Aus der Wörtersammlung: eis

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5th avenue

2

romeo : 18.52 — Im Traum ver­gan­ge­ne Nacht mit Geral­di­ne im Cen­tral Park spa­ziert. Ich erin­ne­re mich, es schnei­te. Ein Regen­schirm­tier­chen schweb­te frös­telnd über uns, und ich wun­der­te mich, dass Geral­di­ne das Wesen, das sich lang­sam um die eige­ne Ach­se dreh­te, nicht zu bemer­ken schien. Das lag viel­leicht dar­an, dass sie in einer pau­sen­lo­sen Art und Wei­se erzähl­te, als ob sie ahn­te, dass wir jeder­zeit erwa­chen und dann nie wie­der zuein­an­der­fin­den könn­ten. Im Übri­gen beweg­te sie sich rück­wärts hüp­fend vor mir her, war som­mer­lich geklei­det, froh und glück­lich. Ich glau­be, ich habe in die­sem Traum zum ers­ten Mal Geraldine’s Stim­me gehört und ihr Lachen. Sie berich­te­te, dass sie in der Nähe des Hau­ses, in dem sie vor ihrer Rei­se nach Euro­pa gemein­sam mit ihren Eltern und ihrer Zwil­lings­schwes­ter wohn­te, Audrey Hepb­urn bei der Arbeit an dem Film Break­fast at Tiffany’s beob­ach­ten konn­te, und dass sie die­se Schau­spie­le­rin sehr bewun­dern wür­de, aber doch viel lie­ber For­sche­rin sein wol­le. Kurz dar­auf weck­te mich eine Feu­er­wehr­si­re­ne und ich war erleich­tert, dass mir im Traum Geraldine’s Schick­sal nicht bekannt gewe­sen war. – Heu­te ist also Sonn­tag, und es schneit schon wie­der. Vor weni­gen Minu­ten habe ich etwas ent­deckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in mei­nem Leben das pres­sen­de Den­ken immer sel­te­ner, das lau­schen­de Den­ken hin­ge­gen immer häu­fi­ger zur Anwen­dung kommt. Guten Abend, gute Nacht! — stop

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parachute jump

14

zulu

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : PARACHUTE JUMP

Jona­than, bes­ter Freund, wie es Ihnen wohl gehen mag? Haben Sie Weih­nach­ten unter Tan­nen in einem Zelt ver­bracht? Haben Sie viel­leicht ver­geb­lich ver­sucht, mich zu errei­chen? War ver­reist für ein paar Tage, hat­te eine gute Zeit. Rei­sen, das ist wie träu­men, ver­ste­hen Sie! Als ich eines Mor­gens, noch schlaf­trun­ken, in mei­ne Woh­nung zurück­kehr­te, blüh­ten vor den Fens­tern Kak­teen. Sie duf­te­ten, wie nur Kak­teen duf­ten, süß und kräf­tig, und ich wun­der­te mich, wie das gekom­men sein mag, alle zur sel­ben Zeit, alle im Win­ter. Eine Nach­richt war da noch auf Band gespro­chen. Mrs. Mon­terey erzählt, sie habe in ihrem Hotel im Bear Sta­te Park, einem Wan­de­rer ein Zim­mer ver­mie­tet, einem Mann, groß und schweig­sam. Die­ser Mann soll Ihnen, lie­ber Kek­ko­la, der­art ähn­lich gewe­sen sein, dass Sie’s höchst­per­sön­lich gewe­sen sein müs­sen. Das will ich nun glau­ben, wün­schen, hof­fen Kraft mei­ner Kin­der­see­le. Kein Wort habe der Mann gespro­chen, statt­des­sen selt­sa­me Zei­chen in die Luft geschrie­ben. Ich ken­ne die­se Zei­chen! Die Spra­che der Tau­cher! Und wenn ich das in die­ser Wei­se schrei­be, wer­ter Jona­than, wer­den Sie schon ein­se­hen, dass es sinn­los ist, so zu tun, als sei­en Sie nicht mehr am Leben. Bald wirds meter­hoch schnei­en und wir wer­den alle unter­ge­hen. Erwar­te Sie am Strand von Coney Island, Höhe Parach­u­te Jump / 2. Mai 3 pm. – Ihr Lou­is, Ihr Schneemann.

