Aus der Wörtersammlung: elle

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italo calvino

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romeo : Viel­leicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Stra­ßen Vene­digs den­ke, von Wel­len­be­we­gun­gen spre­chen, die einem sehr lang­sa­men Rhyth­mus fol­gen, von Halb­jah­res­wel­len, von Wel­len, die sich, sobald ich sie jen­seits ihrer eigent­li­chen Zeit betrach­te, wie Palom­ar’s Sekun­den­wel­len beneh­men. — Wann beginnt und wann genau endet eine Wel­le? Wie vie­le Wel­len kann ein Mensch ertra­gen, wie vie­le Wel­len von einer Wel­len­art, die Kno­chen und Häu­ser zer­trüm­mert? – Däm­me­rung. Stil­le. Nur das Geräusch der trop­fen­den Bäu­me. Eine Nacht voll Gewit­ter, glim­men­de Vögel irren am Him­mel, Nacht­vö­gel ohne Füße, Vogel­we­sen, die nie­mals lan­den. — stop

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blutgefäss

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romeo : 0.05 — Ein­mal, an einem hei­ßen Som­mer­abend, habe ich eine Stadt durch­wan­dert. Sie lag bereits unterm Nacht­zep­pe­lin, wes­halb ich nicht sofort bemerk­te, dass an der Innen­sei­te mei­nes lin­ken Ober­schen­kels ein volu­mi­nö­ses Blut­ge­fäß aus der Fas­sung gesprun­gen war. Der selt­sa­me Ein­druck, wäh­rend ich spa­zier­te, ein klei­nes Tier wür­de mich kosend berüh­ren. Kurz dar­auf notier­ten Fahr­gäs­te eines U‑Bahnwagons, ich wür­de, der­art weit geöff­net, viel­leicht bald ernst­haf­ten Scha­den erlei­den. Und tat­säch­lich, da war ein Schlauch von dun­kel­blau­em Gum­mi, der nahe mei­ner Leis­ten­ge­gend unru­hig durch die Luft zap­pel­te. Ich konn­te sei­ne Bewe­gung gut erken­nen, weil ich, weiß der Him­mel war­um, ins­ge­samt nicht beklei­det gewe­sen war. Eine älte­re Dame, eine Ärz­tin, nahm dann Platz in mei­ner Nähe. Mit blo­ßen Hän­den erwei­ter­te sie mei­nen Schen­kel bis hin zum Knie, sodass wei­te­re Schläu­che aus dem Ober­schen­kel fie­len, die sie sor­tier­te, wäh­rend sie gelas­sen eine Melo­die vor sich hin summ­te. Da waren Struk­tu­ren, kein Blut, in gel­ber, in roter, in grü­ner, in blau­er Far­be. Indem sie an einem der geschmei­di­gen Röhr­chen zog, an einem fili­gra­nen Gefäß, nein, an einem hauch­dün­nen Seil­zug, sand­far­ben, schloss sich das Lin­ke mei­ner Augen gegen mei­nen Wil­len, und die Ärz­tin lach­te und sag­te, schau her, wie schön bunt Du doch bist. Wenn ich hier ein wenig zie­hen wer­de, machst Du auch noch das rech­te Auge zu. Dann wach. — Heu­te ist Sonn­tag, bald wie­der Nacht. Geträumt habe ich bereits am Sams­tag. — stop

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regenmaschine

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char­lie : 0.01 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs ent­deck­te ich unlängst im Ein­gangs­be­reich einer luxu­riö­sen Wohn­an­la­ge eine Regen­ma­schi­ne. Eine Regen­ma­schi­ne, wer­den Sie viel­leicht fra­gen, was ist denn das? Nach Beob­ach­tung, eine hal­be Stun­de, lässt sich Fol­gen­des notie­ren. Eine Regen­ma­schi­ne reg­net je für drei Sekun­den genau dort­hin, wohin ein ordent­li­cher Regen, der vom Him­mel kommt, nicht fal­len kann, weil ihn ein Dach, bei­spiels­wei­se, dar­an hin­dert. Eine Regen­ma­schi­ne hin­ge­gen reg­net auch unter Dächern oder in Haus­ein­gän­gen oder in Woh­nun­gen, und auch dann, wenn es gera­de ein­mal nicht vom Him­mel reg­net, reg­net sie im Takt einer Minu­te. Die­ser Regen einer Regen­ma­schi­ne, wie ich sie vor­ge­fun­den habe, ist also ein beson­de­rer Regen, ein Regen, der sich gegen Per­so­nen rich­tet, gegen Stra­ßen­bür­ger, gegen Men­schen ohne eige­nes Dach über dem Kopf. Orga­ni­sier­ter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und die­se Din­ge. — stop
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nachtmensch

