Aus der Wörtersammlung: eis

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srebrenica

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marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unse­rer ers­ten Begeg­nung war Anisha zwan­zig Jah­re alt gewe­sen, hat­te gera­de ihr Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men und ging gern spa­zie­ren, wäh­rend ich Fra­gen stell­te, zum Bei­spiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwie­rig sei, mensch­li­che Kör­per zu zer­glie­dern. Ich erin­ne­re mich, auch im Prä­pa­rier­saal lief sie gern her­um, immer­zu muss­te ich nach ihr suchen und ich such­te gern, weil sie oft fein­sin­ni­ge Gedan­ken in mein klei­nes Ton­band­ge­rät dik­tier­te. Ein­mal stan­den wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­rä­ten. Ein Doku­men­tar­film wur­de gezeigt, Sre­bre­ni­ca, wie die Bür­ger der Stadt an ser­bi­sche Trup­pen aus­ge­lie­fert wur­den. Eine Wei­le schau­te Anisha schwei­gend zu. Dann erzähl­te sie in kur­zen Sät­zen eine schwer­wie­gen­de Geschich­te. Das digi­ta­le Auf­nah­me­ge­rät lief wei­ter, wäh­rend ich ihr zuhör­te, wes­we­gen ich ihre Stim­me bald dar­auf mit mir neh­men konn­te, und ich notier­te ihre Bemer­kun­gen so genau wie mög­lich. Ges­tern Abend nun las ich Anisha per­sön­lich vor, was ich damals ein­ge­fan­gen hat­te. Ein selt­sa­mer Moment. Der Ein­druck, dass erst jetzt, sehr viel spä­ter, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wur­de. Die Geschich­te geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Apri­ko­sen­bäu­me rau­chen. Wenn Abend wird, zün­den wir Ker­zen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­ser­ven fabri­zie­ren. Und dann ist Nacht. Mut­ter steht am Fens­ter. Und dann ist Mor­gen und die schwe­ren Män­tel, die wir als Nacht­hem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Häh­ne unse­res Dor­fes, die wir längst gefres­sen haben, krä­hen uns Schüs­se an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger mei­nes Vaters, die in sei­nem Gesicht nach Aus­we­gen gra­ben. Sie kom­men über eine graue Woll­de­cke spa­ziert und put­zen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter steht immer noch am Fens­ter. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich tra­ge einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf einer Wie­se bren­nen Kühe.
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liu xiaobo und liu xia

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del­ta : 0.02 – Mit­ter­nacht vor­über. Gleich, in weni­gen Minu­ten, wer­de ich das Haus ver­las­sen und ein wenig spa­zie­ren gehen, rüber zu den Wäch­tern, die vor dem Frank­fur­ter Mes­se­turm Stän­de anti­qua­ri­scher Bücher umsor­gen. Viel­leicht haben sie schon offe­nes Feu­er in einer Ton­ne ent­zün­det. — Wie gut die Luft heut riecht! — Gebra­te­ne Tau­ben segeln durch die Nacht und die Stra­ßen­bah­nen fah­ren jen­seits der Glei­se, wie sie wol­len. Es schneit, aber es schneit rück­wärts, der Schnee fällt zum Him­mel hin­auf. Eine gute Stun­de ist das, Schritt für Schritt im Kreis her­um­zu­lau­fen und an jene Men­schen zu den­ken, die nicht anwe­send sind, weil sie nicht anwe­send sein kön­nen, weil sie ver­haf­tet oder weil sie in ihren Häu­sern arre­tiert wor­den sind. — stop
lliiuu

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schneelicht

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del­ta : 0.14 – Von einer Rei­se him­mel­wärts geträumt. Such­te auf Bild­schirm nach Fähr­schiff­ver­bin­dun­gen Athen – San­to­ri­ni und stieß auf eine selt­sa­me Offer­te. Der Text zu einer Foto­gra­fie, die eine For­ma­ti­on wil­der Gewit­ter­wol­ken zeig­te, lau­te­te in etwa so: Tages­rei­se ins Jen­seits. Buchen Sie noch heu­te. Flü­ge ab Lon­don, Madrid, Mün­chen, auch an Sonn­ta­gen, stünd­lich. Unver­züg­lich flog ich los. Eine äußerst kur­ze Rei­se, ein Wim­pern­schlag nur und das Flug­zeug lan­de­te in einem schnee­wei­ßen Raum ohne jede Begren­zung. Ich erin­ne­re mich, dass ich eine Flug­be­glei­te­rin, die nahe der Gang­way war­te­te, frag­te, ob es an die­sem Ort jemals dun­kel wer­den wür­de, ich kön­ne im Hel­len nicht schla­fen. Sie ant­wor­te­te lächelnd: Wenn Sie hier ein­mal für immer ange­kom­men sein wer­den, müs­sen sie nie wie­der schla­fen. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Ein Buch Julio Llama­za­res’ liegt vor mir auf dem Schreib­tisch. Ich habe das Buch geöff­net, um nach einem zärt­li­chen Satz zu sehen. Der Satz ist auf Sei­te 4 einer fei­nen Samm­lung erzäh­len­der Stumm­film­sze­nen zu fin­den. Er geht so: Für mei­ne Mut­ter, die schon Schnee ist. — stop
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zwei erfinder

