Aus der Wörtersammlung: eis

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subway

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sier­ra : 22.01 — Immer wie­der der Ein­druck, Men­schen wür­den mit­tels rascheln­der Zei­tun­gen in U‑Bahnwagons mit­ein­an­der spre­chen. Eine Wei­le ist Ruhe, aber dann blät­tert jemand eine Sei­te um, und schon knis­tert der Zug in einer Wei­se fort, dass man mei­nen möch­te, die Papie­re selbst wären am Leben und wür­den die Lesen­den bewe­gen. Ein­mal habe ich mir Zei­tungs­pa­pie­re von beson­de­rer Sub­stanz vor­ge­stellt, Papie­re von Sei­de zum Bei­spiel, geschmei­di­ge Wesen, sodass kei­ner­lei Geräusch von ihnen aus­ge­hen wür­de, sobald man sie berühr­te. Eigen­tüm­li­che Stil­le ver­brei­te­te sich sofort, Lee­re, ein Sog, eine Wahr­neh­mung gegen jede Erfah­rung. — stop. / Dezem­ber­kof­fer 2007

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juli 14

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romeo : 22.38 — Stun­de um Stun­de auf Fähr­schif­fen zwi­schen Sta­ten Island und der süd­li­chen Spit­ze Man­hat­tans hin und her. Ein schau­keln­der Ort. Ein Ort, der im Moment mei­ner ers­ten Begeg­nung schon ver­traut gewe­sen war, als ob ich vor lan­ger Zeit gebo­ren wur­de auf einer der brum­men­den Bän­ke, ein frü­her Blick, Schat­ten rie­si­ger Möwen hin­ter Schei­ben, auf wel­chen Salz­kris­tal­le fun­kel­ten, der Klang der Nebel­hör­ner, und wie­der oder immer noch seit­her die­ser rote Ball, den die Bewe­gung des Mee­res über das unte­re Deck der Fäh­re spielt. Heiß und sti­ckig, der Tag mei­ner Notiz, auch über der Upper Bay ruh­te bewe­gungs­los die Luft, bereit zu sin­ken. Lun­ger­te mit Rei­se­schreib­ma­schi­ne auf den Knien hechelnd, Luv­sei­te, her­um und war­te­te. — stop

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vögel

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char­lie : 2.08 — Plötz­lich war er da, wie aus dem Nichts, der Jun­ge heut Nacht woher zurück­ge­kom­men. Knie­te auf einem Stuhl vor dem Bett, auf dem sei­ne Mut­ter ruh­te. Ein Arzt hat­te zu ihm gespro­chen, erklärt, wes­halb die Mut­ter so lan­ge Zei­ten schla­fen müs­se, die­sen merk­wür­di­gen Schlaf, Mona­te, Mona­te, Mona­te. Und dass die Mut­ter nicht ant­wor­ten, aber hören kön­ne, wenn man zu ihr spre­chen wür­de. Also erzähl­te der Jun­ge sei­ner Mut­ter von der Schu­le, vom Schnee, vom Ball­spiel, von damp­fen­den Loko­mo­ti­ven sei­ner Modell­ei­sen­bahn. Manch­mal flüs­ter­te er, beug­te sich hin zum schla­fen­den Ohr, erzähl­te von gehei­men Din­gen. Und von den Vögeln berich­te­te der klei­ne Mann, von Vögeln, die sehr nah gleich hin­ter dem Fens­ter an der Brüs­tung des Bal­kons ihre Schnä­bel wetz­ten. Vögel waren das, beson­de­re Vögel, sie hal­fen, wei­ter­zu­er­zäh­len, wenn ihm nichts ein­fal­len woll­te. Ein­mal hör­te ich, wie er einen Vogel erfand, ein Wesen, das allein durch Wör­ter für Sekun­den exis­tier­te, einen Vogel der Poe­sie. Sei­ne glo­cken­hel­le, auf­ge­reg­te Stim­me, sein erhitz­tes Gesicht, sei­ne müden Augen, sei­ne Hän­de, die die Luft beschrie­ben. — stop
ping