gesen­det am
6.01.2010
22.50 MEZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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nachtstraße

2

marim­ba : 2.24 — Ein Eich­hörn­chen quer­te hüp­fend die feuch­te Stra­ße. Genau die­ses Eich­hörn­chen, eine Fan­ta­sie, hat­te ich in der ver­gan­ge­nen Nacht schon ein­mal gese­hen, die Stra­ße war tief ver­schneit gewe­sen. Jetzt hielt das klei­ne Tier mit­ten auf der Stra­ße inne und sah sich um. In die­sem Moment begeg­ne­ten sich unse­re Bli­cke: Ja, etwas ist anders gewor­den! stop. Noch zu tun. stop. Das gehei­me Augen­wis­sen der Com­pu­ter­ma­schi­nen bespre­chen. — stop
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dezember

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echo : 20.55 — Im ver­gan­ge­nen Jahr noch, Mit­te Dezem­ber, wur­de mir von einem jun­gen Mos­lem, dem ich gewo­gen bin, weil wir über sei­nen und über mei­nen Glau­ben spre­chen kön­nen, ohne belei­di­gend oder abwer­tend sein zu müs­sen, ein Geschenk über­reicht, ein klei­nes Buch, ver­bun­den mit der drin­gen­den Emp­feh­lung zur Lek­tü­re. Das Büch­lein soll viel Licht ent­hal­ten, Weis­heit, Wahr­heit, Frei­heit und auch Glück, weil es mir, so der Schen­ken­de, bewei­sen wer­de, dass ich, der Autor die­ser Zei­len, nicht von den Affen abstam­men kön­ne. Das Werk ist 18 cm hoch, 12 cm breit und 68 Sei­ten stark. Seit Wochen, eine Dro­hung, liegt es unge­öff­net auf mei­nem Schreib­tisch. Und auch heu­te Nacht wird das nichts wer­den mit der Lek­tü­re, weil ich Schnee­flo­cken zäh­len, John Col­tra­ne lau­schen und über Geschich­ten nach­den­ken wer­de, die mir eine jun­ge India­ne­rin erzähl­te, deren Schwes­ter seit lan­ger Zeit in den Wäl­dern Gua­te­ma­las ver­schwun­den ist. Wie ihr das Wort Gue­ril­la leicht von der Zun­ge fliegt, viel­leicht weil das Wort schon immer zu ihrem Leben gehört. – Am 24. Dezem­ber 2009 in Peking wur­de der Schrift­stel­ler Liu Xia­o­bo zu 11 Jah­ren Haft ver­ur­teilt, da er die Gewähr­leis­tung der Men­schen­rech­te in Chi­na ein­ge­for­dert hat­te. — stop

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update

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romeo : 0.05 — Vor weni­gen Minu­ten hat­te ich das Licht über mei­nem Schreib­tisch aus­ge­schal­tet und etwas Lebens­zeit in Dun­kel­heit ver­bracht. Ich will Ihnen rasch erzäh­len, war­um ich so gehan­delt habe. Ich war näm­lich spa­zie­ren gewe­sen stadt­wärts unter Men­schen in Waren­häu­sern und auf einem Weih­nachts­markt, weil ich nach­se­hen woll­te, ob sich in die­ser Welt, die wir bewoh­nen, etwas geän­dert haben könn­te, da doch vor weni­gen Stun­den durch Unter­las­sung ent­schie­den wor­den ist, dass Ban­gla­desch, dass das Gan­ges­del­ta in den Golf von Ben­ga­len sin­ken wird. Ich dach­te, das eine oder das ande­re soll­te doch spür­bar, sicht­bar, fühl­bar wer­den, ein wenig Unru­he, ein lei­ses Klap­pern der Zäh­ne viel­leicht. Aber nein, alles Bes­tens, alles im Lot. Und als ich wie­der an mei­nem Schreib­tisch saß, war da plötz­lich ein star­ker Ein­druck von Unwirk­lich­keit, das alles und ich selbst könn­te rei­ne Erfin­dung sein. Ich lösch­te das Licht über dem Schreib­tisch und war­te­te. Und wäh­rend ich so war­te­te, lausch­te ich den Stim­men der Tief­see­ele­fan­ten, einem Orches­ter zar­tes­ter Rüs­sel­blu­men, wie sie auf hoher See den Him­mel lock­ten. Und als ich das Licht wie­der ein­ge­schal­tet hat­te, saß ich dann noch immer vor dem Schreib­tisch, die Hän­de gefal­tet. — Schnee fällt. stop. Lang­sam. stop. Lei­se. stop. – Fro­he Weih­nach­ten und ein gutes, ein nach­denk­li­ches, ein glück­li­ches Jahr 2010! — stop

