Aus der Wörtersammlung: dach

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blaue schuhe

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0.56 — Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, eine klei­ne Notiz über eine Amei­se zu schrei­ben, die ich ges­tern Nach­mit­tag in einem U‑Bahn-Wag­gon ange­trof­fen hat­te. Aber dann habe ich mei­ne Hän­de gese­hen, wie sie dicht über der Tas­ta­tur der Schreib­ma­schi­ne auf Anwei­sung war­te­ten. Ich dach­te, dass mei­ne Hän­de jene ana­to­mi­schen Struk­tu­ren mei­nes Kör­pers sind, die ich am bes­ten ken­ne, weil ich sie viel­fach betrach­tet habe. — Alle Hän­de, die ich erin­nern kann, sind die Hän­de eines Men­schen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­ne­re mich an Bewe­gun­gen, die Kis­sen in einem Kin­der­wa­gen sor­tie­ren. Ich erin­ne­re mich an mei­nen Wunsch, in mei­nem Kin­der­wa­gen Ord­nung zu hal­ten. An höl­zer­nes Spiel­zeug erin­ne­re ich mich, das vor mei­ner Nase bau­mel­te. Da sind jetzt klei­ne, blaue Schu­he in mei­nem Kopf. Sie bewe­gen sich, wenn ich wün­sche, dass sie sich bewe­gen. — stop

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zeitort

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[ 0.08 ] — Ich schrei­be die­sen Text an einem Zeit­ort, der eigent­lich nicht exis­tiert. Habe mich um 0.05 Uhr an die Schreib­ma­schi­ne gesetzt, aber noch ehe ich mei­ne Hän­de auf die Tas­ta­tur gelegt hat­te, war schon 1 Uhr gewor­den und ich hat­te noch kei­nen ein­zi­gen druck­ba­ren Satz notiert. Habe ich mir also eine zusätz­li­che Stun­de Zeit fabri­ziert. Wie­der war 0 Null Uhr gewor­den und ich dach­te notie­rend über das Was­ser­spre­chen nach. — Ist es mög­lich, unter einer Mee­res­ober­flä­che Wör­ter auf­zu­sa­gen? Ist es über­haupt Men­schen mög­lich, unter Was­ser so deut­lich zu spre­chen, dass zu ver­ste­hen ist, was aus­ge­spro­chen, das heißt, aus­ge­at­met wur­de? Wie hört sich eine mensch­li­che Stim­me an, die unter Was­ser spricht? Wie vie­le Sät­ze kann ich mit einer gesun­den, mit einer prall mit Luft gefüll­ten Lun­ge so deut­lich spre­chen, dass von einer Unter­hal­tung die Rede sein könn­te, wenn ich eine Ant­wort von einem wei­te­ren Tau­cher erwar­ten wür­de? — stop

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zwergseerosen

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0.05 — Leb­te im Traum mit glü­hen­den Pan­zer­fi­schen unter einem Dach. Konn­te nicht sagen, ob mei­ne Zim­mer unter Was­ser stan­den oder gefüllt waren mit Luft. Ver­füg­te ich über Kie­men oder hat­ten die Fische Lun­gen? — Noch zu tun: Zwerg­see­ro­sen erfin­den für Unter­was­ser­him­mel. — stop

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luftgeräuschworte

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2.15 — Ges­tern Abend gegen zehn Uhr wuss­te ich in einem Text nicht wei­ter, weil ich mich nicht erin­nern konn­te, wel­che Geräu­sche die Flü­gel einer Ein­tags­flie­ge in der Luft erzeu­gen. Ich hat­te ein hel­les Pro­pel­ler­ge­räusch im Ohr, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re sum­mie­ren woll­te, der Ver­dacht, mit mei­ner Erin­ne­rung könn­te etwas nicht ganz in Ord­nung sein. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra ist in der Luft kaum zu ver­neh­men. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen beob­ach­tet, sie sind laut­los, wir­beln­der Schnee. Und doch war da ein Ton, sobald eine Flie­ge dicht an mei­nem Ohr vor­über gekom­men oder in nächs­ter Nähe auf mir gelan­det ist. — Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? — Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop

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winterkäfer

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14.10 — Habe über einen Win­ter­kä­fer nach­ge­dacht. Aber dann ist mir ein ganz ande­rer Käfer ein­ge­fal­len, ein Wesen, für das ich noch kei­nen Namen habe. Die­ser namen­lo­se Käfer soll­te ohne Aus­nah­me paar­wei­se erschei­nen, weich sein wie eine Schne­cke und von der Kör­per­tem­pe­ra­tur der Men­schen und genau­so groß, dass er sich in die Augen­höh­le eines Schla­fen­den ein­zu­schmie­gen ver­mag. Man möch­te nun mei­nen, der Käfer wür­de sich mit sei­ner Wir­kung als Nacht­schirm begnü­gen, statt­des­sen wird er ein wenig flie­ßen und da er in die­ser Wei­se in Bewe­gung ist, sehr ent­span­nen­de Polar­licht­spie­le von mil­der, beru­hi­gen­der Lumi­nes­zenz erzeu­gen. — Wäh­rend ich die­se Zei­len über­tra­ge, die Nach­richt, dass Bena­zir Bhut­to von einem Selbst­mord­at­ten­tä­ter getö­tet wor­den sein soll. — stop

