tango : 1.15 – Rettete am See zur Zeit der Abenddämmerung eine Raupe, die sich dem Netz einer Klammerspinne näherte. Legte das kühle, weiche Tier in meine linke Hand und zählte mit dem Zeigefinger der anderen Hand sechzehn sehr kurze Beine. Las dann weiter in Tabucchis Buch kleiner Missverständnisse. Sehr schöne erste Sätze gefunden. Wie die Dinge so laufen. Und was sie lenkt. Ein Nichts. Manchmal beginnt es mit einem Nichts, mit einer Phrase, die sich in dieser, die sich in dieser riesigen Welt voller Phrasen, Dinge und Gesichter verliert, in einer großen Stadt wie dieser, mit ihren Plätzen, der U‑Bahn, den Menschen, die aus dem Büro hasten, den Straßenbahnen. — stop

Aus der Wörtersammlung: finger
larynx
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22.05 – Da war ein Tisch vor wenigen Stunden. Auf diesem Tisch lag ein geöffneter menschlicher Körper. In nächster Nähe lehnte eine hochgewachsene junge Frau mit dem Rücken an einer Wand, Augen geschlossen, als wäre sie eingeschlafen. Ihre Hände betasteten einen Kehlkopf, das heißt, genauer betrachtet hüpften ihre Finger über den kleinen hellbraunen Körper hin, als wären sie Lebewesen für sich. Wenig später war die Frau wach geworden. Sie legte die filigrane Struktur auf den Tisch zurück, zog ihre Handschuhe aus und sagte: Aber natürlich darfst Du das wissen. Ich habe nachgedacht und geträumt zur gleichen Zeit. Rasch machte sie mit einer Hand eine Schale, hob den Kehlkopf mit der anderen Hand vom Tisch und legte ihn dorthin ab: Larynx! Grandios, nicht wahr! Was ich mit meinen Fingern angeschaut habe, geht nie wieder fort! – Taubengrauer Himmel. Leichter Regen. Sturm von Südwest. — stop

trompetenkäfer
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~ : louis
to : Mr. eliot
subject : TROMPETENKÄFER
Lieber Eliot, bei uns ist jetzt schon Dienstag. Gestern, also am Montag noch, war ich spazieren im schönsten Garten der Stadt. Stürmische Luft, alles ging verkehrt herum, es regnete aus dem Boden, die Sonne war auch irgendwo da unten und ich konnte nicht notieren, weil mir mein Notizbuch davon geflogen war. Ich habe Dir deshalb nicht viel zu berichten, weil ich ohne mein Notizbuch nicht anfange zu denken. An den letzten Gedanken, den ich in mein Notizbuch notierte, ehe es an den Wind verloren ging, kann ich mich gerade noch erinnern. Das also sollst Du wissen, ich habe entdeckt, dass ich, sobald ich einen Trompetenkäfer zu entwerfen wünsche, über die Lunge dieses Wesens, genauer über seine Luftpumpe und ihre Position in den Zusammenhängen eines Käferkörpers nachzudenken habe, andererseits, aus vorwiegend physikalischen Gründen, über die Füße des Käfers, die derart zu konzipieren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trompetenton zu erzeugen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blütenblatt oder einem menschlichen Finger zu verankern, um dem Rückstoß, den wir sehr sicher erwarten dürfen, Widerstand entgegensetzen zu können. Zu weiteren Gedanken, lieber Eliot, war ich gestern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch herübergekommen sein. Diese E‑Mail ist schneller als der Wind. Dein Louis
gesendet am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

lou reed
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0.15 – Stimmung fiebriger Heiterkeit. Der Eindruck, dass ich mich auf einem Dampfschiff befinde. Leise wummerndes Stampfen der Maschinen. Vorhin hat mir ein freundlicher Schiffsdoktor kühlende Salben gebracht für die Brust, einen Saft, der die Temperatur senken soll, in einer merkwürdig blauen Farbe, und Tropfen für die Nase, die doch noch völlig in Ordnung ist. Eine Armlänge entfernt auf dem Boden steht eine leise pfeifende Kanne Tee. Das hört sich ein wenig so an, als würde die Kanne zu mir sprechen, weil ich heute selbst meine bewegten Bilder von Tag und Nacht durcheinander spiele. Da ist John Lurie. Er lagert in Brooklyn vor einem Tabakwarenladen und spielt sein Saxofon. Und da ist Lou Reed. Er raucht wie der Teufel, während er erzählt, dass er sich vor den Schweden fürchte. Und da sind Geckos, fingerlange Geckos, hellblau, ein Rudel. Sie jagen über die Decke meines hölzernen Zimmers dahin. — stop

