Aus der Wörtersammlung: charlie

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max

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char­lie : 20.45 UTC — Ich habe mei­nen Freund Max besucht, der in Mün­chen wohnt in der Bri­en­ner­stra­ße unter dem Dach in einem Loft, das der­art weit­räu­mig ist, dass man dar­in Hal­len­fuß­ball spie­len könn­te. Sei­ne Vögel, zwei Kaka­dus, flie­gen dort gern frei her­um, sie sol­len, so Max, nie­mals bis­lang irgend­ei­nen Scha­den an sei­nen Möbeln ange­rich­tet haben. Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass Max’ Vögel mög­li­cher­wei­se nicht ganz echt sind, ich mei­ne, dass sie küh­le Tie­re von äußerst leich­tem Metall sein könn­ten unter dich­tem Feder­kleid ver­bor­gen, dass sie also nur vor­ge­ben, Vögel zu sein, wäh­rend sie viel­mehr Droh­nen sind, die sich von Max’ Com­pu­ter gesteu­ert durch die Woh­nung bewe­gen, als wären sie natür­li­che Wesen. Ich habe bei­de Tie­re immer nur im Flug beob­ach­tet, nie aus nächs­ter Nähe, denn wenn sie ein­mal nicht flie­gen, sit­zen sie in einem Käfig, der dicht unter der Decke des Rau­mes uner­reich­bar weit ent­fernt mon­tiert wur­de. Wun­der­ba­re Algo­rith­men steu­ern den Flug der Kaka­dus, auch ihre Gesprä­che, die sie bestän­dig füh­ren. Es ist spät gewor­den, eigent­lich woll­te ich eine ganz ande­re Geschich­te erzäh­len, von Max’ Com­pu­ter, der über eine Tas­te für Cap­puc­ci­no ver­fü­gen soll. Die­se Geschich­te wer­de ich im nächs­ten Jahr erzäh­len. — stop

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tokiozug

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char­lie : 22.25 UTC — Vor weni­gen Minu­ten noch habe ich mit einem Blei­stift in mei­ner rech­ten Hand ver­sucht, den Namen Dostojewski’s in mein Notiz­buch ein­zu­tra­gen. Das ist viel­leicht tat­säch­lich eine klei­ne Mel­dung wert. Der letz­te Ein­trag in mein Notiz­buch ist näm­lich mit dem Monat April ver­bun­den, das war, ich erin­ne­re mich, an einem Sonn­tag gewe­sen, ein stür­mi­scher und reg­ne­ri­scher Tag, die Papie­re mei­nes Notiz­bu­ches waren feucht gewor­den, well­ten sich, wel­len sich noch immer. Ich habe damals die Fra­ge notiert, ob Fle­der­mäu­se auch bei Regen flie­gen. Nun ging es heu­te um etwas ganz ande­res, ich woll­te eine Notiz zum Roman Der Spie­ler ver­zeich­nen. Lei­der fuhr ich in die­sem Augen­blick mei­nes Wun­sches in einem Zug vol­ler Men­schen, die sich dicht anein­an­der dräng­ten, wes­we­gen ich mei­ne Schreib­ma­schi­ne nicht errei­chen konn­te. Also such­te in der lin­ken Hosen­ta­sche nach mei­nem Notiz­buch für Not­fäl­le. Die­ses Buch ist, wie ich erwähn­te, von Papier, wur­de mehr­fach gefal­tet, eben­so mehr­fach feucht und wie­der getrock­net, ein Heft­chen, in wel­chem ich bei­zei­ten mit wil­der, unge­üb­ter Schrift notie­re, sodass ich manch­mal nur noch erah­nen kann, was ich ver­mer­ken woll­te. So habe ich heu­te also aus der Erin­ne­rung Varia­tio­nen eines berühm­ten Namens notiert, mehr­fach habe ich ange­setzt, dann wie­der nach­ge­dacht. Ich fra­ge mich, was wür­de Fjo­dor M. Dos­to­jew­ski viel­leicht gedacht haben, hät­te er mich beob­ach­tet in die­sen auf­re­gen­den Minu­ten einer kur­zen Zug­rei­se? — Heu­te ist Diens­tag, es ist warm, es ist Suma­tra. — stop
ping

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glück

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char­lie : 20.52 UTC — Am Ufer eines klei­nen Sees auf einer Bank in einem Park kurz vor der Däm­me­rung. Da und dort Karp­fen­schnä­bel, die etwas von der regen fri­schen Luft zu trin­ken schei­nen. Drei Amei­sen has­ten gleich neben mir hin und her über war­mes, ver­wit­ter­tes Holz. Und da ist ein Fal­ter. Er tas­tet mit sei­nen Füh­lern nach Wort­zei­chen auf mei­nem Bild­schirm, viel­leicht des­halb, weil das strah­len­de Weiß des Bild­schirm­hin­ter­grundes Luft, Zei­chen hin­ge­gen ein Etwas bedeu­ten, einen Schat­ten, mit dem kommu­ni­ziert wer­den kann. — Ich habe wie­der ein­mal  beob­achtet, dass ich, wenn ich mit mei­nen Ohren nach Geräu­schen suche, die nicht hör­bar sind, mei­ne Augen öff­ne so weit ich kann. Der Wunsch, ein­mal in mei­nem Leben, für eine hal­be Stun­de nur, über das Ver­mö­gen zu ver­fü­gen, den Sonar­hupen der Abend­segler lau­schen zu kön­nen. — stop