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romeo : 0.08 – Man­che Men­schen, zum Bei­spiel, wenn ich ihnen nachts auf der Stra­ße begeg­ne, grü­ßen mich, als wür­den wir uns gera­de im Hoch­ge­bir­ge oder in einer ande­ren Wild­nis befin­den. Wir set­zen uns dann auf die nächs­te Bank, tau­schen ein wenig Pro­vi­ant und die letz­ten Nach­rich­ten aus, und füh­len ein­an­der ver­bun­den, sagen wir, durch den Man­gel an Licht. Ande­re Men­schen wie­der­um fürch­ten sich vor mir, wie jene uralte Dame mit ihrem noch älte­ren Hund, sie fletscht die Zäh­ne, sobald sie mich sieht gegen drei Uhr auf dem Ador­no­platz. Viel­leicht gehört sie bereits in den her­an­rü­cken­den Mor­gen, ist Tag­mensch, nicht Nacht­mensch, hält mich für licht­scheu­es Gesin­del. Obwohl ich ihr längst in mei­ner gan­zen Harm­lo­sig­keit bekannt sein müss­te, doch stets die­sel­be urmensch­lich dro­hen­de Hal­tung. Viel­leicht ist sie halb­wegs schon blind gewor­den. Oder aber ich wer­de ver­ges­sen, immer wie­der ver­ges­sen, ein­mal um die eige­ne Ach­se gedreht, und schon bin ich zu wei­te­rem tau­fri­schen Schre­cken geworden.
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oe

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marim­ba : 1.15 — Saß früh­abends am See unter blü­hen­den Aka­zi­en­bäu­men. Viel­leicht des­halb, weil die Aka­zi­en blühn, nie­sen in die­sen Tagen und Näch­ten die Schwä­ne und auch die Rot­wan­gen­schild­krö­ten nie­sen und alle Enten. Hör sie noch aus gro­ßer Ent­fer­nung, fei­ne, hel­le Luft­ge­räu­sche, wäh­rend ich am Schreib­tisch sit­ze und Kenzabu­ro Oe’s Roman Der Stolz der Toten beob­ach­te, das geschlos­sen vor mir liegt. Gleich wer­de ich das Buch öff­nen und sei­ne Zei­chen zählen.
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edmond jabès

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tan­go : 0.05 — Als wür­de Regen fal­len, so mäch­tig die Küs­se der Flie­gen ins Was­ser. Irr auch die Fal­ter, die Wei­ßen und die Roten und die Blau­en. Und auch die Libel­len am Him­mel, alle irr von der Lie­be. — Wenn der Stein durch­sich­tig wird oder – genau­er – wenn die Durch­sich­tig­keit Stein wird, las­sen sich alle Träu­me der Erde lesen. Edmond Jabès