take five
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10.16 — Eigenartig, wie sie vor mir sitzt, die flachen Schuhe gegen die Beine des Stuhles gestemmt, beide Hände auf dem Tisch, Innenseiten nach oben, derart verrenkt, als gehörten diese Hände nicht zu ihr, als seien sie vorsätzlich angebrachte Instrumente, Werkzeuge des Fangens, Blüten. Jetzt schließen sie sich, Finger für Finger, Nacht wird. — ::: — Eine Fotografie kommt über den Tisch, Take Five, lässige Geste, als würde eine Karte ausgespielt. „Was siehst Du?“, fragt sie. – ::: — „Landschaft!“, — antworte ich, „Afrika. Südliches Afrika. Einen Affenbrotbaum und zwei Männer. Einen jungen Mann schwarzer Hautfarbe, der einen hellen Anzug trägt, und einen älteren, einen weißen Mann, der einen dunkelgrauen Anzug trägt, einen Strohhut und eine Brille. Eine staubige Straße. Menschen, die schwarz sind und bewaffnet. Gewehre. Macheten. Harte Schatten. Spuren von Hitze, infernalischer Hitze. Sie sehen alle so aus, als schwitzten sie. Jawohl, alle, die dort auf der Straße stehen, schwitzen.“ — ::: — „Was noch?“ -, fragt sie, — „was siehst Du noch?“ – ::: — Sie fährt sich mit ihrer rechten Hand über die Stirn. – ::: — „Ich sehe ein Auto. Das Auto steht rechts hinter dem weißen Mann, eine dunkle Limousine, ein schwerer Wagen. Ich sehe einen Chauffeur, einen Chauffeur von schwarzer Haut, Schirmmütze auf dem Kopf. Der Chauffeur lächelt. Er schaut zu den beiden Männern hinüber, die unter dem Baum im Schatten stehen. Der weiße Mann reicht dem schwarzen Mann die Hand oder umgekehrt. Sieht ganz so aus, als sei der weiße Mann mit dem Auto angekommen und der schwarze Mann habe auf ihn gewartet. Historischer Augenblick, so könnte das gewesen sein, ein bedeutender Moment, eine erste Begegnung oder eine letzte. Beide Männer haben ernste Gesichter aufgesetzt, sie stehen in einer Weise aufrecht, als wollte der eine vor dem anderen noch etwas größer erscheinen. Da ist ein merkwürdiger Ausdruck in dem Gesicht des jungen, schwarzen Mannes, ein Ausdruck von Überraschung, von Verwunderung, von Erstaunen.“ – ::: — „Das ist es!“, sie flüstert. „Treffer!“- ::: — Jetzt lacht sie, öffnet ihre Fäuste und das Licht kehrt zurück, der ganze Film. “Die Klimaanlage. Der verdammte Wagen dort unterm Baum. Der Weiße hat dem Schwarzen eine kühle Hand gereicht, Du verstehst, eine kühle Hand. Der Kerl hatte eiskalte Hände.” — stop

uwe johnson
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3.05 — Ich weiß nicht weshalb, heute Nacht finde ich mich mit Zollstock vor Uwe Johnsons Jahrestagen wieder. Ich beobachte meine Hände, wie sie das Maß einer Zeile messen, wie sie mit einem wandernden Finger die Linien einer Seite zählen, wie sie das Buch mit Luft durchfächern, wie sie Ziffern notieren auf ein Blatt Papier. Kurz darauf liegen linke, als auch rechte Hand ruhig auf dem Tisch, während das Gehirn, das ihnen zugeordnet ist, lautlos rechnend vor sich hin arbeitet. Ich notiere: Die gesammelten Zeichen der Jahrestage in ihrer Frankfurter Sonderausgabe würden eine lesbare Kette von 6.4 Kilometern Länge bilden, wenn sie in genau jener Reihenfolge dem Buch entkommen würden, wie von Uwe Johnson einmal ausgedacht. — stop

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14.23 — a u g e n k a m m e r

leguan
23.10 — Meine linke Hand auf dem Tisch. Je länger ich sie betrachte, desto merkwürdiger, das heißt, erstaunlicher ihre Erscheinung. — Fünf Finger, tatsächlich. Warum? — Oder aber das Wort L E G U A N. Immer und immer wieder gelesen und laut vor mich hergesagt, verschwindet die Echse, das Wort wird zu Musik. Jetzt stehe ich auf. Ich werde die Computermaschine ausschalten und in die Küche gehen, um etwas Musik zu hören und ein paar Radieschen zu schneiden. — stop

fünf finger
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0.27 — Fünf Finger, Hand für Hand fünf Finger. Immer wieder erstaunlich. Gerade eben habe ich an meinen rechten Zeigefinger gedacht. Ich habe in meinem Kopf laut gesagt : Bewege Dich! Und der Zeigefinger bewegte sich. — Diese Hand auf dem Tisch ist meine Hand. — Das Geräusch meines Atems : seltsame Sprache. — stop
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