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beckett

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char­lie : 6.32 UTC — In dem klei­nen Café, das den Namen Saha­ra trägt, wird Men­schen, die am Flug­ha­fen arbei­ten, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt gera­de von der Arbeit. Außer­dem schneit es in einer Wei­se, als wäre Win­ter. Sie zieht ihren Man­tel aus und die Hand­schu­he, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstim­mung in der Tür­kei nicht spre­chen. Spre­chen wir über mei­ne nächs­te Rei­se, ich weiß nicht, wohin ich rei­sen soll, ich bin seit ich den­ken kann, immer in die Tür­kei gereist, die­ses Mal wer­de ich nicht in die Tür­kei rei­sen. — Ist es zu gefähr­lich, fra­ge ich. — Nein, ant­wor­tet Iclal, es ist nicht gefähr­lich für mich, ich will nicht. Wohin könn­te ich nur rei­sen im Som­mer? — Ich sage: Vene­dig ist schön, aber eher im spä­ten Herbst, viel­leicht magst Du in die Ber­ge gehen, Du könn­test auf einer Hüt­te im Kar­wen­del­ge­bir­ge woh­nen und wan­dern, das ist ganz wun­der­bar dort. In die­sem Moment ent­de­cke ich einen Schrift­zug von wei­ßer Far­be, der Iclal’s rosa­far­be­nes T‑Shirt bedeckt: Ever tried. Ever fai­led. No mat­ter. Try Again. Fail again. Fail bet­ter. Das sind wun­der­ba­re Wor­te, sage ich, Samu­el Beckett hat sie geschrie­ben. — Ja, wirk­lich, ant­wor­tet Iclal, wer ist das? Sie sieht an sich her­ab. Ich habe nicht dar­auf geach­tet, was da steht, das ist Eng­lisch, ich kann kein Eng­lisch, was steht da, das Beckett geschrie­ben hat? — Ich über­le­ge, wie ich Becketts Sät­ze kor­rekt über­set­zen könn­te. Ich über­le­ge lan­ge. Das ist offen­sicht­lich schwie­rig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poe­sie, da muss man sehr behut­sam mit den Wör­tern umge­hen, man muss sehr genau sein. Kurz dar­auf wer­de ich mit mei­ner Über­set­zung fer­tig. Iclal hört zu. Iclal beginnt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dach­te noch, wie ger­ne ich ihr Lachen in die­sem Moment auf Ton­band auf­ge­nom­men hät­te — stop

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modern

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char­lie : 8.01 UTC — Die selt­sa­me Spra­che der moder­nen Welt im all­täg­li­chen Gebrauch. Einer sagt, nach­dem er sich ver­liebt hat­te, er wer­de mutig in Gefüh­le inves­tie­ren. Ein ande­rer trifft sich mit Freun­den und spricht am Tele­fon davon, sich gera­de in einem Mee­ting zu befin­den. Vor zwei Tagen wur­de ich von einer Freun­din gebrieft, sie habe sich von ihrem Mann getrennt. Ein Clus­ter von Kom­pli­ka­tio­nen ver­hin­der­te die Zulas­sung sei­nes Soh­nes zur Prü­fung am MIT, berich­tet ein alter Bekann­ter. Er schrei­be ein Memo, ver­spricht ein Nach­bar, ich weiß nicht wor­über. Unlängst war ich ver­sucht, Fol­gen­des zu sagen: Ich arbei­te in der erzäh­len­den Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung. Ich sag­te dann: Ich schrei­be Geschich­ten. — stop

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nuevo mundo

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lima : 12.15 UTC — Ich stel­le mir einen Film vor, ein media­les Arche Noah Prin­zip, jedes Lebe­we­sen unse­res Pla­ne­ten wäre dar­auf ver­zeich­net, jede Pflan­ze, auch das mikro­sko­pisch Kleins­te, Mikro­ben, Bak­te­ri­en, Viren. In kür­zes­te Schnitt­fol­gen müss­te die­ser Film zer­legt sein, um in mensch­li­cher Lebens­zeit je betrach­tet wer­den zu kön­nen. Wel­ches Lebe­we­sen könn­te auf dem letz­ten ver­füg­ba­ren Bild des Fil­mes zu sehen sein? — stop

