Aus der Wörtersammlung: eis

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nachtvogel

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nord­pol

~ : lou­is
to : dai­sy und vio­let hil­ton
sub­ject : NACHTVOGEL

Eine merk­wür­di­ge Novem­ber­nacht neigt sich dem Ende zu. Ich habe, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, in den ver­gan­ge­nen Stun­den mehr­fach den Ver­such unter­nom­men, einen Vogel von blau­em Gefie­der, der ein paar Run­den durch mei­ne Woh­nung geflo­gen war, auf­zu­fan­gen, das heißt, mei­ne Hän­de in einer Wei­se dar­zu­bie­ten, dass der Vogel auf ihnen lan­den konn­te, ohne auf den Boden zu fal­len. Ich dürf­te eine kurio­se Erschei­nung gewe­sen sein, wie ich mich ver­renk­te, wie ich dem Vogel folg­te, wie ich Geräu­sche mach­te, als könn­te ich in der Spra­che der Vögel spre­chen. Und jetzt ist es bald fünf Uhr und der Vogel ist immer noch hier. Er flat­tert her­um, ein aus­dau­ern­des Geschöpf von der Grö­ße eines Ten­nis­bal­les, oran­ge­far­be­ne Augen, gel­ber Schna­bel, ein sehr beson­de­res Wesen, weil es sich um einen Vogel ohne Füße han­delt. Sicher wer­det Ihr Euch fra­gen, wie es mög­lich sein kann, dass der Vogel ohne sei­ne Füße über­le­ben konn­te, dass er nicht längst in irgend­ei­ner Ecke zer­schell­te, und über­haupt, wie es dazu gekom­men war, dass der Vogel sei­ne Füße ver­lor. Das alles liegt noch völ­lig im Dunk­len. Ich habe kei­ne Ahnung, nicht die gerings­te Vor­stel­lung, sodass ich nun war­ten muss, solan­ge war­ten, bis mir etwas ein­fällt, das noch fehlt, um voll­stän­dig wer­den zu kön­nen. Wie geht es Euch über­haupt? Denkt Ihr noch an die Fra­ge, die ich Euch unlängst stell­te? Ich woll­te wis­sen, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mit­ein­an­der ver­wach­sen seid? – Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht einen guten Tag!

gesen­det am
11.11.2010
5.05 MESZ
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lou­is to dai­sy and violet »

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take the “A” train — protokollfaden

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tan­go : 0.18 — Vor weni­gen Minu­ten ist etwas Erstaun­li­ches pas­siert. Ich habe das fei­ne Jazz­stück Take the “A” Train in der Inter­pre­ta­ti­on Dave Bru­becks und sei­nes Orches­ters gehört, und zwar in einem Zim­mer hier in Mit­tel­eu­ro­pa bei bes­ter Ton­qua­li­tät. Das sehr Beson­de­re an die­sem Ereig­nis ist gewe­sen, dass die Musik Dave Bru­becks zunächst in einem Städt­chen nahe der Stadt New York auf­ge­legt wor­den war, näm­lich in den Stu­di­os eines Jazz­sen­ders von mei­ner Zeit nur um Sekun­den­bruch­tei­le ent­fernt, sodass ich gern behaup­ten wür­de, dass zu der­sel­ben Zeit, da ich sie­ben­tau­send Kilo­me­ter weit ent­fernt west­wärts die ers­ten Geräu­sche des Orches­ters ver­neh­men konn­te, Dave Bru­beck im Stu­dio von einer digi­ta­len Ton­kon­ser­ve her zu spie­len begann. Unver­züg­lich saus­te das Stück in klei­ne Pake­te zer­legt und auf einen Pro­to­koll­fa­den gereiht im Daten­tun­nel unter dem Atlan­tik hin­durch zu mir hin, jedes ein­zel­ne Paket nur für mei­ne Com­pu­ter­ma­schi­ne und mich bestimmt, wo es rasend schnell zusam­men­ge­setzt und somit hör­bar wur­de. Das Wun­der der Musik. Das Wun­der ihrer Rei­se. Das Wun­der mei­ner Ohren, dass sie exis­tie­ren. — Kurz nach Mit­ter­nacht. Stür­mi­scher Wind pfeift ums Haus. — stop
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safran

