Aus der Wörtersammlung: elle

///

medusenzimmer

pic

4.37 — Man stel­le sich ein­mal ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von aller­feins­ter Qual­len­haut, ein Zim­mer von Was­ser, ein Zim­mer von Salz, ein Zim­mer von Licht. Man könn­te die­ses Zim­mer und alles, was sich im Zim­mer befin­det, das Qual­len­bett, die Qual­len­uhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche ste­cken. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spa­zie­ren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaf­fee­haus und war­tet. Man sitzt also ganz still und zufrie­den unter einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne an einem Tisch, trinkt eine Tas­se Kakao und lächelt und ist gedul­dig und sehr zufrie­den, weil nie­mand weiß, dass man ein Zim­mer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zim­mer, das man jeder­zeit aus­pa­cken und mit etwas Was­ser, Salz und Licht, zur schöns­ten Ent­fal­tung brin­gen könn­te. – Null Uhr acht : Haben wir noch alle Tas­sen im Schrank? — stop

ping

///

china

pic

0.20 — Im Win­ter nach Ber­lin, immer im Win­ter, immer nachts, im Wes­ten ein lang­sam fah­ren­der Zug hin­ter Bebra. Dann Gren­ze. Ein Pos­ten. Tür­me. Metall. Und Licht. Gel­bes Licht, demo­lier­tes Licht. Und Hun­de, jawohl, Hun­de. Dann Osten. Von Stadt zu Stadt durchs unbe­kann­te Land. Auf Bahn­stei­gen : Volks­po­li­zei, Rücken zum Zug, Wachen oder so etwas, in den Abtei­len mit Stem­pel, mal freund­lich, mal fins­ter, mal kühl. Dann wie­der Gren­ze. War­ten. Ran­gie­ren. Demo­lier­tes Licht. Irgend­je­mand schlägt von unten her mit Metall gegen den Boden des Zuges. Hun­de. Dann Wes­ten. Herrn in Zivil, Staats­schutz, von Abteil zu Abteil. Dann Zoo. Wenn man so, immer nachts, reist, kaum Kennt­nis vom Land, durch das man kommt, sagt man, das riecht hier anders, das riecht hier nach Koh­le. Man steht an einem Fens­ter in die­sem Zug, der war­tet in Hal­le. Es ist gegen fünf in der Früh und man weiß, man darf nicht aus­stei­gen, man weiß, die Ande­ren auf den Bahn­stei­gen jen­seits der Pos­ten, jen­seits der Gelei­se, dür­fen nicht ein­stei­gen, man weiß, Schüs­se könn­ten fal­len. Die da drau­ßen her­um­ste­hen, die aus dem Mund damp­fen, die von der Mor­gen­schicht in Hal­le, wis­sen das bes­ser als die, die im Zug ste­hen und mit West­au­gen einen Kon­takt suchen für Sekun­den. Schüs­se könn­ten fal­len, jawohl, Schüs­se. Und deut­sche Spra­che, — Halt! Ste­hen bleiben!

Ich erin­ne­re mich an eine Text­pas­sa­ge. Mal­colm Lowry an Bord des Schlacht­kreu­zers, H.M.S.Proteus. Man liegt vor chi­ne­si­scher Küs­te, man spielt Cri­cket an Deck. Nicht weit, jen­seits des Was­sers an Land, war ein schreck­li­cher Krieg im Gan­ge. „Dum! Dum! Dum!, aber die gan­ze Sache feg­te über unse­re Köp­fe hin­weg, ohne uns zu berüh­ren.“ — „Sie kön­nen sagen, dass ich dem Mann glei­che, von dem sie viel­leicht gele­sen haben, der sein Leben auf einem Schiff ver­brach­te, das regel­mä­ßig zwi­schen Liver­pool und Lis­sa­bon hin — und her­fuhr, und bei sei­ner Ent­las­sung über Lis­sa­bon nur sagen konn­te : die Stra­ßen­bah­nen fah­ren dort schnel­ler als in Liver­pool.“ Ich erin­ne­re mich an eine Notiz des rus­si­schen Dich­ters Wene­dikt Jero­fe­jew : „Alle sagen, — der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein ein­zi­ges Mal gese­hen. Wie vie­le Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brum­men­dem Schä­del Mos­kau durch­quert, von Nor­den nach Süden, von Wes­ten nach Osten, aufs Gera­te­wohl, von einem Ende zum ande­ren, aber den Kreml habe ich kein ein­zi­ges Mal gesehen.“