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fox­trott

~ : lou­is
to : Mr. sami tupa­vua­ri
sub­ject : penelope

Sehr geehr­ter Herr Tupa­vua­ri! Guten Abend! Ich hei­ße Lou­is. Sie wer­den mich nicht ken­nen. Ich hör­te, Sie sol­len ein Geräu­sch­wort­er­fin­der sein. Bis vor Kur­zem wuss­te ich nicht, dass Men­schen wie Sie exis­tie­ren. Umso glück­li­cher fühl­te ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähig­kei­ten berich­te­te. Ich wen­de mich nun mit einer drin­gen­den Bit­te an Sie. Es geht dar­um, dass ich Ihnen von Pene­lo­pe zu erzäh­len wün­sche, einer sehr beson­de­ren Per­son, einer Frau, die in der Lage ist, Fin­ger in der Art und Wei­se der Eidech­sen von sich zu wer­fen. Sie wer­den sich viel­leicht wun­dern, wie so etwas mög­lich ist. Glau­ben Sie mir, auch ich wun­de­re mich von früh bis spät über die­ses fas­zi­nie­ren­de Geschöpf. Rei­ne Erfin­dung und doch schon ein drin­gen­der Fall. Sie müs­sen wis­sen, ich kom­me nicht wei­ter, weil ich ein Wort ent­beh­re, das mir nicht ein­fal­len will, ein Wort, eine Laut­schrift, die ein Geräusch wie­der­ge­ben oder dar­stel­len könn­te, das in genau jenem Moment ent­steht, wenn sich ein Fin­ger Pene­lo­pes von ihrem Kör­per löst. Ein Wort müss­te das sein, wel­ches von Haut und Kno­chen ist, ein leich­tes, win­di­ges, sanf­tes, erstaun­li­ches Wort. Wie uner­mess­lich dank­bar wäre ich Ihnen, lie­ber Herr Tupa­vua­ri, wenn Sie mir wei­ter­hel­fen, wenn sie sofort Ihre Arbeit auf­neh­men könn­ten. Ich fra­ge Sie nun in aller Eile: Was wür­de ein Wort, wie das gewünsch­te Wort, in etwa kos­ten? Mit bes­ten Grü­ßen – Ihr Louis

gesen­det am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen

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situs inversus / apsis 5

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tan­go : 8.58 – Frü­her Mor­gen. Eine Nacht schwe­rer Arbeit liegt hin­ter mir. Ich hat­te ges­tern noch einer Freun­din, deren Vater gera­de gestor­ben ist, wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges von mei­ner Suche nach Rhei­ne­le­fan­ten erzählt. Wie ich auf und ab fah­re, Stun­de um Stun­de mit dem Zug zwi­schen Bin­gen und Koblenz, die Kame­ra gezückt. Und wie sie in ihrer Trau­er doch für einen Moment herz­haft lach­te. Dann sit­ze ich vor dem Schreib­tisch und habe par­tout kein Ver­lan­gen nach ana­to­mi­schen Din­gen. Dem ent­ge­gen men­schen­lee­re Sze­nen wei­ter gele­sen. Ich leh­ne an einer Wand des Präpariersaal’s. Irgend­wo klap­pert ein Stück Metall, nichts wei­ter ist zu hören. Oder doch viel­leicht ein schim­mern­des Geräusch in mei­nem Kopf, lei­se, lei­se. Jen­seits der Fens­ter hüp­fen Vögel in den Bäu­men, Bewe­gung, die anzeigt, dass ich weder vor einem Gemäl­de noch vor einer Foto­gra­fie Platz genom­men habe, dass ich mich von der Wand lösen und zu einem der Tische wan­dern könn­te, etwas ver­än­dern, den Fal­ten­wurf einer Decke viel­leicht, oder eine Sei­te umblät­tern in einem ana­to­mi­schen Atlas, der im Saal zurück­ge­las­sen wur­de. Ich soll­te ein Stück Krei­de in die Hand neh­men und auf eine Tafel schrei­ben: Situs inver­sus / Apsis 5 Tisch 82
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korallenknistern

