Aus der Wörtersammlung: eis

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appalachian trial

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echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : NACHTBÄREN

Lie­ber Mr. Kek­ko­la, haben Sie sich also auf den Weg gemacht! Wie sehr ich mich für Sie freue! Den Appa­la­chi­an-Trail ein­mal anstatt von Süden kom­mend, von Nor­den her zu bewan­dern: fei­ne Idee. Ich bin begeis­tert! Aber Sie sind spät, sehr spät sind Sie, vie­le Tage wer­den Sie unter Regen­wol­ken wan­dern. Ich hof­fe, man hat Sie gut vor­be­rei­tet, hof­fe, dass Sie über ein was­ser­fes­tes Tele­fon und eine gleich­wohl was­ser­fes­te Schreib­ma­schi­ne ver­fü­gen. Ihre ers­te Nach­richt ist heu­te Mor­gen jeden­falls bei mir ein­ge­trof­fen. Eine E‑Mail, der nicht anzu­se­hen ist, dass sie in der Wild­nis geschrie­ben wur­de. Wir leben doch in selt­sa­men Zei­ten. Ich habe mir sofort eine klei­ne Kar­te ihrer Rou­te besorgt. Was machen die Bären? Und die Bie­nen? Und die Amei­sen? Natür­lich wer­de ich unver­züg­lich an Sie schrei­ben, sobald ich einen ers­ten tie­fe­ren Ein­druck vom Rüs­sel­prin­zip der Tief­see­ele­fan­ten gewon­nen habe. Ich den­ke Tag und Nacht über das Atmen in gro­ßer Tie­fe nach. Ganz vor­sich­tig tei­le ich Ihnen mit, dass ich viel­leicht bereits eine Ahnung habe. Bis bald, mein lie­ber Kek­ko­la. Pas­sen Sie gut auf sich auf! – Ihr Louis

gesen­det am
27.07.2009
18.58 MESZ
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lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

trail

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südpol

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nord­pol : 22.50 — Ges­tern, abends kurz nach Acht, wur­de mir das ers­te Eis­buch mei­nes Lebens zuge­stellt. Fol­gen­des, beglei­tend, war notiert: Das Wal­fisch­or­ches­ter. Eine Novel­le von Lou­is Kek­ko­la. 102 Sei­ten. 22.85 £. Halt­bar bei minus 5° C bis Dezem­ber 2012. Hoch­ach­tungs­voll ∼ Marks & Com­pa­ny, 84. Cha­ring Cross Road. Lon­don. / Zwei Stun­den lang, ein Tiger, vor dem Kühl­schrank auf und ab. — stop

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raumschiff

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india : 20.56 — Eine Libel­le gegen den Abend zu, mari­ne­blau, die sich nahe mei­ner Nase in die Luft set­ze. Bald eine Vier­tel­stun­de betrach­te­te sie mich oder schlief, wäh­rend ich einen Roman beob­ach­te­te und doch zugleich an ent­fern­te Din­ge dach­te, an eine Mond­lan­dung vor vier­zig Jah­ren zum Bei­spiel, und an die Nach­richt, das durch­schnitt­li­che Alter der Besat­zung des Flug­zeug­trä­gers USS Har­ry S. Tru­man, des­sen Crui­se-Mis­siles Bag­dad bom­bar­dier­ten, habe 19 Jah­re betra­gen. Und da war noch ein ande­res, ein wär­men­des Bild in mei­nem lesen­den Kopf, von dem ich ges­tern noch wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges in einer Wei­se erzähl­te, als wäre ich leib­haf­tig in nächs­ter Nähe gewe­sen, als auf hoher See der Rüs­sel eines Tief­see­ele­fan­ten den Schrei einer Möwe der­art lust­voll imi­tier­te, dass tat­säch­li­che Möwen, ein Schwarm, aus dem hei­te­rem Him­mel stürz­ten. — Ein lachen­der Mund, der sich lang­sam näher­te. —  Ein Raum­schiff. — Wie alle Geschich­ten plötz­lich ende­ten und auch die Zeit. — stop

