den Moment des Schlafens nicht erinnern, als ob dieser Moment nie existierte. Möchte bald meinen, unter Narkose unsichtbar geworden zu sein. Stattdessen war ich sichtbar, wie ich zuvor nie sichtbar gewesen bin. Mein Ellenbogen, von mehreren Seiten her geöffnet, ausgeleuchtet, dargelegt. Einer der Chirurgen, die operierten, erzählte, man habe, sobald Kapsel, Bänder, Muskeln, Sehnen sortiert und genäht worden waren, alle üblichen Bewegungen eines Ellenbogengelenks erfolgreich ausprobiert, ich solle mir keine Gedanken machen, ich könne bald wieder schreiben von Hand, essen, meine Wintermütze aufsetzen. Im Januar spätestens das beidhändige Werfen schwerer Koffer üben. — stop
Aus der Wörtersammlung: os
metamorphose
india : 7.32 — An einem Tisch im wilden Garten. Die Sonne schien kräftig über nahen Bergen, wärmte mich und eine Ameise, die über das Holz des Tisches spazierte, als würde sie einen Ausweg suchen, auf und ab, hin und her. Ich habe sofort bemerkt, dass es sich bei dieser Ameise um eine sehr besondere Ameise handelte, es war nämlich die erste Novemberameise meines bewussten Lebens, weswegen ich ihr einen Tropfen Marmelade vorgelegt habe, was das fiebrige Insekt zu erfreuen schien, weil es den Tropfen zunächst umkreiste, um sich kurz darauf mit Zangenwerkzeug an die Arbeit zu machen. Ich stellte mir vor, in dem ich die Ameise beobachtete, dass sie, satt geworden, zum Rand des Tisches laufen könnte und sich in die Tiefe stürzen. Ihr großartiger Flug weit über das Gartenland auf Lederhäuten, die sich zwischen ihren zarten Beinchen entfalteten. Stattdessen fiel eine Fliege vom Himmel, überschlug sich zweifach und blieb auf dem Rücken unmittelbar vor meinen Augen liegen. Aber das ist jetzt schon eine ganz andere Geschichte. — stop

salzburg : stefan zweig, kapuzinerberg no 5
lima : 8.16 — Von der Linzer Gasse hinauf zum Paschingerschlössel, in dem Stefan Zweig mit seiner ersten Frau, der Schriftstellerin Friederike Maria Burger, 15 Jahre lang wohnte und arbeitete. Ein steiler Weg, 264 Treppenstufen, James Joyce und Thomas Mann werden diese Strecke gegangen sein vor einer Sekunde noch vor den langsam westwärts fließenden Bergen. Das Haus No 5, großzügige Terrasse, hinter Laubbäumen versteckt, scheint sich von selbst im leichten Wind zu bewegen. Unten im Tal, schneegrün an diesem Abend, die Salzach. Auf den Dächern der Stadt lungern moderne Menschen, sie lesen, trinken Wein, schlafen in ihren Himmelsgärten in der warmen Novembersonne. Ein später Feuerkäfer passiert den schmalen, steinigen Weg, längst bin ich im Wald angekommen. Das Kloster der Kapuzinermönche liegt hinter mir. Buchen, Eschen, Linden brennen. Eine gebückt gehende alte Frau, ich sehe, sie geht kreuz und quer über die Pfade des Berges. So betagt muss sie ihrer Erscheinung nach sein, dass sie Stefan Zweig noch persönlich gekannt haben könnte. Wie sie zuletzt unter den Bäumen verschwindet, uraltes Kind, dachte ich an eine Fotografie, die in der digitalen Sphäre existiert. Sie zeigt Stefan Zweig und seine zweite Frau Lotte Altmann in ihrem Haus in der brasilianischen Stadt Petrópolis leblos liegend auf einem Bett. Dieser Blick nun eines Journalisten und seiner Lichtfangmaschine, der seit dem 23. Februar 1942 nicht wieder zurückgeholt werden kann. — stop

