MELDUNG. Offensichtlich bei Mondschein von leichtem Geistesschwindel befallen, rückte Charles M., 88, in der Orangerie zu Weilburg mittelamerikanischen Kakteen mittels Mikadostäbchen zu Leibe. Man arbeite, so der alte Herr kurz nach seiner Festnahme während erster Befragung, an einer Symphonie für Stachelhorn. Es ist jetzt kurz nach 5. — Game over.

sumatrakäfer
sierra : 0.27 — Gestern, am späten Abend, habe ich den Versuch unternommen, das Wort Streichholz so lange wie möglich in meinem Kopf hin und her zu bewegen, ohne indessen ein weiteres Wort zu denken. Kurz darauf habe ich meinen Versuch wiederholt, in dem ich das Wort Streichholz durch das Wort Sumatrakäfer ersetzte, ebensolches eine Zehntelstunde später durch das Wort Kühlschrank, welches selbst kurz vor Mitternacht im Loop der Hibiskusblüte endete. Vorgestern noch hatte ich eine ähnliche Nachtübung durchgeführt. Wörter waren folgende gewesen: Samshepard, Hummervogel, Tictacto, Leporello. Ich stelle fest: Die lang anhaltende Wiederholung des Wortes Leporello bewirkt in meiner Seele einerseits deutliches Gefühl von Hitze, anderseits eine Ahnung der Farbe Gelborange, ohne dass diese Farbe selbst vor meinem inneren Auge sichtbar werden würde. Warum? — stop

romantische kurzgeschichte
sierra : 4.28 — Genève / Place Bel Air. Es ist 1 Uhr und 30 Minuten MEZ : Ein Mann dunkler Hautfarbe, schwer betrunken, wird von städtischen Gendarmen im zentralen Polizeiamt festgesetzt. Ruhestörung. — 1 Uhr 35 Minuten MEZ : Der Betrunkene, Hände auf den Rücken gefesselt, behauptet Charlie Parker zu sein. Er will sein Saxophon wiederhaben. — 2 Uhr 05 Minuten MEZ : Die Identität des Gefesselten wird zweifelsfrei festgestellt. Es handelt sich um US-Bürger Jonny Wilkerson, 36, wohnhaft zu Paris, 8, Rue de Javel. – 2 Uhr 38 Minuten MEZ : Übergabe des Blasinstrumentes an den Randalierenden. – 2 Uhr 40 Minuten bis 4 Uhr und 5 Minuten MEZ : Fünf stationäre Gendarmen der Nachtschicht sind von entfesselten Geräuschen, die einer vergitterten Ausnüchterungszelle entkommen, stark beeindruckt. Man hat Stühle von Holz vor dem Gehäuse abgestellt. — 4 Uhr und 6 Minuten MEZ : Parker, Charlie, eingeschlafen. — stop

winterkrieg in tibet
alpha : 2.58 — Ich weiß nicht genau, wie wir darauf gekommen sind, vom Inneren der Berge zu berichten. Einmal kurz vor Mitternacht haben wir den ersten Faden gelegt im Gespräch. Ein marokkanischer Freund erzählte von seiner Großmutter eine Geschichte, die geheim bleiben muss. Uralt war sie geworden, so alt, dass niemand sagen kann wie alt genau. Drei Kriege hatte sie miterlebt, Elend, Unterdrückung in einer kleinen Stadt am Mittelmeer. Von dort waren wir auf Mr. Assad gekommen, ich hörte von Strafen, die mein junger Freund formulierte für diesen mörderischen Mann, apokalyptische Wünsche, Höllenkerne und von der Prophezeiung eines atomaren Weltkrieges. An dieser Stelle meine ich, eine Geschichte Friedrich Dürrenmatts erwähnt zu haben, die vom Winterkrieg in Tibet handelt, ein äußerst skurriles Stück. Und weil ich mit dem Moment der Erfindung bereits Geschwindigkeit aufgenommen hatte, setzte ich hinzu, dass in den Bergen um Salzburg Höhlen existieren sollen, in welchen Höhlenwiesen und Höhlenbäume wachsen. Auch Vögel, sagte ich, seien nachgewiesen, Blumen, bläulich glimmende Beeren, Höhlenhirsche, Höhlenhasen. Kaum zwei Minuten später existierte eine weitere Höhle nahe Agmat im Atlasgebirge. Man darf sich nun vorstellen, welch wunderbare Dunkelvielfalt dort anzutreffen sein wird. Von wessen Atombomben haben wir gesprochen? — stop