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spieldose

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tan­go : 0.03 — Vor Jah­ren, zur Som­mer­zeit, an der Sei­te einer schwer­mü­ti­gen Frau durch trop­fen­den Wald nahe einem Kran­ken­haus. Es hat­te gereg­net, eine Sint­flut, das Kleid der Frau, von dem sie erzähl­te, dass es sich um ein bren­nen­des Kleid han­de­le, kleb­te an ihrem Kör­per fest. Schmal war sie gewor­den, zer­brech­lich, fast durch­sich­tig, die Haut ihrer Hän­de, ihrer Wan­gen, ihres Hal­ses. Ich erin­ne­re mich, dass ich ihr Libel­len zeig­te, sie jag­ten dicht über den damp­fen­den Boden hin, Wald­erd­bee­ren, einen Frosch. Ich frag­te nach ihren Gedan­ken, aber ich konn­te sie nicht errei­chen, auch mit mei­nen Bli­cken nicht, weil sie mich nicht anse­hen woll­te, son­dern vor sich hin starr­te, indem sie vor­sich­tig ihre Schrit­te setz­te, als wür­de der Boden unter ihren Füßen nicht wirk­lich exis­tie­ren. Ihr fei­nes Gesicht, ihre hel­len Augen, hell von Schmerz und Furcht. Wie sie nach einer lan­gen Zeit des Schwei­gens sag­te, nie­mand kön­ne ver­ste­hen, wie sie sich füh­le, kein Mensch, das sei schreck­lich, und das Atmen, die Angst, die Lee­re, der Ein­druck zu fal­len, und dass sie nicht wüss­te, wann das alles wie­der­kommt, wenn es doch ein­mal auf­ge­hört haben soll­te, und war­um. In einer ihrer Hän­de barg sie eine Spiel­do­se. Manch­mal hielt sie die klei­ne Maschi­ne vor ihr Gesicht und dreh­te an einer Kur­bel. Sie neig­te dann den Kopf zur Sei­te, und für einen Moment schien der Schmerz nach­zu­las­sen, eine Ahnung im Som­mer­re­gen, eine Erfah­rung größ­ter Fer­ne und Hilf­lo­sig­keit inmit­ten zir­pen­den, pfei­fen­den, rau­schen­den Lebens. Ges­tern in einer beson­de­ren Wei­se von dem erschüt­tern­den, hoff­nungs­fro­hen Film Helen in die Tie­fe erzählt. — Top five der schlech­tes­ten, gut gemein­ten Rat­schlä­ge von Leu­ten, die über­haupt kei­ne Ahnung haben: Fahr in die Feri­en, lies ein Buch, lass Dir die Haa­re schnei­den, reno­vier Dei­ne Woh­nung, ler­ne Joga. — stop

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schlafbild

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bamako : 22.15 — Inwie­fern wür­de sich die Welt der Bil­der ver­wan­deln, wenn wir über die Mög­lich­keit ver­füg­ten, unse­re Schlaf­träu­me zu foto­gra­fie­ren? Ich mei­ne so zum Bei­spiel, wäh­rend eines nächt­li­chen Spa­zier­gan­ges über einer Hoch­ebe­ne flam­men­der Ahorn­bäu­me die Anwei­sung zu geben: stop.aufnahme.jetzt. Schon am nächs­ten Mor­gen dann auf dem Küchen­tisch neben Kaf­fee­tas­se, Melo­nen­schei­be, Mor­gen­zei­tung, jener Stoß im Traum gebann­ter Momen­te, glü­hen­de Bal­da­chi­ne, sagen wir, über schnee­wei­ßen Wol­ken, Ele­fan­ten der Tief­see, feder­leicht im Spiel vor Neu­fund­land, Louisiana’s schil­lern­de Küs­te. Wie man sich neu­er­dings zur Ruhe legt, lan­ge vor der übli­chen Zeit, im Sam­mel­fie­ber blit­zen­de Augen. Wo und womit wäre nun in der Ver­wirk­li­chung der Idee des Traum­bild­ap­pa­ra­tes anzu­fan­gen? — stop
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stille

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ping

kili­man­dscha­ro : 1.58 — Flie­gen am Abend trau­rigs­ter Nach­richt, Zau­si­ge, die mit dem Was­ser spre­chen. Regen, sanf­ter Regen. Dei­ne fröh­li­che Stim­me. Wir Men­schen sind für letz­te Din­ge nicht gemacht. Dank­bar lausch ich wei­ter Ele­fan­ten­oh­ren­win­den nach. - für g.