schnürlkäfer
charlie : 8.58 — Wenn man mich fragen würde an diesem schönen Morgen im November, was ich mir wünsche, ich würde antworten, einen Banderlkäfer oder Schnürlkäfer in diesem Moment, einen Käfer, der an seiner Spitze aus einem Kopf und einem gepanzerten Brustsegment bestehen könnte, Fühlern, Augen, Beinen, Flügeln, einem Käfergefüge demzufolge wie wir es kennen, wenn da nicht eine bemerkenswerte Fortsetzung in der Gestalt des Käfers zu verzeichnen wäre, ein Hinterleib von enormer Größe, schmal und lang und feucht, als habe sich dem Käfer ein Regenwurm angeschlossen, der nun selbst an seinem Ende der Käfergestalt ein Paar weiterer Augen hinzufügte, und einen triebhaften Willen sich auf jeden Schuh zu stürzen, um ihn auf der Stelle, ob nun mit oder ohne Fuß, zu verschließen. – stop

nachtsegeln
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echo : 10.15 – Das Nachtsegeln auf dem Bauch, rücklings bald, in Seitenlagen, immer wieder von einem Arm geweckt, der sich in der Abwesenheit des Schlafenden in einen Schiffsmast verwandelt, in eine Schmerztrompete andererseits, die einen Faden von Wachheit in den Reisenden spielt. Wie ich bald müde am Frühstückstisch sitze. Eine Tasse Kaffee, eine Brezel, ein Glas Milch, und mein Arm, ausgepackt, das verletzte Wesen, mit dem ich eine Unterhaltung führe: Wir müssen geduldig sein, du und ich, wir werden das schon schaukeln! Da ist ein Knistern, sobald ich meinen Arm sacht bewege, ein unbekanntes Gefühl. Widerstände in jede Richtung. Irgendetwas scheint sich in meinem Arm niedergelassen zu haben, das ihn auf Position 90° festhalten möchte. Erstaunlich. stop. Zehn Uhr elf in Hama, Syrien. — stop

fasankino
tango : 0.02 — Gestern, Dienstag, ist Ilse Aichinger 90 Jahre alt geworden. Ich erinnerte mich an einen Text, den ich vor einiger Zeit bereits aufgeschrieben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, weshalb ich ihn an dieser Stelle wiederholen möchte. Ich betrachtete damals, als ich den Text notierte, eine Filmdokumentation. Es war ein früher Morgen und ich fuhr in einem Zug. Immer wieder spulte ich, Zeichen für Zeichen vermerkend, was ich hörte, den Film zurück, um kein Wort des gesprochenen Textes zu verlieren oder zu verdrehen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichinger, von einem unruhigen Geleise geschüttelt, immer wieder auf dem handtellergroßen Bildschirm unter spazierenden Menschen vor mir auftauchte, indem sie von ihrer Kinoleidenschaft erzählte: Wenn ich mich recht erinnere, hörte ich in meiner frühen Kindheit eine ältere Frau zu einer anderen sagen: – Es soll jetzt Tonfilme geben. – Das war ein rätselhafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätselhaften Sätzen der Erwachsenen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonntagen zu meiner Großmutter gingen, bei der sie lebte, fast regelmäßig am späten Nachmittag: > Ich glaube, ich gehe jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unterrichtete für kurze Zeit an der Musikakademie in Wien und übte lang und leidenschaftlich, aber sie unterbrach alles, um in ihr Kino zu gehen. Ihr Kino war das Fasankino. Es war fast immer das Fasankino, in das sie ging. Sie kam fröstelnd nach Hause und erklärte meistens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasankino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Großmutter im Vernichtungslager Minsk, in das sie deportiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasankino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüglich des Todes, sondern auch bezüglich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötzlich aus den Kinoprogrammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cineastin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Landschaften von England oder Neuengland auftauchen oder die von Frankreich, denen ich fast ebenso zugeneigt bin. Ilse Aichinger: Mitschrift

