ulysses : 0.01 — Die Buchstaben verdrehen sich zur Zeit, ich schreibe zu schnell mit der Maschine, manchmal versäume ich ganze Wörter, als würden meine Hände glauben, dass ich Wörter schon geschrieben habe, obwohl ich sie noch nicht geschrieben habe. — Folgende Entdeckung: Es ist tatsächlich möglich, für den Preis 1 Pistazieneiskugel Joseph Roths Gesammelte Werke auf ein Paperwhite — Lesegerät zu laden. James Joyces Ulysses kostet so viel wie keine Eiskugel. Virginia Woolfes Mrs. Dalloway eine halbe Kugel. Anton Pawlowitsch Tschechows Kurzgeschichten, Novellen, Dramen wiederum 1 vollständige Kugel . Downloadreisezeit : 5,2 Sekunden. Bemerkenswert. Seltsam. — stop

Aus der Wörtersammlung: ende
chicago
tango : 6.05 — Im Palmengarten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regenschirm saß, auch der Mann hatte einen Regenschirm über sich aufgespannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Notebook, die sich mit der Arbeitswelt der Menschen beschäftigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötzlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielleicht etwas im Kopf, das sie loswerden wollen. Als ich mich dem Mann zuwendete, bemerkte ich, dass er den Regenschirm in eine langsame Drehung versetzt hatte, sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreibmaschine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreibmaschine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielleicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinclair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinclairs Dschungelbuch existiert in englischer Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gerne zu, aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augenblick. – Aber natürlich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niedergeht. Für einen Moment stand der Regenschirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. — stop
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kekkola im eisfach
ulysses : 0.05 — Seit einigen Stunden bereits lese ich Berichte der New York Times, die Korrespondenten kurz vor dem Eintreffen des Wirbelsturms Sandy in einem Weblog notierten. Bald werde ich meine Lektüre unterbrechen. Das ist nämlich so, dass ich mir für die kommenden Stunden vorgenommen habe, eine Nacht des Jahres 2012 zu wiederholen, sagen wir zur Feier des Tages. In wenigen Minuten werde ich also vor meinen Kühlschrank treten, um in Louis Kekkola’s Eisbuch Das Walfischorchester weiterzulesen. Ich werde die Baumwollhandschuhe der Archivare tragen wie vor Jahren, werde mein Tonbandgerät einschalten und leise sprechen, indem ich das zerbrechliche Buchwesen vorsichtig in Händen halte. Sobald eine Seite des Buches abgetastet sein wird, werde ich das Eisfach schließen und in der Wohnung spazieren, ein Gramm Walfischorchester im Kopf für ein Jahr. — Elizabot ist zurück. — stop

minutenbild
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himalaya : 3.12 — In einer Schublade meines Vaters entdeckte ich Bleistifte, Spitzer, Lineale, Rechenschieber, Uhren und eine Trillerpfeife. Zwei Klebstofftuben, hart wie Stein, waren nie geöffnet worden. In einer Schachtel von Metall eine Handvoll Batterien. Sie gehörten zu einem Blutdruckmessgerät, das ich selten beachtete, solange mein Vater noch lebte. Es war ein Gerät für alte Leute, scheinbar unsichtbar für die Augen eines jungen Mannes. Ich erinnere mich, beinahe hätte ich dieses Minutenbild vergessen, wie mein Vater vor seinem Schreibtisch sitzt, die Manschette des Prüfgerätes um den linken Arm gelegt. Das Geräusch einer Pumpe ist zu hören, ein Brummen. Wie mein Vater nun reglos wartet auf den Moment, da das Gerät die Umklammerung seines Armes lockern wird, ein scheuer Blick, so stelle ich mir vor, auf Leuchtziffern, deren Bedeutung er fürchtete oder über die er sich freute. Vor einigen Wochen fand ich in einem Ordner lange Zahlenreihen in Tabellen, die der alte Mann selbst angefertigt hatte. Seine akkurate Schrift, jede Zeile ein Zeugnis von Überwindung, ein Beweis, dass mein Vater sich kümmerte, dass er kein Flüchtender gewesen war. — stop

london. mittags
MELDUNG. Automobile, folgende, wurden am frühen Nachmittag nach einem Kaufhausbesuch zu London in Martha B., 89, vorgefunden. Magen — 1 Bugatti Atalante [ 1936 ], Dünndarm — 1 Brissonte Dreirad [ 1953 ], Dickdarm — 2 Mercury 12/14 [ 1914 ]. Ein Richter hatte die Durchsuchung des hochbetagten Bauches dringend empfohlen. — stop