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echo : 2.26 — Das unent­weg­te Spre­chen mensch­li­cher Stim­men, nicht Werk­zeug der Ver­stän­di­gung, son­dern Radar zur Fort­be­we­gung in unbe­kann­tem Gebiet. So auch die Spur digi­ta­len Schrei­bens in ver­netz­ten Räu­men. Ich, Subseven88, habe mich dar­ge­legt, also bin ich. — Vor weni­gen Stun­den mel­de­te eine Ser­ver­ma­schi­ne, die zu mir gehört, als wär sie ein Teil mei­ner selbst: Modul Data Log­ger nicht bereit. Ursa­che unbe­kannt. Tele­fo­nier­te mit Men­schen mit Her­zen, die vie­le Flug­stun­den ent­fernt ihre Arbeit ver­rich­ten. Dort ist nun frü­her Abend, hier bei mir hohe Nacht. Leich­ter Regen. Auf dem Bild­schirm bewe­gen sich Zei­chen in der Geschwin­dig­keit mensch­li­cher Hän­de. Man beschäf­tigt sich mit der Lösung mei­nes Pro­blems. Blin­ken­de Geis­ter, flink vor und zurück, vor und zurück, tas­ten­de Erschei­nun­gen, zart wie die wei­sen Hän­de der Safran­fä­den­zu­pfer. — stop
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nabous zunge

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echo : 5.12 — Nabou*, ja, Nabou, Frau aus dem Süden, wie sie nachts vor einer Tas­se Kaf­fee am Flug­ha­fen in groß­zü­gi­gen Sprün­gen durch die Zeit erzählt. Das Bar­fuß­mäd­chen Nabou, für Minu­ten ist sie wie­der zum Flücht­lings­kind gewor­den, erin­nert, fins­te­res Gesicht, einen suda­ne­si­schen Herr­scher, jenen Herrn, der Bars einer Stadt räu­men und den Alko­hol in den Nil schüt­ten ließ. In der sel­ben Stadt, nur weni­ge Stun­den spä­ter, wur­den im Namen des sel­ben Man­nes, Hän­de von Armen geschla­gen für dies oder das zur Stra­fe. Das Feu­er in den Augen der Erzäh­le­rin, wie sie berich­tet von einer Zeit, da mus­li­mi­sche und christ­li­che Kin­der noch gemein­sam die Schu­le besuch­ten und hei­ra­te­ten kreuz und quer. Undenk­bar heu­te, undenk­bar, raschelt Nabou mit ihrer selt­sam rau­en Stim­me, alle Men­schen, wo auch immer, rücken nach rechts. Dann die­ser ver­damm­te Abend als Nabou eine bos­ni­sche Freun­din besucht. Man sitzt mit Fami­lie in Mit­tel­eu­ro­pa um einen Tisch, es ist kurz vor Weih­nach­ten. Die Atta­cke auf den christ­li­chen Glau­ben kommt ohne Vor­be­rei­tung wäh­rend der Nach­spei­se. Als Nabou sich als Chris­tin zu erken­nen gibt, das Stau­nen der Freun­din: Aber Ihr habt doch ein Glas Was­ser neben der Schüs­sel im Bad, und Du, Nabou, sprichst die ara­bi­sche Spra­che! Wie von die­sem Moment an das Gespräch zu Ende war. Ver­kno­te­te Zun­gen, sagt Nabou, nach all den trau­ten Jah­ren, ver­kno­te­te Zungen.

* Name geän­dert
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taschenspielzeug

