Aus der Wörtersammlung: echo

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kamele

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echo : 0.02 — Im Traum konn­te ich mein eige­nes Herz sehen. Ich war durch­sich­tig gewor­den, Haut, Fleisch, Kno­chen. Saß an einem Tisch. War­um auf dem Tisch eine klei­ne Eisen­bahn im Kreis fuhr, kann ich nicht sagen. Die Loko­mo­ti­ve dampf­te. Eine Kara­wa­ne durch­sich­ti­ger Kame­le wan­der­te kreuz und quer. Alles das Klei­ne war von der Far­be des Schnees. Ich erwach­te. Dunk­le, zor­ni­ge Gewit­ter­wol­ken zogen unter glück­li­chen, wei­ßen Cumu­lus­wol­ken über der Stadt. — Man sieht es den Bäu­men am Mor­gen nicht an, aber sie schla­fen. — stop

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rosen

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echo : 5.26 — Ich erin­ne­re mich an einen Mann, den ich im Febru­ar in Man­hat­tan beob­ach­tet hat­te, wie er durch Sub­way Sta­tio­nen wan­der­te. Er sah ein wenig aus wie Art Gar­fun­kel in jün­ge­ren Jah­ren, trug einen hel­len Anzug, um den Hals war ein roter Schal gewi­ckelt, außer­dem hielt er einen Strauß unsicht­ba­rer Rosen im Arm. Die­se nicht sicht­ba­ren, aber sehr wohl exis­tie­ren­den Rosen nun, ver­schenk­te er an Frau­en, die auf Züge war­te­ten. Wenn er sich einer Frau genä­hert hat­te, mach­te er eine leich­te Ver­beu­gung und ent­nahm kurz dar­auf mit der rech­ten Hand aus der Rosen­wie­ge sei­nes lin­ken Armes eine Blu­me. Er hielt sie mit drei Fin­gern vor­sich­tig fest, um sie in einer wei­te­ren, tie­fe­ren Ver­beu­gung zu über­rei­chen. Dann setz­te er sei­nen Weg fort, ohne ein Wort gespro­chen zu haben. Manch­mal ver­zog er sein Gesicht, ver­mut­lich weil er sich an einer der Rosen­dor­nen gesto­chen hat­te, aber bald lach­te er wie­der und mach­te eine fröh­li­che Mie­ne. Für einen Beob­ach­ter wie mich war das eine auf­re­gen­de Geschich­te. Des­halb folg­te ich dem Mann an einem sehr kal­ten Vor­mit­tag in einen Zug, der in süd­li­cher Rich­tung fuhr. Als der Rosen­ka­va­lier näm­lich das Ende des Bahn­stei­ges erreicht hat­te, stieg er in den nächst­bes­ten Wag­gon, setz­te sich dort auf eine Bank und war­te­te dar­auf, an der nächs­ten Sta­ti­on wie­der aus­stei­gen zu kön­nen. Fried­lich saß er unter den Fahr­gäs­ten, zupf­te immer wie­der ein­mal an sei­nen Rosen her­um, ord­ne­te die Wick­lung sei­nes Scha­les, dann stieg er aus und mach­te sich wie­der­um auf den Weg über den Bahn­steig, um dort ver­sam­mel­te Frau­en zu begrü­ßen, und zwar jede Frau ohne Aus­nah­me, sofern sie nicht vor ihm flüch­te­ten oder vor­ga­ben, blind zu sein. Man­che der Frau­en lach­ten und bedank­ten sich, vie­le schie­nen den Mann zu ken­nen. Eine fei­ne, berüh­ren­de Erfah­rung, ins­be­son­de­re des­halb, weil ich dem Mann nahe kom­men konn­te, ohne dass er je auf mich reagiert hät­te. — Exis­tie­ren even­tu­ell unsicht­ba­re Vasen in Queens, Brook­lyn, Har­lem, der Bronx? — stop