von fröschen
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echo : 5.16 — Ein Buch, das ich gestern in einer Postfiliale, Prenzlauerstraße 86, abholen wollte, war nicht erreichbar, da die Postfiliale, die mich von der Lagerung des Buches telefonisch unterrichtet hatte, geschlossen werden musste, die Angestellten der Filiale sind in einen Streik getreten. Das war nicht weiter schlimm, weil vorsorglich am Abend zuvor Briefe und Büchersendungen in eine benachbarte Postfiliale abtransportiert wurden, wie eine handschriftliche Notiz bezeugte. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr in die Berlinerstraße 8, wo sich mein Buch inzwischen aufhalten sollte. Aber auch dort war niemand anzutreffen, allerdings der Hinweis, alle Sendungen dieser Filiale, sowie übernommene Sendungen der Prenzlauerstraße 86, seien wegen außerordentlicher Betriebsversammlung in die Filiale am Madrider Platz verbracht. Zügig radelte ich weiter, eine doch beträchtliche Strecke war zurückzulegen quer durch die Stadt, es regnete, und ich dachte noch, der Himmel scheint beheizt zu sein, sommerlich warmes Wasser, die Luft duftete nach Flieder, über den Asphalt der Straßen hüpften tausende umbrafarbene Frösche, weiche Körper, lautlos, klaglos. Nahe dem Madrider Platz, unter Kastanienbäumen, hockten ein paar Leute wie unter Schirmen dicht an dicht. Es wurde langsam dunkel. Ich meine, zu diesem Zeitpunkt bemerkt zu haben, dass man an der Art und Weise, wie Menschen sich Schutz suchend auf den Boden setzen, erkennen kann, wie alt sie sind. – stop

14pt
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echo : 2.15 — Unlängst beobachtete ich in meiner Vorstellung einen älteren Herrn wie er eine Textdatei öffnete, die er vor 12 Jahren notiert und seitdem nie wieder geöffnet hatte. Er wunderte sich über winzige Schriftzeichen, die er damals vor langer Zeit verwendete. Weil ich in dem Moment, da der alte Herr das Symbol der Datei mit einem Zeiger auf dem Bildschirm berührte, nicht bei ihm gewesen sein konnte, überlegte ich, was ich ihm vielleicht gesagt haben würde. Möglicherweise hätte ich gesagt: In der Tat, lieber Louis, sehr klein diese Schrift, lass uns die Schrift schnell etwas größer machen. Oder aber ich würde vielleicht gesagt haben: Wollen wir nicht nach Deiner Brille suchen? — In diesem Moment, es ist 1 Uhr und 58 Minuten am 22. April 2015, ahne ich gnädigerweise, was ich bald einmal, wenn alles gut gehen wird, unternehmen könnte. – stop