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romeo : 2.01 — Träum­te, obwohl ich New York besu­chen woll­te, nahe Montauk gelan­det zu sein. Hat­te mei­nen Impf­pass ver­ges­sen und man sag­te mir noch an Bord des Flug­zeu­ges, dass ich ohne Impf­pass nie­mals nach New York hin­ein­ge­las­sen wer­den wür­de. Man lan­de­te also rasch an nächs­ter Küs­te und setz­te mich dort ab. Die Stadt Montauk nun bestand aus fla­chen Hüt­ten. Selt­sa­me Men­schen leb­ten in die­sen Hüt­ten. Sobald ich mich einer Hüt­te näher­te, tra­ten sie zu mir auf die Stra­ße und erzähl­ten, wie ich den Flug­ha­fen wie­der fin­den könn­te, weil ich mich in der Stadt sofort ver­irrt hat­te. Als sie hör­ten, dass ich ohne Impf­pass sei, sag­ten sie: Ver­ges­sen Sie New York. Alle die­se freund­li­chen Men­schen, denen ich auf der Stra­ße vor ihren höl­zer­nen Häu­sern begeg­ne­te, führ­ten eine Plas­tik­ta­sche mit sich, die sie an einem Leder­rie­men nahe der Ach­sel­höh­le befes­tigt hat­ten. In die­ser Tasche leb­ten ihre Kin­der in einer wei­te­ren Stadt, die den Namen Montauk trug. Die Stadt muss­te jeweils sehr leicht gewe­sen sein, weil die Men­schen weder gebückt gin­gen, noch ihre Taschen auf den Boden stell­ten, um sich mit mir über mei­ne ver­geb­li­che Rei­se nach New York zu unter­hal­ten. Manch­mal, wenn es lei­se wur­de, wenn die Wel­len des nahen atlan­ti­schen Mee­res gera­de ein­mal Pau­se mach­ten, konn­te ich sehr fei­ne, hel­le Stim­men ver­neh­men, Auto­mo­bil­hu­pen und Flug­zeu­ge, Geräu­sche direkt von der nächs­ten Tasche her. — stop

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im schneehaus

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whis­key : 0.12 — Man soll­te, sagen wir, sobald man auf Rei­sen geht, Bass­kä­fer in Streich­holz­schach­teln lie­gend in der Jacken­ta­sche mit sich füh­ren. Sie wer­den viel­leicht musi­zie­ren, wäh­rend man in einem Zug oder einem Flug­zeug sitzt, so lei­se spie­len, dass man nichts zu hören ver­mag, nur ein lei­ses Beben spü­ren, das sich als Wel­le aus­brei­tet, wär­mend der Gedan­ke an die Käfer, wie sie in ihren Kof­fern übend lun­gern. — Kurz nach Mit­ter­nacht. Heut ist Mon­tag, selt­sams­ter Tag unter den Tagen. Ich bin west­wärts gewan­dert im Lese­saal der Bücher von Eis. — 52° Cel­si­us, da knis­tert die Luft. Stu­die­ren­de Men­schen sit­zen vor gefro­re­nen Tischen auf gefro­re­nen Stüh­len, Loko­mo­ti­ven gleich sto­ßen sie Dampf aus Mund und Nase, neh­men Fahrt auf in der Lek­tü­re auf­re­gen­der Text­pas­sa­gen, ihr Feu­er­atem, feins­ter Schnee, der über den Büchern nie­der­geht. — stop

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verschwinden

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sier­ra : 18.01 — Vor Kur­zem, am frü­hen Abend genau­er, ist mir eine merk­wür­di­ge Geschich­te mit mir selbst pas­siert. Ich saß gera­de vor dem Com­pu­ter­bild­schirm und beob­ach­te­te, wie ein Ser­ver Zei­le um Zei­le mel­de­te, wel­che Datei einer digi­ta­len Arbeit gera­de aus der les­ba­ren Welt in eine nicht les­ba­re Welt beför­dert wird, als ich bemerk­te, dass mir das Löschen gefällt, dass auch das Ver­schwin­den, Zei­le für Zei­le, reiz­voll sein kann. Für einen kur­zen Moment hat­te ich die Idee, dass der Ser­ver, nach­dem er mei­ne Geschich­te zu Ende gelöscht haben wür­de, auf mich selbst zugrei­fen könn­te, also die Per­son des Autors zu sich holen und löschen, wie kurz zuvor die Gedan­ken­ar­beit zwei­er Tage. Womit, frag­te ich, wür­de er begin­nen? Mit einer mei­ner Hän­de even­tu­ell, oder mit mei­nen Augen oder mit mei­nen Ohren? Wie wür­de sich die­ses Ver­schwin­den bemerk­bar machen? Wür­de ich den Ein­druck haben, leich­ter zu wer­den, oder wür­de ich viel­leicht ver­geb­lich nach einem Blei­stift grei­fen, weil mei­ne zupa­cken­de Hand licht­durch­läs­sig gewor­den ist? – stop
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nicolas bouvier