ping

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animals

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india : 10.02 – Ein leben­des Blatt Papier, nach wie vor hei­ter, wel­ches aus Mil­lio­nen mobi­ler Ein­hei­ten oder Per­sön­lich­kei­ten bestehen wür­de, könn­te immer dann als eine Rechen­ma­schi­ne betrach­tet wer­den, wenn jedes der zu dem Blatt gehö­ren­den Indi­vi­du­en für sich imstan­de wäre, zwei oder wei­te­re Zustän­de, zum Bei­spiel hell oder nicht hell, anzu­neh­men und den Sta­tus die­ser Selbst­ver­fas­sung mit­tels einer Spra­che an benach­bar­te Indi­vi­du­en wei­ter­zu­ge­ben. Ja, das ist denk­bar, eine Rechen­ma­schi­ne, die sich vor­sätz­li­cher Wei­se in Luft auf­lö­sen und wie­der aus der Luft her­aus ver­ei­nen könn­te. — stop
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singende rosen

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hima­la­ya

~ : lou­is
to : Mr. jona­than noe kek­ko­la
sub­ject : SINGENDE ROSEN

Mein lie­ber, lie­ber Jona­than Kek­ko­la, wie ich mich freue über Ihre spä­te Nach­richt! Stolz bin ich und voll Bewun­de­rung, indem ich sehe, wie weit Sie gekom­men sind. Ich habe ges­tern Ihre Eltern besucht, und wir stu­dier­ten gemein­sam eine Kar­te Ihrer gro­ßen Wan­de­rung dem ame­ri­ka­ni­schen Süden zu. Das Was­ser war kühl, ihre Mut­ter schien zu frös­teln, und Ihr Vater schweb­te auf dem Kopf, sodass mir etwas schwin­de­lig wur­de, weil ich oben und unten für Momen­te nicht unter­schei­den konn­te. Ich hat­te auf Sie gewar­tet, mein Lie­ber, saß mit einer Melo­ne im Sand und schau­te aufs Meer hin­aus. Ein­mal glaub­te ich, Sie gese­hen zu haben. Ein Mann wink­te mir zu, er stand bis zum Hals im Was­ser, plötz­lich war er ver­schwun­den. Nun, am Ende die­ses merk­wür­di­gen Tages, will ich Ihre Fra­ge beant­wor­ten. Ja, sie sind gekom­men, unse­re Geschöp­fe, Ele­fan­ten, sie sind gekom­men, so wie wir sie vor­aus­ge­se­hen haben. Ein glück­li­cher Moment vol­ler Demut. Ich konn­te sie hören, ihr lei­ses Gespräch, Trom­pe­ten­mu­sik, den Gesang der Rosen, der von der wan­dern­den Luft in Wel­len an Land getra­gen wur­de. Als in der Däm­me­rung der Wind auf­frisch­te, fuhr ich zurück in die Stadt, eine stun­den­lan­ge Rei­se unter Stra­ßen bis rauf nach Wood­lawn und wie­der zurück. — Alles Gute, alles Lie­be! Ihr Lou­is. Ahoi!

gesen­det am
12.05.2010
22.24 MESZ
1716 zeichen

lou­is to jona­than
noe kekkola »

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MELDUNGEN : LOUIS TO MR. JONATHAN NOE KEKKOLA / ENDE

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iris

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tan­go : 0.05 — 1500 Mei­len Wol­ken­tüll über atlan­ti­schem Oze­an. Fünf wei­te­re Stun­den, bald hell­blau der Him­mel, das Was­ser, man könn­te die Welt dort oben auf den Kopf stel­len und wür­de es mit den Augen nicht bemer­ken. Höhe 11887 Meter. Wel­len, leich­tes­te Wel­len, — 55° Cel­si­us, Eis wis­pert in der Pau­ken­höh­le. Rep­ti­li­en von Dunst recken geschärf­te Rücken aus der Tie­fe. Dann wie­der sanf­te Gebil­de, Wol­ken­la­mel­len vom Meer an den Him­mel geat­met. Von dort aus fällt man zu Boden, öff­net Iris der Behör­de, fährt im luft­fe­dern­den Taxi­schiff über alte Brü­cke, Nacht, sand­mü­de Augen spa­zie­ren unter dem Regen­schirm. Der ers­te Blick ins irre Licht. — stop

ny62



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