Aus der Wörtersammlung: ende

///

timi

9

nord­pol : 5.32 — Seit fünf Tagen bereits ver­su­che ich von einem Zim­mer zu träu­men, in dem es immer­fort reg­net. Ich mache das so, dass ich in den Minu­ten, da ich ein­zu­schla­fen wün­sche, über­le­ge, wie es wäre, wenn in dem Zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, Regen fal­len wür­de. Die­se Metho­de des Regen­den­kens ist lei­der bis­lang nicht sehr erfolg­reich gewe­sen. Ein­mal schlief ich ein. Als ich erwach­te, hör­te ich wirk­li­chen Regen drau­ßen in den nächt­li­chen Bäu­men. Ich ging dann spa­zie­ren, dach­te fin­nisch klin­gen­de Namen aus: Satu N. Mäke­la . Annuk­ka R. Timi. Hele­na Pai­vi . Jona­than Pai­vi . Jan­ne Olli­la. Zwei die­ser aus­ge­dach­ten Namen zei­ti­gen Spu­ren wirk­li­cher Men­schen in der Sphä­re der Such­ma­schi­nen, einer scheint männ­li­cher Natur zu sein, obwohl ich ihn weib­lich über­leg­te. — stop

mrlisa

///

alexandros panagoulis

2

alpha : 2.58 — Ich beob­ach­te­te einen jun­gen Mann, der lan­ge Zeit neben einer Ampel vor einer Kreu­zung stand, eine vor­neh­me und zugleich merk­wür­di­ge Erschei­nung. Der Mann trug einen ele­gan­ten, grau­en Anzug, hell­brau­ne, fei­ne Schu­he, ein wei­ßes Hemd und eine Kra­wat­te, feu­er­rot. Er mach­te etwas Selt­sa­mes, er setz­te näm­lich sei­nen rech­ten Fuß auf die Stra­ße, um ihn sogleich wie­der zurück­zu­zie­hen, als ob der Belag der Stra­ße zu heiß wäre, um sie tat­säch­lich betre­ten zu kön­nen. Das ging eine Vier­tel­stun­de so ent­lang, ein frü­her Nach­mit­tag, es reg­ne­te leicht. Der Mann schien nicht zu bemer­ken, dass ich ihn beob­ach­te­te. Um uns her­um waren sehr vie­le Men­schen unter­wegs gewe­sen, die die Kreu­zung Broad­way Ecke 30. Stra­ße schnell­fü­ßig unter sich dre­hen­den Regen­schir­men über­quer­ten. Für einen Augen­blick hat­te ich den Ein­druck, der Mann wür­de sich ver­hal­ten wie eine Figur in einem sehr kur­zen Film, der sich unab­läs­sig wie­der­hol­te. Ein­mal bleibt eine älte­re Frau neben ihm ste­hen, sie schien zu zögern, aber dann trat sie doch ent­schlos­sen auf die Stra­ße, um kurz dar­auf zurück­zu­keh­ren und dem jun­gen Mann eine Tüte Nüs­se zu über­rei­chen. In genau die­sem Augen­blick ließ ich los und spa­zier­te wei­ter in Rich­tung South Fer­ry, ohne mich noch ein­mal nach dem jun­gen Mann umzu­dre­hen. — Kurz vor drei Uhr. Noch Stil­le drau­ßen vor den Fens­tern, küh­le Nacht. Erin­ner­te mich vor weni­gen Stun­den an Alex­an­dros Pana­gou­lis, an das vor­ge­stell­te Bild des Dich­ters, wie er im grie­chi­schen Mili­tär­ge­fäng­nis Bogia­ti in einer Zel­le sitzt. Er ist ohne Papier, er notiert Gedich­te, die er auf­hebt in sei­nem Kopf. Lan­ge muss­te ich nach sei­nem Namen suchen, er war ver­schwun­den gewe­sen, als hät­te ich nie von ihm gele­sen. — stop
drohne4