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leuchtfeuer

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echo : 8.01 — Die Wie­der­ho­lung einer Nacht­zeit vor weni­gen Stun­den noch. Regen. Das Geräusch des Was­sers, ein Geräusch des Bodens, der Stäm­me, der Dächer, der Regen­rin­nen. Viel­leicht, weil in ihm Zeit ent­hal­ten ist, Trop­fen für Trop­fen zu einer regel­mä­ßi­gen Bewe­gung, höre ich die­ses Geräusch als ein beru­hi­gen­des Geräusch. Oder auch des­halb, weil ich das Wesen der Kie­men­men­schen in mir tra­ge, weil ich von Men­schen­woh­nun­gen erzäh­le, die unter Was­ser ste­hen. An die­sem küh­len Mor­gen ist etwas Wesent­li­ches fest­zu­hal­ten, ein ange­neh­mes Wort, das Wort Leucht­feu­er. Und dass ich von Kra­ni­chen träum­te, ja träum­te, selbst ein Kra­nich unter Kra­ni­chen zu sein. Wir flo­gen eine Küs­te ent­lang. Ich erin­ne­re mich, dass ich durs­tig gewe­sen war, weil viel Son­ne vom Him­mel brann­te. Die Kra­ni­che bemerk­ten bald, dass mich die Hit­ze quäl­te. Sie such­ten nach mei­nem Schna­bel, um mich mit Was­ser zu füt­tern. Aber ich hat­te kei­nen Schna­bel, son­dern einen mensch­li­chen Mund, wes­halb sie bald auf­ga­ben, mich füt­tern zu wol­len. Statt­des­sen näher­te sich einer nach dem ande­ren, um nach­zu­se­hen, welch selt­sa­mer Vogel mit ihnen nach Nor­den flog. — stop

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letzte stimme

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echo : 0.02 — Ich kann mich an die Stim­me mei­nes Vaters noch erin­nern, nicht allein an die Stim­me mei­nes Vaters vor Jah­ren, son­dern an die letz­te Stim­me mei­nes Vaters. Ich hör sie deut­lich. Ich fra­ge mich, ob sie ein­mal in mei­nem Kopf ver­lo­ren gehen könn­te, ver­schwin­den, weil ich sie von dort aus nicht auf­neh­men kann, nicht über­tra­gen auf einen Daten­trä­ger, wie sie spricht. Was ist zu tun? — stop

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schirmsamenwölkchen

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echo : 0.03 — Ich träu­me zur Zeit von Blu­men. Sie lie­gen in Ber­gen her­um, Blü­ten­ber­ge, sol­che Blu­men. Ges­tern, das habe ich nicht geträumt, war ich auf dem Fried­hof und habe das Grab mei­nes Vaters besucht. Ich hat­te einen Zoll­stock bei mir, um eine Vor­stel­lung aus der Luft zu holen, die Vor­stel­lung eines Wind­ra­des, das ich ein­mal für mei­nen Vater bau­en wer­de. Vie­le Men­schen waren auf dem Fried­hof unter­wegs, man­che tru­gen Gieß­kan­nen, ande­re Wind­lich­ter oder Blu­men in klei­nen Töp­fen, Horn­veil­chen, Rin­gel­blu­men, Ver­giss­mein­nicht. Es war ein ganz nor­ma­ler Tag gewe­sen. Ich glaub­te, beob­ach­ten zu kön­nen, dass man­che der Men­schen sich noch nicht ganz sicher fühl­ten in der neu­en Umge­bung ihres Lebens, ande­re begrüß­ten ein­an­der, wink­ten sich über die Rei­hen der Grä­ber hin zu. Eini­ge knie­ten, wühl­ten mit blo­ßen Hän­den in der dunk­len Erde. Eine Frau, sie war von zwer­gen­haf­tem Wuchs, über­quer­te eine Wie­se vol­ler Löwen­zahn. Unter ihren Füßen stie­gen Schirm­sa­men­wölk­chen auf. Sie ging so lang­sam, das heißt, mit der­art klei­nen Schrit­ten, dass sie sich zunächst kaum zu bewe­gen schien. Ihr Gesicht war dem Boden zuge­wandt, weil sich ihr Rücken, wohl unter der Wir­kung der Zeit, gekrümmt hat­te. Als sie das Grab erreich­te, das zu ihr gehör­te, war dort ein eben­so klei­ner, gebück­ter Baum zu erken­nen, ein Baum, der die Gestalt der alten Frau nach­zu­ah­men schien. — Ob viel­leicht Kak­teen exis­tie­ren, die im Nor­den, die auch im Win­ter blü­hen und gedei­hen? — stop