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eisbuch

9

hima­la­ya : 0.02 — Beson­de­rer Abend, Frost­nacht erwar­tet. Seit zwei Stun­den schwebt der Zei­ger mei­nes Außen­luft­ther­mo­me­ters dicht über der Null­li­nie. Ste­he am Fens­ter und freu mich dar­auf, dass ich das ers­te Eis­buch mei­nes Lebens, das seit Mona­ten im Kühl­schrank auf Pan­ga­si­us­fi­lets gebet­tet liegt, nun end­lich her­vor­ho­len kann. Wer­de dann bald in den klei­nen Park um die Ecke spa­zie­ren und mich auf eine eisi­ge Bank setz­ten, das Buch behut­sam ent­blät­tern und lesen im Licht einer Taschen­lam­pe von nor­di­schen Strän­den, von Instru­men­ten­bau­ern und Musi­kern, die in Zel­ten woh­nen. — Wie mutig wäre ich im Wider­stand gegen den geheim­dienst­li­chen Zugriff einer Dik­ta­tur auf mei­ne Per­son? — stop
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teheran

9

echo : 0.02 — Acht Men­schen wur­den in Tehe­ran, weil sie um Frei­heit demons­trier­ten, zum Tode ver­ur­teilt, Hun­der­te wei­te­re Men­schen wer­den vie­le Jah­re in Gefäng­nis­sen exis­tie­ren. Und doch set­zen sich Auf­be­geh­ren und Wider­stand fort. Mei­ne per­si­schen Freun­de. Wie sie jede Nach­richt aus ihrer Hei­mat sorg­sam in Gesprä­chen wie­gen, wie sie hof­fen, wie sie zwi­schen Begeis­te­rung, Zorn und Sor­ge oszil­lie­ren. — Die Ein­sam­keit der Trau­ern­den, die Ein­sam­keit der War­ten­den, indem sie um das Leben eines Ver­schwun­de­nen ban­gen. – Vier Uhr zwölf in Nay­py­idaw, Bur­ma. — stop
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ein kleiner engel

9

ulys­ses : 0.03 – Es ist Sonn­tag, aber noch nicht lan­ge. Genau­ge­nom­men ist Sams­tag, aber auch nicht rich­tig Sams­tag, weil ich die­sen Text am Frei­tag, am Abend näm­lich, geschrie­ben, ihn am Sams­tag­mor­gen in mei­ne Word­Press­ma­schi­ne gefüllt und sofort Anwei­sung gege­ben habe, ihn am Sonn­tag kurz nach Mit­ter­nacht sicht­bar wer­den zu las­sen. Es ist also ein merk­wür­di­ger Sonn­tag, ein Sonn­tag der Abwe­sen­heit und der Anwe­sen­heit zur glei­chen Zeit, ein gro­ßes Ver­gnü­gen. Aber eigent­lich woll­te ich rasch eine klei­ne Geschich­te erzäh­len. Ich habe, ganz unglaub­lich, vor einer Stun­de einen klei­nen Engel, den ich seit Tagen ver­miss­te, wie­der­ge­fun­den. Ich stand bei leich­tem Regen mit mei­ner Kame­ra vor einem Karus­sell, weil ich ver­spro­chen hat­te, einen Film vom wär­men­den Dreh­licht auf­zu­neh­men. Plötz­lich saß der klei­ne Engel, wir ken­nen uns schon lan­ge, auf mei­ner Schul­ter, leicht wie eine Mozart­ku­gel. Er woll­te wis­sen, ob er denn auf dem Film, den ich gera­de auf­ge­nom­men hat­te, zu sehen sein wer­de, und ich frag­te natür­lich unver­züg­lich zurück, was er über­haupt hier tun wür­de und ob er sich nicht den­ken kön­ne, dass ich mir Sor­gen gemacht habe wäh­rend der ver­gan­ge­nen Tage. Aber mit Engeln ist das so eine Sache, sie genü­gen sich selbst, machen, was sie wol­len. Sie flie­gen, nur so zum Bei­spiel, mit oder neben einem Karus­sell durch die Luft, weil sie die wei­ten, die gefähr­li­chen Rei­se­rou­ten üben, atlan­ti­sche Stre­cken, sagen wir, vie­le Tage über Was­ser dahin in der Geschwin­dig­keit der Bie­nen. Ich weiß nun, ich ahne, auch dann, wenn sie schla­fen, segeln sie immer­zu wei­ter. – Guten Abend. Guten Mor­gen. Gute Nacht.

