sierra : 0.02 — Vergangene Nacht ein feiner Traum. Pendelte unter riesiger Stadt in einem U‑Bahnzug. Kostbar geschmückte saßen zwischen zerlumpten Menschen. Ameisen prozessierten, kreisrunde Papiere in ihren Zangen, ein zerteiltes Buch durchs Abteil. Kinder spielten mit Pingpongbällen, federlose Täubchen fackelten über offenen Kohlefeuern. Und da waren Libellen von vornehmer Größe, bitter duftende, blauhäutige Tiere, sie schwebten mit der reisenden Luft. Nie wurde Dunkel im Zug, Jahre fuhren wir so dahin, ohne je einmal anzuhalten. Eine Lautsprecherstimme, scheppernd, pfeifend. Immer wieder derselbe Satz: It was a wrong number that started it. – stop. — Mein Handnotizcomputer, so leise, so leise, dass ich mich zu ihm neige, um seinen Wind wahrnehmen zu können. — stop
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Aus der Wörtersammlung: eis
jonglieren
romeo : 0.25 — Stand in einer Schlange wartender Menschen, machte Rechenübungen im Kopf. Nach fünf oder zehn Minuten konzentrierter Arbeit war ich dann so weit gekommen, einzusehen, dass jene Zahlengrößen, die ich jonglierte, mein Denkvermögen deutlich überforderten. Rechnete bald in meinem Notizbuch notierend, mit Bleistiftzahlen weiter voran: Erstens / Ein Papiertierchen, sobald es seine Arme streckt, misst 0,087 mm von Ost nach West. Zweitens / 2413 Papiertierchen säumen den Rand eines beschreibbaren lebenden Papiers an seiner schmalen Seite, 3218 Papiertierchen desselben Papiers an seiner längeren Seite. Drittens / 7765034 Papiertierchen sind Teile einer Struktur, der ich einen Namen zu geben habe. — Wunderbare, frühe Nacht. Ein großer Frieden in angenehmer Spannung. Alle sind sie jetzt da, sitzen an meinen Zimmerwänden und rühren sich nicht. — Guten Morgen!

standby
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : STANDBY
Mein lieber Jonathan, Mittwoch ist geworden, früher Morgen, höchste Zeit, eine Nachricht zu übermitteln, die Sie vielleicht traurig stimmen wird. Sie haben gehört, eine Insel nahe Grönland spricht seit Tagen mittels Feuer und Asche zur Welt. Vermutlich werden Sie sich fragen, warum ich Ihnen davon erzähle. Nun, der Himmel über Europa ist zu einem unsicheren Ort geworden, Staubsteine fliegen durch die Luft in großer Höhe, es ist denkbar, dass sich meine Reise zu Ihnen nach Amerika verzögern wird. Ich habe deshalb eine Bitte an Sie, lieber Mr. Kekkola, den dringenden Wunsch habe ich, dass Sie selbst, sollte ich im Mai, am 2. des Monats, nicht auf Coney Island erscheinen, für mich dort sitzen und den Horizont fotografieren werden, unsere Elefanten, Sie verstehen, Spuren unserer Elefanten! Ich wäre Ihnen so sehr herzlich dankbar, mein lieber Freund. Machen Sie sich um Gotteswillen unverzüglich auf den Weg! Bis bald, ich hoffe, bis bald! STANDBY. – Ihr Louis. Ahoi ps. Besitzen Sie eine Kamera?
gesendet am
21.04.2010
6.22 MESZ
1002 zeichen
animals
tango : 22.12 — Ich notiere so leise und behutsam wie möglich. Das erste noch winzige Blatt eines beschreibbaren Wesens ist in meiner Nähe gelandet. Spazierte, beobachtete den Himmel und als ich zurückkehrte, war dann alles bereits fertig gewesen. Noch leichte Unruhe auf meinem Schreibtisch, sobald ich mich vorsichtig nähere. Ein wundervolles Gefühl, die Blicke abertausender Augen, deren Licht ich nicht sehen, doch spüren kann. Und so sitze hier nun seit Stunden und überlege, welchen ersten Satz ich mit meinem Lichtstift in das lebende Blatt vor mir eintragen könnte. — stop