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tan­go : 0.02 – Die Fens­ter weit geöff­net, Luft­an­geln aus­ge­wor­fen. — Gera­de eben ent­deck­te ich auf Kar­tei­kar­te No 1208 eine Notiz, die ich am 28. Janu­ar 2007 im ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal mit Blei­stift buch­sta­bier­te: Einem Abschnitt des atlan­ti­schen Rückens glei­chend, tritt schritt­wei­se eine Wir­bel­säu­le aus dem zurück­wei­chen­den Mus­kel­kör­per her­vor. Wir befin­den uns in der 4. Woche. Ich weiß zu die­sem Zeit­punkt: Venen sind hohl. Man kann die Innen­wän­de der Gefä­ße gegen­ein­an­der ver­schie­ben. Hap­ti­sche Erfah­rung. Arte­ri­en­ko­ral­len. Ein Knir­schen. Knar­zen. Knis­tern. Hören, mit den Spit­zen der Fin­ger h ö r e n. 

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sprachlos

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echo : 1.10 – Ein auf­wüh­len­des Gespräch vor Tagen. L., Jour­na­lis­tin kur­di­scher Her­kunft, erzählt von ihrer Schwes­ter, die seit 10 Jah­ren ver­schwun­den ist. Ruhig sitzt sie vor mir. Aber das selt­sam fla­ckern­de Licht ihrer Augen. Sie sagt, sie wün­sche sich, irgend­je­mand wür­de irgend­wann ein­mal die Geschich­te ihrer Schwes­ter schrei­ben. Du musst wis­sen, wir ver­mis­sen sie noch immer sehr. Wir ver­mu­ten, dass sie in den Ber­gen umge­kom­men ist. Ein Hin­ter­halt. Wir haben kei­nen Beweis, wir haben nur ihr Schwei­gen. — stop
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blaue kamele

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tan­go : 3.28 – Wie wir auf den Schul­tern unse­res Vaters durch die Welt schau­kel­ten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dro­me­dars, das die mensch­li­che Spra­che spre­chen konn­te. Wie er uns das Licht erklär­te, die Geschwin­dig­keit und die Zeit, die das Licht unter­wegs gewe­sen war, um zu uns zu kom­men. Sei­ne gro­ßen Schu­he, in wel­chen wir durch den Gar­ten segel­ten. Und Gene Krup­pa, Drum­mer­man, dort, noch lan­ge vor unse­rer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als jun­ger Mann. Heu­te Nacht erzäh­len wir uns Geschich­ten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr gewor­den. Ich habe ganz heim­lich mei­ne Schreib­ma­schi­ne ange­schal­tet, um eine wei­te­re klei­ne Geschich­te auf­zu­schrei­ben, weil Geschich­ten auf Papier oder Geschich­ten, die man von einem Bild­schirm lesen kann, wie alle ande­ren Geschich­ten als lei­se beten­de Stim­men zu ver­neh­men sind. Die­se Geschich­te nun geht so. Immer an Frei­ta­gen, ich war fünf oder sechs Jah­re alt gewe­sen war, brach­te mein Vater aus dem Insti­tut, in dem er als Phy­si­ker arbei­te­te, Kar­ten mit nach Hau­se, die ich bema­len durf­te, Com­pu­ter­loch­kar­ten, kräf­ti­ge, beige Papie­re, in wel­chen sich selt­sa­me Löcher befan­den. Die­se Löcher waren nie­mals an der­sel­ben Stel­le zu fin­den, und ich erin­ne­re mich, dass ich mich über ihr Ver­hal­ten hef­tig wun­der­te. Ich war zu jener Zeit ein begeis­ter­ter Maler, ich mal­te mit Wachs­krei­de und ich mal­te in allen Far­ben, über die ich ver­fü­gen konn­te, weil ich das Bunt­sein schon immer moch­te. Ich mal­te blaue Kame­le und schwar­ze Blu­men und rote Mon­de. Ein­mal frag­te ich mei­nen Vater, was jene Löcher bedeu­te­ten, über deren Exis­tenz ich mich freu­te, weil sie ver­steck­te Bil­der zeig­ten, die ich so lan­ge such­te, bis ich sie gefun­den hat­te. Hör zu, sag­te mein Vater. — stop
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