Ein­mal, wie­der Win­ter in Ber­lin, Ber­­lin-West, 1987, ein Fest. Geräu­mi­ge Woh­nung. Auf den Tischen Schnaps­fla­schen und Erd­beer­glä­ser. Man sagt, das sei so üblich, — Gäs­te aus dem Osten, Schnaps auf dem Tisch. Da ist ein klei­ner Mann, schüt­te­res Haar. Sitzt die Nacht über an einem der Tische, trinkt und schlägt irre Rhyth­men mit­tels Mes­sern und Gabeln auf Tel­ler, an Glä­ser. Man sagt, der Mann sei gera­de rüber gekauft, man sagt, er habe in Baut­zen II geses­sen, man sagt, ein­mal, fros­ti­ge Luft, habe man den Mann aus­ge­zo­gen, man habe ihn aus­ge­zo­gen und in eine Schleu­se gestellt, man habe ihn dort ver­ges­sen unter frei­em Him­mel, dann habe man sich sei­ner erin­nert, dann habe man ihn warm geprü­gelt. — Irre Rhyth­men. — Hab ich also Land betre­ten. — stop

ping

///

kinderwelten

pic

9.55 — Ich hat­te ein Kin­der­buch, das ich zufäl­lig in einer Kis­te ent­deck­te, vor mir auf den Schreib­tisch gelegt, illus­trier­te Erzäh­lun­gen aus Tau­send und einer Nacht. Ich konn­te mich an bei­na­he jedes Detail der Zeich­nun­gen, die sich in dem Buch befan­den, erin­nern, das heißt, ich erkann­te die Zeich­nun­gen wie­der, auch den Geruch des Papiers, einen Tin­ten­fleck, mei­ne kind­li­che Schrift, die eine der Erzäh­lun­gen kom­men­tier­te. Heu­te, ange­sichts zwei­er Buben, — sie kämpf­ten in einer U‑Bahn mit­tels hand­li­cher Kon­so­len ver­bis­sen gegen­ein­an­der -, die Vor­stel­lung, wie in Zukunft uralte Men­schen nicht Büchern, son­dern ihren Spiel­zeug­ma­schi­nen aus Kin­der­ta­gen begeg­nen, vir­tu­el­len Wel­ten von unge­heu­rer Rechen­leis­tung. — stop

ping

///

papiere

pic

23.30 — Ob es viel­leicht mög­lich ist, Papie­re zu erfin­den, die ess­bar sind, nahr­haft und gut ver­dau­lich? Man könn­te sich in einen Park set­zen, bei­spiels­wei­se und etwas Chat­win beob­ach­ten oder Lowry oder Cal­vi­no, Bücher, die Sei­te für Sei­te nach bel­gi­schen Waf­feln schmeck­ten, nach Bir­nen, Gin, Petro­le­um oder sehr fei­nen Höl­zern. Einen spe­zi­el­len Duft schon in der Nase, wird die ers­te Sei­te eines Buches gele­sen, und dann blät­tert man die Sei­te um und liest wei­ter bis zur letz­ten Zei­le, und dann isst man die Sei­te auf, ohne zu zögern. Oder man könn­te zunächst das ers­te Kapi­tel eines Buches durch­kreu­zen, und wäh­rend man kurz noch die Geschich­te die­ser Abtei­lung reka­pi­tu­liert, wür­de man Stür­me, Per­so­nen, Orte und alle Anzei­chen eines Ver­bre­chens ver­spei­sen, dann bereits das nächs­te Kapi­tel eröff­nen, wäh­rend man noch auf dem Ers­ten kaut. Man könn­te also, eine Biblio­thek auf dem Rücken, für ein paar Wochen eisi­ge Wüs­ten durch­strei­fen oder ein paar sehr hohe Ber­ge bestei­gen und abends unter dem Gas­licht in den Zel­ten lie­gen und lesen und kau­en und wür­de von Nacht zu Nacht leich­ter und leich­ter wer­den. – Sechs Uhr drei­ßig in Nay­py­idaw, Bur­ma. Mor­gen­däm­me­rung. — stop