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nachtstimmen : julija tymoschenko chen guangcheng

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tan­go : 3.08 — Gegen 2 Uhr in der Nacht wer­de ich wach. Regen, schwer, schlägt gegen das Fens­ter im Dach. Ein Sturm, unmög­lich, der nicht ange­kün­digt war in den Nach­rich­ten­li­ni­en, die ich ver­fol­ge. Stim­men kom­men aus der Fern­seh­ma­schi­ne, berich­ten von der umstrit­te­nen Poli­ti­ke­rin Juli­ja Tymo­schen­ko, von der Will­kür, die in nächs­ter Nähe in einem euro­päi­schen Land herrscht. Und da ist die­ser muti­ge Mann zu Peking, er trägt den Namen Chen Guang­ch­eng. Wie lan­ge Zeit wer­den wir noch von ihm und sei­ner Fami­lie hören? stop. Die Namen­lo­sen? stop.  Die­ser Sturm heu­te Nacht, unmög­lich, ein Gewit­ter, küh­le Luft, sie scheint im Kreis zu fah­ren. Wie ich am Fens­ter ste­he und schaue, plötz­lich das Bedürf­nis, zum Fried­hof zu lau­fen und einen Regen­schirm über das Grab mei­nes Vaters zu hal­ten. – stop

ping

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koffer unsichtbar

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echo : 0.03 — Mein Vater war ein Lieb­ha­ber tech­ni­scher Mess­ge­rä­te. Er notier­te mit ihrer Hil­fe Dau­er und Kraft des Son­nen­lichts bei­spiels­wei­se, das auf den Bal­kon über sei­nem Gar­ten strahl­te. Die Tem­pe­ra­tu­ren der Luft wur­den eben­so regis­triert, wie die Men­ge des Regens, der in den war­men Mona­ten des Jah­res vom Him­mel fiel. Selbst die Bewe­gun­gen der Gold­fi­sche im nahen Teich wur­den ver­zeich­net, Erschüt­te­run­gen des Erd­bo­dens, Tem­pe­ra­tu­ren der Pro­zes­so­ren sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Es ist merk­wür­dig, bei­na­he täg­lich gehe ich zur­zeit auf die Suche, weil wie­der irgend­ei­ne die­ser Mess­ap­pa­ra­tu­ren einen piep­sen­den Ton von sich gibt, als ob mein Vater mit­tels sei­ner Maschi­nen noch zu mir spre­chen wür­de. Indes­sen habe ich seit zwei Tagen Kennt­nis von einer Foto­gra­fie, die mich neben mei­nem ster­ben­den Vater zeigt. Ich sit­ze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzu­se­hen wag­te. Ich habe tat­säch­lich eine Hand vor Augen gehal­ten und zwi­schen mei­nen Fin­gern her­vor gespäht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrach­te. Die Foto­gra­fie zeigt einen fried­li­chen Moment mei­nes Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lan­ge Zeit gefürch­tet habe. Wei­nen und Lachen fal­ten sich, wie Hän­de sich fal­ten. Mut­ter irrt zwi­schen Haus und Fried­hof hin und her, als wür­de sie irgend­ei­ne unsicht­ba­re Ware in gleich­falls unsicht­ba­ren Kof­fern tra­gen. — stop

