foxtrott : 20.58 – Die Spitze meines Bleistiftes unter Beobachtung, wie sie sich über das Papier bewegt, immer noch unsicher, zögernd, helle, rauchige Töne, Zeichen, Wörter, jeder Gedanke von eigentümlicher Melodie, eine windige, schürfende Welle. stop. stop. In Libyen, ohne Mitwirkung eines Erdbebens, sollen nach Angaben des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika in den vergangenen 2 Monaten bis zu 30000 Menschen getötet worden sein. stop Seit zwei Tagen notiere ich mit der Hand. — stop
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Aus der Wörtersammlung: ende
whiteout
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papa : 5.44 — Vom Regenwasser, das ich hörte, schläfrig geworden, war ich vom Stuhl gefallen. Ich hatte, als ich fiel, bereits in der dritten Stunde versucht, eine Telefonnummer zu erfinden, die einer wirklichen New Yorker Telefonnummer täuschend ähnlich sein würde, das heißt, eine Nummer, die nicht existiert, aber existieren könnte. Eine schwierige Geschichte! Kaum hatte ich eine Nummer entworfen, eine Zahlenreihe, die in keinem digitalen Verzeichnis aufzufinden gewesen war, entdeckte ich, dass eine Stunde nach der Erfindung alle Mühe schon vergeblich geworden sein könnte. Ich müsste demzufolge eine Nummer, die Erfindung bleiben muss, reservieren, also melden, eine Nummer ohne Telefon an ihrem Ende, die virtuelle Besetzung eines numerischen Ortes. Viele Fragen sind offen am Ende dieser Nacht. Auch diese folgende Frage, ob es ehrenvoll ist, schlafende Menschen zu fotografieren? — stop

schweres wasser
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olimambo : 2.44 — Manchmal suche ich nach der Ahnung eines Geräusches. Dann denke ich das Geräusch so lange weiter, bis ich mich an das erfundene Geräusch erinnern kann. stop. Regengeräusch. stop. Das Geräusch eines Regens, der die Nachtluft hellt. stop. Weißes Rauschen. stop. Oder das Geräusch tropfender Regen. stop. Schweres Wasser. stop. Tamburine. stop. Es ist beruhigend, über den Regen nachzudenken. stop. Sichtbare, hörbare, fühlbare Regen im Kopf. — stop

plutonium
marimba : 20.12 – Noch immer, seit 25 Jahren nicht, vermag ich mir ein Plutoniumteilchen und seine Strahlung vorzustellen. Wie wandert das Teilchen durch die Welt? Was genau treibt sein gefährlich sprechendes Wesen an? Habe beobachtet, dass Arbeiter, die das umgebende Gelände des Reaktors von Tschernobyl für den Bau eines weiteren Sarkophages vorbereiten, sich in Zeitlupe bewegen, um möglichst geringe Mengen radioaktiver Teilchen vom Erdboden in die Luft zu wirbeln. Willentliche Verlangsamung an einem Ort, der eigentlich Fluchtbewegung, also Wunsch nach Beschleunigung erzeugt. — stop
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samuel beckett : 16 steine
india : 3.25 – Ich nutze diesen Aufenthalt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu versorgen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeutenden Vorrat von ihnen zusammen. Ich verteilte sie gleichmäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nacheinander. Dadurch entstand ein Problem, das ich zunächst auf folgende Art löste: Angenommen, ich hatte sechzehn Steine und vier davon in jeder meiner vier Taschen, nämlich in den zwei Taschen meiner Hose und den zweien meines Mantels. Wenn ich einen Stein aus der rechten Manteltasche nahm und in den Mund steckte, so ersetzte ich ihn in der rechten Manteltasche durch einen Stein aus der rechten Hosentasche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosentasche ersetzte, den ich durch einen Stein aus der linken Manteltasche ersetzte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund ersetzte, sobald ich mit dem Lutschen fertig war. Auf diese Weise befanden sich immer vier Steine in jeder meiner vier Taschen, aber nicht genau dieselben… / Mittwoch. stop. Samuel Becketts wunderbarer Text der sechzehn Steine an diesem frühen Morgen. Noch dunkel. Schwere würzige Luft der Kastanienblüte. Nachtbienen pfeifen am Fenster vorüber. Ich werde jetzt gleich eine Stunde unternehmen, an die ich mich lange Zeit, vielleicht bis an mein Lebensende erinnern werde. In dieser einen Stunde habe ich nichts zu tun, als diese eine Stunde zu beobachten, und mich selbst, wie ich sie passiere. stop. — 3 Uhr 35