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anatomische stille

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hima­la­ya : 6.05 — Viel­leicht kann ich sagen, dass ich dann lei­den­schaft­lich an einem Gegen­stand, an sei­ner Ver­wand­lung in Zei­chen, in Spra­che arbei­te, wenn ich immer und immer wie­der zu ein­zel­nen Wör­tern zurück­keh­re, weil sie bis­her nicht die rich­ti­gen Wör­ter sind für dies oder das, oder weil über­haupt noch kein geeig­ne­tes Wort bekannt gewor­den ist, um einen bestimm­ten Ort, eine sel­te­ne Stim­mung, eine beson­de­re Far­be, ein atem­lo­ses Geräusch wie­der­ge­ben zu kön­nen. Mein Prä­pa­rier­saal bei­spiels­wei­se, fast voll­stän­dig schon in Zei­len über­setzt, da und dort aber noch die wei­ße Stil­le des Papiers, eine Mor­gen­stil­le, sagen wir, wie ich allein dort im Saal unter Toten sit­ze. Sie sind noch bedeckt von feuch­tem Tuch, und so schlie­ße ich die Augen und notier­te, was ich hören kann. Das knis­tern­de, sau­sen­de Geräusch einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne. Eine Ambu­lanz von der Stra­ße her. Das Ticken der Saal­uhr minu­ten­wei­se. Die Kör­per aber, ein­hun­dert Kör­per, sind still. Und doch sind sie nicht ohne Laut, weil ich ihre Stil­le zu hören mei­ne. Auch in die­ser Nacht wie­der ver­geb­lich nach dem einen mög­li­chen Geräu­schwort ihrer Abwe­sen­heit gesucht. — stop

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begegnung

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echo : 6.10 — Ent­zü­ckend unlängst, Men­schen, Chi­ne­sen, wie sie sich im Mün­che­ner Bota­ni­schen Gar­ten um eine Bam­bus­stau­de grup­pier­ten, wie sie die Pflan­ze wie­der­erkann­ten, wie sie sich freu­ten, hel­le Geräu­sche mach­ten, wie sie die Blät­ter betas­te­ten, wie sie sich ver­beug­ten, wie sie eine alte, weit gereis­te Bekann­te begrüß­ten. Für einen Augen­blick der Ein­druck, auch die Pflan­ze habe sich ver­neigt. — stop

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im albtraum

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tan­go : 0.05 — Ich hat­te ein Muse­um geträumt, ein Alb­traum, ein Muse­um, des­sen Säle für Besu­cher zur Nacht­zeit nur geöff­net waren. Fol­gen­des: Eine Spiel­zeug­ma­schi­ne erhebt sich dort, Saal 107, von einem Tisch, eine Stadt ohne Staub. Da sind Häu­ser, Bara­cken, geschot­ter­te Wege, Mau­ern, ein Platz. Und Bäu­me sind da noch. Und Schie­nen. Und Tür­me. Höl­zer­ne Tür­me. Guss­ei­ser­ne Lam­pen. Schar­fes Licht, wei­ßes Licht, Gewit­ter­licht. Kein Laut, kein Schat­ten, kei­ne Bewe­gung. Aber in den Kro­nen der Bäu­me, Unru­he, beben­des War­ten. Es ist wie­der die sechs­te Sekun­de, dann die sieb­te, dann die ach­te. Jetzt geht alles sehr schnell von­stat­ten. Ein hel­ler Ton, ein Pfiff, kaum hör­bar. Eine Loko­mo­ti­ve, wei­ßer Dampf, rast auf Schie­nen aus dem Halb­dun­kel jen­seits der Umzäu­nung her­an, ein Zug, ein lan­ger Zug. Auch in die Stadt ist nun Bewe­gung gekom­men. Per­so­nen. Vögel. Hun­de. All das so vor­an, als wäre es auf­ge­zo­gen, wür­de sich ent­la­den, ruck­ar­tig, als habe man einem Film Sekun­de für Sekun­de Bil­der ent­nom­men. Der Zug stoppt. Figu­ren, Men­schen­fi­gu­ren, Hun­der­te, auch Kin­der­fi­gu­ren, flie­ßen aus Wag­gons, for­mie­ren sich zu einer Linie, die sich bald teilt. Wis­pern und Zwit­schern. Dann Rauch. Nadeln von schwar­zem Rauch. Rauch bis zur Him­mels­de­cke. Und Geruch. Ein selt­sa­mer Geruch, sehr senk­recht, selt­sam, Geruch von geschmol­ze­nem Metall, von Zinn, süß, von Gebäck. Alles ist wie von Sand bewor­fen, so ein­ge­färbt, auch jene Men­schen, die klein sind und schnell und bald schon ver­schwun­den, waren von der Far­be hel­len San­des. Dann wie­der Stil­le. Kei­ne Bewe­gung. Nur die Bäu­me, das Blatt­werk, unru­hig. — stop