fliegende berge
india : 2.24 — Im Schlaf eine interessante Erfahrung der Zeit. Das war gestern, nachdem ich mir vorgenommen hatte, eine Zugfahrt nach Montauk zu träumen. Stattdessen, feine Sache, träumte ich, Stanisław Lem habe mir einen Brief geschrieben. Und weil ich die kleine Geschichte nun ganz genau erzählen möchte, muss ich an dieser Stelle notieren, dass Herr Lem im Nachtgeschehen keinen unmittelbaren Kontakt aufzunehmen vermochte, dass vielmehr ein geheimnisvolles Büro den ersten und einzigen Buchstaben einer Nachricht mit dem Hinweis übermittelte, ich müsse mich fortan gedulden, da die Zeit der jenseits Lebenden sehr viel langsamer vergehen würde, als die Zeit der diesseits lebenden Menschen. Mit einem weiteren Zeichen, einem zweiten Zeichen des Briefes, sei im Juni, und zwar doch im Juni des laufenden Jahres, zu rechnen. Ich wachte dann auf und war fröhlich und machte mich unverzüglich an die Beobachtung eines Nachrichtenschattens, den fliegende vulkanische Mikrogebirge derzeit über Europa erzeugen. – Abwarten. stop. Teetrinken. — stop
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feuerblume
marimba : 6.28 — Kurz nach Mitternacht. Hunderte gestrandeter Menschen liegen, Flughafenterminal 2, auf Feldbetten, schlafen unter grauen Decken, still, als seien sie ohne Träume, bewegungslos, verpuppt. Saß auf einer Bank in nächster Nähe, wartete, notierte: Die Augen der Papiertierchen befinden sich im Zentrum ihrer Körperscheibe, eines erhaben aufwärts, das andere erhaben abwärts gerichtet. Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand, so ist ihre Welt beschaffen. stop – Nie werden diese Augen sehen, was ich in vergangenen Stunden mit menschlichen Augen auf dem Bildschirm meines Computers beobachtete. Fotografien einer Feuerblume aus dem Eis, ihr tiefschwarzer Atem, das Blut der Erde, ursprünglichste Kraft. — Bleibt noch, mit den Winden zu sprechen.

lufträume
foxtrott : 0.08 — Arnold Schönberg, so Hanns Eisler im Exil, sei einer gewesen, der Klänge hörte, die nie zuvor ein Mensch wahrgenommen habe. — stop
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trommeln
papa : 22.58 — In dem Moment, da Sie diese Zeilen lesen, sehen Sie mich verwundert, staunend, ja, sagen wir’s ruhig, glücklich. Das ist so darum, ich habe gerade bemerkt, wie kleinste Dinge, Lebewesen, die eigentlich nicht sichtbar sind, sichtbar werden, sobald ich sie mit Gedanken berühre. Auch Geräusche, die so leise und zart, demzufolge klein sind, dass ein menschliches Ohr sie niemals vernehmen könnte, werden hörbar durch ein einzelnes Wort, das sie behauptet. Systolische Frequenzen, helles Trommeln, 250 Pulse, kein Wort existiert für jene Musik heimlicher Herzen, als die Summe der Pfade, die sich um Annäherung bemühen. Und ihre Augen, ihre Augen, jawohl, sie haben Augen, wo werden ihre Augen sein? — stop
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bleistiftschreibmaschine
sierra : 0.08 — Laure Wyss. Sie bemerkt um 22.38 MESZ, man würde ihre Gesellschaft vermutlich deshalb meiden, weil sie gerne ganze Bücher erzähle. Ihr feines, von der Zeit gewirktes Gesicht. Ja, fährt sie lachend fort, das Älterwerden, das ist ein Prozess, vielleicht der Schwierigste, weil es der letzte ist. Aber er hat auch sein Gutes. Es wird immer klarer, was wichtig ist im Leben. Es ist eine Art Vereinfachung. Es ist auch eine Zeit des Abschieds. Aber merkwürdigerweise bereichernd, nicht nur traurig. – Laure Wyss besaß drei Schreibmaschinen. Mit der weichsten dieser Maschinen, ihrer Bleistiftschreibmaschine, notierte sie Gedichte.
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herzgeschichte
olimambo : 0.02 — Das weiße Papier ist niemals leer. Diesen Satz habe ich gestern Nachmittag gegen 15 Uhr genau so notiert, wie er hier verzeichnet ist. Ich saß am kleinen See im Palmengarten und dachte an Herzen und solche Dinge, und als ich den Satz eine Stunde später noch einmal gelesen habe, konnte ich nicht sagen, warum ich den Satz eigentlich aufgeschrieben hatte. Das war ein merkwürdiger Moment gewesen, diese Sekunde, da ich bemerke, dass ich einen Satz, den ich selbst ausgedacht, nicht erkennen konnte. Trotzdem gefiel mir der Satz. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen wahren Satz handeln könnte, und dass ich nur abwarten müsse, bis sich sein feines Wesen zeigen wird. Und so lausche ich nun also. Irgendetwas brummt in meiner nächsten Nähe. Dämmerung. Und ich stelle mir vor, wie gut es doch wäre, wenn Menschen für eine gewisse Zeit ihre Herzen teilen könnten. Man meldet sich zum Beispiel in einem Hospital. Guten Abend, sagt man, guten Abend, wir haben heute Nacht etwas Zeit, mein Herz und ich. Und dann fährt man unverzüglich los, man fährt durch die Stadt und ihre Lichter und Düfte und legt sich sehr bald zu einem Menschen, dessen Herz schwach geworden ist, verbunden liegt man Stunden still.
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