beutelmenschen
ulysses : 0.05 – Landete an einer Küste vor einer hoch aufragenden, gläsernen Wand. Auf einer Wiese, die sich vom Wasser her bis zur Wand hin erstreckte, blühten Leberblümchen, Zwergmohn, Krokusse. Auch hinter der Wand war eine Wiese zu erkennen, Fische spazierten herum, Tausendfüßlerfische, und wieder Leberblümchen, Zwergmohn, Krokusse. Vor der Wand in einem Abstand von wenigen Metern zueinander reihten sich gefallene Gartenstühle bis zu den Horizonten. Menschen hingen dort in der Luft, Hände gefangen in Fallen, die von der Krone der Wand baumelten. Das waren Schnappfallen gewesen, hölzerne Apparaturen. Indem ich näherkam, baten mich einige der Menschen flüsternd, einen der Stühle unter ihren Füßen wieder aufzurichten. Andere waren zu stillen Hautbeuteln geworden, in welchen Ameisen Knochen bewegten. Ich sehe mich, wie ich einen Mohnblumenstrauß pflückte. Wanderte die Küste entlang, erzählte heitere Geschichten, überreichte traumwärts den Lebenden je eine müde Blume und schmückte die Toten. — stop
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malta : schnüre von luft
sierra : 15.08 – Heute Morgen, der Koffer lag bereits geöffnet auf dem Bett, konnte ich wieder das Wasser hören, wies sich in nächster Nähe bewegte. Hatte ein Ohr an eine Zimmerwand gelegt, da waren Stimmen, die sich mit dem Wasser unterhielten, gedämpfte Geräusche, Wörter, die ich noch nie zuvor vernommen hatte. War dann spazieren in den Schatten, habe Namen gesammelt, Türen und ihre Farben, die Gestalt der Treppen, der Briefkästen, der Fensterräume, Menschenspuren, durch alltägliche Bewegung der Jahrhunderte in die Steinhaut der Straßen eingetragen. Wilde Leitungen kreuzten von Haus zu Haus. Ich stellte mir vor, Schnüre ummantelter Luft, jedes Telefon sei mit weiteren Telefonen durch je eine eigene Leitung verbunden. Und da waren beleuchtete Christusfiguren an Häuserecken. Ein paar Jungs spielten Fußball gegen stärkste Neigung des Bodens, mit einem Ball, der ostwärts flüchten wollte. Am Hafen hockten Männer auf leichten Stühlen von Holz. Sie schaukelten Ruten über klarem Wasser, in dem kein Fisch zu sehen war. Lange Zeit der Beobachtung. Die Männer plauderten in ihrer weichen maltesischen Sprache, für einen Moment war mir gewesen, als ob sie durch Beschwörung, durch ihr Lachen, Fische erzeugten, die genau in dem Moment ihrer Entstehung sich in die wartenden Haken der Jäger verbissen, um auf der Stelle in die Luft gezogen zu werden, Fische mit silbernen Bäuchen, blauen Rücken, gelben Augen, Erfindungen, wie Wörter aus dem Nichts, die sich zu Linien formieren und bleiben. Dann weiter. — stop

malta : operation odyssey dawn
echo : 22.01 – Zu Fuß die Straße von Mdina rauf zu den felsigen Höhen, ihrem großartigen Blick südwärts über das Meer. Links und rechts der asphaltierten Straße, Felder, wie in Fächer gelegt von steinernen Wällen umgeben. In den Blättern der Kakteengewächse sitzen Schnecken in Höhlen und schmausen vom faulig gewordenen Fleisch. Was ich höre in diesen Minuten des Laufens ist der Wind, der sich an den Widerständen der wilden Landschaft reibt. Er scheint gegen die steilen Felsen, die schon in nächster Nähe sind, himmelwärts zu pfeifen, ein afrikanischer Wind an diesem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem militärischen Operationsgebiet, das einen Namen trägt: Odyssey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an dieser Stelle, in diesem Moment, da ich die Cliffs erreiche, wie mein Augenlicht sich zu einem Kameralicht verwandelt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kurzen Moment glaube, abheben zu können und zu fliegen weit raus auf himmelblaue Wasserfläche, deren Ende nicht zu erkennen ist. Kein Flugzeug, kein Schiff, außer einem kleineren Boot, das auf dem Weg nach Misurata sein könnte, eingeschlossenen Menschen Mehl und Medikamente zu bringen. Tauben lungern im bereits tief über dem Horizont stehenden Licht der Sonne auf warmen Steinen, Eidechsen, grün und blau und golden schimmernd, sitzen erhobenen Kopfes und warten. Sie benehmen sich, als hätten sie noch nie zuvor ein menschliches Wesen gesehen. — stop
malta : carduelis carduelis, sanfter irrer
india : 8.32 – Im Zuckerwarenladen in der Manoelstreet No 15 pendelt über der Ladentheke ein hölzerner Käfig, nicht größer als ein Schuhkarton, in dem sich ein Stieglitz befindet, ein Männchen genauer, das bis in den Abend hinein, ohne je eine Pause einzulegen, sofort mit der Öffnung des Ladens gegen acht Uhr morgens zu singen beginnt. Das ist eine Art von Gesang, die kaum in Geräuschwörtern wiedergegeben werden kann, ich höre ein dududide oder ein didididu oder ein tschirrrzid. Der Käfig hängt dicht unter der gewölbten Decke. Er scheint sich stets in leichter Bewegung zu befinden, obwohl kein Windzug zu spüren ist in den schattigen Räumen. Eine schläfrige Frau sitzt dort hinter einem Tresen von Glas, unter dem mit Whiskey, Pinienkernen und Kirschen gefüllte Pronjolatataschen sorgfältig gestapelt lagern, Kastanientorten, Orangenkuchen, kandierte Früchte aller Art, und darüber eben jener Vogel, der unentwegt jubiliert oder nach Hilfe ruft. Er sitzt auf einer Stange immer an derselben Stelle, dreht oder neigt ein wenig seinen Kopf zur Seite hin und scheint die Bewegung seiner Wohnung in der Luft, allein durch die Vibration seines Körpers im Gesang hervorzurufen. Manchmal verschließt der Vogel mittels eines silbernen Häutchens, das weitgehend durchsichtig sein könnte, ein Auge. Nach ein oder zwei Sekunden nur ist er wieder zurück. Er scheint aufmerksam zu beobachten, wie ich in mein Notizbuch notiere, was ich von ihm höre. Ein sanfter Irrer. — stop
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malta : fernaugen
sierra : 15.02 – Rollläden von rostigem Metall. Zerbrochene Leuchtschriftzeichen. Der Fußboden vor dem Laden mit schwarzer Farbe beschmiert. Das Büro der Libyen Air, trostlose Aussicht, als hätte ein ganzes Land seine Fernaugen für immer geschlossen. Gleich links und rechts des eisernen Lids sitzen junge Menschen in Cafés. Dienstag, früher Vormittag, Taxifahrer lungern in der St Pius Street. Ich folge einer Katze, die ihrerseits Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen und weiteren unsichtbaren Spuren und Wünschen folgt. Prächtiges Tier, schwarzes, zerzaustes Fell, breiter Kopf, gelbe Augen. Sie scheint ihren Beobachter angenommen zu haben, dreht sich immer wieder einmal nach mir um, als würde sie mich in der Verfolgung ermuntern. Von der Republik Street in die Windmill Street, dann nordwärts die Merchant Street entlang. Schulkinder in Uniformen, ein paar ältere Menschen, Frauen, Männer, in dunkler, feiner Kleidung, kleinere Läden, Süßstoffe im Halbdunkel. Mein Blick einmal zur Katze hin, dann wieder hinauf zu den hängenden Wintergärten an den Fassaden der alten Häuser, die schmal sind, ohne Zwischenräume. In der Old Hospital Street eine verwitterte Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort verschwindet die Katze. Wildnis ohne Dach. Zitronenbäume entkommen dem Boden. An einer Wand, von Flechten besetzt, ein Ofen. Im Regal gleich darüber, eine Tasse von Porzellan. — stop
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