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flaubert

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india

~ : louis
to : Mr. gust­ave flaubert
sub­ject : MEMPHIS

Ver­ehr­ter Mr. Flau­bert, ges­tern, am spä­ten Nach­mit­tag, knis­ter­te ein fei­ner Regen ans Dach­fens­ter mei­nes Zim­mers und ich habe mich auf den Rücken gelegt und ihr ägyp­ti­sches Rei­se­ta­ge­buch geöff­net, eine sehr fei­ne Arbeit, detail­liert, das Abschied­neh­men, ihre vor­aus rei­sen­den Kof­fer. Wäh­rend Sie gera­de an Bord der Can­ja Mem­phis pas­sier­ten, bin ich ein­ge­schla­fen, viel­leicht weil ich müde war von einer viel zu kur­zen Nacht. Als ich wie­der wach wur­de, knis­ter­te der Regen noch immer gegen das Fens­ter, und ich erin­ner­te mich, ihnen erzäh­len zu wol­len, dass ich seit vor­ges­tern, 15 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Som­mer­zeit, Augen­paa­re samm­le, die mei­ne elek­tri­sche Sei­te besu­chen. Ver­mut­lich wer­den Sie mich für einen selt­sa­men Vogel hal­ten, weil ich Augen paar­wei­se zäh­le, ihre Exis­tenz und woher sie kom­men und wel­che Bril­len sie tra­gen und die Zeit mes­se, die sie mit mei­nen Wör­tern ver­brach­ten. Ges­tern Abend um 22 Uhr 17 Minu­ten und 11 Sekun­den hat­te ich Besuch aus Shang­hai. In gro­ßer Ent­fer­nung lur­ten also ein paar Augen, ver­weil­ten, kaum zu glau­ben, sechs Sekun­den auf mei­nen Zei­len, dann waren sie wie­der weg. Ich habe mir gedacht, dass die­se has­ti­gen Augen viel­leicht mei­ne Schrift­zei­chen nicht ent­zif­fern konn­ten, dass sie des­halb nur zwei oder drei Atem­zü­ge lang bei mir ver­weil­ten. Ja, lie­ber Flau­bert, das könn­te sein, nein, ich hof­fe, dass es so gewe­sen ist. Spä­ter Abend schon wie­der. Wer­de jetzt wei­ter lesen in Ihrer ägyp­ti­schen Rei­se, wäh­rend die Augen­zähl­ma­schi­ne arbei­tet, ohne dass ich mich auch nur ein­mal für sie bewe­gen müss­te. Ihr Lou­is, mit aller­bes­ten Grüßen.

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doppelhelix

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echo : 0.01 — Eine Foto­gra­fie, die James Wat­son und Fran­cis Crick vor ihrem Modell einer DNA-Dop­pel­he­lix zeigt. Der Ein­druck, Wat­son wür­de einen an der Zim­mer­de­cke lun­gern­den Trom­pe­ten­kä­fer betrach­ten, des­sen Gat­tung zum Zeit­punkt der Auf­nah­me sich bereits abzu­zeich­nen beginnt.

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Viel­leicht soll­te ich sagen, dass Trom­pe­ten­kä­fer rein pneu­ma­ti­sche Arbei­ter sind, wäh­rend Posau­nen­kä­fer sowohl pneu­ma­ti­sche als auch mecha­ni­sche Ver­fah­ren der Ton­erzeu­gung in sich ver­ei­ni­gen. Drum­mer knal­len elek­trisch. Bas­sis­ten ver­fü­gen über einen Kör­per von unge­wöhn­li­cher Län­ge, über ein Gehäu­se, wel­ches von feins­ten Lamel­len­kno­chen aus­ge­bil­det sein wird. Gera­de die­se wohl­klin­gen­den Wesen wer­den eines Tages mit Zigar­ren leicht zu ver­wech­seln sein. Das Erstaun­li­che an musi­zie­ren­den Käfer­we­sen ist, dass sie den Musi­ker sowohl als auch ein Instru­ment, das von Men­schen erfun­den wur­de, mit sich füh­ren, dass sie also sym­bio­ti­sche Wesen sind. — stop
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gedankenechse

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sier­ra : 0.25 — Seit Jah­ren, mit Ver­gnü­gen, beob­ach­te ich einen Gedan­ken, der sich nicht bewegt, kein Buch­sta­ben­zei­chen des Gedan­kens rührt sich von der Stel­le. Manch­mal den­ke ich, der Gedan­ke bewegt sich heim­lich, wäh­rend ich ande­re Gedan­ken den­ke. — stop

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marlene

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echo : 8.15 — Drei Wochen zurück notier­te ich einen Brief an Y. Ich schrieb fol­gen­den Satz : Hast Du schon ein­mal Dei­ne Hän­de aus der Luft betrach­tet? Heu­te erreicht mich sei­ne Ant­wort : Apol­lo. Apol­lo. stop. Begeis­tert etwas Zeit in Sid­ney Lumets Ver­dict ver­bracht. Ein herr­lich spie­len­der New­man. Fei­ne, knis­tern­de Glas­ge­räu­sche, als wür­de der Film in jedem nächs­ten Moment in tau­send Stü­cke zer­sprin­gen. Kurz dar­auf nähert sich Maxi­mi­li­an Schell in Paris Mar­le­ne Diet­rich. Ihre Stim­me aus dem Off, die von dort ein wenig so klingt, als wür­de sie ein Glas Cognac getrun­ken haben oder zwei. Eine sin­gen­de Stim­me. Eine Stim­me, die singt und spricht zur glei­chen Zeit. Ein­mal will Maxi­mi­li­an Schell ihr eine männ­li­che Fra­ge stel­len. Mar­le­ne Diet­rich : Was isn das? — stop

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