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luftsterne

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echo : 0.02 — Im Rei­se­pass mei­nes Vaters befin­den sich seit weni­gen Stun­den gestanz­te Stern­for­men von Luft, durch die man hin­durch­se­hen kann. Din­ge wer­den leich­ter, Men­schen wer­den schwe­rer. Viel­leicht ist das so, dass ich in der Trau­er nicht allein Abschied neh­me von einem Men­schen, der gestor­ben ist, son­dern auch von sei­ner Welt, einer Welt, in der die­ser Mensch mit ande­ren Men­schen vie­le Jah­re leb­te. Ich muss mich selbst neu erfin­den. – stop

ping

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stift

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echo : 5.01 — Ich hat­te vor weni­gen Tagen einen ange­neh­men Traum. Wenn ich könn­te, wür­de ich die­sen Traum gern wie­der­ho­len. Des­halb habe ich den Traum in ein Notiz­buch notiert, und zwar mit der Hand, damit ich das Schrei­ben mit einem wirk­li­chen Blei­stift nicht ver­ler­ne. Es exis­tie­ren näm­lich Blei­stif­te in mei­ner Arbeits­at­mo­sphä­re, die sich auf Bild­schir­men befin­den, die nicht wirk­li­che Blei­stif­te sind, son­dern digi­ta­le Figu­ren, die man nie­mals spit­zen muss. Mit die­sen digi­ta­len Wesen kann in Notiz­bü­cher geschrie­ben wer­den, die gleich­wohl nicht wirk­lich sind. Auch die Schrift, die man erzeugt, ist nicht wirk­lich Schrift, son­dern Male­rei, ein gemal­tes e, ein gemal­tes m, ein gemal­tes z. Ich hat­te also einen Traum, der mir gefiel. Der Traum befin­det sich hand­schrift­lich nie­der­ge­legt in einem Notiz­buch, das unter mei­nem Kopf­kis­sen liegt. Mehr kann ich im Moment nicht tun, als vor dem Schlaf im Notiz­buch zu lesen und zu hof­fen, dass der Traum wie­der zu Besuch kom­men wird. — stop
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ein alter mann

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romeo : 0.32 — Ich erin­ne­re mich, vor einem Jahr, an einem Som­mer­abend, saß mein Vater auf einem Stuhl in sei­nem Gar­ten. Vor ihm stand ein klei­ner Tisch und auf die­sem Tisch eine Fla­sche Was­ser mit einem Dreh­ver­schluss. Ich glaub­te, dass mein Vater mich nicht bemerk­te. Er schien mit der Fla­sche zu spre­chen. Er beug­te sich vor, hielt die Fla­sche mit der einen Hand fest, wäh­rend er mit der ande­ren Hand an ihrem Ver­schluss dreh­te. Aber die Fla­sche war nicht leicht fest­zu­hal­ten gewe­sen, ver­mut­lich des­halb, weil sich die Feuch­te der Luft auf ihr nie­der­ge­schla­gen hat­te. Also lehn­te sich mein Vater wie­der auf sei­nem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich neh­me an, er wird ein­ge­schla­fen sein. Als er wie­der erwach­te, war ich noch immer da und auch die Fla­sche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beug­te sich vor, nahm die Fla­sche und dreh­te an ihrem Ver­schluss. Erneut schien er sich mit der Fla­sche zu unter­hal­ten, ohne aber die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den, weil die Fla­sche sich noch immer dage­gen wehr­te, geöff­net zu wer­den. Also lehn­te sich mein Vater erneut zurück, er schüt­tel­te den Kopf. In die­sem Moment schweb­te eine Libel­le über den Tisch. Sie betrach­te­te mei­nen Vater, setz­te sich auf den Ver­schluss der Fla­sche und fal­te­te ihre Flü­gel. Ein Moment der Stil­le, des Frie­dens. Ein paar Zika­den waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wie­der ein­ge­schla­fen, es wur­de dun­kel und die Libel­le ver­schwand. Als er erwach­te, saß ich vor ihm. Ich hat­te die Fla­sche für ihn geöff­net und ein Glas mit Was­ser gefüllt. Mein Vater erzähl­te, dass er sich gewun­dert habe, war­um er die Fla­sche nicht öff­nen konn­te, er habe sie doch selbst zuge­dreht. — stop



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