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felix fénéon

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2.15 — Immer wie­der fällt etwas zu mir her­ein und ich kann nicht sagen, war­um gera­de die­ses und war­um gera­de jetzt. Vor­hin habe ich an Felix Féné­on gedacht. Ich geh zum Regal und suche in sei­nem Buch der 1001 wah­ren Geschich­ten. Da ist eine Geschich­te, die Geschich­te No 81 aus dem Jahr 1906 zum Bei­spiel: Mit einem Rat­ten­schwanz ver­se­hen und zur Täu­schung mit fei­nem Grus gefüllt, wur­de ein Zylin­der aus Weiß­blech in der Rue de l’Quest gefun­den. Ein­hun­dert Jah­re spä­ter, eine fried­li­che Nacht ange­nehm küh­ler Luft. Ich stel­le mir Hun­der­te schla­fen­der Köp­fe vor, die in mei­ner Nähe in ihren stei­ner­nen Waben lie­gen. Wie still sie sind in die­ser Lage. — stop

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uwe johnson

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3.05 — Ich weiß nicht wes­halb, heu­te Nacht fin­de ich mich mit Zoll­stock vor Uwe John­sons Jah­res­ta­gen wie­der. Ich beob­ach­te mei­ne Hän­de, wie sie das Maß einer Zei­le mes­sen, wie sie mit einem wan­dern­den Fin­ger die Lini­en einer Sei­te zäh­len, wie sie das Buch mit Luft durch­fä­chern, wie sie Zif­fern notie­ren auf ein Blatt Papier. Kurz dar­auf lie­gen lin­ke, als auch rech­te Hand ruhig auf dem Tisch, wäh­rend das Gehirn, das ihnen zuge­ord­net ist, laut­los rech­nend vor sich hin arbei­tet. Ich notie­re: Die gesam­mel­ten Zei­chen der Jah­res­ta­ge in ihrer Frank­fur­ter Son­der­aus­ga­be wür­den eine les­ba­re Ket­te von 6.4 Kilo­me­tern Län­ge bil­den, wenn sie in genau jener Rei­hen­fol­ge dem Buch ent­kom­men wür­den, wie von Uwe John­son ein­mal aus­ge­dacht. — stop

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segelspinne

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3.08 — Eine Stun­de genau ist ver­gan­gen, seit ein sehr klei­ner Gegen­stand den Luft­raum über der Tas­ta­tur mei­ner Schreib­ma­schi­ne durch­quer­te. Er kam von links, also von Wes­ten, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das gerings­te Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Auf­pralls in etwa, war ich zunächst über­zeugt, mich geirrt zu haben. Aber dann konn­te ich im Licht der Tisch­lam­pe einen sehr fei­nen Faden erken­nen, der sich über die Tas­ten gelegt hat­te. Ich erin­ner­te mich sofort an eine Spin­ne, die ich im Früh­jahr zuletzt auf mei­nem Schreib­tisch gese­hen habe, ein hüb­sches, geräusch­lo­ses Wesen. — Es ist jetzt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrie­den. Ich habe eine Stun­de lang nichts getan, als mit einem fei­nen Pin­sel bewaff­net auf der Schreib­tisch­plat­te unter dem Licht des Elek­tro­mon­des einen Kampf gegen eine Spring­spin­ne zu fech­ten, die kaum grö­ßer ist als ein Steck­na­del­kopf, schwarz und weiß geti­gert, und so ver­spielt wie eine jun­ge Kat­ze. — Habe ich die­sem Text nicht bereits vor lan­ger Zeit ein­mal nach­ge­dacht? — stop

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wartezeit

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0.15 — Ich schrei­be die­sen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wün­sche, wach zu blei­ben. Vor den Fens­tern: Dun­kel. Das Licht einer Stra­ßen­la­ter­ne ist aus­ge­fal­len und der Him­mel bedeckt. Jetzt ste­he ich auf. Lau­fe hin und her und pfei­fe. Sobald ich am Schreib­tisch vor­über­kom­me, setz­te ich mich und schrei­be ein paar Wör­ter und dann ste­he ich wie­der auf und gehe pfei­fend wei­ter. Nichts weist dar­auf hin, dass die­ser Text tat­säch­lich von einem lau­fen­den Men­schen gedacht und geschrie­ben wur­de, von einer Per­son, die je nur ein oder zwei Wor­te notier­te, um sogleich wei­ter­zu­ge­hen. Alles könn­te nur behaup­tet sein. — Wes­halb höre ich auf zu pfei­fen, sobald ich schrei­be?  Ist die Zeit, die ich damit ver­brin­ge, auf ein Wort zu war­ten, als Arbeits­zeit anzu­se­hen? Ist der Zustand kon­zen­trier­ter Auf­merk­sam­keit für sich schon eine Leis­tung? — stop

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