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im aufzug : zwei hände

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char­lie : 10.02 UTC — Die plötz­li­che Lang­sam­keit mei­nes Den­kens im Gespräch mit Men­schen, die die Spra­che mei­nes Den­kens nicht oder nicht wirk­lich gut ver­ste­hen. Unver­züg­li­che, inten­si­ve Suche nach Mög­lich­kei­ten ein­fa­cher Dar­stel­lung, oder gar die Erfin­dung einer indi­vi­du­el­len, einer in die­sem Moment des Ver­stän­di­gungs­ver­su­ches wirk­sa­men Zei­chen­spra­che, Rada­re, die anstren­gend sind wie Spring­seil­trai­ning an Ort und Stel­le. Ein­mal begeg­ne­te ich einem Mann in einem Auf­zug. Sein Gesicht war ent­stellt, er moch­te mich nicht anse­hen, er schimpf­te laut­stark mit sei­ner Hand. Plötz­lich hör­te ich Sät­ze, die an mich gerich­tet waren. Als ich dem scheu­en Mann ant­wor­te­te, sprach ich, eine vor­sich­ti­ge Ges­te, gleich­wohl in die Rich­tung mei­ner eige­nen rech­ten Hand, sodass unse­re Hän­de zu Tele­fo­nen wur­den. — stop
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am fenster

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char­lie : 22.01 UTC — Es ist Sams­tag­abend gewor­den. Ich habe an die­sem Tag lan­ge Zeit Eich­hörn­chen beob­ach­tet, wie sie blatt­lo­se Bäu­me vor mei­nen Fens­tern unter­such­ten, als wären die­se Bäu­me gera­de erst gewach­sen, unbe­kann­te Orte also, die zunächst inspi­ziert wer­den muss­ten. Ich wink­te gele­gent­lich, die Eich­hörn­chen blie­ben dann für einen Augen­blick still sit­zen, ich glau­be, sie haben mich beäugt, haben mög­li­cher­wei­se dar­über nach­ge­dacht, ob sie sich an mich erin­nern, und wenn ja, wel­che Erfah­rung sie mit mir sam­mel­ten. Ver­mut­lich wer­den sie gedacht haben, die­sen Vogel dort drü­ben am Fens­ter ken­nen wir, er ist nicht gefähr­lich, er flat­tert nur mit sei­nen Flü­geln, er kann nicht flie­gen. — stop

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schokolade

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char­lie : 3.05 — In der Stra­ßen­bahn berich­te­te ein älte­rer Herr, er erin­ne­re sich immer wie­der ein­mal zur Weih­nachts­zeit an das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de. Das sei Scho­ko­la­de gewe­sen, die für kämp­fen­de Sol­da­ten mit der angst­lö­sen­den Sub­stanz Per­vi­tin ver­setzt wor­den sein soll. Er kön­ne nicht mit Sicher­heit sagen, ob er als Kind jemals einen Niko­laus von Scho­ko­la­de geschenkt bekom­men habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blau­en und gol­den glän­zen­den Metall­män­tel unse­rer Tage rufen unaus­weich­lich das Wort Pan­zer­scho­ko­la­de in ihm her­vor. Ob ich wüss­te, frag­te er, dass Per­vi­tin Crys­tal Meth ähn­lich sei, dass man Pan­zer­scho­ko­la­de damals an Kios­ken ver­kauf­te, an Zivi­lis­ten, eine unglaub­li­che Sache. — Mit­ter­nacht. Noch zu tun: Ein authen­ti­sches Wort für Puls­ge­räu­sche der Koli­bris erfin­den. — stop

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nachtbild

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char­lie : 2.02 — Noch dun­kel, aber doch soviel Licht, dass ich eine Hand ent­de­cke, die sich genau­so bewegt, als wür­de sie malen. Der Mensch, zu dem die­se malen­de Hand gehört, schläft, ver­mut­lich ereig­nen sich im Augen­blick mei­ner Beob­ach­tung Träu­me, die die Hand bewe­gen. Ich ver­su­che in der Beob­ach­tung her­aus­zu­fin­den, das heißt, vor­zu­stel­len, was die­se Hand gera­de malen oder zeich­nen könn­te. Dar­über schla­fe ich ein. Als Mor­gen gewor­den ist, sage ich fröh­lich: Du hast heu­te Nacht viel­leicht im Schlaf gemalt! Kannst Du Dich erin­nern, an wel­chem Bild Du gear­bei­tet haben könn­test? — Es ist die Zeit der Hum­mer­ern­te. Ers­te kal­te Win­de flie­ßen über die gro­ßen Seen süd­ost­wärts. Ecke Wil­low St. pas­siert ein Legu­an die Cran­ber­ry St., ein Poli­zist, der sich freut, regelt den Ver­kehr. Plötz­lich eine Fra­ge wie eine bren­nen­de Lun­te, eine Fra­ge, die ich in einer frem­den Spra­che vor­sich­tig notie­re, ob sich Hum­mer­tie­re an mensch­li­chen Kör­pern ver­grei­fen? Beun­ru­hi­gend, wie damals, Ende des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, die Fra­ge nach den Vor­lie­ben der Vik­to­ria­see­bar­sche? — stop
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