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tan­go : 0.01 — War über einem Buch des Schwei­zer Schrift­stel­lers Nico­las Bou­vier ein­ge­schla­fen, hat­te in letz­ter Sekun­de noch einen Gedan­ken wahr­ge­nom­men. Ich sag­te zu mir mit lei­ser wer­den­der Stim­me im Kopf: Du musst ein­mal über­le­gen, ob es sinn­voll ist, nach einer Metho­de zu suchen, im Schlaf ein Buch lesen zu kön­nen. Ja, das wär eine inter­es­san­te Geschich­te. Man wür­de sich natür­lich an die erzäh­len­de Wirk­lich­keit des Buches selbst nicht erin­nern, das man gera­de noch las oder hör­te wäh­rend man schlief, weil man das Buch nicht bewusst wahr­neh­men konn­te, und doch wäre man mit Herrn Bou­vier nach Gal­way geflo­gen wegen eines Lochs im Sturm. Man wäre in einer Art und Wei­se nach Gal­way geflo­gen, dass man sich ein­mal spä­ter so gut an die­sen Flug erin­nern könn­te, als wäre man selbst dort in Kil­ro­nan gewe­sen, eine Ahnung, Geräu­sche, Luft und Leu­te. — stop

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minutenzeit

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india : 15.05 — Ver­su­che, die Zeit vor­zu­stel­len, das heißt, die Zeit einer Minu­te zu mes­sen oder zu füh­len oder zu den­ken, ohne eine Uhr zu Hil­fe zu neh­men. Das ist natür­lich nicht ganz rich­tig for­mu­liert, weil ich die Genau­ig­keit mei­ner geis­ti­gen Mes­sung prü­fe, in dem ich nach Ablauf einer Minu­te, einer vor­ge­stell­ten Minu­te, die tat­säch­lich ver­stri­che­ne Zeit vom Zif­fer­blatt einer klei­nen Stopp­uhr lese, die ich in dem Moment mit einer Hand­be­we­gung in Gang set­ze, da ich den­ke, jetzt, genau jetzt ist die Zeit einer Minu­te ange­bro­chen. Nein, ich zäh­le nie bis sech­zig, auch nicht bis drei­ßig! Und die Arbeit der Uhr, die in mei­ner Hand der Minu­ten­zeit eine gül­ti­ge Gestalt ver­leiht, ist nicht zu spü­ren, nicht zu hören. Ich habe fest­ge­stellt, dass die Minu­ten­zeit des Mor­gens kür­zer ist als die Minu­ten­zeit des Abends an der­sel­ben Stel­le. Selt­sa­me Geschich­te! — stop

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schlafhauszeit

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sier­ra : 20.21 — Ein­mal nach einer Metho­de suchen, für einen Men­schen, das heißt, anstel­le eines ande­ren Men­schen, schla­fen zu kön­nen. Man wür­de fort­an Traum­zeit ran­gie­ren, man wür­de sagen, heu­te und mor­gen, wäh­rend Du arbei­test, um fer­tig wer­den zu kön­nen mit Dei­ner Arbeit, weil Du fer­tig wer­den, sofort fer­tig wer­den musst, lege ich mich auf mein Sofa und schla­fe vier­und­zwan­zig Stun­den für Dich und mich. Und kom­men­de Woche dann, wenn ich nach Finn­land rei­sen wer­de, wo’s im Som­mer nie­mals dun­kel wird, schläfst Du Tage oder Wochen anstatt mei­ner, weil im Herbst tod­si­cher wie­der viel wil­de Arbeit über Dich her­fal­len wird. Viel­leicht soll­ten ein­mal Schlä­fer exis­tie­ren, Men­schen, die schla­fen, das könn­te sein, Men­schen, die vor­nehm­lich schla­fen, um sich ernäh­ren zu kön­nen, sobald sie für kur­ze Zeit wach gewor­den sind, Schlaf­sä­le viel­leicht, oder Schlaf­wa­ben für Schlä­fer, wohl­tem­pe­rier­te Träum­er­ge­häu­se. Wie könn­te geschla­fe­ne Zeit, die Wir­kung die­ser Zeit, gespei­chert und von Kopf zu Kopf geschrie­ben sein? — stop

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