///

siatista mittags jahre später

2

echo : 5.08 — Vor Jah­ren ein­mal wur­de mir erzählt, ein sehr alter Mann habe sich aus Ver­zweif­lung über die poli­ti­sche Lage sei­nes Lan­des, ande­re mein­ten, weil er im hohen Alter noch hun­gern muss­te, an einem wun­der­schö­nen Mai­tag auf dem Markt­platz der male­ri­schen Stadt Sia­tis­ta, dem­zu­fol­ge in einer nörd­li­chen Pro­vinz Grie­chen­lands, erschos­sen. Er habe ein Sturm­ge­wehr für sei­nen letz­ten Schuss ver­wen­det, eine Waf­fe, die seit dem Jah­re 1944 im Kel­ler sei­nes Eltern­hau­ses in Ölpa­pier gewi­ckelt lager­te. Bei­na­he wäre das Gewehr, einst Stolz des jun­gen Man­nes im Kampf gegen deut­sche Faschis­ten, für immer in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Im Detail war damals zu erfah­ren gewe­sen, die Kugel habe zunächst den Unter­kie­fer des alten Man­nes durch­schla­gen, sei von dort aus in das Gehirn vor­ge­drun­gen und habe den Kopf über das lin­ke Auge hin wie­der ver­las­sen. Bruch­tei­le einer Sekun­de spä­ter soll das Pro­jek­til eine Flie­ge getö­tet haben, die sich kurz zuvor auf den Weg süd­west­wärts gemacht hat­te, um sich zuletzt in den Ast eines Salz­bau­mes zu boh­ren. — Ist das nun eine Geschich­te oder eine Nach­richt? Ich habe noch immer kei­ne Ant­wort auf die­se Fra­ge. — stop

ping

///

schlafwelt

2

alpha : 5.02 — Sie ist eine fra­gi­le Welt, die Schlaf­welt der Nacht­men­schen, sobald sie in Städ­ten nahe der Tag­men­schen leben. In die­ser Welt ist es ein wenig so, als wür­de man mit einem Holz­stöck­chen bewaff­net in einem Wald unter rasen­den Wöl­fen leben. — stop
ping

///

zebraspringspinne

2

hima­la­ya : 5.02 — Ich beob­ach­te an die­sem Mor­gen auf dem Fens­ter­brett nach Süden eine Zebra­spring­spin­ne von höchs­tens 2 Gramm Gewicht. Sie spa­ziert dort unter mei­nen Augen furcht­los auf und ab. Mög­li­cher­wei­se ist sie kürz­lich erst durch die Luft geflo­gen oder aber den gan­zen Win­ter über in mei­ner Nähe gewe­sen, ohne dass ich sie bemerk­te. Für einen Moment hal­ten wir bei­de inne und schau­en in Rich­tung der Däm­me­rung. Eine Stra­ßen­bahn kommt um die Kur­ve gefah­ren, es ist die ers­te Stra­ßen­bahn die­ses Tages. Ich schlie­ße die Fens­ter. Mit die­ser ers­ten Stra­ßen­bahn kommt der Tag in die Nacht, Vögel stei­gen aus und hocken sich in Bäu­me und sin­gen, wäh­rend Flie­gen und Fal­ter aus mei­ner Woh­nung flüch­ten, um ein­zu­stei­gen und rasch davon­zu­fah­ren. Ich soll­te mor­gens ein­mal auf die Stra­ße tre­ten und zur Hal­te­stel­le gehen und war­ten, da nun die ers­te Fahrt der Linie 16 ein­tref­fen und der Fah­rer von Nacht­fal­tern bedeckt sein wird, und die Sit­ze und Lam­pen, und auch die Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen der Früh­schicht. Dich­te, bit­te­re, stau­bi­ge Luft, ein sono­res Sum­men zehn­tau­sen­der Flü­gel. Klei­ne, har­te Käfer­kör­per stür­men durch wei­chen, flie­gen­den Fal­ter­wald, ping, pong, ping. — stop