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zarte lügen

14

alpha

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : ZARTE LÜGEN

Mein lie­ber Jona­than, ges­tern, stel­len Sie sich vor, habe ich von Ihrem Mut erzählt, von Ihrer Begeis­te­rung, unse­re Welt, die Welt der Luft­men­schen zu erkun­den, eine Welt, die Sie so vie­le Jah­re in einer Was­ser­woh­nung lebend, nicht berüh­ren konn­ten. Man frag­te mich, wo genau Sie sich gera­de auf­hal­ten mögen und da muss­te ich zuge­ben, dass ich das nicht wüss­te. Auch woll­te man hören, wie Ihre fri­schen, jun­gen Lun­gen sich ver­hal­ten, wo genau an Ihrem Kör­per sie ange­bracht wor­den sind und wie sie funk­tio­nie­ren. Natür­lich habe ich kei­ne Aus­kunft erteilt, will Sie zunächst ersu­chen, mir zu sagen, ob ich berich­ten darf, weil ihr Atem­ver­mö­gen doch eine beson­de­re und des­halb auch pri­va­te Ange­le­gen­heit sein könn­te. Viel­leicht sind Sie so freund­lich, bei Gele­gen­heit sich mir in die­ser Sache zu erklä­ren. Ihren Eltern im Übri­gen geht es gut. Natür­lich machen sie sich erns­te Gedan­ken, weil Sie, mein lie­ber Kek­ko­la, nichts von sich hören las­sen. Ihre Mut­ter blass wie Krei­de, und Ihr Vater, ihr Vater um vie­le Jah­re älter gewor­den. Bald wer­de ich mei­nem Wunsch nach­ge­ben und Brie­fe erfin­den, zar­te Lügen, beru­hi­gen­de Nach­rich­ten aus den Wäl­dern, man will stolz sein, man will wis­sen, was sie so tun auf Ihrem Weg dem Süden zu und ob sie noch unter den Leben­den wei­len. Bleibt mir zu sagen, dass ihre Eltern wie­der Nah­rung zu sich neh­men. Ich ver­mu­te, sie glau­ben mir in die­sen Tagen end­lich, dass ihre Woh­nung nach Jahr­zehn­ten undicht gewor­den sein könn­te. Wir machen Fort­schrit­te. – Ihr Lou­is, ers­ten Schnee erwartend.

gesen­det am
02.12.2009
22.32 MEZ
1605 zeichen

lou­is to jonathan
noe kekkola »


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franny and zooey

9

fox­trott : 10.00 — Flug­zeug über Atlan­tik quer. 7 Stun­den 25 Minu­ten. Bewe­gung auf dem Bild­schirm wie Däm­me­rung, wie Eis­schmel­ze, wie Gras­wach­sen. Luft von Zimt, Mund­voll Leb­ku­chen. So lie­gen, ein Auge ruhend auf Pixel­meer, das ande­re auf Salin­gers Fran­ny. Wis­pern­de Stim­men der Man­hat­ten­of­fi­zers, lei­se Auf­nah­me, einen Tag fest­hal­ten, eine Nacht. Das Was­ser des Grön­land­ei­ses, noch lang­sa­mer als das Älter­wer­den und so sicher, so aus­ge­macht, wie es im Süden nach den Häu­sern der armen Küs­ten­men­schen greift. Man hört das nicht, man denkt das nicht. Es ist längst schon ein­ge­ar­bei­tet, viel­leicht, in jede Erwar­tung. Luft von Zimt, Mund­voll Leb­ku­chen. Ein Auge ruhend auf dem Meer, das ande­re auf Fran­ny. Col­tra­ne, John: A love supre­me. Zeit ver­geht. — stop

ba185



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