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minutengeschichten
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : MINUTENGESCHICHTEN
Liebe Daisy, liebe Violet! Grüß Euch ganz herzlich! Früher Morgen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hatte, seltsame Sache, in der vergangenen Nacht das Gefühl, irgendjemand würde mir, während ich mit meinem Bleistift arbeitete, über die Schulter schauen. Mehrfach habe ich mich umgesehen, auch vorgegeben, rein gar niemanden bemerkt zu haben, und dann plötzlich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sicher, Ihr wart in meiner Nähe gewesen, wie noch vor wenigen Wochen, als ich unterwegs war in New York, da habe ich Euch leibhaftig gesehen nachts an Bord der John F. Kennedy – Fähre, wie ihr übers Salondeck huschtet, Gespenster, würde man vielleicht sagen, Geister, reizende Erscheinungen. Sagt, habt Ihr nun gelesen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minutengeschichten, den ich so gern mit der Hand wiederhole in schweren Zeiten? Ich schick ihn Euch zur Sicherheit noch einmal mit, ja, ja, die Büchermenschen, das solltet Ihr wissen, das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studierend auf Bänken in Parklandschaften herum, in Cafés oder in einer Untergrundbahn. Dort, aus heiterem Himmel angesprochen, wenn man sich nach ihrem Namen erkundigte, würden sie erschrecken und sie würden vielleicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichenlinie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzonasregenwaldfluss. — Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metropole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natürlich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits existierende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Bibliotheken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Bibliotheken, und etwas kleinere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kostbare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewegung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufgetragen, Strecken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden- und da sind die roten Linien der Minutengeschichten. Blau sind die Strecken mächtiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man ungestört auf sehr bequemen Pinienbäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Automobile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauberhaft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis — stop
gesendet am
13.03.2012
06.05 MEZ
3015 zeichen
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ein zimmer
zoulou : 1.02 – Ich fahre eine Stundenzeit mit dem Aufzug aufwärts. Wo ich herauskomme, wachsen Aprikosenbäume aus den Wänden. Ein Flur, helles Licht, der Boden von Kirsche, Walnuss, Esche. Und Türen. Türen in Blau, Grün, Gelb und Rot. Durch eine der Türen hindurch: Was für ein hübscher Raum! Fenster mit Wolken. In der Mitte des Raumes kauert ein junger Mann auf dem Boden. Er scheint mich nicht zu sehen und nicht zu hören. Es ist so als wär ich abwesend. Ein kleines Netbook, ein Tier, das knistert, sitzt wie der Mann auf dem Boden. Lichtschlitten fahren pausenlos in seinem Gehäuse auf und ab. Da war ein Glas Milch und da war eine Schale von Hummerschwänzen. Weiter nichts. Aber Schatten doch auf dem Boden und an den Wänden, Schatten von Tischen, Stühlen, Bilderrahmen. Plötzlich gehe ich über eine Straße. Es ist die 8th Avenue. Ich weiß das. Ich weiß das noch immer. Es war Sonntag. Grad bin ich wach geworden. — stop
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zikaden
alpha : 0.50 – Einem Menschen vorzulesen, von dem ich nicht weiß, ob er mir zuhören kann, ob er vielleicht schläft oder beides. Ja, eine solche Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurückliegt. Der Mensch, an dessen Bett ich wartete, hatte hohes Fieber. Ich trocknete sein Gesicht von Zeit zu Zeit, ich nahm seine Temperatur, ich hörte seinen Atem. Manchmal ging ich spazieren in der Wohnung oder in den Garten. Es war August, eine Handvoll Zikaden musizierte, schwüle, süße Luft. Dann wieder am Bett. Mit Mühe die Augen offengehalten. In der Küche Kaffee gemacht. Nach Atem gelauscht. Das Buch geöffnet und weitergelesen. Stimme, manchmal fragende Stimme: Hörst du mich, hörst Du mir zu? Soll ich weiterlesen? Also lese ich weiter, ich lese Ágota Kristóf, ich lese davon, wie man Schriftsteller wird. Zuallererst muss man natürlich schreiben. Dann muss man weiterschreiben. Selbst wenn es niemanden interessiert. Selbst wenn man das Gefühl hat, dass es niemals jemanden interessieren wird. Selbst wenn die Manuskripte sich in den Schubladen stapeln und man sie vergisst, während man neue schreibt./ Am Anfang gab es nur eine einzige Sprache. Die Objekte, die Dinge, die Gefühle, die Farben, die Träume, die Briefe, die Bücher, die Zeitungen waren diese Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine andere Sprache geben könnte, dass ein Mensch ein Wort sprechen könnte, das ich nicht verstehe. — Ja, es war Nacht, eine Nacht, die fünf oder sechs Jahre zurückliegt. Der Mensch, an dessen Bett ich wartete, hatte hohes Fieber. Ich trocknete sein Gesicht, ich nahm seine Temperatur, ich hörte seinem Atem zu. — stop