ping

///

larissa

picping

MELDUNG. Aus 38500 Fuß Höhe über dem Pazi­fi­schen Oze­an kurz vor Mon­terey abge­wor­fen: Bono­bo­da­me Laris­sa, 6 Jah­re, 5682 Gramm, sechs­te Über­le­ben­de der Test­se­rie Tef­lon-F87 {Haut­we­sen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­stän­dig ohne Bewusst­sein. — stop

drohne3

///

geister

2

india : 0.58 — Das töd­li­che Elend kommt nicht in Sekun­den­bruch­tei­len auf arme Men­schen nie­der, als eine Wel­le lang­sam und kon­ti­nu­ier­lich anstei­gen­der Prei­se für Zucker, Mais, für Was­ser kommts daher. Wer sind die­se Per­so­nen, die mit Getrei­de spe­ku­lie­ren? Könn­te man nicht einen Namen fin­den? Ein Gesicht? Ein mensch­li­ches Wesen, Nase, Augen, Ohren, das man befra­gen könn­te: War­um tun Sie das? — stop

ping

///

schatten

2

echo : 0.22 — Vor eini­gen Jah­ren stell­te ich mir vor, wie ich eines Tages erwa­che und jedes Wort erin­nern kön­ne, das ich von die­sem Moment des Erwa­chens an den­ken wür­de, erin­nern jedes mei­ner Selbst­ge­sprä­che, auch jene Gedan­ken, die ich nie wirk­lich bemer­ke, weil sie so schnell vor­über­zie­hen, dass ich sie vor­dem bereits ver­ges­sen habe, in dem ich mich schon in dem nächs­ten Gedan­ken­zim­mer befin­de. Nichts, über­leg­te ich, wür­de von die­sem Moment an noch ver­lo­ren gehen. Auch alle Sät­ze nicht, die ich hören oder lesen wer­de, sobald ich das Haus ver­las­se, Notiz­zet­tel, Ein­kaufs­lis­ten, Frag­men­te von Zei­le zu Zei­le fal­len­der Anzei­ge­ta­feln an Flug­hä­fen oder Bahn­hö­fen, Zei­tungs­ar­ti­kel, Film­dia­lo­ge, alles das wür­de gespei­chert sein und könn­te zu jeder Zeit in genau der Rei­hen­fol­ge wie­der­holt wer­den, in der es von lei­sen Wör­ter­stim­men auf­ge­zeich­net wur­de. Ich frag­te, was wür­de mit mir gesche­hen? Wie lan­ge Zeit könn­te ich mit die­sem Ver­mö­gen aus­ge­stat­tet über­le­ben? In wel­cher Art und Wei­se wür­de ich mich erin­nernd durch mei­ne Ver­zeich­nis­se bewe­gen? Wür­de ich nicht viel­leicht in einem die­ser Maga­zi­ne auf der Suche nach einem Wort, einem Satz, einer Erin­ne­rung, für immer ver­schwin­den? — stop

ping

///

am radio

2

zou­lou : 0.08 — Als ich das Radio ein­schal­te­te, hör­te ich, bei Ryan­air, einer Flug­ge­sell­schaft, sol­len die Stück­kos­ten, dem­zu­fol­ge die Kos­ten je trans­por­tier­ten Pas­sa­giers, erneut dra­ma­tisch gesun­ken sein. Wei­ter­hin wür­den in einem Land des Fer­nen Ostens bald Züge über das Land rasen, die stets sehr pünkt­lich sein wer­den, da sie auch von sich selbst mor­den­den Men­schen nie­mals auf­zu­hal­ten sind, sie fah­ren immer wei­ter und wei­ter zu. Auf der ers­ten Sei­te einer spa­ni­schen Pro­vinz­zei­tung sei ein leicht­ge­wich­ti­ger Hund zu sehen, der im Moment sei­ner Auf­nah­me von einer Elek­tro­droh­ne über ein Haus­dach beför­dert wur­de. Die Zahl der hun­gern­den Men­schen auf die­ser Welt wür­de im kom­men­den Jahr erfreu­li­cher­wei­se um 10 Mil­lio­nen auf unter 800 Mil­lio­nen Men­schen sin­ken. Das war ges­tern. — stop
ping



ping

ping