ein alter mann

sierra : 4.03 — Auf dem Meer. Es ist Nacht, kaum Licht. Die Luft, feucht und warm, ich bin nicht im Wasser, könnte sein, dass ich fliege, ein Brummen oder Summen ist zu hören. Bienen sind in der Luft, umkreisen ein Schiff, tausende Fingerluken im Rumpf, dort fliegen Bienenwesen ein und aus. Manche kommen aus der Dunkelheit heran, andere fliegen in die Dunkelheit davon. Ihre Köpfe leuchten, sie scheinen über Lampen zu verfügen, Finger von Licht, die durch die Dunkelheit zittern. Was da summt, Propeller vielleicht. Ich mag nicht schwimmen, denke immer wieder, ich will nicht ins Wasser fallen. Dann bin ich plötzlich in einer Wohnung im 12. oder 14. Stock eines Hauses nahe Central Park, auch hier Propellerbienen. Ich stehe nahe einem Fenster, lehne an einer Wand. Ich glaube, ich selbst habe das Fenster geöffnet. Im Zimmer lungern Stühle herum, auf dem hölzernen Boden eine Linie von blauer Farbe, sie kommt aus einem weiteren Zimmer, führt durch das Zimmer, in dem ich warte, in ein anderes Zimmer. Atemgeräusche. Ein alter Mann, weiße Haut, kommt heran, läuft auf der blauen Linie, er ist unbekleidet, trägt nur ein Paar Turnschuhe. Der Mann herrscht mich an, ich solle das Fenster schließen. Auch um seinen Kopf herum Bienen, ein Schwarm, sie wollen auf ihm landen, dann lange Zeit Ruhe, Sirenenlaute, dann wieder das Geräusch des Atems, das näher kommt. Aufgewacht bin ich gegen zwei. — stop
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nach ferney nach essaouira und von einer kaktusblüte
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nordpol : 2.52 — In Genf, an einer Straßenkreuzung von der Rue de Rhone zur Rue d’Italie, sind seltsame Dinge zu bemerken. Männer und Frauen nämlich, die sich kreisend oder auf und ab über das Pflaster bewegen, während sie das Grünlicht der Ampeln erwarten. Bei genauerer Betrachtung möchte man meinen, sie könnten vielleicht nicht in der Lage sein, stillzustehen. Sie tragen Damenkostüme, Herrenanzüge, feine Schuhe, sie sind vermutlich gerade aus dem Büro gekommen, befinden sich auf dem Weg vielleicht nach Hause, zur Busstation nach Ferney, oder ins Kino, ins Theater, zum Jazz, die Sonne scheint, erste warme Stunden. Aber auch an einem eiskalten Tag im Winter würden sie sich genau so bewegen, in Kreisen oder auf und ab. Man nimmt jetzt nur noch selten den Aufzug, man nimmt die Treppe, der Blick hin zum Handgelenk, zur Apparatur, die Pulse, Temperaturen, und auch den Schlaf auszumessen vermag. Und noch einen Kreis gleich hinterher und über die Straße, wie viele Schritte, wie viele Schritte heute, wie viele Schritte mehr als gestern, wie weit bin ich gekommen in diesem Monat, vielleicht bis nach Chambéry, vor dem Sommer noch könnte ich Montpellier erreichen, im Winter Valencia, am Ende des kommenden Jahres werde ich in Essaouira sein. – Es ist 2 Uhr und 44 Minuten. Gerade eben noch habe ich meinen Kaktus beobachtet, wie er blüht. Wenn mein Kaktus blüht, hält er seine Blüte auch bei Nacht geöffnet, als ob er ahnte oder wüsste, dass in meinen Zimmern Nachtbienen und Nachtwinde wohnen. — stop
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landschaft überall
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romeo : 1.02 — Irgendwann, nachdem er wach geworden am Nachmittag, muss K. einen Brief notiert haben. Bei diesem Brief nun handelt es sich um einen besonderen Brief, denn er ist von einem mutigen Mann ausgedacht, von einem Mann, der lange Zeit überlegte, wie er seine Gedanken formulieren sollte, an den Vorstand, der über sein Leben zu bestimmen wünscht. K. solle anstatt vier in Zukunft sechs Nächte einer Woche zur Arbeit an den Maschinen erscheinen. Es sind feine, ja zarte Worte, die K. für seine Ansprache wählte, ich hätte sie ihm niemals zugetraut, höflich und traurig: Nun werde ich, schrieb K., sechs weitere Stunden in einem Zug verbringen, die nicht bezahlt sein werden, Stunden, da meine Frau mich vermissen und möglicherweise einmal deshalb verlassen wird, es ist eine Tragödie! Ich habe diesen Brief, in dem von einer Tragödie die Rede ist, vor wenigen Minuten fotografiert, er wurde von Hand geschrieben, ich erkannte die Schrift eines betrunkenen Kindes, diese Hände, sie zitterten, weil K. sich fürchtete, in dem Moment, da er schrieb, oder überhaupt. Ob er mir den Brief auf seinem Computer aufschreiben könne, fragte ich K.: Würdest Du mir Deinen Brief bitte per E‑Mail senden, damit ich ihn weitergeben kann? So etwas habe ich nicht, antwortete K., einen Computer, E‑Mail, Internet. Er habe auch kein Telefon, fuhr er fort, kein Telefon mit Schnur, und auch kein Telefon, das er sich in die Hosentasche stecken könnte. Du bist der erste Mensch, setzte K. hinzu, der einen Brief, den ich geschrieben habe, fotografiert, als sei er eine Landschaft. Manchmal begegne ich K. im Zug, der zum Flughafen fährt, ich grüße ihn und er freut sich. Er liest dort seit Jahren immer in demselben Buch. Manchmal hält er das Buch fest an seine Brust gedrückt, dann ist er eingeschlafen. — stop