erfundene fotografie mit kamelen
delta : 0.22 – Kamele sind Tiere, die ich schon immer mochte. Sie erscheinen mir vertraut, als hätte ich einen Teil meines Lebens unter Kamelen zugebracht. Ihre großen Augen, die leicht aus dem Kopf hervorstehen, ihr samtig ledriger Mund, ihr Geruch, ihr warmer Bauch, das weiche dichte Fell. Ich erinnere mich, dass man mir vor langer Zeit einmal erzählte, ich sei während meiner Besuche mit meinem Vater im zoologischen Garten immer wieder gern bei den Kamelen gewesen. Auch soll mein Vater mich auf den Schultern getragen haben, während ich seinen großen Kopf mit meinen kleinen Armen umfasste. Merkwürdig ist, dass ich mich an keine Fotografie erinnere, die mich dort oben als einen stolzen Reiter zeigt, vermutlich deshalb, weil mein Vater vor Jahren der einzige Fotograf der Familie gewesen war. Es existieren überhaupt nur wenige frühe Bilder, die ihn und mich gemeinsam zeigen. Und so habe ich nun folgendes probiert. Ich habe eine Fotografie in meinem Kopf illuminiert, ein Dokument, das nie existierte und doch sehr wirklich werden könnte, wenn ich nur lange genug daran arbeite. Das Dokument ist eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Sie zeigt einen Mann in weiten dunklen Hosen, mit hellem Hemd, das ist mein Vater. Auf seinen Schultern sitzt ein kleiner Junge, auch er trägt ein helles Hemd, Sandalen und kurze Lederhosen, das bin ich. Über uns verzweigt sich ein Ulmenbaum. Es ist ein mächtiger Baum. In seinem Schatten hinter einem Zaun stehen zwei Kamele, sie schauen uns an. Da ist noch ein Flamingovogel, hungrige Gestalt, der auf einem Bein mitten auf dem Spazierweg steht. Das sieht alles schon sehr gut aus, finde ich. Ich habe mir dieses Bild vorgestellt, bis ich es so genau vor mir sehen konnte, dass ich es auf einem vorgestellten Tisch drehen und wenden könnte. Mein Vater, den ich jetzt in dieser Weise sehen kann, war ein junger Mann, der lachte. Er zeigte in die Richtung der Kamele. Und auch ich zeigte mit einem Finger in die Richtung der Kamele und auch ich lachte. Es war Sommer. — stop
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doppelherzprozessor
echo : 1.16 – Wieder einmal die Frage, werden Menschen, sobald sie über Schreibmaschinen mit Doppelherzprozessoren verfügen, in ihren Bewegungen, in ihren Erwartungen schneller? — stop
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