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bingbing

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echo : 2.28 — Ich hör­te, mei­ne Augen, sobald ich sie öff­ne, sei­en rund. Und ich dach­te mir, so lan­ge Zeit schon hast Du aus run­den Augen in die Welt hin­aus­ge­schaut, ohne das Run­de Dei­ner Augen zu bemer­ken. Ich lag auf einer Wie­se im Park und weil ich so schön glück­lich war, schlief ich ein. Da drü­ben war die Luft voll klei­ner Flie­gen, die gol­den leuch­te­ten und selt­sa­me Geräu­sche mach­ten, bing bing. Das hör­te sich an, als wür­den sie mit Zun­gen schnal­zen, aber dann wur­den sie zu sin­gen­den Fischen und ich hol­te mei­ne Augen aus dem Kopf und die Fische spiel­ten mit ihnen her­um, und ich sah, mei­ne Augen waren tat­säch­lich run­de Geschöp­fe. — Noch zu tun: Herz­kam­mern stu­die­ren. — stop

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zeichentiere

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ulys­ses : 5.15 — Das suchen­de Ler­nen chi­ne­si­scher Schrift. Wie ich ges­tern in Gewit­ter­stun­den lächelnd beob­ach­tet wur­de, weil ich sag­te: Die Zei­chen Dei­ner Spra­che erin­nern mich an Dar­stel­lun­gen der ana­to­mi­schen Welt, an Ske­let­te, an Wesen, die ich leich­ter Hand erfin­de, um das eine Zei­chen, von dem ande­ren Zei­chen unter­schei­den zu kön­nen. Habe in die­ser Wei­se eine Säbel­zahn­ti­ger­schne­cke in mei­nen Kopf auf­ge­nom­men, einen acht­ar­mi­gen Klam­mer­af­fen, eine Dop­pel­kopf­amei­se. Das For­mu­lie­ren bald gan­zer Sät­ze, jubeln­de Zoo­lo­gie. Guten Mor­gen! — stop

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perugia

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bamako : 0.02 — Ges­tern Nach­mit­tag, bei gro­ßer Hit­ze auf einer Wie­se lie­gend, fünf Zitro­nen­fal­ter beob­ach­tet, die sich höchst merk­wür­dig benah­men. Sie wir­bel­ten nicht, wie üblich, spie­lend und wer­bend umein­an­der her­um, ein Fal­ter viel­mehr flog unter dem ande­ren Fal­ter dahin, als ob sie ein­an­der Schat­ten spen­den woll­ten, eine Flug­schu­le, sagen wir, kunst­voll in die­ser Art und Wei­se. Einen Moment dach­te ich, dass die Son­ne mög­li­cher­wei­se mein Gehirn so weit erwärmt haben könn­te, dass es die Wirk­lich­keit vor mei­nen Augen gestal­te­te, wie es ihm gera­de pass­te. Aber ich hat­te doch einen Hut auf dem Kopf und ich erin­ner­te mich rasch an eine Mel­dung, Segel­fal­ter der Gat­tung Iphicli­des poda­li­ri­us 5 hät­ten sich in einem zen­tra­len Park der Stadt Peru­gia in ähn­li­cher Wei­se ver­hal­ten, und zwar im Herbst, noch nicht lang her. — Wer­de an die­sem Sonn­tag früh mit küh­lem Kopf von der Nacht in den Gar­ten mei­ner Beob­ach­tung zurück­keh­ren und nach­se­hen, ob wir bei Ver­stand geblie­ben sind.
lizzard



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