ping

///

das jahr 2102

pic

20.01 — Neh­men wir ein­mal an, ich wür­de in die­ser Sekun­de die Lesung mei­nes urei­ge­nen Tex­tes begin­nen, wür­de nicht schla­fen ehe ich zu einem letz­ten A, C, G oder T gekom­men bin, wür­de Tag und Nacht, Zei­chen um Zei­chen, Sekun­de um Sekun­de, mei­nen Text zur Spra­che brin­gen, dann buch­sta­bier­te ich 833.333 Stun­den durch die Zeit. Das sind 34.722 Tage oder 95 Jah­re. Im Jahr 2102, an einem Sonn­tag im Sep­tem­ber, wür­de ich viel­leicht von vorn begin­nen. — stop

ping

///

marco polo

pic

3.15 — Ich kann mir auf der Stel­le ein flug­taug­li­ches Wesen den­ken, das von einer leuch­tend roten Kör­per­far­be ist und über Augen ver­fügt, die auf Tür­men sit­zen. Statt Anten­nen wach­sen ihm Sche­ren aus dem Kopf, statt Was­ser bewohnt es Bäu­me, statt von Vögeln wird es von Men­schen gefres­sen. Wes­halb fas­zi­nie­ren mich Hum­mer? War­um fürch­te ich Krab­ben? — stop

ping

///

luftbeben

pic

2.15 — Heu­te Nacht, weiß der Him­mel war­um, knis­tern die Wän­de mei­ner höl­zer­nen Zim­mer. Viel­leicht ist der Boden unter der Stadt nach Nor­den vor­ge­rückt, und ich höre in die­sen Stun­den das Nach­fe­dern des Hau­ses. Oder aber feins­te Sub­stan­zen der Luft sind in elek­tri­scher Bewe­gung, weil hin­ter den wan­dern­den Erd­ma­gne­ten bereits Win­ter wird. Um eins gehe ich aus dem Haus. Um zwei bin ich zurück. Jetzt ist es fünf­zehn Minu­ten spä­ter und in New York gera­de kurz nach sie­ben Uhr Abend, bes­te Zeit einen klei­nen Imbiss zu mir zu neh­men. Dann wie­der an die Arbeit. Habe noch ein paar Namen zu erfin­den. Geräu­sche, sagen wir: — Bur­ma 8. Man­drill. Sub­se­ven. Mila­n­o­ma­ki. — Gern würd ich die kom­men­den 500 Jah­re über­le­ben. — stop

ping

///

zähler

pic

0.01 — Exis­tiert viel­leicht eine Maschi­ne, die zäh­len kann, wie vie­le Wör­ter von einem Men­schen wäh­rend sei­nes Lebens aus­ge­spro­chen wer­den? — Wie vie­le Wör­ter habe ich in mei­nem Leben bereits zur Spra­che gebracht, wie vie­le Wör­ter habe ich geschrie­ben und wie vie­le Wör­ter habe ich gedacht? — stop

ping

///

chicago

pic

11.48 — Seit einer Stun­de bereits ver­su­che ich den Namen einer jun­gen Frau wie­der­zu­fin­den, das heißt, her­vor­zu­ho­len, um mich auf die Suche nach jener Musik machen zu kön­nen, die ihre Trom­pe­te ein­mal spiel­te oder viel­leicht noch immer spielt. Ich lau­fe auf und ab. Ich spü­re, dass er da ist, dass ich den Namen noch in mei­nem Kopf gespei­chert habe. Aber selbst mit geschlos­se­nen Augen komm ich nicht her­an. — stop

ping



ping

ping