kapselbäume
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lima : 0.03 – Fenster von opakem Licht. Bäume draußen im Park vor dem Präpariersaal selbst nicht zu sehen, nur ihre Schatten, die sich im Wind bewegten. Der Eindruck, jene Schattenbäume handelten aus eigener Kraft, Muskeln unter der Rinde, Sehnen, Gelenke, Kapseln, Bänder. Schemen zweier Eichhörnchen hüpften von Ast zu Ast. Ich beobachtete eine Idee, während ich über Kopfhörer die Qualität einer Tonbandaufnahme kontrollierte. Eine Stimme. Die Stimme eines jungen Mannes. Er sagte: Ich hielt im Traum einen Kehlkopf in der Hand, der leise pfiff. Ich kann mich an ein paar sehr schräge Töne erinnern, an eine vibrierende Bewegung auf meiner Handfläche, als ob dort ein Falter sehr rasch mit seinen Flügeln auf und ab schlagen würde. : pause 2 sec : Manchmal habe ich am helllichten Tag Vorstellungen, Tagträumerei, meine Hände, zum Beispiel, auf dem Lenkrad meines Autos, ohne Haut. – Samstag. Wolkenloser Himmel. Count Basie. — stop

Carson McCullers
nordpol : 20.58 — Carson McCullers faszinierende Ballade vom traurigen Café. Weil ich noch immer nur sehr schwerfällig mit der Hand in mein Notizbuch schreiben kann, notiere ich während des Lesens, indem ich in Gedanken wiederhole, was zu tun ist in den kommenden Stunden. Nachforschen in der Elektrosphäre. Wo genau, in welcher Straße, in welchem Haus wohnte Carson McCullers in Brooklyn? Ist denkbar, dass die junge Dichterin tatsächlich drei Wochen benötigte, um das Subway-System der Stadt New York verlassen zu können? Oder suchte sie in ebendiesem Raum der Zeit nach ihrer Wohnung, die sie nicht wieder finden konnte, weil sie mittellos und ohne genauere Ortskenntnis in einem U‑Bahnwagon zurückgelassen worden war. Wie viele Dollar kostete eine Flasche Whiskey im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedanken notiere, wiederhole ich dreifach, was ich mir zu merken wünsche. Verlorenes, das könnte sein, bemerke ich nicht. Oder nur einen Schatten ohne Wörter. — stop
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sekundenzeit
india : 10.01 — Ich habe eine lustige Geschichte mit mir selbst erlebt. Ich stand in einem Garten am späten Abend und versuchte, indem ich mich konzentrierte, die Umrisse meines Körpers wahrzunehmen, nicht die Umrisse einer bestimmten, einer ausgewählten Region meines Körpers, sondern die Umrisse meines Körpers insgesamt. Plötzlich meinte ich, mich in einem Film zu befinden, einem Film, der sich sehr langsam bewegte, mit einem Bild pro Jahrhundert, sagen wir, sodass ich mich nicht erinnern konnte, überhaupt schon einmal in Bewegung gewesen zu sein. Auch der wolkenlose Himmel über mir hatte sich noch nie zuvor bewegt, und die gefrorenen Blätter der Bäume und ihre Nachtschatten. Wie ich in dieser Weise verharrte und mich in die Vorstellung der Bewegungslosigkeit vertiefte, für einen Moment der Eindruck, Minutenzeit wahrnehmen zu können. — stop
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cast
marimba : 10.58 — Die Panzerung des rechten Armes mittels Castverbandes. Der Eindruck zunächst, gebändigt worden zu sein, gefangen im 90° Winkel. Kurz darauf, nach zwei oder drei postoperativen Tagen, das Gefühl, gleichwohl geschützt zu sein, das verwundete Gebiet unter Haut, die lavendelfarben schillert, geborgen in einer Wiege von Glasfasergewebe. Indem ich mich über Flure und Treppen bewege, stoße ich immer wieder an Wände, weil ich meinen künstlich erweiterten Umfang noch nicht in mein Gehirn dauerhaft eingetragen habe. Je ein Geräusch, scheinbar von innen her, als würde ich an Muschelgehäuse klopfen. – stop




